Als das Ehepaar Salgado vor 22 Jahren in seine alte Heimat im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais zurückkehrt, ist nichts mehr wie es war. Der lebendige Küstenregenwald war verschwunden – zurück blieb nichts als trockener, toter Boden. Sebastião und Lélia brach dieser Anblick das Herz. Kurzerhand gründeten sie eine gemeinnützige Organisation und holten im Rahmen eines aufwändigen Wiederaufforstungsprojekts die Natur zurück.

Der Atlantische Küstenregenwald (Mata Atlântica) ist einer der artenreichsten und zugleich am stärksten bedrohten tropischen Wälder der Erde. Das 20. Jahrhundert setzte dem brasilianischen Wald massiv zu. Durch Abholzung, vor allem zugunsten von Rinderzucht, ist er so gut wie verschwunden. Nur noch Fragmente sind von dem einst 1,3 Millionen Quadratkilometer großen Waldgebiet erhalten geblieben. Der WWF unterstützt die beispiellose Arbeit des Ehepaares Salgado und engagiert sich insbesondere für die Renaturierung der Quellen im Einzugsgebiet des Rio Doce.

Die Herausforderungen auf der Fazenda Bulcão

Als der weltbekannte Fotograf Sebastião Salgado und seine Frau Lélia auf der Fazenda Bulcão, dem Landsitz seiner Eltern, mit der Wiederaufforstung begannen, waren komplexe Planungen notwendig. Beginnen mussten sie mit der Anpflanzung schnell wachsender Arten, der sogenannten Pionierpflanzen. Diese kommen mit den trockenen Begebenheiten zurecht und schaffen so die Bedingungen für das Überleben anspruchsvollerer Gattungen. Schritt für Schritt kann der Wald so mit neuen Arten angereichert werden, um eine funktionierende Waldgesellschaft wiederherzustellen.

Doch am Anfang gingen bis zu 50 Prozent der angepflanzten Bäume verloren, weil man die Setzlinge zu früh oder zu spät ausgebracht hatte – oder weil der Regen ausblieb. „Wir mussten erst lernen, dass junge Bäume kaum Chancen haben, wenn wir sie vor der Pflanzung nicht einem Stress aussetzen. Sie müssen sich auch an trockene Phasen gewöhnen“, sagt Sebastião Salgado über diese Zeit.
 

172 Vogel-, 33 Säugetier- und 293 Pflanzenarten wurden auf der Fazenda Bulcão nachgewiesen – darunter viele bedrohte oder sogar stark gefährdete Spezies.

WWF Deutschland

Erfolge der Wiederaufforstungsarbeit

Die Bemühungen der vergangenen zwei Jahrzehnte zahlen sich bereits aus: Dichter Wald erstreckt sich über das mittlerweile 608 Hektar große Privatland.

Die Familie Salgado ließ ihr Land als „Privates Reservat des Naturerbes“ anerkennen – einer besonderen Schutzkategorie, die auch vor dem brasilianischen Gesetz Bestand hat. Ein solches Schutzgebiet kann nicht mehr rückabgewickelt werden. Mit ihrer eigenen Organisation Instituto Terra arbeiten die beiden nun daran, die Biodiversität auch im Einzugsgebiet des Rio Doce zurückzuholen.
 

Renaturierung von Quellen rund um den Rio Doce

Mit seinen 853 Kilometern Länge gehört der Rio Doce zu den größten Flüssen im Atlantischen Regenwald. Weltweit bekannt geworden ist er leider durch einen traurigen Vorfall: Am 5. November 2015 brachen zwei Dämme des Rückhaltebeckens einer Erzmine und führten zur bis dato größten Bergbaukatastrophe Brasiliens. Der Schwermetallschlamm überflutete tausende Hektar fruchtbaren Bodens, gelang ins Flusswasser des Rio Doce und zerstörte jegliches Leben auf einer Länge von mehr als 650 Kilometern.

Im Brennpunkt sind heute die rund 375.000 Quellen im 90.000 Quadratkilometer großen Einzugsgebiet des Flusses. Viele von ihnen sind ausgetrocknet – der Boden ist erodiert und die Landschaft ist kahl. Nicht nur die Vegetation leidet darunter, sondern auch die vielen Kleinbauern, die angesichts des Wassermangels kaum ein Auskommen finden. Das wenige, übriggebliebene Wasser ist von schlechter Qualität und damit eine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung.
 

Die Arbeit des WWF

Zusammen mit dem „Instituto Terra“ arbeitet der WWF nicht nur an der weiteren Wiederaufforstung der Fazenda Bulcão, sondern auch an der Renaturierung der Quellen im Becken des Rio Doce.

Im Januar 2021 hat unsere Unterstützung für die aufwändigen Renaturierungsmaßnahmen begonnen. Dabei werden die Quellen zuerst durch Abgrenzungen geschützt um zu verhindern, dass der Boden um den Bereich der Quelle verdichtet wird. Dann beginnt man, heimische Setzlinge anzupflanzen. Um die Wasserqualität direkt zu steigern, werden anschließend kleine Kläranlagen in den Häusern installiert.
 

Wir danken allen Spender:innen aus vom Wacken Open-Air-Festival, die mit ihren großzügigen Spenden zum Erhalt des Atlantischen Regenwaldes beitragen haben.

WWF Deutschland

Tausende Quellen im Fokus

Mehr als 2.000 Quellen befinden sich zurzeit schon im Prozess der Erholung. Und mehr als 1.000 Kleinbauern werden mit dem Programm betreut – denn ohne ihre Mitarbeit wäre die Umsetzung kaum möglich. Sie verpflichten sich dazu, aktiv an dem Projekt mitzuwirken, die Quellen zu schützen und an Schulungen für nachhaltige Techniken zur Landnutzung teilzunehmen. Gleichzeitig profitieren sie davon, dass wieder ausreichend und qualitativ hochwertiges Wasser zur Verfügung steht. 

Langfristig könnten sich im Tal des Rio Doce 50.000 Landbesitzer dem Programm anschließen. Dies würde dazu führen, dass wieder ein zusammenhängender Wald als Lebensgrundlage für Mensch und Tier entstünde, der das Mikroklima der Region nachhaltig verbessern würde. Und die Salgados setzen mit ihrer Pionierarbeit auch ein wichtiges Zeichen: Das Waldsterben kann gestoppt werden – wenn Worten auch Taten folgen! 
 

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