2020 geht als weiteres Katastrophenjahr in die Geschichte der schmelzenden Arktis ein. Expert:innen vermelden einen dramatischen Rekord: das arktische Eis erreicht den zweitniedrigsten Wert seit 42 Jahren - nur 2012 wurde weniger Eis im Sommer gemessen. Selbst pessimistische Prognosen zur Entwicklung des arktischen Packeises mussten jetzt korrigiert werden: Das Eis schmilzt so schnell, dass der Nordpol voraussichtlich nicht 2050, sondern schon ab 2035 im Sommer komplett eisfrei sein wird.

Mitte September betrug die Eisfläche demnach nur noch 3,8 Millionen Quadratkilometer und lag damit nur 0,5 Millionen Quadratkilometer über dem Negativrekord aus 2012.

Ein weiteres „heißes Katastrophenjahr“ für die arktischen Ökosysteme

Zweitschlimmster Arktis-Sommer

Arktische Eisschmelze © Chris Linder / WWF-US
Arktische Eisschmelze © Chris Linder / WWF-US

Im Juni wurde im sibirischen Werchowjansk die neue Rekordtemperatur von 38,5 Grad Celsius gemessen. So heiß war es seit Beginn der Messungen nördlich des Polarkreises noch nie! Schuld ist die fortschreitende Erderhitzung. Nirgends erwärmt sich die Erde so schnell wie in der Arktis. Während sich die durchschnittliche Temperatur auf der Erde im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um ein Grad Celsius erhöht hat, ist es in der Arktis schon um fünf Grad wärmer geworden. Wenn das Packeis verschwindet, hat das nicht nur dramatische Folgen für die vier Millionen Menschen und das empfindliche Ökosystem in der Arktis, sondern für uns alle.

Das Eis schmilzt immer schneller

Schon jetzt beobachten Klimaforscher:innen rund um den Nordpol den sogenannten Feedback-Effekt: Weiße Oberflächen aus Schnee und Eis, die Sonnenlicht reflektieren, nehmen ab. Je weniger solcher Flächen es gibt, umso mehr Wärme wird von der dunklen Wasseroberfläche gespeichert, was wiederum die Eisschmelze beschleunigt. Zugleich wird es immer schneller immer wärmer. Nicht nur in der Arktis, sondern überall auf der Erde.

Rentiere in der Arktis © Dmitry Deshevykh / WWF Russland
Rentiere in der Arktis © Dmitry Deshevykh / WWF Russland

Noch ist die Arktis die größte zusammenhängende und am wenigsten bewohnte Region unseres Planeten. In diesem hochempfindlichen Ökosystem leben Tier- und Pflanzenarten, deren Lebensrhythmen genau auf die extremen Bedingungen abgestimmt sind und die empfindlich auf diese gravierende Veränderung reagieren. Menschen nutzen das Eis seit Jahrtausenden als Verkehrsweg und leben in Häusern, die auf Permafrostböden stehen. Eisbären machen vom Eis aus Jagd auf Robben. Rentiere überqueren vereiste Flüsse auf der Wanderung zu ihren Nahrungsgründen.

Die letzten Refugien der Arktis

Doch der Lebensraum und die Lebensbedingungen in der Arktis verändern sich in dramatischer Geschwindigkeit. Allein Grönland verliert jedes Jahr 278 Gigatonnen Eismasse. Das entspricht in etwa dem Gewicht von 50.000 großen Gizeh-Pyramiden. Schon in zwei Jahrzehnten werden Nordkanada und Nordgrönland vermutlich die letzten Refugien für das dauerhafte Leben auf und mit dem Eis sein.

Das Eis wird nicht nur immer weniger, sondern auch immer schneller immer weniger.

Die alarmierende Lage in der Arktis

Steigende Meeresspiegel auch bei uns

Die Eisschmelze könnte schon 2050 katastrophale Folgen für mehr als eine Milliarde Menschen in den Küstenregionen haben, prognostiziert der UN-Sonderbericht vom September 2019. Auf der ganzen Welt werden Menschen ihre Heimat aufgrund des steigenden Meeresspiegels verlassen müssen. Auch in der Nordsee sind Inseln und Halligen davon bedroht. Wie lange immer höher gebaute Deiche die häufigeren und extremeren Sturmfluten abhalten können, ist fraglich.

Fischer mit Netz © Green Renaissance / WWF US
Fischer mit Netz © Green Renaissance / WWF US

Tauende Permafrostböden und erodierende Küsten bedrohen ganze Siedlungen in den polaren Gebieten. Der Ort Port Heiden in Alaska verliert zum Beispiel jedes Jahr 18 Meter Küstenlinie. Er musste 2008 aufgegeben, seine Einwohner:innen umgesiedelt werden.

Auch veränderte Niederschlagsmuster, häufigere Stürme und Extremwetter sind Folgen der arktischen Eisschmelze, die auf der ganzen Welt schon jetzt zu spüren sind. Fische ändern aufgrund veränderter Meerestemperaturen und Strömungen ihr Migrationsverhalten. Ganze Bestände könnten einbrechen und auch unsere Nahrungsgrundlagen bedrohen.

Endlose Gier nach Öl und Gas

Zugleich werden plötzlich Seewege frei, die zuvor vom Eis versperrt waren. Der Schiffsverkehr in ehemals unberührten Gebieten nimmt schon heute zu und kann die sensible Tierwelt stören. Die Verlockung, hier unter dem Meer unentdeckte Bodenschätze auszubeuten, ist hoch. Die USA kündigten im Frühjahr 2020 an, die Suche nach Öl und Gas in der Beaufortsee vor Alaska zu ermöglichen. Selbst ein in Klimafragen vermeintlich fortschrittliches Land wie Norwegen hat noch im Juni 2020 beschlossen, dass Öl- und Gaskonzerne in der empfindlichen Barentsee nach fossilen Ressourcen suchen dürfen. Ein Schlag ins Gesicht aller, die für die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens und den Schutz der Arktis kämpfen.

Netto-Null bis 2050

Indigene Nenze in der Russischen Arktis © Staffan Widstrand / WWF
Indigene Nenze in der Russischen Arktis © Staffan Widstrand / WWF

Umso dringender müssen wir jetzt handeln, um die Erderhitzung auf unter 2 Grad oder noch besser unter 1,5 Grad zu begrenzen. Dafür muss die Welt bis spätestens 2050 an einem Netto-Nullpunkt angelangt sein. Das heißt, es dürfen dann nur noch so viele Treibhausgase ausgestoßen werden, wie auch wieder abgebaut werden können.

Bis wir dieses Ziel erreichen, wird das arktische Meereis unvermeidlich weiter schrumpfen. Nur mit gemeinsamer Anstrengung können wir die letzten Eisgebiete in Nordkanada und Nordgrönland schützen, damit sie eine Heimat für Mensch und Natur bleiben, die vom Leben mit dem Eis abhängig sind.

Tragen Sie zum Schutz der Arktis bei

  • Eisbärin mit zwei Jungtieren © Richard Barrett / WWF-UK Arktis

    Die Arktis gehört zu den am wenigsten vom Menschen erschlossenen Gebieten auf der Erde - geprägt von einem hochempfindlichen Ökosystem. Weiterlesen ...