Der Wald und der Reichtum der Natur sind die Lebensgrundlage der Baka, die zu einem der ältesten indigenen Völker der Erde gehören. Seit 2019 dürfen sie im Lobéké-Nationalpark in Kamerun wieder nach ihren Traditionen jagen, fischen und Pflanzen sammeln – so wie sie es seit Jahrtausenden getan haben. Das regelt ein Memorandum of Understanding zwischen einem Verband der Baka (ASBABUK) und dem kamerunischen Ministerium für Wälder und Wildtiere (MINFOF). Nun wurde ein innovatives elektronisches Tool entwickelt, um den Baka zu helfen, ihr verbrieftes Recht wahrzunehmen.

„Vielen Gemeindemitgliedern sind die Inhalte des Memorandums of Understanding nicht genau bekannt – trotz all unserer Bemühungen, sie über ihre Rechte zu informieren“, berichtet Yvette Mongondji, WWF-Mitarbeiterin und Baka. „Deshalb müssen wir immer wieder darüber sprechen und die Menschen damit vertraut machen.“ Das ist nur einer der Punkte, die Yvette sich bei ihrer mehrtägigen Reise zu verschiedenen Baka-Gemeinden rund um den Lobéké-Nationalpark notiert hat. Um die Baka in die Verwaltung des Lobéké-Nationalparks einzubinden, den Zugang zu den Ressourcen des Waldes sicherzustellen und sie darin zu bestärken, ihre Nutzungsrechte wahrzunehmen, arbeiten WWF Deutschland, WWF Kamerun und das kamerunische Ministerium für Wälder und Wildtiere (MINFOF) in einem ungewöhnlichen Projekt mit der ExCiteS-Forschungsgruppe des University College London (UCL) zusammen.

Bottom-up statt Top-down

Sapelli in der Nutzung © Simon Hoyte / UCL
Sapelli in der Nutzung © Simon Hoyte / UCL

ExCiteS steht für Extreme Citizen Science, einen sogenannten Bottom-up-Ansatz, der die Bedürfnisse und kulturellen Praktiken indigener Gemeinschaften in den Mittelpunkt stellt. Dabei kommt ein elektronisches Tool zum Einsatz, mit dem Daten gesammelt, kartiert, analysiert und geteilt werden können – unabhängig von Vorwissen und Alphabetisierungsgrad der Nutzer:innen. Möglich macht das eine hochgradig konfigurierbare, symbolgesteuerte Benutzeroberfläche. Der Name der App, Sapelli, stammt von einer Pflanzenart aus der Familie der Mahagonigewächse, deren Hölzer wichtige Habitate für Raupen bieten. Und diese wiederum sind eine bedeutende Nahrungsgrundlage der Baka.

Indigene Gemeinden stärken

Entwickelt wurde der ExCiteS-Ansatz von einer interdisziplinären Forschungsgruppe des University College London (UCL), die sich explizit gegen sogenannte Top-down-Ansätze positioniert, in denen Projekte zentral konzipiert und geplant werden. Der partizipative ExCiteS-Ansatz möchte marginalisierte Gemeinden dabei unterstützen, die Probleme aus ihrer Sicht zu benennen und zu diskutieren, wie sie angegangen werden können. „Anders als bei normalen Naturschutzprojekten“, so beschreibt es Simon Hoyte, einer der Wissenschaftler der ExCiteS-Forschungsgruppe, „wird bei einem Extreme-Citizen-Science-Projekt im Vorfeld so gut wie nichts geplant oder konzipiert – damit bestärken wir die lokalen Gemeinden, selbst die Führung zu übernehmen.“

Wie funktioniert die Sapelli-App?

Die Sapelli-App ist eine Open-Source-Anwendung, die mit ihrer konfigurierbaren, symbolgesteuerten Benutzeroberfläche auch von Menschen ohne technisches Wissen und ohne Schriftsprache zum Sammeln, Teilen und Analysieren von Daten genutzt werden kann. Sie ermöglicht es marginalisierten Gemeinschaften wie den Baka, ihre Umgebung zu kartieren und Probleme und Bedrohungen zu dokumentieren, denen sie ausgesetzt sind – und dabei volle Kontrolle über die Daten zu behalten, die sie sammeln.

Die Smartphone-Anwendung ist Teil des partizipativen Wissenschaftsansatzes „Extreme Citizen Science“ (ExCiteS), der lokalen Gemeinschaften wie den Baka wissenschaftliche Werkzeuge und Methoden zugänglich machen möchte. Die ExCiteS-Wissenschaftler:innen setzen also keine eigenen Projekte um, sondern begleiten und unterstützen die lokalen Gemeinschaften dabei, ein eigenes Projekt zu entwickeln und die Herausforderungen, mit denen sie vor Ort konfrontiert sind, zu erkunden.

In ausführlichen Gesprächen definiert die Gemeinschaft, was sie untersuchen möchte und wie dies dokumentiert werden soll. Das partizipativen Design der Sapelli-App ermöglicht es der Gemeinschaft, ein für sie maßgeschneidertes Projekt zu erstellen. Wenn die Baka beispielweise dokumentieren möchten, wo sich im Wald welche Nahrungsquellen befinden, zeichnen sie die verschiedenen Nahrungsmittel zunächst auf und digitalisieren diese Zeichnungen. Die so entstandenen Symbole werden in Entscheidungsbäumen hierarchisiert, die so lange getestet werden, bis sie für alle Community-Mitglieder sinnvoll und intuitiv verständlich sind.

Mithilfe der Entscheidungsbäume können die Nahrungsquellen des Waldes nun über den von der ExCiteS-Forschungsgruppe entwickelten GeoKey-Server in sogenannten Community Maps detailliert kartiert und geteilt werden. Die Entscheidung darüber, wie die erhobenen Daten genutzt und wem sie zur Verfügung gestellt werden, liegt allein bei den Gemeinschaften.

Funktionsweise der Sapelli-Technologie © ExCiteS / WWF
Funktionsweise der Sapelli-Technologie © ExCiteS / WWF

Perspektivwechsel: Baka benennen die Probleme

Sapelli Icons in der Entstehung © Simon Hoyte / UCL
Sapelli Icons in der Entstehung © Simon Hoyte / UCL

In den ausführlichen Gesprächen, die Yvette, Simon und die anderen Vertreter der Forschungsgruppe und des WWF in der Sprache der Baka mit den Gemeinschaften führten, geht es deshalb zunächst darum, Vertrauen aufzubauen und die Anliegen der Menschen zu verstehen. Erst wenn im Rahmen dieser Diskussionen Probleme wie Wilderei, Mensch-Wildtier-Konflikte oder Waldzugang definiert sind, kommt Sapelli ins Spiel: Als Instrument zur Bewältigung genau dieser Probleme.

Mit dem Smartphone in den Wald

Möchten die Baka beispielweise den Zugang zu den Waldressourcen für alle erleichtern, können sie mit der App Bäume, die für ihre Ernährung wichtig sind, Fischgründe, Jagdgebiete und Heilpflanzen in und um den Nationalpark kartieren. Die dafür benötigten Symbole für die Benutzeroberfläche gestalten die Baka selbst. „Die Kartierung wird den Baka-Gemeinschaften helfen, all die Gebiete mit natürlichen Ressourcen im Wald zu identifizieren und zu dokumentieren, in denen sie ihre Aktivitäten ausüben“, ist Yvette überzeugt. „Und sie wird den Parkmanager:innen helfen, genau diese Gebiete für die Baka besser zu schützen und sie bei der Bewahrung dieser Ressourcen zu begleiten – innerhalb und außerhalb der Schutzgebiete.“

Projekt Selbstbestimmung

Auswahl von Icons in der App © WWF / UCL
Auswahl von Icons in der App © WWF / UCL

Jede Gemeinde erhält ein Smartphone und wählt vier bis acht Personen aus, die im Umgang mit dem Gerät und in Sapelli geschult werden. Wer in den Gemeinden für das Gerät verantwortlich ist und wer das Telefon wann nutzt, wird in Protokollen festgehalten und obliegt allein den Baka. Wie auch die Entscheidung, wer auf die gesammelten Daten Zugriff haben soll.

Das ganze Projekt steht unter einem wichtigen Schlüsselprinzip zur Wahrung der Menschenrechte: Free, prior and informed consent (FPIC). Damit ist das Recht auf die auf eigenem, freiem Willen beruhende Zustimmung zum Vorhaben gemeint – eine Entscheidung, die auf umfangreicher vorheriger Information beruhen muss.

Das FPIC-Prinzip sichert in Kombination mit den Gemeinschaftsprotokollen auch den transparenten Umgang mit eventuellen Schwierigkeiten, die ein Projekt haben kann. Und tatsächlich gibt es davon noch einige: Das Training für die Nutzung des Smartphones ist zeitaufwendig und muss regelmäßig in Workshops wiederholt werden, technischer Support ist nicht immer sofort verfügbar, wenn Probleme auftreten. Auch haben nicht alle Gemeinden eine stabile Netzwerkverbindung, die Datenübertragung ist nur in der nächsten größeren Stadt möglich. Und nicht immer ist ausreichend Guthaben auf den Geräten.

Monitoring eines Waldgeistes

Eine Sorge konnte die Sapelli-App einigen Baka-Gemeinden dennoch bereits nehmen, berichtet Simon. Die Ejengi-Zeremonie, eine ihrer wichtigsten kulturellen Praktiken, ist wieder erlaubt. Ejengi ist der älteste und mächtigste Geist des Waldes und spielt eine entscheidende Rolle bei der männlichen Initiation. Weil dabei manchmal ein Waldelefant gejagt wird, wurden die Ejengi-Feierlichkeiten in bestimmten Dörfern untersagt – ein Verstoß gegen die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker und gegen die Afrikanische Charta der Menschenrechte und Rechte der Völker. „Wir brauchen Ejengi in unserem Dorf“, machten die Baka gegenüber Simon deutlich.

Inzwischen hat das Ministerium für Wälder und Wildtiere (MINFOF) das Verbot der Ejengi-Zeremonie aufgehoben. Allerdings ist diese traditionelle Jagd beschränkt: auf einen Elefanten pro Jahr für mehrere Gemeinden zusammen. Um dies zu überwachen, haben die Baka entschieden, mit der Sapelli-App auch Häufigkeit und Besonderheiten der jeweiligen Ejengi-Zeremonien zu dokumentieren. So war ein Dorf kürzlich zum ersten Mal seit mehreren Jahren für zwei Wochen Gastgeber für Ejengi. „Das ist das Tolle an Bottom-up-Ansätzen – diese unerwarteten Ergebnisse wie das Monitoring von Ejengi“, findet Simon.

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