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Stand: 13.07.2018

WWF erprobt neue Wege, um Geisternetze aufzuspüren und zu recyceln

Im April 2018 haben sich Wissenschaftler, Firmen, Ämter, Taucher und Sonarexperten in Stralsund getroffen, um in zwei Workshops die größten Schwierigkeiten bei der Lösung des Geisternetze-Problems anzugehen. Im Sonar-Workshop wurden neue Suchmethoden auf der Ostsee getestet, um verlorene Fischernetze auch nach Jahren im Meer wieder aufspüren zu können. Beim Recycling-Workshop wurden die Möglichkeiten diskutiert, wie aus dem Meer geborgene Geisternetze sinnvoll recycelt werden können. Eingeladen waren auch die Kollegen vom WWF Peru und WWF Hong Kong, die Projekte zur Suche und Verwertung von Fischernetzen an ihren Küsten geplant haben. Insgesamt waren Experten aus neun Ländern und drei Kontinenten vertreten.

Wir danken allen Beteiligten und ganz besonders auch dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt Vorpommern (StALU MV), das uns einen großartigen Vortragssaal unentgeltlich zur Verfügung gestellt hat.

Sonar-Workshop

Gabriele Dederer und Crayton Fenn nach gelungener Ausfahrt © Andrea Stolte / WWF
Gabriele Dederer und Crayton Fenn nach gelungener Ausfahrt © Andrea Stolte / WWF

Der schönste Teil der Workshops war die Ausfahrt auf See. Von Sassnitz aus ging es am ersten Workshop-Tag vor die traumhafte Küste des Nationalpark Jasmund. Neben der Technik konnten die internationalen Gäste so auch die Kreidefelsen vor der Insel Rügen bewundern. Um zu lernen, wie man Netze am Meeresgrund auch ohne Suchanker oder aufwendige Taucheinsätze aufspüren kann, wurde aus Seattle ein Sonarexperte eingeladen, der der Northwest Straits Foundation seit mehr als 20 Jahren dabei hilft, Geisternetze mit Sonartechnik aus dem Puget Sound im Nordwesten der USA zu bergen. Crayton Fenn von Fenn Enterprises hat sich in langjährigen Tests die Erfahrung angeeignet, wie auf Sonarbildern des Meeresbodens Netze erkennbar sind. Tatkräftig unterstützt wird er von seiner Frau Terri als Software-Ingenieurin. Vom Arbeitsschiff GOOR II der UWA Logistik GmbH wurde das Sonargerät, das den Meeresboden kartiert, wenige Meter über dem Grund gezogen. Erst hat Crayton den Teilnehmern die Signatur von Netzen auf dem Sonarbildschirm nahe gebracht, indem eine Leine mit Netzteilen überfahren wurde. Danach ging es an zur Suche an Netzverdachts-Stellen, die von den lokalen Tauchern der Tauchschule Prora gemeldet wurden.

Ergebnisse:

Alle Workshop Teilnehmer sind zufrieden mit dem Ergebnis © Andrea Stolte / WWF
Alle Workshop Teilnehmer sind zufrieden mit dem Ergebnis © Andrea Stolte / WWF

Es funktioniert! Einige Wochen nach dem Workshop konnte der WWF mit einem Bergungstauchteam an die Verdachtsstellen zurückkehren. Dabei wurden mehrere Netzteile geborgen, die während des Workshops durch die Experten als Kandidaten identifiziert worden waren.  In den Netzen waren mehrere Tauchvögel verendet. Auch diese Netze werden nun keinen Tieren mehr zur tödlichen Falle.

Mit seiner Sichtweite von 35 Metern zu beiden Seiten des Schiffes ist das Sonar die effizienteste Art, verlorene Netze aufzuspüren. Besonders in der Ostsee, wo die Sichtweite mit dem Taucherauge oder der Unterwasserkamera oft unter einem Meter liegt. Deshalb werden wir auf diesem Weg weitermachen. Crayton und Terri Fenn haben uns bereits ihre tatkräftige weitere Unterstützung darin zugesagt, uns zu schulen – denn wie man Netze auf Sonarbildern erkennt, müssen wir von den Experten mit mehr als 20 Jahren Netzsucherfahrung erst lernen!

Recycling-Workshop

60 Teilnehmer sind im Saal des StALU versammelt © Andrea Stolte / WWF
60 Teilnehmer sind im Saal des StALU versammelt © Andrea Stolte / WWF

Der WWF Deutschland ist Partner im EU INTERREG Projekt MARELITT Baltic. Eine der Hauptaufgaben des WWF ist es, für Geisternetze einen Weg ins Recycling zu finden. Geisternetze bestehen aus sehr gemischten Materialien. In die Kunststoffnetze sind andere Stoffe wie Anker, Ketten, Kabel aus Metall und Mischplastik eingebettet. Dadurch wird das Recycling von Geisternetzen im Vergleich z.B. zu Plastikverpackungen besonders schwierig. Am Anfang des Recycling steht immer die Zerkleinerung des Materials. Plastikfasern aus Netzen und Tauen lassen die Schneidmesser rasch abstumpfen. Auch beim Waschen und Aufbereiten der Fasern gilt es, bislang ungelöste Recyclingprobleme anzupacken.

Der WWF hat eine Reihe von Versuchen zur Zerkleinerung und Wäsche von Geisternetzen und Tauen durchgeführt, die aus der Ostsee geborgen wurden. Die aufbereiteten Netzfasern wurden daraufhin geprüft, ob das Material eingeschmolzen und wiederverwertet werden kann. Mit sehr verdreckten Stellnetzen, die in Sinkleinen toxisches Blei enthielten, wurden Versuche zur thermischen Verwertung durchgeführt.

Patrick Yeung (WWF Hong Kong) und Carlos Calagua (WWF Peru) schmieden Pläne um Geisternetze zu bergen © Andrea Stolte / WWF
Gemütliches Beisammensein am Abend: Patrick Yeung vom WWF Hong Kong und Carlos Calagua vom WWF Peru wollen loslegen und Geisternetze bergen © Andrea Stolte / WWF

Im April 2018 hat der WWF alle an den Versuchen beteiligten Firmen und Hochschulen zum MARELITT Baltic Workshop „Recycling Options for (Lost) Fishing Gear“ nach Stralsund eingeladen. So entstanden spannende Dialoge zwischen Recycling-Experten, die bisher nicht zusammengearbeitet hatten. Auch die MARELITT Baltic Partner aus den drei weiteren Projektländern Estland, Polen und Schweden wurden über die Möglichkeiten, Geisternetze zu recyceln, informiert. Darüber hinaus waren NGOs, Institute und Startups aus Spanien, Frankreich und der Schweiz vertreten, die selber Netze bergen oder nach Lösungen für das Recycling von Meeresmüll suchen. Die technischen Herausforderungen und Möglichkeiten wurden von den Firmen selbst in Präsentationen zu den Versuchen mit Netzmaterial dargestellt. Dadurch konnte sich jedes Partnerland ein Bild darüber machen, welche Technik für die Umsetzung der Recyclingziele notwendig ist.

Ergebnisse

Bei den Versuchen hat sich gezeigt, dass das Recycling des Netzplastiks als Rohmaterial sehr schwierig ist. Sand, Blei, Muscheln, Fischreste und andere Stoffe verunreinigen die Fasern und sind auch mit der Faserwäsche nicht einfach zu entfernen. Gerade das feine Sediment der Ostsee, das uns die schönen Strände beschert, führt zu einer starken Abnutzung der Maschinen. Die thermische Verwertung war einfacher. In einem speziellen, neuen Verfahren konnte aus Stellnetzen die im Plastik enthaltene Energie verwendet werden, um ein wasserstoffreiches Energiegas zu erzeugen. Der Wasserstoff könnte danach z.B. für Wasserstoffbrennzellen genutzt werden, um alternative Motoren anzutreiben, oder das Energiegas kann direkt zur Energieerzeugung eingesetzt werden. Diese Art der Verdampfung ist effizienter als die in Deutschland zur Zeit übliche Verbrennung. Außerdem wird giftiges Blei, das sonst in den Sondermüll wandern müsste, aus den Plastikfasern gelöst und kann dem Metallrecycling zugeführt und wiederverwertet werden. Das spart die Kosten für die Sondermülldeponie und sorgt dafür, dass das Blei nach der Entfernung aus der Meeresumwelt nicht im tiefen Stollen in der Erdumwelt landet.

Wie recycelt man so einen Mix?
Links: Taue & Schleppnetze - schwierig. Rechts: Stellnetze - extrem schwierig! © Andrea Stolte / WWF
Wie recycelt man so einen Mix? Links: Taue & Schleppnetze - schwierig. Rechts: Stellnetze - extrem schwierig! © Andrea Stolte / WWF

Die Workshops wurden durch das EU INTERREG Projekt MARELITT Baltic Co-finanziert. Wir danken darüber hinaus Edeka Jens und Herrn Wilhelm Wessels herzlich, dass sie die Ausfahrt mit dem Sonarexperten Crayton Fenn ermöglicht haben.

   
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