Im September 2022 hatte sich das EU-Parlament bei seiner Abstimmung über den Entwurf eines EU-Waldschutzgesetzes der Europäischen Kommission für ein starkes Gesetz ausgesprochen: Im Gegensatz zur Position des EU-Rats mit den EU-Landesregierungen sollten nach dem Willen des Parlaments nicht nur keine Rohstoffe und Produkte auf den EU-Markt kommen oder gehandelt werden, die nachweislich zur Entwaldung oder Waldschädigung von unberührten Primärwäldern führen. Es sollten auch Flächen wie Buschland und Grassavanne vor der Umwandlung in landwirtschaftliche Nutzfläche geschützt werden.

Ein solche Erweiterung des Gesetzes wäre ein wichtiger Meilenstein im Kampf gegen die Naturzerstörung gewesen. Doch das Ergebnis der Verhandlungen zwischen Kommission, Parlament und Rat vom 5. Dezember 2022 lautet, dass diese Flächen erst einmal nicht aufgenommen werden. Nun droht eine verstärkte Verlagerung der Zerstörung dieser waldähnlichen Ökosysteme, die nicht unter die Definition Wald fallen – beispielsweise Gras- und Buschsavannen, sonstiges Buschland und Graslandschaften. Besonders betroffen ist damit auch der Cerrado.

Stimme der indigenen Völker Brasiliens: EU hört weg

Drohnentraining für Indigene im Cerrado © Andre Dib / WWF-Brazil
Drohnentraining für Indigene im Cerrado © Andre Dib / WWF-Brazil

„Die EU-Gesetzgebung zum Waldschutz muss die Menschenrechte aller Indigenen, Quilombola- und traditionellen Völker wahren und jetzt den gesamten Cerrado schützen!“ Mit diesem dringlichen Appell wandte sich die brasilianische Vereinigung APIB im Rahmen der Klimakonferenz 2022 in Sharm El-Sheikh an die Mitglieder des Europäischen Rates, der Kommission und des Parlaments. APIB steht für Articulação dos Povos Indígenas do Brasil, also „Stimme der indigenen Völker Brasiliens“.

Die Vereinigung der indigenen Völker Brasiliens hat allen Grund zur Sorge: Im Cerrado leben 83 indigene Völker und Tausende von lokalen Gemeinschaften, die für ihren Lebensunterhalt auf intakte Ökosysteme angewiesen sind. Doch die Zerstörung der artenreichsten Savanne der Welt schreitet immer schneller voran: rund 100.000 Hektar werden dort jährlich für landwirtschaftliche Nutzflächen gerodet. Wald macht weniger als 30 Prozent des Cerrados aus und nur dieser ist jetzt durch das Gesetz abgedeckt.

Der Grund für die Umwandlung der Savanne in industrielle Agrarflächen: Die stetig wachsende Sojaproduktion, auch für den Export in die EU. Für die Europäische Union ist der Cerrado sogar der wichtigste Sojalieferant. Im Jahr 2018 stammten 23 Prozent der Einfuhren aus Südamerika aus dem Cerrado! Der Großteil dieses Sojas landet als Futtermittel in der Massentierhaltung. Das nennt man importierte Entwaldung und Naturzerstörung.

Wald und „other wooded land“: Es kommt auf die Details an

Schneisen im Cerrado © Marius Brants / WWF
Schneisen im Cerrado © Marius Brants / WWF

Da das neu verabschiedete EU-Gesetz nur einen Bruchteil des Cerrados vor Raubbau und Naturzerstörung für den Export von Konsumgütern in die Europäischen Union schützt, ist es dringend notwendig, dass die Europäische Kommission in zwölf Monaten bei einer Überprüfung des Gesetzestextes auch sogenanntes „other wooded land“ (übersetzt etwa „andere gehölzbestandene Gebiete“) in das Gesetz aufnimmt. Diese Überprüfung in einem Jahr wurde jetzt beschlossen. Wenn dies gelänge, würden 82 Prozent des Cerrado unter gesetzlichen Schutz fallen – sofern sie nicht vorher zerstört wurden.

Diese Flächenanteile berechnet eine Studie des WWF Brasilien auf Basis der Definitionen für Wald und „andere bewaldete Gebiete“ der UN-Welternährungsorganisation (FAO). Wendet man diese Definitionen auf den Cerrado an, bestehen dort 26 Prozent der Fläche aus Wald, 56 Prozent aus „other wooded land“ und 18 Prozent aus Savannen und Graslandschaften. Die Studie zeigt außerdem: Zwischen 1985 und 2021 haben 67 Prozent der Expansion der Sojaproduktion in Brasilien in „other wooded land“ stattgefunden.

Definition "other wooded land"

Other wooded land (OWL) ist definiert als "Land, das nicht als "Wald" klassifiziert ist und mehr als 0,5 Hektar umfasst; mit Bäumen, die höher als 5 m sind und einen Überschirmungsgrad von 5-10 % haben oder mit Bäumen, die diese Werte an Ort und Stelle erreichen können; oder mit einem kombinierten Überschirmungsgrad von Sträuchern, Büschen und Bäumen von über 10 %.

Flächen, die überwiegend landwirtschaftlich oder städtisch genutzt werden, fallen nicht darunter. 

Darüber hinaus gibt es bei der obigen Definition zwei Möglichkeiten: a) Der Überschirmungsgrad von Bäumen liegt zwischen 5 und 10 %; die Bäume sollten höher als 5 m sein oder an Ort und Stelle 5 m erreichen können, oder b) der Überschirmungsgrad von Bäumen liegt unter 5 %, aber der kombinierte Überschirmungsgrad von Sträuchern, Büschen und Bäumen beträgt mehr als 10 %. Dazu gehören auch Bereiche mit Sträuchern und Büschen, in denen keine Bäume vorhanden sind. 

OWL umfasst: Flächen mit Bäumen, die an Ort und Stelle keine Höhe von 5 m erreichen und einen Überschirmungsgrad von 10 % oder mehr aufweisen, z. B. einige alpine Baumvegetationstypen, Mangroven der Trockenzone usw. Flächen mit Bambus und Palmen, sofern die Kriterien Landnutzung, Höhe und Überschirmung erfüllt sind.

WWF fordert Schutz für alle natürlichen Ökosysteme

Die Einbeziehung von „other wooded land“ in das EU-Gesetz wäre für den Cerrado also nichts weniger als eine Zeitenwende! Das EU-Waldschutzgesetz muss deshalb alle natürlichen Ökosysteme schützen. Und es gibt einen Hoffnungsschimmer: Der Gesetzestext sagt zu, dass in 24 Monaten die Aufnahme noch weiterer Ökosysteme in den Text des EU-Waldschutzgesetzes geprüft werden. In zeitlicher Staffelung kann also noch mehr Schutz der natürlichen Ökosysteme gelingen.

Bis dahin verlagert sich der Kahlschlag und die Zerstörung der Natur für unsere Konsumgüter vom Wald auf die Gras- und Buschlandschaften, Moore und Feuchtgebiete – doch auch diese Ökosysteme sind wie die Wälder unsere stärksten Verbündeten beim Erhalt der Biodiversität und beim Kampf gegen die globale Erhitzung.

Was für den Erhalt des Cerrado im neuen EU-Gesetz fehlt:

  • Der Schutz von „other wooded land“ wie beispielsweise die Buschsavanne wurde (außer vom Parlament) nicht unterstützt, obwohl viele dieser Ökosysteme durch Umwandlung in landwirtschaftliche Nutzfläche bereits massiv unter Druck stehen. Starke Verlagerungseffekte sind vorprogrammiert – und für den Cerrado ist eine deutliche Zunahme der Belastungen zu erwarten.
  • Leider ist die Definition von Waldschädigung nicht ehrgeizig genug. Sie befasst sich nicht mit der Verschlechterung innerhalb eines bestehenden Waldes, sondern nur mit der Umwandlung eines Primärwaldes oder eines sich natürlich regenerierenden Waldes in eine Forstplantage.
  • Es fehlt eine klare Anerkennung der Menschenrechte, insbesondere der Rechte indigener Völker und lokaler Gemeinschaften. Konkret fehlte ein Verweis auf einschlägige internationale Konventionen. Der derzeitige Text beschränkt den Geltungsbereich der Menschenrechte auf nationale Gesetze: Das bedeutet, dass bestimmte Rechte indigener Völker oder lokaler Gemeinschaften, die in den nationalen Gesetzen nicht berücksichtigt sind, auch nicht durch das EU-Recht geschützt werden.
Rinder im Cerrado © Marius Brants/ WWF
Bald auf einem Teller in Europa? Rinder im Cerrado © Marius Brants/ WWF

Derzeit ist die EU mit ihrer großen Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten (beispielsweise Soja, Palmöl, Rindfleisch, Holz, Kaffee, Kakao, Mais, Kautschuk) Vizeweltmeisterin in punkto importierter Naturzerstörung und Entwaldung, innerhalb der EU liegt Deutschland sogar auf Platz eins. Der WWF fordert deshalb eine Erweiterung des verabschiedeten EU-Gesetzes gegen Entwaldung, Walddegradierung und Umwandlung anderer Ökosysteme: Das Gesetz muss den Beitrag der Europäischen Union zur globalen Entwaldung und Naturzerstörung vollständig stoppen und die Menschenrechte wahren! 

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