Die Fastenzeit für Eisbären fällt in diesem Jahr besonders lang aus. Zwar nimmt die Ausdehnung des Meer-Eises, das die Tiere brauchen, um zu ihren Jagdrevieren zu kommen, seit Ende September jahreszeitlich bedingt wieder zu, doch es breitet sich nur sehr langsam aus.

Die Eisausdehnung betrug Ende Oktober 2020 5,28 Millionen Quadratkilometer, berichtet das National Snow and Ice Data Center der USA. „Das ist ein alarmierender Minus-Rekordwert. Ganze drei Millionen Quadratkilometer weniger als der Durchschnitt von 1981 bis 2010 und zudem tiefster Stand im Oktober, der je aufgezeichnet wurde“, zeigt sich Sybille Klenzendorf vom Arktis-Programm des WWF beunruhigt. In diesem Sommer gab es einen weiteren Negativrekord: das arktische Eis erreichte den zweitniedrigsten Wert seit 42 Jahren – nur 2012 wurde weniger Eis im Sommer gemessen. Das schmelzende Eis hat weitreichende Folgen. Für die südlichsten Eisbär-Populationen in Kanada und in Russland wird es immer schwieriger Nahrung zu finden, da die Tiere ohne Meer-Eis keine Chance haben, Robben zu fangen.

Hunger bedroht Eisbären

Die Eisbärinnen müssen ihre Jungen durchbringen © Debra Garside
Die Eisbärinnen müssen ihre Jungen durchbringen © Debra Garside

Ohne Nahrung und damit Fettreserven fällt es den weiblichen Tieren immer schwerer, ihre Jungen durch die Winter zu bringen, da sie weniger Milch produzieren wenn es nicht genug Futter gibt. Die Eisbärinnen haben im Sommer monatelang so gut wie nichts gefressen und es wird höchste Zeit, dass sie auf dem Eis auf Robbenjagd gehen können.

Der WWF befürchtet, dass sich die ohnehin prekäre Lage der Bären verschärft. Erst vor wenigen Monaten hatten nordamerikanische Wissenschaftler prognostiziert, dass die Art aufgrund des fortschreitenden Klimawandels noch in diesem Jahrhundert weitgehend aussterben könnte. Die aktuellen Daten stützen dieses Szenario. „Erst verschwindet das Eis, dann stirbt der Bär und schließlich trifft es auch die Menschen“, ist sich Sybille Klenzendorf sicher. Deshalb sei es existenziell wirklich alles zu tun, um die Erderhitzung auszubremsen. Ein Schmelzen der Eisschilde an den Polen würde zu einem deutlichen Anstieg des Meeresspiegels führen. Dadurch seien ganze Küstenregionen dem Untergang geweiht.

Konflikte zwischen Eisbären und Menschen nehmen zu

Eine weitere Folge des immer später kommenden Arktis-Eises: Hungrige Eisbären nähern sich Dörfern und Siedlungen. Konflikte zwischen Mensch und Tier sind hierdurch vorprogrammiert. Einen Vorgeschmack darauf hat das vergangene Jahr gegeben: Die WWF-Eisbären-Patrouille verzeichnete 2019 einen enormen Anstieg von Eisbär-Sichtungen an der Küste in Chukotka, im äußeren Nordosten Russlands. Im Dezember letzten Jahres zählte das Team 56 Bären an einem gerade einmal einen Kilometer schmalen Küstenabschnitt.

Eisbären suchen Futter gefährlich nah an der Siedlung Chukotka © Maxim Dyominov / WWF Russia
Eisbären suchen Futter gefährlich nah an der Siedlung Chukotka © Maxim Dyominov / WWF Russia

Der Vorfall 2019 bestätigt einen alarmierenden Trend. Die Anzahl von Begegnungen zwischen Menschen und Eisbären in der Arktis nimmt zu. Schuld daran ist vor allem der Rückgang der Meeres-Eisfläche – ausgelöst durch den Klimawandel. Die fehlenden Eisflächen zwingen die Tiere an Land zu warten, bis das arktische Meer im Herbst wieder zufriert, denn nur dort können sie nach Robben jagen. An Land gibt es für sie nicht ausreichende natürliche Futterquellen. Gelegentliche Vogeleier oder gar Abfall auf Müllhalden nahe der Siedlungen sind nicht genug, um das riesige Raubtier zu ernähren. Es müssen also Wege gefunden werden, wie in der Zukunft Konflikte zwischen Menschen und Eisbären vermieden werden können. Polarbär-Patrouillen, wie der WWF sie in Chukotka einsetzt, sind ein effektiver Ansatz, um Bären aus den Ortschaften fernzuhalten und somit Bären und Menschen zu schützen. Darüber hinaus müssen die Schutzgebiete der Tiere vergrößert werden. Der WWF fordert in Russland eine Ausweitung um mindestens zusätzliche sechs Millionen Hektar.

Tragen Sie zum Schutz der Arktis bei

  • Eisbärin mit zwei Jungtieren © Richard Barrett / WWF-UK Arktis

    Die Arktis gehört zu den am wenigsten vom Menschen erschlossenen Gebieten auf der Erde - geprägt von einem hochempfindlichen Ökosystem. Weiterlesen ...