Die Terai Arc-Landschaft am Fuße des Himalaja-Gebirges in der Grenzregion von Nepal und Indien ist ein Hotspot der Biodiversität und eine Schlüsselregion für das Überleben der Tiger. Circa 680 der vom Aussterben bedrohten Großkatzen kommen hier noch vor. Tendenz steigend. Gleichzeitig leben in den fruchtbaren Ausläufern des Himalajas viele Menschen, die immer weiter in die letzten Lebensräume von Tigern, Elefanten, Nashörnern und Leoparden vordringen.

Tiger-Retter im Valmiki-Tigerreservat © WWF India
Tiger-Retter im Valmiki-Tigerreservat © WWF India

Das Aufeinandertreffen von Mensch und Wildtier birgt Gefahren für beide Seiten und führt zunehmend zu Konflikten. Seit vielen Jahren arbeitet der WWF in Nepal und Indien mit der Regierung und den lokalen Gemeinden vor Ort an der Vermeidung dieser Konflikte.

Dazu gehören sogenannte Tiger-Eingreiftruppen, die sofort vor Ort sind, wenn es zu Problemen kommt, oder ein Tiger sich auffällig verhält. Mit Erfolg: Erst kürzlich konnte das Team einen Tiger einfangen, der sich wiederholt in der Nähe eines Dorfes aufgehalten hatte und ihn an anderer Stelle wieder in die Freiheit entlassen.

Tiger vor der Haustür

Mitte Juni war ein Tigermännchen immer wieder in der Nähe des indischen Dorfes Motihari zu sehen. Die Bewohner:innen des Dorfes, das etwa 100 Kilometer vom Tigerreservat Valmiki entfernt liegt, trauten sich nicht mehr auf die Felder und baten die Tiger-Eingreiftruppe um Hilfe.

Die Truppe, ausgestattet mit Betäubungsgewehren und einem Käfigwagen, war schnell vor Ort. Trotz anhaltender Regenfälle versammelten sich mehr als 1.000 Menschen, darunter auch Kinder. Einige davon kletterten auf Bäume, um den Tiger zu beobachten und die mobile Tigerschutz-Truppe zu sehen.

Mit vereinten Kräften für Tiger und Dorfbewohner

Tiger-Käfigwagen im Valmiki-Tigerreservat © Kamlesh K. Maurya / WWF India
Tiger-Käfigwagen im Valmiki-Tigerreservat © Kamlesh K. Maurya / WWF India

Am Ende waren insgesamt 40 Menschen daran beteiligt, den Tiger sicher einzufangen: Ranger:innen, Vertreter:innen der Forstbehörde, Helfer:innen aus lokalen Gemeinden und anderen Organisationen, zudem Veterinär:innen und Tiger-Expert:innen des WWF.

Doch das Unterfangen gestaltete sich aufgrund der bereits sehr hoch stehenden Maispflanzen auf den Feldern des Dorfes, wo sich der Tiger aufhielt, schwierig: Zwei Pfeile gingen daneben und der Tiger wich dem Team immer wieder aus. Nach einiger Zeit zog die Tiger-Eingreiftruppe ab, denn der Tiger war verschwunden.

Tiger erschöpft – Rettung erfolgreich

Zwei Tage später entdeckten Bewohner:innen eines anderen Dorfes nur 15 Kilometer weiter den Tiger. Er versteckte sich im Schilf am Ufer eines Kanals. Bis auf fünf Meter konnte sich die Eingreiftruppe mit dem Käfigwagen vorsichtig dem Tiger nähern. Der zeigte sich unbeeindruckt und ließ sich von den Geräuschen und den Menschen nicht stören.

Für die Expert:innen ein ungewöhnliches Verhalten. In der Regel sind Tiger scheu und meiden den Kontakt zu Menschen, verschwinden schnell, wenn sie bedrängt werden. „Wir hatten Sorge, dass der Tiger seinen Standort erneut ändern und aggressiv auf die Menschen reagieren könnte“, schildert Kamlesh Mauya, Tiger-Experte beim WWF Indien, die Situation. „In diesem Fall wäre es schwer geworden, den Tiger zu retten.“ Denn tatsächlich kommt es immer wieder vor, dass Menschen in Konfliktsituationen Tiger töten – aus Angst oder auch aus Wut und Trauer, wenn ein Tiger einen Dorfbewohner verletzt oder sogar getötet hat.

Bengal-Tiger in Indien © naturepl.com / Francois Savigny / WWF
Bengal-Tiger in Indien © naturepl.com / Francois Savigny / WWF

Der Verdacht liegt nahe, dass sich der Tiger vor Hunger und Erschöpfung letztendlich den Dörfern näherte und eher ungewöhnlich verhielt. Schließlich verließ der Tiger sein Versteck doch und konnte so mit einem Betäubungspfeil des anwesenden Tierarztes ruhiggestellt werden.

Das Team der Eingreiftruppe verlud den betäubten Tiger in den Käfigwagen und brachte ihn tief ins Valmiki-Tigerschutzgebiet, wo er am nächsten Morgen frei gelassen wurde.

Jeder lebende Tiger ist ein Erfolg

Wir alle sind glücklich, dass der Tiger gesund und zurück in den Wäldern ist. Nun durchforsten wir die Datenbank mit Bildern der Tiger aus dem Valmiki-Chitwan-Parsa-Komplex, um herauszufinden, um welchen Tiger es sich gehandelt hat oder ob es ein bisher unbekannter Tiger ist.”, berichtet Kamlesh Mauya, Tiger-Experte beim WWF Indien.

Die Situation in Motihari zeigt, wie wichtig die Arbeit der Tiger-Eingreiftruppe vor Ort ist, denn jeder lebende Tiger ist wertvoll; und jeder verhinderte Mensch-Tiger-Konflikt ist eine Rettung für beide – Mensch und Wildtier.

Unterstützen Sie den Schutz der Tiger und die Menschen in der Himalaja-Region:

Weitere Informationen

  • Bengal-Tiger im Bandhavgarh National Park in Indien © Theo Allofs / WWF USA Tiger: die größte Raubkatze der Erde

    Tiger besiedelten einst fast ganz Asien. Heute leben nur noch etwa 3.890 dieser majestätischen Großkatzen in freier Wildbahn. Mehr zu Tigern

  • Himalaja © Shutterstock / Olga Danylenko / WWF Himalaja-Region - das Dach der Welt

    Der Himalaja ist die höchste Gebirgskette der Welt und die großen Flüsse Asiens entspringen hier. Die Region gehört zu den kontrastreichsten Lebensräumen weltweit mit großem Artenreichtum. Weiterlesen ...

  • Panzernashorn im nepalesischen Chitwan Nationalpark © Michel Gunther / WWF Mensch, Nashorn und Tiger in Gefahr

    Sechs Jahre lang war im Chitwan-Nationalpark in Nepal nicht mehr gewildert worden. Nun wurden zwei Nashörner und ein Kalb getötet. Die Not ist groß am Fuße des Himalajas. Warum wird wieder gewildert?