Person vermittelt Krankheitsverläufe durch visuelle Hilfsmittel

Von traditionellen Heiler:innen und moderner Medizin

WWF stärkt „One Health“ im Kongobecken
Stand: 02.09.2026

In der Lobéké-Region im Südosten Kameruns hat Ende 2024 das Projekt In.For.Bio begonnen, das dazu beitragen soll, neue Pandemien zu verhindern. Als Teil dieses Projektes verknüpft die NGO „Project Bwanga“ mobile Apotheken mit dem traditionellen Wissen lokaler Heiler:innen. Mithilfe von systematischer Datenerhebung und Frühwarnsystemen im Rahmen von In.For.Bio sollen zudem Risikogebiete und eventuelle Zoonosen frühzeitig erkannt werden.

Indigene Menschen, die einem Weg folgen, und schwere Fässer zur Versorgung schleppen
Mobile Apotheke in Lobéké © Ingrid Lewis/Project Bwanga

Klassische, stationäre Gesundheitsversorgung funktioniert für zahlreiche indigene Bevölkerungsgruppen und lokale Gemeinschaften nicht. Denn viele Dörfer liegen abgelegen, tief im Regenwald. Staatliche Einrichtungen sind nur schwer erreichbar, ein Besuch dort wäre mit enormen Strapazen verbunden.

Erste Ansprechpartner:innen im Krankheitsfall sind daher traditionelle Heiler:innen in den Dörfern selbst. Sie sind vertraut mit den lokalen Gegebenheiten, sprechen die Sprache der Gemeinschaften und verfügen über umfangreiches Behandlungswissen.

Die Menschen bringen den traditionellen Heiler:innen großes Vertrauen entgegen. Hinzu kommt, dass die indigenen Baka in „normalen“ Krankenhäusern häufig diskriminiert werden – sie werden nicht ernst genommen oder erst als Letzte behandelt. Aus diesem Grund suchen sie staatliche Einrichtungen oft nur im äußersten Notfall auf.

Traditionelles Heiler:innenwissen und mobile Apotheken verbinden

Frau und Mann sprechen am Tisch, auf dem Tisch sind viele Blätter und Zeitschriften, dahinter ein Schrank mit Medizin
Regelmäßig finden Absprachen für die Gesundheitsversorgung statt © Project Bwanga

Die Gesundheitsversorgung muss also anders organisiert werden. Sie muss dort ansetzen, wo die Menschen im Krankheitsfall tatsächlich Hilfe suchen. Genau hier setzt die Arbeit der NGO „Project Bwanga“ an. Der Name „Bwanga“ stammt aus der Sprache der Mbendjele BaYaka und bedeutet „Medizin“.

Statt parallele Gesundheitsstrukturen zu schaffen, verbindet die Idee von „Project Bwanga“ das gewachsene Vertrauen in lokale Heiler:innen mit einem System moderner medizinischer Versorgung. In den Gemeinschaften werden Teams, bestehend aus zwei traditionellen Heiler:innen – immer eine Frau und ein Mann –, mit einer tragbaren Apotheke ausgestattet. Tragbar muss sie sein, weil die Heiler:innen indigenen Gemeinschaften angehören, die nicht vollständig sesshaft leben.

Die Heiler:innen behandeln häufige Erkrankungen wie Malaria, Parasitenbefall und Durchfallerkrankungen, versorgen Wunden und lernen, schwere oder ungewöhnliche Krankheitsverläufe zu erkennen.

Für Fälle, die sie nicht selbst behandeln können – etwa schwere Verläufe, komplexe Infektionen oder mögliche Ausbrüche von Krankheiten wie Mpox oder Tuberkulose – werden sie darin geschult, Patient:innen gezielt an die nächstgelegene Gesundheitseinrichtung zu verweisen.

In.For.Bio: Das Frühwarnsystem soll Zoonosen erkennen und künftige Pandemien verhindern

In.For.Bio verfolgt einen One Health-Ansatz im Kongobecken. Der Grundgedanke: Die Gesundheit von Menschen, Tieren und Ökosystemen hängt eng zusammen. Intakte und nachhaltig bewirtschaftete Wälder und biologische Vielfalt können natürliche Barrieren zur Abschwächung des Klimawandels bilden und zugleich das Risiko der Ausbreitung von Krankheitserregern reduzieren.

Bis zu 75 Prozent aller neuen menschlichen Infektionskrankheiten sind Zoonosen, das heißt, sie werden von Tieren auf Menschen übertragen. Das Kongobecken ist eines der größten Regenwaldgebiete der Erde und zugleich ein Hotspot für Zoonosen. Weil Menschen immer tiefer in bislang unberührte Wildtierlebensräume vordringen, steigt das Risiko, dass Krankheitserreger von Tieren auf Menschen überspringen.

Der WWF baut im Kongobecken ein Frühwarnsystem auf, das mögliche, durch den Landnutzungswandel entstehende Risikogebiete frühzeitig identifizieren soll. Zu diesem Zweck verbindet es Feldlabore, Proben von toten Wildtieren, bioakustisches Monitoring, Beobachtungen lokaler und indigener Gemeinschaften sowie Fernerkundungsdaten zu Entwaldung und menschlichen Aktivitäten in einem gemeinsamen Datenportal.

Leicht zugängliche Ausbildung für bessere Gesundheitsvorsorge

Anfang 2025 wurden die mobilen Apotheken eingerichtet und die Schulungen für die Heiler:innen-Teams haben begonnen. Im Rahmen der Ausbildung wird grundlegendes medizinisches Wissen vermittelt. Außerdem wird der sichere Einsatz ausgewählter Medikamente sowie das Erkennen schwerer Krankheitsverläufe gelehrt.

Da die meisten Teilnehmer:innen nicht lesen und schreiben können, kommen visuelle Hilfsmittel wie etwa Piktogramme zur Kennzeichnung von Medikamenten und Dosierungen zum Einsatz. Das Wissen wird vor allem praktisch vermittelt, beispielsweise durch Übungen, Rollenspiele und gemeinsames Anwenden.

Die Schulungen finden im Projektzeitraum mehrmals statt und bauen aufeinander auf. Dieses schrittweise System der Ausbildung ermöglicht es, die Inhalte im Projektverlauf an die Bedürfnisse der einzelnen Dorfgemeinschaften anzupassen.

Mittlerweile wurden vierzehn indigene traditionelle Heiler:innen erfolgreich ausgebildet. Sie betreiben bereits alle sieben geplanten mobilen Apotheken in der Lobéké-Region. Nach ihrer Ausbildung bleiben die Heiler:innen nicht sich selbst überlassen: Ausgebildete Pflegekräfte aus lokalen Gesundheitszentren führen monatliche Kontrollbesuche durch und versorgen die mobilen Kliniken mit Nachschub.

Erste Erfolge werden sichtbar

Potraitaufnahme, Indigene Frau in Kittel vor Krankenhaus
Ariette Memba ist indigene Ba’Aka und arbeitet im Krankenhaus in Bayanga © Ingrid Lewis/Project Bwanga

Der Ansatz, das Wissen traditioneller Heiler:innen mit der Anwendung moderner Medikamente zu kombinieren, zeigt erste Wirkung: Seit Projektstart wurden mehr als 200 Patient:innen behandelt und schwerer erkrankte Personen gezielt an Gesundheitseinrichtungen weitergeleitet.

Bei der Umsetzung zeigen sich jedoch auch praktische Herausforderungen: So müssen Medikamente kontinuierlich nachgeliefert werden, eine enge Abstimmung mit staatlichen Gesundheitsstrukturen ist notwendig und es müssen geeignete, verlässliche Heiler:innen-Teams gefunden werden.

Von der Behandlung zur Prävention

Parallel zur tagesaktuellen medizinischen Arbeit wird im Rahmen von In.For.Bio ein digitales Monitoring-System aufgebaut.

Mithilfe der App Sapelli sollen die geschulten Heiler:innen künftig Behandlungen dokumentieren, Krankheitsverläufe erfassen und relevante Beobachtungen melden. Die Anwendung bietet eine flexibel konfigurierbare, symbolgesteuerte Benutzeroberfläche, die unabhängig von Vorwissen oder Alphabetisierungsgrad der Nutzer:innen verwendet werden kann. So wird eine niederschwellige Datenerfassung etwa über Fotos und Sprachnachrichten ermöglicht.

One Health: Waldschutz und Gesundheitsschutz wirken zusammen

Indigene Menschen in einer Reihe auf einer Sitzbank mit Materialien, welche Medizin und Gesundheitsversorgung lernen.
Heiler:innen in Ausbildung © Ingrid Lewis/Project Bwanga

Langfristig könnte aus den so gesammelten Daten ein gemeindebasiertes Frühwarnsystem entstehen. Es könnte dabei helfen, Krankheitsausbrüche, ungewöhnliche Krankheitssymptome und mögliche Zoonosen frühzeitig zu erkennen, sodass Gesundheitsbehörden schneller reagieren können.

Die Arbeit von „Project Bwanga ist somit ein integraler Bestandteil von In.For.Bio: Sie verbessert den Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung, stärkt lokale Akteur:innen und schafft zugleich die Grundlage für eine bessere epidemiologische Überwachung in entlegenen Regenwaldregionen.

Zudem zeigt sie, warum „One Health“ im Kongobecken praktisch umgesetzt werden muss: Um Zoonosen früh zu erkennen, muss die Gesundheit von Menschen, Tieren und Ökosystemen gemeinsam betrachtet und lokale Gemeinschaften müssen aktiv einbezogen werden.

Gefördert durch: Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit und Internationale Klimaschutz Initiative

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