Eine große grüne Wiese mit einem umgefallenen Baumstamm, dahinter die flache Niederung entlang des Flusses und daneben der Wald.

Hoffnung für die Elbauen

Stand: 24.09.2026

Jahrzehntelange Eingriffe an der Mittleren Elbe haben ihre natürliche Dynamik verändert. Der WWF hat dafür gesorgt, dass die Auen an der Elbe bei Dessau wieder mehr Raum bekommen. Das dient der Artenvielfalt und dem Wassermanagement gleichermaßen.

Ein Potrait von einem jungen Mann, welcher umgeben von einem grünen, vollen Wald mit Sonnenstrahlen umgeben ist. Er steht mittig, schaut zur Kamera und trägt ein helles Shirt.
Florian Kaduk, WWF-Naturschützer in Dessau © Anja Bertuch/WWF Deutschland

Florian Kaduk bleibt vor einem Gebüsch stehen, schiebt Zweige zur Seite und verschwindet im Dickicht. Wenige Schritte weiter kniet er sich vor einen kleinen Metallkasten, der mit einem Gurt an einem Stamm befestigt ist. Ein paar Klicks, das Zahlenschloss öffnet sich, er nimmt die Wildkamera heraus. Auf dem Display flimmern die ersten Bilder: Ein Reh läuft durch das Bild. Wenig später ziehen mehrere Wildschweine vorbei. Florian Kaduk klickt sich durch die Aufnahmen. „Ganz schön viel los“, sagt er.

Die Kamera hat in den vergangenen Wochen jede Bewegung vor ihrem Objektiv festgehalten. In der Auenlandschaft an der Mittleren Elbe bei Dessau leben über 50 Säugetierarten, fast 180 Vogelarten brüten hier. Hinzu kommen mehr als 700 Schmetterlings-, 200 Bienen- und 50 Libellenarten. Auf engem Raum wechseln sich offene Wasserflächen, feuchte Wiesen und Wälder ab. Dieses Mosaik macht die Flussauen zu einem der artenreichsten Lebensräume Mitteleuropas. Und es macht die Auen zu wichtigen Verbündeten im Kampf gegen die Folgen der Klimakrise.

Flussauen in Gefahr

Überfluteter Acker an der mittleren Elbe © Bernd Eichhorn / WWF
Überfluteter Acker an der Mittleren Elbe © Bernd Eichhorn/WWF

Auen sind natürliche Überflutungsflächen entlang von Flüssen und Bächen. Tritt ein Fluss über die Ufer, kann sich das Wasser in der Aue ausbreiten. Sinkt der Pegel, zieht es sich wieder zurück. Intakte Flussauen funktionieren deshalb wie ein natürlicher Puffer: Sie bremsen Extremhochwasser, halten Wasser in der Landschaft und lassen in Trockenperioden Wasserstände langsamer sinken. Gleichzeitig filtern sie Nährstoffe, binden Kohlenstoff und kühlen ihre Umgebung.

Doch das ist nicht selbstverständlich, denn Flussauen stehen weltweit unter Druck. Rund 80 Prozent der Flüsse und Auen in Deutschland haben Menschen durch Gewässerausbau, Landwirtschaft, Verkehrswege und Siedlungen stark verändert. Nur noch etwa neun Prozent der Auen erfüllen ihre ökologischen Funktionen.

Auch an der Mittleren Elbe: Die Kontrolle über den Fluss hat ihn seine Natürlichkeit gekostet – mit weitreichenden Folgen für Menschen und Natur. Auenwälder trockneten aus, Feuchtwiesen verschwanden, kleinere Gewässer fielen trocken, der Grundwasserspiegel sank, Arten wurden seltener.

Die Klimakrise verschärft die Situation. Wetterextreme werden immer häufiger und extremer. Dürreperioden setzen Tieren und Pflanzen zu. Im Sommer 2026 waren die Böden in Teilen Sachsen-Anhalts laut Dürremonitor zeitweise so trocken, wie es statistisch nur alle zehn bis 20 Jahre vorkommt. Auch die Elbe führte wenig Wasser. In Dessau-Roßlau wurde der bis dahin niedrigste gemessene Wasserstand um fünf Zentimeter unterschritten.

Im Einsatz für die Elbauen

Biberspuren an der Elbe in Dessau © Anja Bertuch/WWF Deutschland

Seit fünf Jahren arbeitet Florian Kaduk für den WWF in der Auenlandschaft an der Elbe. Er beobachtet das Ökosystem, um besser zu verstehen, wo es funktioniert und wo es an seine Grenzen stößt.

Wer mit Kaduk unterwegs ist, merkt schnell: Er schaut sich nicht einfach nur eine schöne Gegend an. Der Naturschützer liest die Auen wie andere Menschen eine Landkarte. Schmale Pfade im hohen Gras, Trittspuren im Schlamm, abgenagte Baumstämme – alles sind kleine Hinweise. Sie zeigen, wo Tiere entlang laufen, wo sie Nahrung finden und wohin sie ausweichen, wenn sich Bedingungen ändern. 13 Wildkameras helfen ihm dabei.

Seit Anfang 2026 unterstützt eine künstliche Intelligenz Florian Kaduk und seine Kolleg:innen bei der Auswertung. Sie erkennt Tierarten automatisch, ordnet die Aufnahmen den jeweiligen Standorten zu und hilft so, Bewegungsmuster zu erkennen. Was früher viele Stunden Arbeit am Bildschirm bedeutete, liefert heute schneller Antworten.

Zum Beispiel beim Elbebiber. Die Kameras zeigten, bei welchem Wasserstand die Tiere das Revier verließen. Sobald das Wasser nicht mehr ausreichte, wanderten sie ab. Nun baut das Team Stauanlagen, um das Wasser länger in der Landschaft zu halten und die Lebensgrundlage der Biber zu sichern.

„Wenn wir wollen, dass die Elbe in ihrer gesamten Länge irgendwann wieder besiedelt wird, dann brauchen wir solche Keimzellen, von wo aus sich die Arten verbreiten können“, sagt Florian Kaduk. „Gleichzeitig sichern wir damit auch Wasserspeicher, die für uns Menschen existenziell sind.“ Eine solche Keimzelle liegt im Lödderitzer Forst.

Der neue Deich

Luftaufnahme Lödderitzer Forst, 2024 © WWF Deutschland

Florian Kaduk steht an einer Weggabelung. Links liegt der neue Deich, rechts der alte. Dazwischen wächst ein neuer Wald. Eichen, Eschen und Ulmen. Mittendrin liegen kleine Gewässer und Wiesen. Er geht auf eine Stelle zwischen zwei Hügeln zu. „Hier wäre das Wasser früher nicht hingekommen“, sagt er.

Früher verlief hier ein durchgehender Erdwall. Der alte Deich lag näher an der Elbe und hielt das Wasser aus Wald und Wiesen heraus. Die Auen waren vom Fluss abgeschnitten, der Fluss aus dem Gleichgewicht. Dann wurde der Deich verlegt.

Zwischen 2007 und 2019 setzte der WWF gemeinsam mit Partner:innen die neue Schutzlinie weiter ins Hinterland. Auf 7,3 Kilometern entstand ein neuer Deich. Der alte Deich wurde an mehreren Stellen geöffnet, Erde abgetragen. Stück für Stück bekam die Elbe wieder Zugang zu ihren Auen. Für Florian Kaduk ist der neue Deich mehr als eine technische Anlage. Er markiert eine Grenze, die Menschen bewusst verschoben haben. Nach mehr als 180 Jahren kann die Elbe nun wieder in ihre Auen fließen. Rund 600 Hektar stehen ihr heute zusätzlich zur Verfügung.

Auen als natürlicher Hochwasserschutz

Florian Kaduk hat selbst erlebt, welche Kraft Fluten entwickeln können. Die Hochwasser von 2002 und 2013 hat er nicht vergessen. Damals hat der Deich den Wassermassen an der Elbe nicht standgehalten. „Das krempelt die ganze Stadt um. Dann stehen alle gemeinsam am Deich und schleppen Sandsäcke, Orte werden evakuiert“, erinnert er sich.

2013 zeigte sich, was die neue Schutzlinie leisten kann: Die ersten fertigen Abschnitte des zurückverlegten Deichs hielten dem Hochwasser stand. Auch beim Hochwasser zum Jahreswechsel 2023/2024 bestand sie ihre Bewährungsprobe. Analysen zeigen: Im Fall eines Extremhochwassers können die neu an den Fluss angebundenen Flächen im Lödderitzer Forst den Pegel der Elbe um bis zu 28 Zentimeter senken und so den Druck wegnehmen. Dies entspricht der Höhe von zwei Reihen Sandsäcken, die im Notfall an den Schwachstellen der Deiche aufgeschichtet werden.

Erfolgreiche Auenrenaturierung an der Mittleren Elbe

Küken der Wiesenweihe © Günther Röber/WWF Deutschland

Doch der Weg zurück zu einer naturnahen Flusslandschaft bleibt anspruchsvoll. Landwirtschaft, Infrastruktur und Naturschutz konkurrieren um dieselben Flächen. Erfolgreicher Naturschutz entsteht deshalb nur gemeinsam mit den Menschen, die an und mit der Landschaft leben.

Der WWF arbeitet unter anderem mit Landwirt:innen, Behörden und Wissenschaftler:innen zusammen. Gemeinsam suchen sie nach Lösungen, die sowohl den Schutz der Natur als auch die Nutzung der Landschaft berücksichtigen.

Dass das funktionieren kann, zeigt sich bereits heute. Große Teile der Auen im Projektgebiet haben laut dem Auenzustandsbericht von 2021 bereits die Klasse „gering verändert“ erreicht. Die Flussauen sind wieder funktionsfähig. Sie speichern Wasser und geben dieses an ihre zahlreichen Lebensräume in Trockenzeiten ab.

2026 konnte der WWF erstmals seit etwa 150 Jahren wieder ein Brutpaar der bedrohten Wiesenweihe in der Region nachweisen und schützen. Das Team in Dessau sparte gemeinsam mit einem Landwirt eine Fläche bei der Ernte aus und sicherte sie mit einem Zaun. Drei Küken schlüpften und verließen im August erfolgreich das Nest.

Auch seltene Arten wie der Schwarzstorch, die Wildkatze und die Rotbauchunke finden in den Auen Nahrung und Rückzugsorte. Selbst die sibirische Schwertlilie, die nur noch an wenigen Standorten in Deutschland wächst, kommt hier vor.

Ein Auenwald für die nächste Generation

Totholz sorgt im WWF-Projektgebiet Großkühnau für neues Leben © Anja Bertuch/WWF Deutschland

Florian Kaduk biegt auf einen schmalen Waldweg ab. Das Blätterdach schluckt die Geräusche der nahen Straße. Unter seinen Schuhen raschelt trockenes Laub, Äste knacken bei jedem Schritt. Es riecht nach feuchter Erde. Zwischen mächtigen Eichen liegt ein umgestürzter Stamm. Moos bedeckt das Holz, die Rinde löst sich langsam ab. In einem Wirtschaftswald wäre der Baum vermutlich längst entfernt worden. Hier bleibt er liegen und sorgt für neues Leben.

Ein paar Schritte weiter wachsen junge Linden, Eschen und Eichen zwischen Farnen und Brennnesseln. Ihre Blätter leuchten hellgrün. Noch sind sie klein. In einigen Jahrzehnten könnten sie zu den größten Bäumen in den Auen gehören.

Was der WWF in den Elbauen vorhat

Für Florian Kaduk und den WWF steht fest: Flussauen müssen naturnah gestaltet werden. Das gilt auch für die gesamte Elbe. Nur so können Arten zurückkehren und der Landschaftswasserhaushalt an der Elbe bleibt stabil. Dafür ist langfristiges Engagement nötig.

Bis 2033 wird der WWF im Bundesförderprogramm „Blaues Band Deutschland“ 2.300 Hektar renaturieren. Ziel ist es, zusammenhängende, überflutbare Auenlandschaften zu entwickeln, die langfristig geschützt werden.

Gleichzeitig geht es darum, Menschen für die Besonderheit der Elblandschaft zu sensibilisieren. „Wir brauchen mehr Menschen, die rausgehen und einfach mal anfangen und beweisen, dass die Natur ihren Wert hat“, sagt Florian Kaduk.

Er weiß, dass viele Veränderungen, die er heute anstößt, vielleicht erst für die nächste Generation sichtbar werden. „Ich habe aber das große Glück, dass ich Naturschutz dort machen kann, wo ich aufgewachsen bin“, sagt er. Dann führt er Besucher:innen durch die Auen und zeigt ihnen, was hier schon wieder möglich ist. Manchmal muss man dafür gar nicht weit gehen. Bereits jetzt bleiben Kinder und Erwachsene plötzlich stehen und schauen nach oben, wenn ein Seeadler über der Auenlandschaft kreist.

 

Die Arbeit des WWF Deutschland an der Mittleren Elbe wurde unter anderem durch Förderbeiträge von der Deutschen Postcode Lotterie, E.ON Deutschland und WEPA unterstützt.

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