Sie liegen versteckt auf dem Boden, gut getarnt zwischen Laub und Ästen: rostige Schlingen aus Draht, nur für das geübte Auge zu entdecken. Tag um Tag durchstreifen Wildhüter:innen die Wälder Südostasiens – auf der Suche nach Schlingfallen. Es ist ein mühsames Unterfangen bei einer geschätzten Gesamtzahl von über zwölf Millionen tödlicher Fallen alleine in den Schutzgebieten von Laos, Kambodscha und Vietnam.

Die Schlingfallen-Krise kostet nicht nur Millionen Tieren das Leben, sie fegt auch die Wälder leer und bedroht die Gesundheit der Menschen. Eine Aufklärungskampagne in Kambodscha sowie erfolgreiche Projekte des WWF in der Annamiten-Bergregion zwischen Vietnam und Laos und in den Eastern Plains in Kambodscha machen jedoch auch Hoffnung.

Über 700 Säugetierarten von Wilderei betroffen

Gesammelte Schlingfallen in Kambodscha © Ranjan Ramchandani / WWF
Gesammelte Schlingfallen in Kambodscha © Ranjan Ramchandani / WWF

Die einfachen Fallen aus Draht, Kabeln, Seilen oder Nylon-Schnüren, mit denen die Wilderer tagtäglich auf Beutezug gehen, sind billig und leicht zu errichten – mit tödlicher Wirkung für so viele wildlebende Tiere.

In den Schlingfallen landen kleinere Säugetiere wie Schuppentiere, Saola-Waldrinder oder Affen, aber auch Bären, Elefanten und Tiger treten in die größeren Fallen und verenden darin jämmerlich. Insgesamt sind die Populationen von mehr als 700 Säugetierarten in Südostasien betroffen, zwölf Arten sogar vom Aussterben bedroht.

Kambodscha startet Kampagne gegen Schlingfallen und Wilderei

In den Jahren 2010 bis 2019 haben Wildhüter:innen, die mit Unterstützung des WWF ausgebildet wurden, über 230.000 Fallen in fünf Schutzgebieten alleine in Kambodscha entdeckt und entfernt. Das ist eine beeindruckende Zahl und die Ranger:innen haben dadurch den Tod zahlreicher Wildtiere verhindern können. Studien gehen jedoch davon aus, dass bei den Patrouillen, die durch unwegsames Gelände führen, weniger als 30 Prozent der tatsächlich ausgelegten Fallen gefunden werden. In Kambodscha ist die Schlingfallen-Krise damit auf einem traurigen Höhepunkt angelangt, wie ein WWF-Bericht von Januar 2022 zeigt.

Große Hoffnung liegt auf einer landesweiten Kampagne, die das Umweltministerium Kambodschas gemeinsam mit dem WWF und weiteren Partnern im März 2022 startet. Die Kampagne will die breite Bevölkerung über Gefahren und Folgen der Wilderei aufklären und so dafür sorgen, dass die Nachfrage nach Wildfleisch und damit auch die Zahl der ausgelegten Fallen deutlich zurück gehen.

Wilderei für den Verzehr und für illegalen Tierhandel

Wilderer in der Region legen eine große Zahl dieser Fallen aus, um Tiere für den eigenen Konsum oder für den Wildtierhandel zu fangen“, so Kathrin Samson, Tiger-Expertin und Leiterin des Asienprogramms beim WWF Deutschland.

„Und es verfangen sich nicht nur die Tiere, auf die es die Wilderer abgesehen haben, sondern viele mehr. Oft leiden die Tiere tagelang, bevor sie ihren Verletzungen erliegen. Wenn es einem Tier doch einmal gelingt, aus solch einer Falle zu entkommen, dann stirbt es meist wenig später an den schweren Verletzungen selbst oder an Infektionen. Das Ergebnis sind mit der Zeit so genannte „empty forests' – leere Wälder.“

„Die Fallen töten und verstümmeln wahllos jedes Wildtier, das in sie tritt.”

Kathrin Samson, Tiger-Expertin und Leiterin des Asienprogramms beim WWF Deutschland

Stichwort: „leere Wälder“

Seit den 1980er Jahren ist die Jagd – vor allem aufgrund verbesserter Jagdtechniken – für einen massiven Rückgang der Wildtierbestände in den Wäldern Südostasiens verantwortlich. 113 Säugetierarten sind dort vom Aussterben bedroht. Zum Vergleich: In Afrika sind es 91, in Lateinamerika 32 und 61 in den übrigen asiatischen Ländern.

Das Phänomen der „leeren Wälder“ beschreibt auf den ersten Blick gesund wirkende Wälder, in denen aufgrund menschlichen Eingreifens jedoch die großen Säugetiere und andere wichtige Tierarten fehlen. Die Flora scheint gesund, doch die Fauna fehlt. Das hat tiefgreifende Konsequenzen für den Zustand des gesamten Ökosystems. Denn die Tiere leben nicht nur vom Wald, sie übernehmen dort auch wichtige Aufgaben. Sie verbreiten Pflanzensamen und sind die Baumeister des Waldes.

Sambar-Reh in einer Schlingfalle © WWF-Malaysia / Lau Ching Fong
Sambar-Reh in einer Schlingfalle © WWF-Malaysia / Lau Ching Fong

Der Kot von Boden-bewohnenden Primaten, wie zum Beispiel Stummelschwanz-Makaken, enthält zwischen 60 und 80 Prozent Samen. Fehlen die Primaten, können die Frucht-tragenden Bäume sich nicht mehr ausreichend ausbreiten. Aber die Aufgabe der Tiere geht weit über das Verbreiten der Samen hinaus.

Große Huftiere, die die Wälder beweiden, sich in ihnen bewegen und Suhlen anlegen, tragen entscheidend zur Vielfalt der Lebensräume bei. Mit ihren Suhlen schaffen sie Süßwasserbecken, die Lebensraum und Nahrungsquelle für seltene Vogelarten sind.

Verzehr von Wildfleisch als fatales Statussymbol

Angetrieben wird die Krise zum großen Teil durch die Nachfrage nach Wildfleisch in städtischen Gebieten Asiens. Dabei sind es vor allem Menschen aus der Mittel- und Oberschicht, die Wildfleisch konsumieren – als Delikatesse oder als Statussymbol. Statistisch gesehen essen die Menschen in Vietnam – dem Land mit der größten Nachfrage nach Wildfleisch in der Region – einmal pro Jahr Fleisch von Wildtieren. Bei einer Bevölkerung von fast 100 Millionen Menschen alleine in Vietnam hat dies weitreichende Wirkungen auf die Wildtierpopulationen.

Dadurch haben Schlingfallen auch einen ganz unmittelbaren Einfluss auf den Menschen – mit Auswirkungen weit über die Region hinaus: Sie erhöhen den engen Kontakt zwischen Menschen und Wildtieren und somit die Wahrscheinlichkeit des Überspringens von gefährlichen Krankheitserregern auf den Menschen. 

Schlingfallen fördern Zoonosen wie Corona

Aufgriff gewilderter malaiischer Schuppentiere auf dem Conghua-Markt in Guangdong / China © Xiao Shibai / Wild Wonders of China / WWF
Aufgriff gewilderter malaiischer Schuppentiere auf dem Conghua-Markt in Guangdong / China © Xiao Shibai / Wild Wonders of China / WWF

Das jüngste und bekannteste Beispiel dieser so genannten Zoonosen ist das SARS-CoV-2 Virus, welches beim Menschen COVID-19 auslösen kann. An dieser gefährlichen Krankheit sind weltweit bis Anfang 2022 bereits mehr als fünf Millionen Menschen gestorben.

Die möglichen Übertragungswege sind bei gewilderten Tieren vielfältig: Der Jäger holt das getötete Tier aus der Falle, dabei können über das Blut Infektionen übertragen werden. Über Mittelsmänner gelangt das verendete Tier über verschiedene Transportwege auf einen Wildtiermarkt. Dort kommt es mit anderen Wild- oder Nutztieren in Berührung und kann auch diese anstecken.

Wieder andere Menschen bringen das Tier in ein Restaurant oder schlachten es, bis es am Ende schließlich auf dem Teller landet. Tatsächlich haben Forscher viele der Tierarten, auf die die Fallen abzielen, als potenzielle Überträger von Zoonosen identifiziert, darunter Wildschweine, Schleichkatzen und Schuppentiere.

Schlingfallen bedrohen die letzten Tiger

Fallenstellen hat wesentlich dazu beigetragen, dass Tiger in Vietnam, Laos und Kambodscha seit 2014 als ausgestorben gelten: Diese traurige Konsequenz hat ein Bericht des WWF ans Licht gebracht. Für die verbleibenden wildlebenden Tiger in anderen südostasiatischen Ländern stellt die Wilderei mit Schlingfallen eine ernstzunehmende Bedrohung dar.

Tiger wird aus einer Schlingfalle gerettet © WWF-Malaysia / Lau Ching Fong
Tiger wird aus einer Schlingfalle gerettet © WWF-Malaysia / Lau Ching Fong

Tiger und deren Beutetiere haben keine Chance, wenn sich die südostasiatischen Regierungen nicht verstärkt gegen die Schlingfallen-Krise einsetzen.

Eine der wichtigsten verbliebenen Tigerlandschaften Südostasiens, Belum-Temengor in Malaysia, erlebte im Zeitraum 2009 bis 2018 einen 50-prozentigen Rückgang der Tigerzahlen, was vor allem auf die weit verbreitete Nutzung von Schlingfallen zurückzuführen ist.

Auch die Bestände anderer Raubtiere sind binnen weniger Jahre durch die Schlingfallenkrise massiv eingebrochen. „Als ich 2005 anfing, für den WWF in Kambodscha zu arbeiten, konnte man den Asiatischen Wildhund noch häufig in den Schutzgebieten in den so genannten Eastern Plains beobachten”, sagt Dr. Tom Gray, der für das WWF-Tigerschutzprogramm arbeitet. „Heute findet man die Wildhunde, wenn überhaupt, nur als Kadaver in einer Schlingfalle”.

Wildhüter auf Patrouille: Hoffnung für viele Wildtiere

Auch in den Wildschutzgebieten Srepok und Phnom Prich der kambodschanischen Eastern Plains führt der WWF ein Projekt zum Schutz dieses einstigen Tiger-Lebensraums par excellence durch.

Ranger:innen werden ausgebildet und ausgestattet, um durch regelmäßige Patrouillen die Wilderei zurückzudrängen – allein 2.400 Schlingfallen haben sie in den letzten fünf Jahren entfernt. Nachhaltige Einkommensquellen für die Gemeinden sollen helfen, die Abhängigkeit vom Wald und seinen Bewohnern zu mindern. Sollte dies gelingen, dann könnten dort künftig Tiger ausgewildert werden. Doch dazu muss erst einmal der Bestand der Beutetiere, wie Sambar-Hirsche und Wildschweine, gesichert sein.

Wildtiermarkt in Laos © E. John / TRAFFIC
Wildtiermarkt in Laos © E. John / TRAFFIC

Der WWF setzt sich natürlich nicht nur in Tigerlandschaften gegen die Wilderei ein. Ein weiteres Projekt zum Aufspüren und Entfernen von Fallen befindet sich in den Zentralannamiten, einem Gebirgszug entlang der Grenze zwischen Laos und Vietnam, der sich durch eine große Biodiversität auszeichnet.

Der WWF bildet dort die Mitarbeiter:innen der Schutzgebiete aus und unterstützt regelmäßige Patrouillen zur Wildereiprävention. Jahr für Jahr werden dort über 12.000 Fallen unschädlich gemacht. Und die Präsenz der Patrouillen zeigt Wirkung, die Zahl der ausgelegten Fallen geht kontinuierlich zurück.

In einigen vietnamesischen Städten arbeitet der WWF mit den zuständigen Naturschutzbehörden zusammen und erwirkt die Strafandrohung oder gar Schließung von Restaurants, in denen illegal Buschfleisch verkauft wird. Mit Kampagnen klärt der WWF die lokale Bevölkerung über mögliche negative Folgen des Konsums von Buschfleisch für die eigene Gesundheit sowie für die Umwelt auf. Die Projektarbeit vor Ort zeigt Erfolg: Die Nachfrage nach Fleisch von Wildtieren ging im letzten Jahr bereits um mehr als 15 Prozent zurück.

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