Mut, Durchsetzungskraft und Optimismus – dafür steht der Tiger in der chinesischen Astrologie. Drei Eigenschaften, die Artenschützer:innen auf der ganzen Welt in diesem Jahr mehr denn je bei ihrem Einsatz gegen das Aussterben der letzten wilden Tiger antreiben. Denn am 1. Februar 2022 ist nach dem chinesischen Kalender das Jahr des Tigers gestartet. Ein Jahr, das für den Tigerschutz viel mehr ist als nur ein Symbol.

2010 setzten sich mehr als 600 Regierungsvertreter:innen der 13 Tigerstaaten Bangladesch, Bhutan, China, Indien, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, Nepal, Russland, Thailand und Vietnam auf dem ersten internationalen Tigergipfel in St. Petersburg ein gemeinsames, ehrgeiziges Ziel: In nur zwölf Jahren wollten sie die Zahlen der stark bedrohten Großkatze verdoppeln! Tx2 nannten sie dieses Projekt, also „Tiger mal zwei“.

Amur-Tiger im Schnee © Shutterstock / Ondrej Prosicky / WWF International
Amur-Tiger im Schnee © Shutterstock / Ondrej Prosicky / WWF International

Zu diesem Zeitpunkt wurde die Zahl der wild lebenden Tiger auf nur noch rund 3.200 weltweit geschätzt. Seit Jahrzehnten waren die Zahlen rückläufig. Trotzdem: 2022 sollte und soll nicht nur nach dem chinesischen Kalender, sondern auch aus Sicht des Naturschutzes zum Jahr des Tigers werden.

Heute können wir sagen, dass die Konferenz in St. Petersburg vor zwölf Jahren wirklich einen historischen Wendepunkt beim Tigerschutz markierte.

Tigerschutz braucht eine Inventur

Die spannendste Frage ist dabei: Konnten die Tigerzahlen tatsächlich auf mehr als 6.000 Individuen verdoppelt werden? Noch ist die Antwort offen.

Die Tigerstaaten werden sich im Herbst wieder versammeln, Bilanz ziehen und gemeinsam neue Perspektiven entwickeln. Bis dahin werden Länder wie Indien und Nepal noch eine umfangreiche „Tigerinventur“ durchführen, also Daten aus Kamerafallen, Kot und Spuren auswerten, um die Zahl der Tiger einschätzen zu können. Malaysia wird wahrscheinlich einen Tigerschutz-Aktionsplan vorlegen, Kasachstan den Stand zur Wiederansiedlung von Tigern vorlegen.

„Wir brauchen in allen Tiger-Verbreitungsländern einen ehrlichen, wissenschaftlichen Kassensturz, um zu wissen, wo wir überhaupt stehen.“

Kathrin Samson, Tiger-Expertin und Leiterin des Asienprogramms beim WWF Deutschland

Tigerschutz braucht politischen Willen

Frühestens im September 2022, wenn die Regierungsvertreter:innen und Tiger-Expert:innen zum zweiten Global Tiger Summit zusammenkommen, werden wir ein klareres Bild über den Stand der Tigerzahlen haben. Und wir werden wissen, ob die größte globale Kampagne zum Schutz dieser bedrohten Art erfolgreich war.

Kleiner Junge engagiert sich für Tiger in Bhutan © Simon Rawles / WWF-UK
Kleiner Junge engagiert sich für Tiger in Bhutan © Simon Rawles / WWF-UK

Doch schon jetzt wird eines deutlich: Überall dort, wo Politik, Umweltschutzorganisationen und Wissenschaftler:innen gemeinsam mit den Menschen vor Ort zusammengearbeitet und einen klaren Willen zum Tigerschutz gezeigt haben, haben sich die Tigerbestände erholt und ihre Lebensbedingungen verbessert.

Bis 2018 hatten sich zum Beispiel in Nepal und Indien die Zahlen fast verdoppelt. Inwieweit die Coronakrise sich auf diese Erfolge ausgewirkt haben könnte, muss noch ausgewertet werden.

Tigerschutz braucht grenzüberschreitende Zusammenarbeit

In Indien und Nepal wurde gemeinsam gegen Wilderei und illegalen Wildtierhandel vorgegangen und bestehende Gesetze konsequent durchgesetzt. Die Regierungen vieler Tigerländer arbeiten mit Umwelt- und Entwicklungshilfeorganisationen an Lösungen, um die Akzeptanz und das Verständnis der lokalen Gemeinden für Tiger und ihre Lebensräume zu erhöhen. Denn mit den steigenden Tigerzahlen nehmen in den dicht besiedelten Ländern auch die Mensch-Wildtier-Konflikte zu.

Bengal-Tigerin mit Jungem in Rajhasthan / Indien © naturepl.com / Andy Rouse / WWF
Bengal-Tigerin mit Jungem in Rajhasthan / Indien © naturepl.com / Andy Rouse / WWF

Im Ile-Balkhash Reservat in Kasachstan, wo Tiger seit 70 Jahren ausgestorben sind, sollen in den nächsten Jahren Tiger wieder neu angesiedelt werden. Diese Beispiele zeigen: Ist der politische Wille da, kann nachhaltiger Tigerschutz gelingen und das Überleben dieser bedrohten Art gesichert werden.

Nach einer Zwischenbilanz im Jahr 2016 wissen wir, dass die Tigerzahlen bis dahin in einigen Regionen wieder angestiegen waren – zum ersten Mal seit 100 Jahren und obwohl ihr Lebensraum immer kleiner wird.

Tigerschutz braucht Optimismus

Über diese Erfolge, aber auch die Herausforderungen, die vor allem in den Ländern Südostasiens weiter beim Tigerschutz bestehen, wird der WWF im Tigerjahr ausführlich berichten. Gemeinsam mit Artenschützer:innen auf der ganzen Welt nehmen wir Sie mit auf eine Reise durch die Tigerländer - von den tief verschneiten Wäldern Russlands bis zu den tropischen Dschungeln Thailands. Wir ziehen Bilanz, beleuchten WWF-Tigerschutzprojekte und stellen Menschen vor, die sich täglich für den Schutz der Tiger einsetzen.

„Der Tiger ist zu einem Symbol für Arten- und Naturschutz weltweit geworden. Wer den Tiger schützt, schützt so viel mehr.“

Kathrin Samson, Tiger-Expertin und Leiterin des Asienprogramms beim WWF Deutschland

Wir erklären, warum manche Tigerländer erfolgreicher sind als andere, berichten über technische Fortschritte, den Alltag von Wildhüter:innen und schildern, welche Herausforderungen das Zusammenleben mit Tigern für die Menschen vor Ort darstellt und wie eine friedliche Koexistenz aussehen kann, in der lokale Gemeinden vom Tigerschutz profitieren können.

Warum das Jahr des Tigers so wichtig ist

Wir möchten das Jahr des Tigers feiern und dabei zugleich auf die Bedrohung der Tiger aufmerksam machen.

Bengal-Tiger © Marion Fauchart-Joche
Bengal-Tiger © Marion Fauchart-Joche

Solange ihr Lebensraum weiter zerstört wird und Tiger in dubiosen Tigerparks als touristische Attraktion vermarktet werden, solange angebliche Tiger-Medizin nachgefragt wird und Glücksbringer aus Tigerkrallen oder Tigerfelle weiterhin als Statussymbole gelten, solange werden die majestätischen Großkatzen weiter zu den am stärksten vom Aussterben bedrohten Tierarten der Welt gehören und unsere Erfolge zerbrechlich bleiben. Begleiten Sie uns auf dieser Reise durch das Jahr des Tigers. Mit Mut, Durchsetzungskraft und Optimismus.

Unterstützen Sie uns beim Schutz der Tiger

  • Junge Tigerin im Bandhavgarh National Park © Suyash Keshari / WWF Tiger: Größte Raubkatze der Erde ist bedroht

    Tiger besiedelten einst fast ganz Asien. Anfang des 19. Jahrhunderts waren es noch circa 100.000 Tiere – doch ihre Zahl sank schnell und dramatisch. Alles zum Tiger