Das Schicksal von Timmy, dem gestrandeten Buckelwal in der Ostsee, macht deutlich, wie stark unsere Meere bereits unter Druck stehen. Gleichzeitig lenkt es den Blick auf eine Art, die hier dauerhaft lebt – und deren Lage noch viel kritischer ist: den Schweinswal.
Während die großen Bartenwale wie Buckelwale nur selten in die Ostsee gelangen, ist der Schweinswal die einzige heimische Walart. Und genau diese Art droht in der östlichen und zentralen Ostsee zu verschwinden.
Der WWF entwickelt im internationalen Abkommen ASCOBANS gezielt Pläne, um den dramatischen Rückgang der Schweinswal-Populationen umzukehren und fordert dringend wirksame Schutzmaßnahmen.
Zwei Populationen – eine davon kurz vor dem Aussterben
In der Ostsee gibt es zwei genetisch unterschiedliche Schweinswalpopulationen. In der westlichen Ostsee leben noch über 14.000 Tiere. Deutlich dramatischer ist die Situation in der zentralen Ostsee: Hier gibt es nur noch etwa 400 bis 500 Schweinswale. Diese kleine Population gilt als vom Aussterben bedroht.
Schon kleinste zusätzliche Verluste können für sie entscheidend sein. Während die größere Population einige Dutzend Todesfälle pro Jahr verkraften könnte, kann bei der kleineren Population bereits ein einzelner Verlust zu viel sein.
Stellnetze: Die größte Gefahr für Schweinswale
Die größte Bedrohung für Schweinswale sind Stellnetze. Diese Netze sind für die Tiere kaum wahrnehmbar, da sie die Maschen mit ihrer Echoortung nicht erkennen können. Verfangen sich die Schweinswale darin, haben sie keine Chance: Sie können nicht mehr zum Atmen auftauchen und ertrinken.
Studien zeigen, dass die Zahl dieser Beifänge deutlich höher ist als das, was die Populationen verkraften können. In der westlichen Ostsee sterben vermutlich jedes Jahr hunderte Tiere in Netzen – langfristig verträglich wären jedoch nur wenige Dutzend, um den Populationstrend zu stabilisieren. Für die kleine Population der zentralen Ostsee ist die Situation noch kritischer.
Echoortung
Schweinswale nutzen Echoortung, um sich unter Wasser zu orientieren, Beute zu finden und Hindernisse zu erkennen.
Sie erzeugen sehr kurze, hochfrequente Klicklaute. Diese Klicks schicken sie durch das Wasser. Treffen die Schallwellen auf etwas, zum Beispiel einen Fisch, den Meeresboden, ein Netz oder ein anderes Tier, werden sie als Echo zurückgeworfen. Der Schweinswal hört dieses Echo und kann daraus ziemlich genau ableiten: Was ist vor mir? Wie weit ist es entfernt? Wie groß ist es ungefähr? Bewegt es sich? Ist es Beute oder ein Hindernis?
Bei Schweinswalen sind diese Klicklaute besonders hochfrequent, also für Menschen nicht hörbar. Das ist praktisch, weil sich die Tiere damit sehr präzise in ihrer Umgebung zurechtfinden können. Gerade in trübem Wasser, wie in der Nord- und Ostsee, ist das überlebenswichtig, weil Sicht dort oft kaum hilft.
Schweinswale sterben in Netzen
Hinzu kommt: Viele Beifänge werden vor allem in deutschen Gewässern nicht systematisch erfasst. Zwar besteht für Fischerboote über zwölf Metern Länge in der EU eine Meldepflicht für Schweinswal-Beifänge (EU-Verordnung 812/2004), doch gilt diese nicht für kleinere Boote, die den Großteil der Ostsee-Fischerei ausmachen. Zudem ist die Pflicht schwer zu kontrollieren, sodass die tatsächlichen Zahlen vermutlich deutlich höher liegen als die offiziellen Meldungen.
Der WWF hat bereits in Pilotprojekten zeigen können, dass Kamerasysteme auf Fischerbooten dafür flexibel und einfach eingesetzt werden können. Mit der gewonnenen Expertise kann man an KI-gestützten Projekte anzuknüpfen, um eine systematische Meldepflicht für Beifänge durchzusetzen. Diese Daten sind wichtig, um Managementpläne wirksamer für Meeressäuger umzusetzen, um Beifang maximal zu reduzieren.
Der Lebensraum Ostsee steht unter Druck
Neben dem Beifang sind Schweinswale in der Ostsee zahlreichen weiteren Belastungen ausgesetzt. Diese wirken oft gleichzeitig und verstärken sich gegenseitig.
Der dichte Schiffsverkehr erhöht das Risiko von Kollisionen und verursacht starken Unterwasserlärm. Dieser Lärm stört die Tiere bei der Orientierung sowie bei der Suche nach Nahrung und Partnern. Gleichzeitig führt Überfischung dazu, dass immer weniger Beutefische zur Verfügung stehen.
Auch Umweltprobleme spielen eine große Rolle: Schadstoffe reichern sich im Meer an, und die Flüsse tragen immer noch zu viele Nährstoffe aus der Landwirtschaft ein. Dadurch kommt es zur Überdüngung der Ostsee, auch Eutrophierung genannt. Das führt zu Sauerstoffmangel und sogenannten „Todeszonen“. Die Klimakrise verschärft diese Prozesse zusätzlich vor allem durch hohe Wassertemperaturen.
Das Ergebnis ist, dass die Schweinswale in der Ostsee immer schlechter leben können.
Das tut der WWF für den Schutz der Schweinswale
Um die Situation zu verbessern, setzt der WWF an verschiedenen Punkten gleichzeitig an.
Ein zentraler Schwerpunkt ist die Reduzierung der Stellnetzfischerei. Der WWF setzt sich dafür ein, dass in Meeresschutzgebieten – insbesondere in Kerngebieten der Nationalparke, Naturschutzgebieten und Natura-2000-Gebieten – Stellnetze eingeschränkt oder ganz verboten werden. Langfristig sollen wichtige Lebensräume vollständig netzfrei werden, damit Schweinswale dort sicher leben können.
Gleichzeitig arbeitet der WWF daran, nachhaltigere Fangmethoden zu fördern. Alternativen wie traditionelle Reusen haben deutlich weniger Beifang und wurden in einigen Regionen bereits erfolgreich erprobt.
Mit mutigen Küstenfischer:innen will der WWF mit einfachen Kamerasystemen an Bord von kleinen Fischereifahrzeugen Beifänge systematisch erfassen. Diese Daten sind entscheidend, um Managementpläne für Meeressäuger wirksamer umzusetzen und den Beifang maximal zu reduzieren. Mit der Expertise von KI-gestützten WWF-Projekten sollen Systeme eingeführt werden, um eine verbindliche Meldepflicht durchzusetzen.
So können Sie der Ostsee helfen
Politik, Wissenschaft - und Geisternetze
Auch auf politischer Ebene ist der WWF aktiv. Im Rahmen des WWF Baltic Sea Programme arbeitet er eng mit Partnern in den Ostsee-Anrainerstaaten zusammen. Ziel ist es, gemeinsame Lösungen für eine nachhaltigere Nutzung der Ostsee zu entwickeln – von besseren Fischereiregeln bis hin zu streng geschützten Gebieten.
Darüber hinaus unterstützt der WWF die wissenschaftliche Arbeit. Künftig sollen Strandungsdaten besser erfasst und ausgewertet werden, um Gefahrengebiete zu erkennen und gezielt Maßnahmen ergreifen zu können.
Ein weiterer wichtiger Beitrag ist die Bergung von Geisternetzen. Diese verlorenen Fischereigeräte fangen oft jahrelang im Meer sinnlos weiter und stellen eine tödliche Gefahr für viele Tiere dar. Der WWF konnte bereits über 30 Tonnen solcher Netze aus der Ostsee entfernen.
„Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Wale in einem Netzlabyrinth sterben. Wir können Schweinswalen helfen, ihren Kampf ums Überleben zu gewinnen. Wir brauchen ein Verbot der Stellnetzfischerei in Meeresschutzgebieten – bevor es zu spät ist.“
Dr. Finn Viehberg vom Ostsee-Büro des WWF in Stralsund
Was jetzt passieren muss
Damit Schweinswale in der Ostsee eine Zukunft haben, braucht es entschlossenes Handeln. Dazu gehören:
- netzfreie Zonen in wichtigen Schweinswal-Habitaten
- streng geschützte Gebiete, in denen mindestens zehn Prozent der Küstengewässer vollständig vor Nutzung geschützt sind
- die Förderung beifangarmer Fischereimethoden
- eine deutliche Reduzierung von Unterwasserlärm, Überfischung und Meeresverschmutzung
Im Kern bedeutet das: Die Stellnetzfischerei muss in Schutzgebieten beendet werden, und die Ostsee braucht insgesamt mehr Raum und Ruhe zur Erholung.
Eine letzte Chance für den Schweinswal
Der Schweinswal ist ein Symbol für den Zustand der Ostsee. Sein Verschwinden wäre ein deutliches Warnsignal dafür, wie stark dieses Ökosystem bereits geschädigt ist.
Noch gibt es die Möglichkeit, diese Entwicklung zu stoppen. Doch dafür müssen die notwendigen Schutzmaßnahmen jetzt umgesetzt werden, bevor es zu spät ist.
Mit Ihrer Unterstützung kann der WWF Maßnahmen ergreifen, um die Ostsee und ihre Schweinswale zu schützen. Helfen Sie uns, die Ostsee zu einem lebendigen, gesunden Meer zu machen – für die Natur, für uns Menschen und für alle, die die Schönheit dieses einzigartigen Meeres erleben möchten!
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