Sie liegen versteckt auf dem Boden, gut getarnt zwischen Laub und Ästen: rostige Schlingen aus Draht, nur für das geübte Auge zu entdecken. Tag um Tag durchstreifen Wildhüter die Wälder Südostasiens – auf der Suche nach Schlingfallen. Ein Tropfen auf dem heißen Stein bei schätzungsweise mehr als 12 Millionen der tödlichen Fallen, die derzeit hier auf den Flächen gut versteckt installiert werden . Eine aktuelle Studie des WWF zeichnet ein erschreckendes Bild: Die Schlingfallen-Krise kostet nicht nur Millionen Tieren das Leben, sie fegt auch die Wälder leer und bedroht die Gesundheit der Menschen.

Sie sind aus Draht, aus Kabeln, aus Seilen oder Nylon-Schnüren. Die einfachen Fallen sind billig und leicht zu errichten mit tödlicher Wirkung für so viele Tiere. In ihnen landen kleinere Säugetiere, wie Schuppentiere, Saola-Rinder oder Affen, aber auch Bären, Sumatra-Nashörner, Elefanten und Tiger treten in die größeren Modelle dieser tödlichen Fallen und verenden jämmerlich in ihnen. Insgesamt sind mehr als 700 Säugetierarten von den Fallen betroffen.

Tiger wird aus einer Schlingfalle gerettet © WWF-Malaysia / Lau Ching Fong
Tiger wird aus einer Schlingfalle gerettet © WWF-Malaysia / Lau Ching Fong

„Wilderer in der Region stellen eine große Zahl dieser Fallen auf, um Tiere für den eigenen Konsum oder für den Wildtierhandel zu fangen“, so Kathrin Samson, Tigerschutz-Expertin beim WWF Deutschland. „Die Fallen töten und verstümmeln wahllos jedes Wildtier, das in sie tritt. Das Ergebnis sind mit der Zeit so genannte 'empty forests' – leere Wälder.“

Oft leiden die Tiere tagelang, bevor sie ihren Verletzungen erliegen. Wenn es einem Tier einmal gelingt, aus solch einer Falle zu entkommen, dann stirbt es meist wenig später an den schweren Verletzungen selbst oder an Infektionen.

Schlingfallen fördern Zoonosen

Doch Schlingfallen haben auch einen ganz unmittelbaren Einfluss auf den Menschen. Sie erhöhen den engen Kontakt zwischen Menschen und Wildtieren und die Wahrscheinlichkeit des Übergreifens von Zoonosen. Das jüngste und bekannteste Beispiel ist COVID-19, auf dessen Konto bereits Hunderttausende von Todesfällen und Millionen von Infektionen weltweit gehen.

Wildschwein verendet in einer Falle in Kambodscha © Lor Sokhoeurn / WWF-Cambodia
Wildschwein verendet in einer Falle in Kambodscha © Lor Sokhoeurn / WWF-Cambodia

Die möglichen Übertragungswege vom Tier auf den Menschen sind bei gewilderten Tieren vielfältig: Der Jäger holt das getötete Tier aus der Falle – Blut kann Infektionen übertragen, insbesondere wenn der Mensch zum Beispiel offene Wunden an den Händen hat. Über Mittelsmänner gelangt das verendete Tier über verschiedene Transportwege auf den Markt. Dort kommt es mit anderen Wildtieren in Berührung und kann auch diese anstecken. Wieder andere Menschen bringen das Tier in ein Restaurant oder schlachten es, bis es am Ende schließlich auf dem Teller landet. Tatsächlich haben Forscher viele der Tiere, auf die die Fallen abzielen, darunter Wildschweine, Schleichkatzen und Schuppentiere, als Überträger von Zoonosen identifiziert.

Stichwort: Leere Wälder

Seit den 1980er Jahren ist die Jagd – vor allem aufgrund verbesserter Jagdtechniken – auf Wildtiere für einen massiven Rückgang der Tierpopulationen in den Wäldern Südostasiens verantwortlich. 113 Säugetierarten sind dort vom Aussterben bedroht. Zum Vergleich: In Afrika sind es 91, in Lateinamerika 32 und in 61 in den übrigen asiatischen Ländern.

Das Phänomen der leeren Wälder beschreibt auf den ersten Blick gesund wirkende Wälder, in denen aufgrund menschlichen Eingreifens jedoch die großen Säugetiere und andere wichtige Tierarten fehlen. Die Flora scheint gesund, doch die Fauna fehlt. Das hat tiefgreifende Konsequenzen auf den Zustand des gesamten Ökosystems. Denn die Tiere leben nicht nur vom Wald, sie übernehmen dort auch wichtige Aufgaben. Sie verbreiten Saatgut und sind die Ingenieure des Waldes.

Regenwälder brauchen Artenvielfalt © Fletcher & Baylis / WWF-Indonesia
Regenwälder brauchen Artenvielfalt © Fletcher & Baylis / WWF-Indonesia

Der Kot von Boden-bewohnenden Primaten, wie zum Beispiel Stummelschwanz-Makaken, enthält zwischen 60 und 80 Prozent Samen. Fehlen die Primaten, können die Frucht-tragenden Bäume sich nicht mehr ausreichend ausbreiten. Aber die Aufgabe der Tiere geht weit über das Verbreiten der Samen hinaus.

Große Huftiere, die die Wälder beweiden, sich in ihnen bewegen und Suhlen anlegen, tragen entscheidend zur Vielfalt der Lebensräume bei. Mit ihren Suhlen schaffen sie Süßwasserbecken, die Lebensraum und Nahrungsquelle für seltene Vogelarten sind.

Angetrieben wird die Krise zum großen Teil durch die Nachfrage nach Wildfleisch in städtischen Gebieten Asiens. Menschen aus der Mittel- und Oberschicht konsumieren Wildfleisch als Delikatesse oder als eine Art Statussymbol. Statistisch gesehen essen die Menschen in Vietnam einmal pro Jahr Fleisch von Wildtieren. Bei 35 Millionen Menschen in Vietnam hat aber selbst das erheblichen Einfluss auf die Wildtierpopulationen.

Gesammelte Schlingfallen in Kambodscha © Ranjan Ramchandani / WWF
Gesammelte Schlingfallen in Kambodscha © Ranjan Ramchandani / WWF

Der Bericht des WWF bringt ans Licht, dass das Fallenstellen wesentlich dazu beigetragen hat, dass Tiger in Vietnam, Laos und Kambodscha als ausgestorben gelten. Für die verbleibenden Tiger in anderen südostasiatischen Ländern stellt die Wilderei mit Schlingfallen eine ernstzunehmende Bedrohung dar.

Die Tiere haben keine Chance, wenn die südostasiatischen Regierungen nicht dringend etwas gegen die Schlingfallen-Krise unternehmen", sagt Stuart Chapman, Leiter der WWF Tigers Alive Initiative. Eine der wichtigsten verbliebenen Tigerlandschaften Südostasiens, Belum-Temengor in Malaysia, erlebte im Zeitraum 2009 bis 2018 einen 50-prozentigen Rückgang der Tigerzahlen, was vor allem auf die weit verbreitete Nutzung von Schlingfallen zurückzuführen ist.