Im kolumbianischen Regenwald, wo die biologische Vielfalt und der kulturelle Reichtum der lokalen Gemeinschaften eng miteinander verwoben sind, hat sich mit Unterstützung des WWF ein Kommunikationskollektiv gebildet, das die Geschichten der Indigenen erzählen und so den Reichtum der Natur bewahren will.

Indigene Gemeinschaften sind Hüter des Waldes. In den Gebieten, in denen sie leben, sind die Ökosysteme besonders intakt und der kulturelle Reichtum ist enorm – beides ist untrennbar miteinander verbunden. Doch die Indigene Bevölkerung schrumpft und vor allem junge Indigene verlassen ihre Gemeinschaften. Damit geht viel Wissen verloren.

Der WWF unterstützt deshalb Prozesse, in denen Wissen, Geschichten und Traditionen von Generation zu Generation und zwischen Indigenen Gemeinschaften weitergegeben werden. Die Bildung von Kommunikationskollektiven, die Schulung im Erzählen von Geschichten und im Erstellen von Kommunikationsmaterialien sind dabei wichtige Pfeiler.

Ein Gremium für den Schutz der Natur

Junge Indigene erzählen ihre Geschichten, um ihre Kultur zu erhalten © Chrishian Pimiento / WWF Kolumbien
Junge Indigene erzählen ihre Geschichten, um ihre Kultur zu erhalten © Chrishian Pimiento / WWF Kolumbien

Dort wo der Wald bis zum Horizont reicht und Leben in den unterschiedlichsten Formen hervorbringt, leben 27 Gemeinschaften aus sieben ethnischen Gruppen sowie Bauerngemeinschaften.

Seit zehn Jahren arbeiten die Gemeinden und Institutionen der Estrella Fluvial Inírida (EFI) daran, sich als Nachbarn zu verstehen, das Gebiet zu organisieren und die einzigartige Landschaft der Estrella Fluvial de Inírida (EFI) zu erhalten. Um dieses Ziel zu erreichen, haben Angehörige indigener und bäuerlicher Gemeinschaften aus den Regionen Vichada und Guanía das EFI-Ramsar-Büro gegründet.

Es ist ein Gremium, das die Beteiligung der Gemeinschaften an der Entscheidungsfindung sowie ihren Einfluss auf die Entwicklung und Umsetzung eines Umweltmanagementplans für dieses Ramsar-Gebiet erleichtert hat. Der Plan enthält unter anderem Maßnahme zur nachhaltigen Fischerei.

Dies hat den Bewohner:innen die Möglichkeit eröffnet, das Gebiet zu erhalten und nachhaltig zu nutzen. Der WWF Kolumbien und das kolumbianische Umweltministerium unterstützen das Projekt gemeinsam mit weiteren Partner:innen.

Das mystische Grenzgebiet zwischen Venezuela und Kolumbien: Estrella Fluvial Inírida © Christhian Pimiento / WWF Kolumbien
Das mystische Grenzgebiet zwischen Venezuela und Kolumbien: Estrella Fluvial Inírida © Christhian Pimiento / WWF Kolumbien

Was ist die Estrella Fluvial de Inírida?

Die Estrella Fluvial de Inírida (EFI) ist ein einzigartiges Gebiet im Herzen des kolumbianischen Amazonas. Es ist ein riesiges Mosaik aus Wäldern, Savannen und Feuchtgebieten, in dem drei unterschiedlich gefärbte Flüsse zusammenfließen und den Orinoco speisen. Es ist ein wichtiges Gebiet für den Erhalt der biologischen Vielfalt. Im Jahr 2014 wurde die Region aufgrund ihres Arten-, Wasser- und Kulturreichtums als Ramsar-Gebiet ausgewiesen; eine Auszeichnung für Feuchtgebiete von internationaler Bedeutung. Das ausgewiesene Gebiet umfasst 253.000 Hektar und beherbergt mehr als 900 Pflanzenarten, mehr als 470 Vogelarten, mehr als 470 Fischarten, 200 Säugetiere und 40 Amphibien.

Die Stimme der Indigenen stärken

Die Natur der Indigenen erzählt die stärksten Geschichten © WWF Kolumbien
Die Natur der Indigenen erzählt die stärksten Geschichten © WWF Kolumbien

Die Geschichten der Indigenen Bevölkerung sind voller Wissen um die Bedeutung der Natur, sie sind kulturelles Erbe, das von Generation zu Generation weitergetragen wird. Und sie zeugen von den Erfahrungen, die die Gemeinschaften in ihren Territorien gemacht haben. Die Indigenen wissen, wie die Natur in und um ihre Territorien gesund bleibt.

Im Rahmen des aktuellen Projektes Territories of Life, finanziert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und umgesetzt vom WWF Kolumbien, hat sich nun ein Kommunikationskollektiv von zwölf Vertreter:innen der Gemeinschaften gefunden. Sie haben die herausfordernde Aufgabe, die Aktivitäten des Umweltmanagementplans nach Außen, aber auch innerhalb der Gemeinschaften, zu kommunizieren und so zu Fürsprecher:innen des Waldes zu werden.

In Workshops identifizierten die Kommunikator:innen Geschichten aus ihren Territorien, die sich mit den Ramsar-Themen befassen und auf ihren Lebenserfahrungen basieren. Aber nicht nur die Arbeit an den Geschichten selbst stand im Fokus der Workshops, sondern auch die Vermittlung technischer Fähigkeiten, um diese Geschichten in Kommunikations- und Bildungsprodukte umzuwandeln; auch in der Nutzung digitaler Plattformen und Veröffentlichungskanäle, um verschiedene Zielgruppen zu erreichen, wurden die Teilnehmer:innen geschult.

„Jeder Baum, jeder Mensch, jeder Bach hatte eine Geschichte zu erzählen, eine Geschichte, die wir mit allen teilen wollten.“

Alexi Fernando, Geschichtenerzähler

Geschichten des Waldes

Am Welttag der Feuchtgebiete wird ein Buch herausgegeben, das die Erfahrungen bei der Ausarbeitung des Bewirtschaftungsplans zusammenfasst und an dem die Gemeinden als Autoren und Herausgeber beteiligt sind © Jaime Cabrera
Am Welttag der Feuchtgebiete wird ein Buch herausgegeben, das die Erfahrungen bei der Ausarbeitung des Bewirtschaftungsplans zusammenfasst und an dem die Gemeinden als Autoren und Herausgeber beteiligt sind © Jaime Cabrera

Ein Beispiel einer solchen Geschichte ist die einer Reise entlang des Flusses Inírida in Richtung der Mavicure-Berge. Alexi Fernando, Javier Garrido und Yineth Sandoval erzählen darin von ihren angestammten Territorien.

„Der Fluss war unser Wegweiser und während wir ihm folgten, entdeckten wir den Reichtum unseres Territoriums und wie wichtig es ist, darüber zu sprechen“, erzählt Alexi. „Jeder Baum, jeder Mensch, jeder Bach hatte eine Geschichte zu erzählen, eine Geschichte, die wir mit allen teilen wollten.“ Hinter jeder Biegung des Flusses entdeckten sie eine neue Geschichte.

Als sie in den beeindruckenden Mavicure-Bergen ankamen, einem angestammten Gebiet indigener Völker, wurde Alexi seine Aufgabe klarer: Er wollte seine neu erworbenen Fähigkeiten als Geschichtenerzähler nutzen, um eine Fotogeschichte zu erstellen, die die Essenz des Gebiets einfängt und mit allen Gemeinschaften teilt.

„Wir kamen mit meinem Team von Begleiter:innen an und wurden von diesen imposanten Wächtern des Gebiets, den Bergen ‚Los Cerros de Mavicure‘, empfangen“, erinnert sich Alexi. „Wir begannen unseren Aufstieg und entdeckten die vielfältigen Lebensformen, die an diesem einzigartigen und heiligen Ort leben“. Dort begann jede Gruppe, aus den fotografischen Berichten, die das Wesen des Ortes einfingen, ihre Geschichten zu entwickeln.

„Wir verstehen jetzt, wie wichtig es ist, unsere Geschichte allen Gemeinschaften zu erzählen, damit sie unsere Kultur und unser Gebiet schätzen und würdigen können“

Alexi Fernando, Geschichtenerzähler

Die Kultur der Menschen bewahren

Da, wo Indigenen leben, ist die Natur nachweislich, intakter, als da, wo keine Indigenen leben © WWF Kolumbien
Da, wo Indigenen leben, ist die Natur nachweislich, intakter, als da, wo keine Indigenen leben © WWF Kolumbien

Für Javier war diese Erfahrung mehr als eine Kommunikationsübung; sie war ein Akt der Stärkung der Gemeinschaft. „Wir haben gemerkt, dass sich unser Blick auf lokale Prozesse verändert hat. Wir verstehen jetzt, wie wichtig es ist, unsere Geschichte allen Gemeinschaften zu erzählen, damit sie unsere Kultur und unser Gebiet schätzen und würdigen können“, sagte er. „Wir können jetzt effektiver kommunizieren, unsere lokalen Prozesse beeinflussen und sicherstellen, dass alle Gemeinschaften Zugang zu diesen Informationen haben.“

Die Stärkung ihrer Kompetenzen im Bereich des territorialen Geschichtenerzählens hat ihnen nicht nur eine stärkere Stimme für den Erhalt ihrer Umwelt gegeben, sondern sie auch in die Lage versetzt, ihre Geschichten auf eine authentischere und für ihre Gemeinschaften bedeutsamere Weise zu erzählen.

Diese Erfahrung hat sie gelehrt, dass Geschichtenerzählen mehr ist als nur das Wiedergeben von Erzählungen; es ist ein Weg, die Kultur das Territorium für zukünftige Generationen zu bewahren.

Das Projekt wird vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert.

Unterstützen auch Sie uns beim „Schutz indigener und traditioneller Völker Kolumbiens“.

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