Am 2. Oktober ist Präsidentschaftswahl in Brasilien. Der amtierende Präsident Jair Bolsonaro hatte die letzte Wahl unter anderem mit seinem Leitspruch gewonnen, „keinen Quadratzentimeter indigenes Land mehr auszuweisen“. Während seiner Amtszeit verlor das brasilianische Amazonasgebiet eine Waldfläche, die größer ist als Belgien und verzeichnete die höchste Entwaldungsrate der letzten 15 Jahre.

Bolsonaros stärkster Herausforderer in diesem Jahr ist Luiz Inácio Lula da Silva, bereits von 2003 bis 2010 brasilianischer Präsident. Er bekräftigt, die Entwaldung und kriminellen Machenschaften im Amazonasgebiet bekämpfen zu wollen. Aber auch er hat zum Beispiel in der Vergangenheit den Bau zweier Mega-Staudämme genehmigt. Für den Amazonas-Regenwald und das Weltklima ist die aktuelle Wahl eine Entscheidung über Leben und Sterben.

Bolsonaros Politik treibt Waldzerstörung an

Jair Bolsonaro, amtierender Präsident und Gefahr für den Amazons © imago Fotoarena Antonio Molina
Jair Bolsonaro, amtierender Präsident und Gefahr für den Amazons © imago Fotoarena Antonio Molina

Seit Jair Bolsonaro im Amt ist, sind Waldbrände und Abholzungen im brasilianischen Amazonas auf ungebremstem Rekordkurs. Bolsonaro kürzte die Budgets für Umwelt- und indigene Behörden und schwächte ihre Überwachungsfunktion. Zahlreiche Gesetze, Gesetzesentwürfe, Verordnungen und ministeriale Anweisungen ermuntern geradezu, den Regenwald auszubeuten. Darunter Straffreiheiten für Landraub, gelockerte Umweltauflagen und die Öffnung indigener Gebiete für das Erschließen von Bodenschätzen und landwirtschaftlichen Flächen. Die Umweltbilanz Brasiliens der letzten Jahre ist verheerend, das weiß auch Bolsonaro. Doch der Rechtspopulist wird von der Agrarindustrie und Bergbaufirmen unterstützt, was eine Kehrtwende kaum wahrscheinlich macht.  

Was ist von Präsidentschaftskandidat Lula zu erwarten?

Lula da Silva, Herausforderer von Bolsonaro und Hoffnungsträger für den Amazonas © imago Fotoarena Roberto Casimiro
Lula da Silva, Herausforderer von Bolsonaro und Hoffnungsträger für den Amazonas © imago Fotoarena Roberto Casimiro

Der ehemalige Präsident und Arbeiterführer Lula da Silva dagegen konnte während seiner zwei Amtszeiten vor Bolsonaro einen Rückgang der Entwaldung um 80 Prozent erreichen. Sollte er gewinnen – so hat Lula bereits mehrfach angekündigt – will er einen „Schock der Legalität im Amazonasgebiet“ auslösen, Bergbau und Landraub auf Indigenen Territorien verhindern und die Umweltbehörden wieder stärken, damit sie Umweltverbrechen besser ahnden können. Der Präsidentschaftskandidat strebt laut eigener Aussage eine „Null-Abholzung“ an, nennt dafür allerdings keinen konkreten Zeitrahmen. Und auch er hat sich in der Vergangenheit zugunsten der Wirtschaft gegen die Natur entschieden. Zum Beispiel mit seiner Genehmigung für den Bau des Riesenstaudammes Belo Monte, der enorme Umweltauswirkungen hat und worunter nicht nur Zehntausende Indigene gelitten haben.

Umfragen lassen erwarten, dass es zu einer Stichwahl zwischen Amtsinhaber Jair Bolsonaro und seinem Gegenkandidaten Lula da Silva kommen wird. Trotz aller Kritik, die man auch an Lula üben kann, ist dies eine Wahlentscheidung für oder gegen den Amazonasregenwald und die indigenen und traditionellen Völker.

"Brennt der Amazonas weiter, verlieren wir alle: Die Indigene, Südamerika, die Artenvielfalt und das Klima weltweit".

Roberto Maldonado, Program Officer South America, WWF Deutschland

Für oder gegen den Wald? Szenarien nach der Wahl

Aus Sicht des Klima- und Naturschutzes wäre eine Wiederwahl Bolsonaros fatal. Kaum ein Regierungschef in Brasilien hat dem Wald und der Natur so sehr geschadet, wie der seit 2019 regierende Bolsonaro. Gelangt er erneut an die Macht, haben seine verheerenden, umweltzerstörerischen Gesetzesentwürfe freie Fahrt.

Von Lula Da Silva dagegen wird erwartet, dass er Bolsonaros häufig inkompetentes und in Umweltverbrechen verwickeltes Personal ersetzt. Prominente Unterstützerin Lulas ist die brasilianische Umweltschützerin und ehemalige Umweltministerin Marina Silva. Ihren Plan für eine nachhaltige Entwicklung Brasiliens will Lula als Präsident umsetzen. Dazu gehört neben einer drastischen Reduzierung von Treibhausgasen die Einrichtung indigener Territorien und von Schutzgebieten, die unter Bolsonaro völlig zum Erliegen gekommen war.

Für Umwelt und Indigene

Wollen ihr Brasilien zurück: Indigenes Protestcamp 2022 © Jaqueline Lisboa / WWF
Wollen ihr Brasilien zurück: Indigenes Protestcamp 2022 © Jaqueline Lisboa / WWF

Indigene Territorien belegen insgesamt 13 Prozent der Fläche Brasiliens, beherbergen einen unschätzbaren kulturellen Reichtum und sind von zentraler Bedeutung für die biologische Vielfalt der Amazonasregion. Denn in ihnen sind 97 Prozent der natürlichen Vegetation noch erhalten. Unter der Bolsonaro-Regierung der letzten Jahre hat der Druck auf die Indigenen und ihre Gebiete erheblich zugenommen. Bleibt zu hoffen, dass Lula im Falle eines Wahlsieges hier tatsächlich eine deutliche Wende einleitet. Einen leichten Stand gegen die Wirtschaftsmächte des Landes wird er nicht unbedingt haben und wie mutig seine Umweltpolitik ausfällt, hängt auch davon ab, mit welcher Mehrheit er gewinnt.  

Der WWF Brasilien hat während der letzten Jahre kontinuierlich politische Lobbyarbeit betrieben, um ausbeuterische Gesetze zu blockieren und Indigene Territorien zu schützen. Der WWF stellt sich auch weiterhin an die Seite der Indigenen in Brasilien: Bei der Verteidigung ihrer Gebiete, aber zum Beispiel auch durch das gemeinsame Schaffen nachhaltiger Einkommensquellen und den Schutz vor giftigem Quecksilber, das beim Goldabbau im Amazonas eingesetzt wird.  

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