Seit 1994 schützt der WWF die biologische Vielfalt der Amur-Region, allen voran ihre seltenen Tiger und Leoparden. Einen Meilenstein bedeutete die offizielle Ausweisung des „Nordost-China Tiger und Leoparden Nationalparks“ im Oktober 2021. Mit über 1,4 Millionen Hektar ist es das größte Schutzgebiet für wilde Tiger und Leoparden und sichert an der chinesisch-russischen Grenze wichtige Wanderkorridore.
Die ökologisch höchst wertvolle Amur-Region erstreckt sich entlang des gleichnamigen Flusses über Russland, die Mongolei und China. Eine Vielzahl kontrastreicher Landschaften sorgt für außergewöhnliche Artenvielfalt. Einst durchstreiften Amur-Tiger und Amur-Leopard hier riesige Wälder. Heute leben sie zurückgedrängt nur noch im äußersten Nordosten des russisch-chinesischen Grenzgebiets. Der WWF gibt den nördlichsten Großkatzen unserer Erde wieder eine Zukunft und schützt die wertvolle Natur.
Die nördlichsten Großkatzen der Welt
Der Amur-Tiger ist die größte lebende Katze unserer Erde. Amur-Leoparden gehören zu den weltweit seltensten Säugetieren überhaupt. Beide Arten sind perfekt an die Winterkälte ihrer Heimat mit bis zu minus 45 Grad Celsius angepasst.
Nirgendwo gibt es ein nördlicheres Verbreitungsgebiet der Großkatzen. Doch ihr Überleben ist durch den Menschen massiv gefährdet. Grausame Schlingfallen-Wilderei, übermäßiger und illegaler Holzeinschlag und immer weniger Beutetiere haben die Amur-Tiger und -Leoparden an den Rand des Aussterbens gebracht.
Nachwuchs: Hoffnung für Chinas Amur-Tiger
Im Herbst 2025 belegen Aufnahmen aus einer Kamerafalle einen ermutigenden Erfolg: Sie zeigen erstmals eine Amur-Tigerin mit fünf Jungtieren in freier Wildbahn. „Das ist höchst ungewöhnlich, da die durchschnittliche Wurfgröße normalerweise bei zwei Jungtieren liegt“, so Markus Radday, Asien-Referent beim WWF Deutschland.
Es sind Funde wie diese, die Hoffnung machen, dass mehr und mehr Tiger in die Region zurückkehren, in der sie vor 30 Jahren durch Lebensraumverlust und Verfolgung beinahe ausgestorben waren.
Amur-Region in Nordost-China: Schlüsselrolle für Tiger
Auf russischer Seite haben sich die Tigerzahlen in den letzten Jahren durch neue Schutzgebiete und die stärkere Kontrolle der Wilderei äußert erfolgreich entwickelt.
Auch auf der chinesischen Seite steigen die Tigerzahlen. Allerdings nur sehr langsam. Noch immer sind die Tiger im Nordosten Chinas weit entfernt von einer stabilen Population.
Dabei könnten in den weiten Landschaften der chinesischen Amur-Region bis zu 300 Tiger wertvollen Lebensraum finden.
Die Wälder der nordostchinesischen Amur-Region könnten der Motor sein für eine genetisch vielfältige Wiederausbreitung der größten Tiger unserer Erde. Voraussetzungen sind allerdings gute Verbindungen zwischen den verschiedenen Habitaten und ausreichend große Beutepopulationen.
Wie der WWF in China Amur-Tiger und Leoparden schützt
Das größte Problem der Tiger und der noch selteneren Amur-Leoparden in Nordost-China ist nach wie vor ein Mangel an Beutetieren, bedingt durch die Schlingfallen-Wilderei in der Vergangenheit und durch den naturfernen Zustand der Wälder.
Die Bestandszahlen des Amur-Leoparden sind mit insgesamt weniger als 150 Tieren ebenfalls weiterhin besorgniserregend niedrig.
Um Tiger, Leoparden und ihre Lebensräume zu bewahren, setzt der WWF in der Amur-Region im Nordosten Chinas ein ganzes Bündel von Maßnahmen um:
- Eindämmung der Wilderei auf die Raubkatzen und ihre Beutetiere durch Training und Ausstattung von Ranger:innen
- Monitoring der Tiger- und Leopardenbestände, um geeignete Räume für Wanderkorridore zu identifizieren
- Verbesserung der Struktur und Artenvielfalt der Wälder durch waldbauliche Maßnahmen
- Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit
- Minderung von Mensch-Tiger-Konflikten durch rechtzeitige Erfassung von Tigern mithilfe automatisierter Video-Überwachungssysteme und durch die Beteiligung freiwilliger lokaler Ranger:innen.
Ohne Beute keine Tiger und Leoparden
Ein ausgewachsener Amur-Tiger braucht am Tag etwa neun Kilogramm Fleisch, also 60 bis 70 Rothirsche im Jahr.
Aber Tiger brauchen nicht nur ausreichend Beutetiere, sondern auch große Mahlzeiten.
Von Beute, die unter 50 Kilogramm wiegt, können sie sich auf Dauer nicht ernähren. Der energetische Aufwand der Jagd steht in keinem guten Verhältnis zur gewonnen Nahrungsenergie.
Tiger können mühelos Beute überwältigen, die schwerer ist als sie selbst. Doch insbesondere große Hirsche wie Rotwild und Sikawild fehlen.
Mit Technik gegen Wilderei von Katzen und Beutetieren
Jahrelange, konsequente Maßnahmen gegen die Wilderei der Raubkatzen und ihrer Beutetiere zeigen Erfolg: Seit 2014 verringerte sich die Zahl der Schlingfallen um 80 Prozent. Im Durchschnitt wird auf zehn Quadratkilometern nur noch eine Schlinge gefunden.
Wichtig sind regelmäßige Trainings und moderne Ausrüstung der Ranger:innen, damit diese die riesigen geschützten Wälder effektiver kontrollieren können. Dazu gehört der Einsatz moderner Software. So werden zum Beispiel die gesammelten Daten aus Patrouillen und Wildbeobachtungen mit Hilfe einer speziellen Software (SAMAP) ausgewertet und aufbereitet, um besonders die Brennpunkte der Wilderei gezielt zu kontrollieren.
Artenwunder Amur-Region
Mit über 4440 Kilometern Länge gehört der Amur zu längsten Flüssen der Welt. In seinem gesamten Verlauf ist er noch unverbaut: Es gibt keine Staudämme und Wasserkraftwerke!
Das riesige Amur-Becken vereint mehrere Klimazonen und unterschiedlichste Lebensräume. Die Region erlebt heiße, feuchte Sommer, die an die Subtropen erinnern und klirrend kalte, trockene Winter.
An der Spitze der Nahrungskette der Säugetiere stehen Amur-Tiger und Amur-Leopard. Doch das wertvolle Ökosystem aus Steppen, Feuchtgebieten und Wäldern bietet vielen weiteren Tier- und Pflanzenarten eine unvergleichliche Heimat. So zum Beispiel Bären, Elchen, Wölfen, fünf Kranicharten und 140 Fischarten. Die Nadel-Laubmischwälder der Region sind die biologisch vielfältigsten gemäßigten Wälder Asiens.
Endlich wieder wilde Wälder für Amur-Tiger und Amur-Leoparden
Heimat der Amur-Tiger und Amur-Leoparden sind die gemäßigten Nadel-Laubmischwälder des Amurbeckens. Doch die massiven Schädigungen dieser Wälder verhindern in ganz Nordostchina die Ausbreitung der Großkatzen. Zu lange wurden die Wälder von der Holzindustrie rücksichtslos eingeschlagen. Heute gelten Holzeinschlagsverbote.
Mit verschiedenen Forstämtern hat der WWF seitdem Pilotprojekte gestartet, um geschädigte Wälder und artenarme Plantagen zu renaturieren. „Auf Versuchsflächen testen wir zum Beispiel, welche waldbaulichen Maßnahmen - Bestände durchforsten, mit anderen Baumarten unterpflanzen, Äsungsplätze anlegen - am wirksamsten zur Gesundung beitragen“, erklärt Markus Radday vom WWF Deutschland.
Durch Anpflanzungen stellt der WWF in Chinas Amur-Region wilde Wälder wieder her und verbindet so wichtige und mögliche Tigerlandschaften.
Korridore für nötige Wanderungen
Damit die Großkatzen sich ausbreiten können, brauchen sie ökologische Korridore zwischen dem großen Nationalpark in Nordost-China und weiter westlich und südlich gelegenen Schutzgebieten.
Die Zerschneidung der Landschaft durch Verkehr und Infrastruktur ist ein Haupthindernis für die Ausbreitung der Tiger und Leoparden in das Inland Nord-Ostchinas. Basierend auf den Auswertungen von Habitatuntersuchungen und Tigervorkommen kartiert der WWF mögliche Wildtier-Korridore und schlägt Schutzzonen vor, die den Tieren ihre nötigen Wanderungen ermöglichen.
Frühwarnsysteme vor dem Tiger
Mensch-Tiger-Konflikte können das Verhältnis der Bevölkerung zum Naturschutz und ihre Einstellung Wildtieren gegenüber belasten. Bei Sichtungen droht Panik und die Kollision der Tiere mit Fahrzeugen.
Um in der relativ dicht bevölkerten Region rechtzeitig vor Tigerbegegnungen zu warnen, installiert der WWF Frühwarnsysteme in besonders kritischen Zonen. Dabei erfassen 360-Grad-Kameras jede Bewegung und senden die Bilder in Echtzeit per Digitalfunk an das Forstamt und die Smartphones der örtlichen Ranger:innen.
Das Ziel: 300 Amur-Tiger im Nordosten Chinas
Ob irgendwann tatsächlich wieder 300 Tiger durch die Wälder im chinesischen Teil der Amur-Region streifen werden, kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand sagen. Doch es gibt Anlass zu Optimismus: Die Überlebenschancen der Tiger haben sich deutlich verbessert.
Sie wandern zunehmend aus dem russischen Teil zurück in das chinesische Gebiet. Und zwei der wichtigsten Voraussetzungen für die Erhöhung der Tigerzahlen in der Amur-Region sind gegeben:
Es gibt ausreichend Lebensraum und der politische Wille ist da, dem Tigerschutz in der Amur-Region Priorität einzuräumen.
Jede entdeckte Tigerspur und besonders jeder Tigernachwuchs ist sowohl ein Zeichen der Hoffnung als auch eine Ermutigung, weiter für die Zukunft von Chinas Amur-Tigern zu arbeiten.
Indem wir Spitzen-Prädatoren wie die Tiger und Leoparden schützen, bewahren wir außerdem wertvolle Lebensräume für die vielen weiteren Arten, die in der abwechslungsreichen Amur-Region ihr wichtiges Zuhause haben.
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Artenvielfalt der Ökoregion Amur -
Tiger