2020 geht als weiteres Katastrophenjahr in die Geschichte der schmelzenden Arktis ein - nur 2012 wurde weniger Eis im Sommer gemessen. Damit sieht die Zukunft für die arktische Tierwelt düster aus: Wenn tatsächlich schon 2035 der Nordpol und die arktischen Meere im Sommer komplett eisfrei sein sind, wie Expert:innen jetzt prognostizieren, dann schmilzt Eisbär, Walross und anderen Tieren der Arktis der Lebensraum buchstäblich unter den Pfoten beziehungsweise Flossen weg.

Das Auftauen des Permafrostes und das Verschieben der Baumgrenze werden ganze Landschaftsbilder für Rentiere und Karibus verändern. Steigende Meere und häufigere Sturmfluten werden die Brutgebiete vieler Vogelarten auch in Europa zerstören. Die Eisschmelze und der Anstieg des Meeresspiegels sind selbst für anpassungsfähige Tiere wie den Eisbären eine Katastrophe.

Es wird eng für den König der Arktis

Ein Eisbär steht auf einer Eisscholle © Richard Barrett / WWF-UK
Ein Eisbär steht auf einer Eisscholle © Richard Barrett / WWF-UK

Bis 2050 könnte ein Drittel der weltweiten Eisbärpopulationen verschwunden sein, wenn das Packeis weiter schmilzt. Auf dem Eis jagen Eisbären nach Robben und suchen nach einer Partnerin oder einem Partner. Im Sommer muss er nun immer öfter an Land und wochenlange Hungerperioden überstehen. Doch der arktische Sommer wird immer länger, das Eis auf dem Meer zieht sich immer schneller zurück. Plötzlich gibt es sogar Gebiete, in denen Eisbären auf Braunbären und Schwarzbären treffen und zu Nahrungskonkurrenten werden könnten, wie im Wapusk-Nationalpark in der kanadischen Hudson Bay.

Verliert der Eisbär seine Jagdgründe auf dem Eis und findet weniger Futter, kommen auch weniger junge Eisbären zur Welt und die Sterblichkeit der Jungtiere steigt. Er muss auf das Land ausweichen, wo er auch auf Müllhalden und in Dörfern nach Futter sucht. Gefährliche Situationen, bei denen hungrige Eisbären sich Menschen nähern und dann oft zum Selbstschutz erschossen werden müssen, nehmen stetig zu. Zuletzt kam im August 2020 bei einem solchen Eisbärangriff ein Mann auf einem Campingplatz auf Spitzbergen auf tragische Weise ums Leben.

Eisbärenmütter sind für den Bau von Schneehöhlen für die Geburt und Aufzucht ihrer Jungen auf ungestörte Gebiete an Land angewiesen. Umso wichtiger ist es, diese Kinderstuben unter Schutz zu stellen.

Gefährliches Gedränge - Walrosse an den Küsten der russischen Arktis

Wie der Eisbär lebt auch das Walross auf dem Eis. Riesige Walrosspopulationen von insgesamt 200.000 Tieren leben in der Laptewsee sowie im Beringmeer und der Tschuktschensee, die sich normalerweise in kleinen Gruppen auf den Eisschollen verteilen. Der Rückzug des Packeises führt dazu, dass sie sich nun zu Tausenden an sogenannten Haulout-Plätzen an der Küste sammeln. Diese Rückzugsorte der Walrosse sind oft so überfüllt, dass es immer wieder zu Stress- und Fluchtsituationen und zum Erdrücken von Jungtieren kommt. Nahe dem ostsibirischen Dorf Wankarem lagerten im Frühjahr 2020 über 10.000 Tiere, weil sie nicht auf das Packeis ausweichen konnten. Dabei wurden hunderte Walrosse erdrückt. 200 Walrosskadaver mussten Mitarbeiter:innen von WWF Russland und lokale Bewohner:innen mit einem Trecker von der Ortschaft wegschaffen, um Eisbären fernzuhalten.

Wilde Rentierkälber in Not

Rentiere in der Arktis © Dmitry Deshevykh / WWF Russland
Rentiere in der Arktis © Dmitry Deshevykh / WWF Russland

Die wilden Rentiere in Nordeuropa und Sibirien sowie ihre nordamerikanischen Verwandten, die Karibus, wandern von ihren Winterweiden im Süden nahe der Waldgrenze über mehr als tausend Kilometer zu ihren Sommerweiden nahe der Küste im Norden, wo sie die frischen Pflanzen der sommerlichen Tundra fressen können. Dort bekommen sie auch in angestammten Gebieten ihre Jungen. Tauen die Flüsse zu früh im Jahr auf, müssen die neugeborenen Kälber die großen sibirischen Flüsse mit der Herde durchschwimmen. Viele der Jungen unterkühlen dabei, werden geschwächt, driften ab oder ertrinken. Auf ihren Wanderrouten sind Rentiere außerdem auf weitläufige, nicht von Pipelines, Bahngleisen oder Industrieanlagen zerteilte Areale angewiesen.

Narwal, Beluga und Grönlandwal

Narwale suchen unter dem Packeis Zuflucht vor Orcas. Von Belugawalen weiß man, dass sie unter dem Eis mehr als 1.000 Meter tief tauchen, um Nahrung zu finden. Zum Atmen tauchen sie in einem sich ständig verändernden Mosaik aus Rissen, Löchern und Brüchen im Eis wieder auf. Der beeindruckende Grönlandwal kann mit seinem Kopf sogar bis zu 30 Zentimeter dicke Eisschichten durchbrechen. Seine Bestände haben sich noch immer nicht vollständig von den Hochzeiten des Walfangs erholt.

Mit dem Schwinden des Eises wird die Arktis zugänglich für Schiffsverkehr. Mehr Schiffe bedeuten jedoch mehr Lärm, der sich auch unter Wasser fortträgt. Da Wale über Schall kommunizieren, kann ihre Fähigkeit, Nahrung und Partner zu finden, zu navigieren, Raubtiere zu meiden und sich um Junge zu kümmern, durch Schiffslärm beeinträchtigt werden. Auch die Gefahr von Kollisionen mit Schiffen erhöht sich, genau wie die Verschmutzung mit Plastikmüll und Öl- oder Treibstoffaustritten.

Das Schwinden des Eises und wärmere Meere könnten auch dazu führen, dass sich das Nahrungsangebot in den arktischen Meeren verändert, Fischschwärme ihre Wanderrouten ändern oder bestimmte Arten gar nicht mehr vorkommen. Ob die Wale der Arktis sich diesen Veränderungen anpassen können, ist ungewiss.

Kein Platz für Zug- und Küstenvögel?

Zugvögel im Herbst in Alaska © Elisabeth Kruger / WWF-US
Zugvögel im Herbst in Alaska © Elisabeth Kruger / WWF-US

Auf den Inseln, Halligen und an den Wattenmeerküsten der Nordsee sammeln sich jedes Jahr im Frühling und Herbst rund zehn Millionen Watvögel, Enten und Gänse, um sich für den weiten Flug in ihre Brutgebiete oder Winterquartiere genug Kalorien anzufuttern. Unermüdlich sieht man sie dann in großen Gruppen im Watt und auf Salzwiesen nach Essbarem stochern. Doch wenn das Meer zu schnell steigt, gehen diese überlebenswichtigen Nahrungsflächen für Alpenstrandläufer, Knutt und andere Langstreckenzieher unwiederbringlich verloren. Für den bei uns wohl bekanntesten Küstenvogel, den Austernfischer, und eine Million weiterer Vögel sind Watt und Wiesen aber nicht nur Nahrungsflächen, sondern auch Brutplätze. Mit dem Ansteigen des Meeresspiegels und der zunehmenden Überschwemmung durch Sturmfluten ist die Aufzucht ihrer Jungen bedroht.

"Ruhe bitte!" - Schutzgebiete für bedrohte Arten

Wir brauchen jetzt dringend gut miteinander vernetzte und großflächige Schutzgebiete, die der Tierwelt als Rückzugsorte für die Anpassung an den Klimawandel dienen. Auch die arktischen Meere müssen vor industrieller Ausbeutung geschützt werden und Ruhezonen für Meeressäuger und Fischschwärme bieten. Daran müssen Naturschutzverbände, lokale Gemeinden und Politik über Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiten.

Mithilfe von Patenschaften und Spenden konnten in Kanada und in der russischen Arktis wichtige Schutzprojekte realisiert werden. Mithilfe von GPS-Sendern wird in der Hudson Bay derzeit erforscht, wie Eisbären auf einen veränderten Lebensraum reagieren, aber auch, wann und wo sie sich Siedlungen nähern und wie Menschen am besten geschützt werden können, ohne den Eisbären zu schaden.

In der russischen Arktis unterstützt der WWF die Ausweisung von neuen Schutzgebieten durch ökologische Gutachten, Kartierungen und öffentliche Anhörungen. Erfolge dieses langfristigen und oft mühseligen Prozesses waren 2019 die Ausweisung des Kytalik Nationalparks und die Unterschutzstellung der Medweschji-Inselgruppe in der Republik Sacha in Jakutien sowie des Kolgujewski-Naturreservats auf der Insel Kolgujew im Autonomen Kreis der Nenzen. Für die Eisbären ist das neue Schutzgebiet auf den sechs Medweschji-Inseln ein Segen, denn hier überwintern die trächtigen weiblichen Eisbären in Schneehöhlen und bringen geschützt vor den eisigen Temperaturen und Schneestürmen ihre Jungen zur Welt.

 

Narwal-Gruppe © Paul Nicklen/National Geographic Stock / WWF-Canada
Narwal-Gruppe © Paul Nicklen/National Geographic Stock / WWF-Canada

Um Konflikten zwischen Menschen und Eisbären vorzubeugen, führt der WWF in Kanada und in der russischen Arktis Eisbärpatrouillen durch. In Tschukotka, dem Autonomen Kreis der Tschuktschen im äußersten Osten Sibiriens, half ein gespendeter Traktor der örtlichen Gemeinde Ryrkaipiy dabei, erdrückte Walrosse aus dem Umkreis des Dorfes zu entfernen. Eine traurige, aber wichtige Arbeit, um Angriffen von Eisbären auf die Siedlung vorzubeugen.

Wie Eisbären werden auch Narwale von WWF Naturschützer:innen mit Satellitensendern versehen, um ihre Wanderungen nachvollziehen zu können und aus den Ergebnissen besonders schützenswerte Meeresgebiete ausmachen zu können.

In Europa wird der Küstenschutz allmählich an die Bedrohungen durch den steigenden Meeresspiegel angepasst. Solche Planungen müssen aber im Einklang mit der Natur geschehen und auf ihre Nachhaltigkeit geprüft werden, anstatt die Natur durch Sperrwerke und Betondeiche noch weiter zu beeinträchtigen.

Das wichtigste Ziel: 1,5 Grad

Um die Schönheit und Einzigartigkeit der arktischen Gebiete für Eisbär, Walross, Rentier und auch das Überleben der örtlichen Indigenen trotz der Eisschmelze zu bewahren, müssen wir schnell handeln. Das wichtigste Ziel muss die Begrenzung der globalen Erderhitzung auf 1,5 Grad Celsius sein. Radikale und schnelle Veränderungen im Energiesektor, bei Landwirtschaft und Verkehr sind dazu notwendig.

Gemeinsam können wir es schaffen, den faszinierenden Tieren der Arktis bei ihrer Anpassung an die Folgen der Eisschmelze zu helfen, vom Meeresspiegelanstieg bedrohte Lebensräume auch bei uns zu schützen und die weitere Zerstörung von Landschaften und die Anheizung des Klimas durch fossile Industrien zu stoppen.

Tragen Sie zum Schutz der Arktis bei

  • Eisbärin mit zwei Jungtieren © Richard Barrett / WWF-UK Arktis

    Die Arktis gehört zu den am wenigsten vom Menschen erschlossenen Gebieten auf der Erde - geprägt von einem hochempfindlichen Ökosystem. Weiterlesen ...