Wale und Schiffe teilen sich schon lange die Meere, doch der weltweit zunehmende Schiffsverkehr – immer größere Schiffe, immer schnelleres Tempo – bewirkt, dass ihre Welten sich mehr und mehr überschneiden. Mit verheerenden Folgen.

Ein von einem Schiff verletzter Blauwal © NaturePl / TonyWu
Ein von einem Schiff verletzter Blauwal © NaturePl / TonyWu

Für eine Reihe von Walarten gehören Kollisionen mit Schiffen mittlerweile weltweit zur einer der Haupttodesursachen, dabei ist ihr Bestand oft schon durch jahrzehntelangen Walfang bedroht oder gefährdet. Je schneller die Schiffe unterwegs sind, desto größer ist die Gefahr eines Zusammenpralls.

So ein Unfall endet für die Wale häufig unmittelbar tödlich oder bringt ihnen durch die Schiffsschrauben tiefe Schnittverletzungen bei, durch die sie langsam und qualvoll verenden. Derzeit ist die wirksamste Methode, Kontakt zwischen Walen und Schiffen zu verhindern, die räumliche Trennung und eine Drosselung der Geschwindigkeit, mit der die Schiffe Gebiete mit hoher Waldichte durchqueren dürfen.

Die Durchsetzung dieser Maßnahmen ist eine Herausforderung, da einige der am stärksten befahrenen Schifffahrtsrouten direkt durch wichtige Lebensräume der Wale führen. Zum Schutz dieser Tiere müssen wir dringend auch ihre Lebensräume schützen.

Der Schiffsverkehr und die Wale

Eine stark bedrohte Wal-Art ist in Gefahr

Glattwal © Brian. J. Skerry / National Geographic
Glattwal © Brian. J. Skerry / National Geographic

Ein solches Gebiet ist der westliche Nordatlantik entlang der Ostküste Nordamerikas und Kanadas, in dem der vom Aussterben bedrohte Nordatlantische Glattwal oder Nordkaper lebt, von dem es weltweit nur noch weniger als 400 Exemplare gibt. In den vergangenen fünf Jahren hat die Erderwärmung dazu geführt, dass sie in den Sommermonaten zur Nahrungssuche vom Golf von Maine in den Sankt-Lorenz-Golf ausweichen müssen – ein Gebiet mit hohem Schiffsaufkommen. 

„Nordatlantische Glattwale halten sich oft an der Wasseroberfläche auf und befinden sich auf ihren Wanderungen meist in Küstennähe, wo der Schiffsverkehr am stärksten ist, weshalb für sie ein besonders hohes Risiko für Kollisionen besteht“, sagt Aurelie Cosandey-Godin vom WWF-Kanada. 

„Seit 2017 setze ich mich im Namen des WWF-Kanada im “Transport Canada Advisory Committee” - ein ratgebendes Gremium in der staatlichen Behörde, die den kanadischen Verkehr reguliert - für den Schutz dieser Wale ein. Wir unterstützen außerdem die verschiedenen Initiativen der Schifffahrtsindustrie – unter anderem mit der zweiten Ausgabe des Mariner’s Guide to Whales in the Northwest Atlantic, der über eine neue Karte verfügt, die zeigt, wo sich die Wale im Golf aufhalten. Außerdem bietet er eine Übersicht der Maßnahmen, wie mögliche Kollisionen verhindert werden können.“

Unfälle trotz Schutzmaßnahmen

In fast sechzig Prozent des Sankt-Lorenz-Golfs gelten besondere Vorgaben, darunter zum Beispiel Geschwindigkeitsbegrenzungen oder absolutes Fahrverbot in Gebieten, die den Glattwalen zur Nahrungssuche dienen. Auch technische Hilfsmittel – von Luftüberwachung bis hin zu akustischen Empfängern – kommen im großen Umfang zum Einsatz, um die Bewegungen der Wale zu verfolgen und entsprechend nötige Maßnahmen verhängen zu können. 

Trotz dieser gemeinsamen Anstrengungen von Regierungen, Industrie und Naturschutzverbänden wie dem WWF sind zwischen 2017 und 2021 vierunddreißig Glattwale vor der Küste der USA und Kanadas tödlich verunglückt, sei es durch direkte Zusammenstöße oder durch ein Verfangen in Fischernetzen. Bei einer derart bedrohten Art ist schon der Verlust eines einzelnen Tieres gefährlich für den Bestand und damit das Überleben der Glattwale.

Auch im Mittelmeer sind Wale bedroht

Finnwal im Mittelmeer © WWF France
Finnwal im Mittelmeer © WWF France

Doch nicht nur der WWF Kanada steht für die Belange von Meeressäugern ein, denn der Nordatlantische Glattwal ist nicht die einzige bedrohte Art. Auf der „Roten Liste“ der Weltnaturschutzunion sind auch die Finn- und Pottwale des Mittelmeers als gefährdet und stark gefährdet geführt. Schon seit über zwanzig Jahren setzt sich der WWF auch dort für den Schutz dieser Tiere ein, allen voran Théa Jacob, Expertin für Meeressäugetiere und nachhaltige Fischerei beim WWF Frankreich. 

„Das Mittelmeer ist ein einzigartiges Ökosystem, das zu den gefährdetsten überhaupt gehört. Im Verhältnis zu seiner kleinen Fläche ist es eines der meistbefahrenen Gewässer der Welt. Zwanzig Prozent des weltweiten Handels, zehn Prozent des weltweiten Containeraufkommens und mehr als 200 Millionen Passagiere durchqueren es jährlich. Schiffskollisionen sind eine der Haupttodesursachen für Großwale in diesem Gebiet“, sagt Jacob. 

„Wir haben die Entwicklung und Umsetzung von REPCET unterstützt, einem System, das die Meldung von Walsichtungen in Echtzeit ermöglicht, um Kollisionen zu verhindern. Aber das ist nur eine von vielen Maßnahmen. Geschwindigkeitsbegrenzungen, Fahrverbote und Verkehrstrennungsgebiete haben sich beim Schutz bewährt – eine Drosselung der Geschwindigkeit sogar als effektivstes Mittel. Gerade arbeiten wir mit den wichtigsten Interessenvertreter:innen und Ministerien zusammen am Ausbau dieser Lösungen, außerdem setzen wir uns dafür ein, dass das nordwestliche Mittelmeer zur einem besonders sensiblen Seegebiet (Particularly Sensitive Sea Area (PSSA)) erklärt wird.“ 

Die vom WWF geforderten Maßnahmen sind dringend nötig, da der Schiffsverkehr weltweit permanent zunimmt und somit auch die Gefahr für Wale stetig steigt. Der weltweite Seehandel hat sich zwischen 1992 und 2013 um 300 Prozent gesteigert, ein Trend, der sich in den letzten Jahren nur weiter fortgesetzt hat.

Aufgeben ist keine Option

Wale und Delfine © Antonio Busiello / WWF US
Wale und Delfine © Antonio Busiello / WWF US

Was Abhilfe schaffen kann, zeigt der Bericht „Shipping and cetaceans“ des WWF von unter anderem Cosandey-Godin und Jacob, der im Juni 2021 erschienen ist. Die dort aufgelisteten Vorschläge reichen von einer Verlegung der Routen, um wichtige Lebensräume zu schützen, über die Verhängung von permanenten oder saisonalen Geschwindigkeitsbeschränkungen (von weniger als zehn Knoten) bis hin zur Reduktion des Unterwasserlärms, indem geräuschmindernde Technologien an den Schiffen zum Einsatz kommen. Gedacht ist es als Handreichung für politische Entscheidungsträger:innen. 

„Die Welt und ihre Gefahren entwickeln sich stets weiter, was uns alle auch zukünftig zur Zusammenarbeit unter immer wieder neuen Vorzeichen zwingen wird“, sagt Cosandry-Godin. „Aber Aufgeben ist keine Option.“

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