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Stand: 21.11.2018

Das Eis wird dünn - Walross, Rentier und Eisbär unter dem Einfluss des Klimawandels

Auch wenn es schwer vorherzusagen ist, wie genau der Klimawandel die Ökosysteme der Arktis beeinflussen wird, sind die Prognosen besorgniserregend. Das hat vor allem einen Grund: Das Zusammenspiel von Pflanzen und Tieren in der Arktis wird von den extremen Temperaturunterschieden, kurzen Vegetationsperioden, Eisbedeckung, Permafrost und Kälte beeinflusst und ist genau aufeinander abgestimmt. Durch die Erderhitzung gerät dieses Zusammenspiel aus dem Gleichgewicht. Welche Folgen hat es für die Tier- und Pflanzenwelt der arktischen Gebiete, wenn der Klimawandel ungebremst fortschreitet?

Walross © Wild Wonders of Europe / Ole Joergen Liodden / WWF
Walross © Wild Wonders of Europe / Ole Joergen Liodden / WWF

Es wird eng für den König der Arktis

Der eigentliche Lebensraum des Eisbären ist das Meereis, das den größten Teil des Jahres riesige Flächen des Polarmeeres bedeckt. Hier jagt er nach Robben und jungen Walrossen. Im Sommer muss er an Land oft wochenlange Hungerperioden überstehen. Doch der arktische Sommer wird immer länger, das Eis auf dem Meer zieht sich zurück. Prognosen gehen davon aus, dass die Arktis 2050 im Sommer komplett eisfrei ist.

Eisbär © Richard Barrett / WWF UK
Eisbär © Richard Barrett / WWF UK

Verliert der Eisbär seine Jagdgründe auf dem Eis, findet er weniger Futter, wodurch weniger junge Eisbären zur Welt kommen und die Sterblichkeit von Jungtieren steigt. Er muss auf das Land ausweichen, wo er auch auf Müllhalden nach Futter sucht. Dort gewöhnt er sich an den Geruch von Menschen und bringt sie mit Futter in Verbindung. Gefährliche Zwischenfälle, bei denen hungrige Eisbären sich Menschen nähern und dann oft zum Selbstschutz erschossen werden, nehmen stetig zu. Schon bis 2050 könnte ein Drittel der weltweiten Eisbärpopulationen verschwunden sein. 

Eisbärenmütter bekommen ihre Jungen in Schneehöhlen, in denen sie sie auch über mehrere Wochen lang aufziehen. Weil es immer weniger Meereis gibt, sind sie für den Bau dieser Höhlen immer mehr auf ungestörte Gebiete an Land angewiesen. Umso wichtiger ist es, diese neuen Kinderstuben nun unter Schutz zu stellen.

Gefährliches Gedränge - Walrosse an den Küsten der russischen Arktis

Wie der Eisbär, lebt und jagt auch das Walross auf dem Eis. Riesige Walrosspopulationen von insgesamt 200.000 Tieren leben in der Laptewsee sowie im Beringmeer und der Tschuktschensee. Der Rückzug des Packeises führt dazu, dass sie sich nun zu Tausenden an sogenannten Haulout-Plätzen an der Küste sammeln. Diese Rückzugsorte der Walrosse sind regelrecht überfüllt, so dass es immer wieder zu Stress- und Fluchtsituationen und dabei sogar zum Erdrücken von Jungtieren kommt. Auch Krankheiten können sich hier schneller ausbreiten. Erreichen die Walrosse ihre Nahrungsgründe auf dem offenen Meer nicht mehr, steigt außerdem die Nahrungskonkurrenz.

Rentiere © Dmitry Deshevykh / WWF Russland
Rentiere © Dmitry Deshevykh / WWF Russland

Wilde Rentiere - die Landschaftspfleger der Tundra

Beim wilden Rentier zeigt sich besonders, wie wichtig die klimatischen Bedingungen zu ganz bestimmten Zeitpunkten für das Überleben einer Tierart in der Arktis sind. Rentierweibchen kalben im Mai und Juni, wenn der arktische Frühling beginnt und die Pflanzen besonders nährstoffreich sind. Verschiebt sich diese nährstoffreiche Phase nach vorne, nehmen die Kälber über die Muttermilch weniger Nährstoffe auf und könnten anfälliger für Krankheiten werden.

Die Rentiere wandern von ihren Winterweiden im Süden nahe der Waldgrenze über mehr als tausend Kilometer zu ihren Sommerweiden nahe der Küste im Norden, wo sie die frischen Pflanzen der sommerlichen Tundra fressen können. Dort bekommen sie auch in angestammten Gebieten ihre Jungen. Tauen die Flüsse zu früh im Jahr auf, müssen die neugeborenen Kälber die großen sibirischen Flüsse mit der Herde durchschwimmen. Viele der Jungen unterkühlen dabei, werden geschwächt, driften ab oder ertrinken. Auf ihren Wanderrouten sind Rentiere außerdem auf große, nicht von Pipelines, Bahngleisen oder Industrieanlagen zerteilte Areale angewiesen.

Auf diesen langen Wanderungen kommt den Rentieren außerdem eine wichtige ökologische Funktion zu: Durch ihren Dung versorgen sie den Boden mit Nährstoffen. Da meist nur die dünne Schicht an der Oberfläche des Bodens taut, sind Nährstoffe für die Pflanzen begrenzt. Der Dung der Rentiere liefert diese. Außerdem festigen sie durch ihren Huftritt die Bodenstruktur, wenn sie zu tausenden über die Tundra laufen.

Nicht nur der Klimawandel, auch Wilderei bedroht die wilden Rentiere: Ihre Zungen gelten als Delikatesse, ihre Geweihe werden zu vermeintlicher Medizin verarbeitet. Auf ihren Kontrollrunden finden Wildhüter ganze Schlachtfelder mit getöteten Rentieren vor. Von vormals geschätzten 800.000 bis eine Million wilden Rentieren in der Taimyr Region gibt es inzwischen nur noch 350.000 bis 400.000.

Der Krabbentaucher - kleiner Tollpatsch in Not

Wie ein riesiger Schwarm übergroßer schwarz-weißer Hummeln fliegen die etwas plump wirkenden Krabbentaucher um ihren Brutfelsen. Der an einen zu klein und zu dick geratenen Pinguin erinnernde Vogel gehört zu einer von vielen faszinierenden Vogelarten der Arktis, deren hochspezialisierte Lebensweise ihm in einer immer wärmer werdenden Umwelt zum Verhängnis werden könnte.

Auf dem Speiseplan des Krabbentauchers steht nämlich hauptsächlich ein einziges Tier: Der nur wenige Millimeter große Ruderfußkrebs. Er besitzt eine kalkhaltige Schale, die ihn vor Fressfeinden schützen soll. Doch das Treibhausgas CO2 wird auch von den Ozeanen aufgenommen. Durch chemische Prozesse im Meer wird aus dem Kohlenstoff Karbonsäure gebildet, was zu einer Absenkung des pH-Wertes führen kann. Das versauerte Meerwasser greift wiederum die Schale des Ruderfußkrebses an. Ihr Aussterben wäre eine Katastrophe - nicht nur für den Krabbentaucher, sondern für das ganze marine Ökosystem der Arktis.

Ringelgänse © Elisabeth Kruger / WWF US
Ringelgänse © Elisabeth Kruger / WWF US

Zugvögel zwischen Anpassung und Bedrohung

Jedes Jahr im April feiert man an der schleswig-holsteinischen Wattenmeerküste die Ringelganstage. Rund 50.000 Ringelgänse finden sich dann auf Weiden und Marschland ein, um sich für ihre letzte Etappe genug Kalorien anzufuttern. Ihr Ziel: Die arktischen Küstenregionen in Sibirien. Hier treffen neben Zehntausenden der hübschen dunklen Gänse auch Millionen weiterer Zugvögel ein, die in den Küsten- und Feuchtgebieten der Tundra Brutplätze und Nahrung finden. Doch die Zugwege vieler Zugvögel ändern sich bereits, manche werden "zugfaul" und legen immer kürzere Wege zurück. Wissenschaftler konnten bereits nachweisen, dass manche Zugvögel pro Grad Celsius Erderwärmung um 2,5 bis 3,3 Tage früher in ihren Brutgebieten ankommen. Ändern die Zugvögel ihre Zugwege, könnte sich die Artenzusammensetzung in ihren Überwinterungsgebieten nachhaltig verändern und im Extremfall auch dazu führen, dass ganze Arten aussterben.

Andererseits gibt es auch Zugvögel, deren Zugverhalten genetisch programmiert ist. Sie fliegen immer zum selben Zeitpunkt in ihre Brut- oder Überwinterungsgebiete und haben kaum Chancen, sich an vom Klimawandel verursachte Veränderungen anzupassen.

Darüber hinaus könnten Brut- und Rastplätze der Zugvögel in den Küstenregionen zunehmend unter dem ansteigenden Meeresspiegel verschwinden. Auch die Rastgebiete der Ringelgans an unserer Nordseeküste sind von diesem Szenario betroffen.

Schwere Zeiten für arktische Spezialisten

Weiter südlich vorkommende Pflanzenarten breiten sich bereits jetzt immer weiter nach Norden aus und verdrängen hochspezialisierte und seltene Pflanzenarten wie das zierliche Hungerblümchen. Die Baumgrenze verschiebt sich nach oben und das zeitlich genau abgestimmte Zusammenspiel aus Insektenentwicklung und Pflanzenbestäubung gerät durcheinander. Der Klimawandel verändert ganz konkret ökologische Gemeinschaften und beeinflusst schon jetzt die Artenvielfalt.

"Ruhe bitte!" - Schutzgebiete für bedrohte Arten

Um die Schönheit und Einzigartigkeit der arktischen Gebiete für Eisbär, Walross und Rentier zu bewahren, müssen wir schnell handeln. Noch können wir den Klimawandel bremsen und die globale Erderwärmung zumindest auf 1,5 Grad Celsius begrenzen. Radikale und schnelle Veränderungen im Energiesektor, bei Landwirtschaft und Verkehr sind dazu notwendig. Vor Ort brauchen wir gut miteinander vernetzte und großflächige Schutzgebiete, die für die arktischen Tier- und Pflanzenarten Rückzugsorte für die Anpassung an den Klimawandel schaffen.

   
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