Der WWF arbeitet seit 2011 an der Ammer. Zusammen mit ihrem Oberlauf, der Linder, macht sie ihrem Namen als Wildfluss noch alle Ehre. Die Linder wälzt große Mengen an Kies und Geröll aus dem Gebirge ins Tal. Kein Speicher, kein Großkraftwerk bremst den Lauf der Ammer, ihre Ablaufdynamik ist weitgehend intakt. Sie ist ein Hotspot der biologischen Vielfalt. 28 Fischarten leben in dem Gewässer. In der Canyon-artigen, fast 30 Kilometer langen Ammerschlucht kann man erahnen, wie viel Kraft in dem Wildfluss steckt.

Hotspotprojekt „Alpenflusslandschaften“

Renaturierung der Ammer © Philipp Gülland / WWF
Bei der Renaturierung der Ammer ziehen viele an einem Strang © Philipp Gülland / WWF

Im Hotspot-Projekt „Alpenflusslandschaften“ engagierte sich der WWF Deutschland von Oktober 2014 bis März 2021 mit 18 Partnern dafür, die ökologische Situation von Ammer, Isar und Lech zu verbessern. In den sechs Jahren der Projektlaufzeit haben 18 Partnerorganisationen 68 Maßnahmen an Isar, Ammer, Lech und Wertach umgesetzt: Bagger waren im Einsatz, die Befreiung der Ammer aus ihrem Korsett wurde geplant, seltene Pflanzenarten wurden an Flussufern ausgesetzt, kleine Seeforellen in die Ammer entlassen, es wurde gemäht, entbuscht und auch Ziegen, Esel und Rinder zum Erhalt von Silberwurz, Sumpfgladiole und Frauenschuh eingesetzt. Zeitgleich entstanden fruchtbare Kooperationen getragen vom Willen, gemeinsam für den Erhalt vielfältiger Flusslandschaften einzustehen. Das Projekt wurde vom Bundesamt für Naturschutz im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt, mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit sowie mit Mitteln des Bayerischen Naturschutzfonds gefördert. Am 2. Februar 2021 wurde das Projektende und die Erfolge des Hotspot-Projekts „Alpenflusslandschaften – Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze“ bei einer virtuellen Abschlussveranstaltung gewürdigt. Der bunt bebilderte Ergebnisbericht zum Hotspot-Verbundprojekt erläutert anschaulich die Projekterfolge.

Mit vereinten Kräften lässt sich viel bewegen

Der Schutz und die ökologische Entwicklung von Flüssen brauchen einen langen Atem. Viele Interessen müssen berücksichtigt werden. Ein Wildfluss braucht Platz! Zentral ist die Frage, wie die Flächen genutzt werden, die an ein Gewässer angrenzen: Darf der Fluss seinen Lauf verändern und dadurch einige der artenreichsten Lebensräume unserer Naturlandschaft formen? Das bestimmt maßgeblich der Eigentümer der Flächen. Deshalb arbeitet der WWF eng mit Flächeneigentümern zusammen, beispielsweise mit den Bayerischen Staatsforsten und dem Freistaat Bayern (Wasserwirtschaftsamt Weilheim) bei der Planung der Deichrückverlegung an der Ammer im Bereich des Schnalzwehres. Zukünftig soll sich die Ammer in diesem Abschnitt, der in den 1960er Jahren nach einer Haldenrutschung begradigt wurde, auf zehn Hektar wieder in die Aue ausbreiten können. Voraussichtlich im Winterhalbjahr 2022/23 werden die Bagger rollen, um die Ammer aus ihrem Korsett zu befreien. Sobald sich der Fluss dann ausgebreitet, ein neues Bett gesucht, und das aktuell noch notwendige Stützwehr umflossen hat, könnte auch der Rückbau des so genannten Schnalzwehres in Angriff genommen werden. Damit würde eine freie Fließstrecke von insgesamt 16 Kilometern an der Ammer entstehen. Ein Videoclip zur Renaturierung an der Ammer zeigt, wie die Idee zur Renaturierung entstand und was geplant ist.

Unser Ziel: Frei fließende Flüsse

Unseren Flüssen fehlt heutzutage nicht nur der Raum zur Ausbreitung in die Fläche. Ihr Lauf wird von vielen Querbauwerken behindert. Für Bayern erfasste das Landesamt für Umwelt knapp 57.000 Barrieren. 95 Prozent davon sind kleiner als zwei Meter hoch. Dennoch ist nur rund jede zehnte davon vollständig durchwanderbar für flussaufwärts schwimmende Fische. Und nur etwa 18 Prozent der bayerischen Flüsse sind in einem guten ökologischen Zustand (Stand: 2020)! Details zu den Querbauwerken in bayerischen Flüssen erfahren Sie in dem WWF-Hintergrundpapier „Lasst den Flüssen ihren Lauf“ vom Sommer 2020.

In den Alpen wird der Ausbau der Wasserkraft politisch weiter forciert. Auch in Bayern gibt es vielerorts Pläne, bestehende Querbauwerke mit Kleinwasserkraftwerken nachzurüsten. Ein Rückbau der Querbauwerke wird damit verhindert. Das Ziel, mehr frei fließende Flüsse, gerät in weite Ferne. Gesetze verpflichten uns, die flusstypische Artenvielfalt zu erhalten. Doch Fakt ist: Die Bestände von Süßwasserarten sind seit 1970 weltweit um 83 Prozent eingebrochen (Living Planet Report 2018, WWF). Ein konsequenter Rückbau von Barrieren könnte helfen, mehr Leben in unsere Flüsse zurück zu bringen. Das zeigen Beispiele aus Europa. WWF Deutschland, Österreich und Schweiz wollten sich von der weltweiten Dammrückbau-Bewegung inspirieren lassen und von ihren Erfahrungen lernen. Zusammen mit regionalen und internationalen Partnern organisierten sie von 4.-7. Mai 2021 die virtuelle Online-Seminar-Reihe „Dam Removal goes Alps“.

Zudem hat der WWF Deutschland zusammen mit den Organisationen BUND Naturschutz, Landesfischereiverband Bayern und Bayerischer Kanuverband Forderungen für frei fließende Flüsse in Bayern formuliert, die mit Vertretern des Bayerischen Umwelt- und Wirtschaftsministeriums diskutiert werden. Die Forderungen für lebendige Flüsse in Bayern sind hier nachzulesen.

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