Unsere Flüsse und Bäche wurden vor langer Zeit von unseren Vorfahren verändert, um sie nutzbar zu machen. Der WWF renaturiert Fließgewässer - und macht sie wieder lebendig.

Postcode Lotterie Scheckübergabe © Florian Vangierdegom / Postcode Lotterie
Postcode Lotterie Scheckübergabe © Florian Vangierdegom / Postcode Lotterie

Wir schwimmen in Seen, ohne zu merken, dass sie früher einmal Flüsse waren, die durch eine Staumauer abrupt zum Stillstand gebracht wurden. Wir verbringen unsere Freizeit auf schnurgeraden Flussradwegen, ohne darüber nachzudenken, dass der Deich, der den geraden Lauf erzwingt, den Fluss von seiner Aue trennt.

Eigentlich sind Flüsse dynamische, sehr lebendige Naturphänomene. Mal klein, mal riesig, mal tief, mal flach, mal klar, mal trüb. Und immer in Bewegung. Wir haben Flüsse Jahrzehntelang eingezwängt, unterbrochen, aufgestaut, ausgeleitet und ihrer Kraft beraubt. Um Platz für Landwirtschaft und Siedlungen zu schaffen, um Wasser für Fabriken zu extrahieren, um sie schiffbar zu machen und um Strom zu produzieren. Diese Änderungen haben unsere Bäche und Flüsse ökologisch stark geschwächt. Ihre Selbstreinigungskraft ging verloren, ihre charakteristischen Arten ebenfalls. Ihr ökologischer Zustand ist nicht gut. Im Jahr 2021 erreichen nur neun Prozent aller Oberflächengewässer in Deutschland den durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie geforderten „guten ökologischen Zustand“.

  • Überfluteter Acker an der mittleren Elbe © Bernd Eichhorn / WWF Wasserrahmenrichtlinie

    Die Wasserrahmenrichtlinie ist das wichtigste Gesetz für den europäischen Gewässerschutz und auf der ganzen Welt ein Vorbild für moderne, ganzheitlich gedachte Wasserpolitik. Mehr erfahren

Laut dem Umweltbundesamt sind 86% der Gewässer in Deutschland durch Abflussregulierungen und morphologische Änderungen belastet – wie zum Beispiel durch Querbauwerke, also menschengemachte Strukturen, die in Flüssen und Bächen quer zur Strömungsrichtung stehen und den ökologischen Zustand der Gewässer dadurch stark beeinflussen. Diese Strukturen wieder „ökologisch durchgängig“ zu machen oder zurückzubauen ist überall dort gesetzlich vorgeschrieben, wo die fehlende Durchgängigkeit natürlicherweise vorkommende Tier- und Pflanzenarten beeinträchtigt.

Nachdem es wichtig ist, dass wieder mehr Gewässer wieder frei fließen und mit ihren Auen verbunden werden, wurde in der 2024 verabschiedeten Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (W-VO) festgelegt, dass bis zum Jahr 2030 EU-weit 25.000 km Flusskilometer wieder in einen frei fließenden Zustand versetzt werden sollen.

  • Nature Restoration Law

    Die W-VO ist das Ausführungsgesetz der EU-Biodiversitätsstrategie. Bis zum Jahr 2030 gilt es unter anderem, mindestens 30 % der Flächen degradierter Land-, Binnengewässer- sowie Meeres- und Küstenökosysteme wiederherzustellen. Mehr erfahren

Was macht der WWF

Das Team Frei fließende Flüsse des WWF Deutschland kümmert sich insbesondere um die Längsdurchgängigkeit von kleineren Bächen und Flüssen durch den Rück- und Umbau von Querbauwerken wie Wehre und Abstürze. Gefördert bis Mitte 2026 durch den „Traumtaler 2021“ der Deutschen Postcode Lotterie bringen wir mit unterschiedlichen Ansätzen deutschlandweit Gewässer wieder zum Fließen.

Mit der Umsetzung von möglichst einfach zu realisierenden Projekten sammeln wir Erfahrung und zeigen mit engagierten Menschen und Gruppierungen vor Ort, was möglich ist, wenn alle an einem Strang ziehen. Begonnen hat es 2021 mit einem Wehrrückbau an der Baunach. Im Jahr 2023/24 lief der WWF-Wettbewerb Werden Sie Flussbefreier, in dessen Rahmen vier weitere Rückbaumaßnahmen an der Volme, der Kleinen Paar, dem Hühnerbach und der Pegnitz durchgeführt wurden bzw. werden. Es folgten weitere Rückbauten wie etwa am Wielenbach (Oberbayern) oder dem Wenzenbach (Oberpfalz).

Bei der Vielzahl der Barrieren in den Flüssen (immerhin mehr als 200.000 in ganz Deutschland) müssen wir jedoch auch strategisch vorgehen. In einer deutschlandweiten Analyse, basierend auf GIS-basierten Verfahren, wurden diejenigen Barrieren identifiziert, deren Rückbau einen großen ökologischen Mehrwert bringen würde. Die Ergebnisse liegen seit August 2024 vor, das Fachgutachten, die Kurzfassung und das Fallstudienportfolio stehen zum Download bereit.

Das Fazit: Allein mit dem Rückbau von 16 hoch prioritären Querbauwerken mit hohem Umsetzungspotential könnten mehr als 400 Flusskilometer wieder angebunden werden. Einer der Kandidaten aus der Studie, das Peißenberger Wehr an der Ammer in Oberbayern, wird im Herbst 2026 vom Wasserwirtschaftsamt Weilheim zurückgebaut.

Zudem wurde mit dem Wasserwirtschaftsamt München ein innovatives Projekt ins Leben gerufen: FREIFLISEN. Ziel des bayernweit bisher einzigartigen Projekts ist die Durchgängigkeit der Isen im Landkreis Erding (Oberbayern) auf 30 Kilometer. Rund 20 Sohlbauwerke in Zuständigkeit des Wasserwirtschaftsamts sollen sukzessive rückgebaut werden. Des Weiteren wurde 15 Wasserkraftbetreibenden sowohl planerische als auch finanzielle Unterstützung angeboten, wenn sie Durchgängigkeit an ihren Anlagen erstellen oder diese aufgeben wollen. Aktuell kooperieren fünf Betreiber in diesem Projekt.

Dokumentarfilm "Die Flussbefreier"

Der zweiteilige Film „Die Flussbefreier" begleitet drei engagierte Gewässerschützerinnen und Wasserbauer, die Bürokratie und Widerstände bezwingen, um frei fließende Bäche und Flüsse zu schaffen – für Mensch und Natur. Wir wollen mit diesen Erfolgsgeschichten engagierte Menschen dazu angeregen werden, sich ebenfalls für die Bäche und Flüsse vor ihrer Haustür einzusetzen. Auf dass nutzlose Barrieren künftig aus unseren Gewässern verschwinden. Und unsere Flüsse wieder lebendiger werden.

Hier hilft der WWF dabei, Flüsse zu befreien

  • Das Wielenbach-Wehr vor dem Rückbau © Sigrun Lange / WWF
    Wielenbach
    Mit Hilfe des WWF wird der Wielenbach bald auf ganzer Länge wieder frei fließen können.
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  • Die Volme vor dem Rückbau der Barriere © Horch Fotodesign-Hagen
    Volme
    Der WWF fördert den Rückbau einer ungenutzten Wehranlage an der Volme in NRW.
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  • Wehr an der Kleinen Paar © Gemeinde Baar
    Kleine Paar
    Der WWF unterstützt Maßnahmen, die den Zustand der Kleinen Paar wieder verbessern sollen.
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  • Wehr an der Pegnitz © Ruben van Treeck / WWF
    Pegnitz
    Bei der rückzubauenden Stauanlage handelt es sich um ein nicht durchgängiges Wehr.
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  • Wehr am Hühnerbach © WBV Bidingen
    Hühnerbach
    Mit Hilfe des WWF kann der Rückbau deines Mühlenwehrs am Mühlenbach umgesetzt werden.
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Fachnetzwerk Freifließende Flüsse

Um zukünftig weiteren Rückbauprojekten den Weg zu ebnen, etabliert der WWF Deutschland das „Fachnetzwerk Freifließende Flüsse“. Das Forum für Gewässerakteure aus Behörden, Kommunen, Planungsbüros, Forschungseinrichtungen, NGOs und der Politik soll dem Austausch zu praktischen Erfahrungen, zu Herausforderungen und zu Lösungsansätzen dienen. Die Auftaktveranstaltung fand mit rund 100 Teilnehmenden im Mai 2024 statt. Es wurden mehrere erfolgreiche Rückbauprojekte vorgestellt, anhand denen verschiedene Aspekte wie Akzeptanzförderung von Rückbauten oder die Erholung der Fischbestände durch Rückbauten beleuchtet und diskutiert wurden. 

Eine Auswahl treffen, priorisieren

Bei der Vielzahl der Barrieren in den Flüssen müssen wir jedoch eine strategische Auswahl treffen. Die Deutsche Postcode Lotterie ermöglicht es uns, mit Hilfe von GIS-basierten Verfahren diejenigen Barrieren zu identifizieren, deren Rückbau den größten Mehrwert bringen würde. Der WWF beauftragte ein Konsortium mit einer deutschlandweiten Analyse, deren Ergebnisse ab August 2024 vorliegen. Dabei wurden 16 Rückbaukandidaten mit einem hohen Umsetzungspotential näher beleuchtet.

Das Fachgutachten, die Kurzfassung und das Fallstudienportfolio stehen ab sofort hier zum Download bereit.

So können Sie helfen

Weitere Informationen

  • Ammer: Altenauer Schleife © Sigrun Lange / WWF Vom Engagement für die Ammer zu Rückbauprojekten in ganz Bayern

    Flüsse sind Lebensadern in der Landschaft. Sie verbinden die Alpen mit den Tieflagen und beherbergen entsprechend viele, teils seltene Tier- und Pflanzenarten. Weiterlesen...

  • Die Ammer © Claire Tranter / WWF Erfolgreiche Rückbauprojekte – Experten im Interview

    Warum sind unsere Flüsse bedroht? Was zeichnet einen frei fließenden Fluss aus? Was sind die Vorteile von Dammrückbau und Renaturierung? Und was können wir tun, um den Zustand unserer Flüsse zu verbessern? Weiterlesen...