Der katastrophale Zustand unserer Fließgewässer

Unsere Flüsse sind verbaut, aufgestaut und eingezwängt. Es fehlt ihnen Dynamik. Analysen des WWF Deutschland, basierend auf offiziellen Daten des Bayerischen Landesamts für Umwelt, zeigen: Rein rechnerisch blockiert alle 500 Meter ein Querbauwerk die Wanderbewegungen der Fische in Bayern. Nur elf Prozent dieser Barrieren sind für Fische flussaufwärts durchwanderbar. In Pilotprojekten konnte aber mittlerweile nachgewiesen werden: Keine andere Maßnahme bringt die ökologischen Funktionen von Flüssen und die Bestände von Fischen so effektiv zurück, wie der Rückbau von Barrieren. Und das ist dringend notwendig. Denn das Artensterben im Süßwasser ist weitaus dramatischer als in den Landökosystemen. Der „Living Planet Report“ des WWF von 2018 zeigt: Weltweit sind die Bestände von Süßwasserarten seit 1970 um 83% eingebrochen. Die zahlreichen Querbauwerke in Flüssen und Bächen sind hierfür mitverantwortlich.

„Dam Removal“: Die Dekade des Rückbaus von Barrieren ist angebrochen

Die „Dam Removal“-Bewegung begann in den USA: Das Zeitalter des Staudammbaus ist dort vorbei. Stattdessen werden Barrieren entfernt. Beispielsweise wurden zwischen 2009 und 2014 am Elwha-Fluss im Bundesstaat Washington zwei Staudämme entfernt: Der 33 Meter hohe Elwha-Damm und der 13 Kilometer weiter flussaufwärts gelegene Glines-Canyon-Damm. Damit stehen den Lachsen und Forellen nicht mehr nur acht, sondern gut 120 freie Flusskilometer zur Verfügung. Eine erstaunliche Wiederkehr von Fauna und Flora war zu beobachten. Auch in Europa sammeln mittlerweile viele Akteur:innen Erfahrungen mit dem Rückbau von Querbauwerken, wie bei Dam Removal Europe zu lesen ist. Der größte Dammrückbau in Europa findet derzeit an der Sélune in Frankreich statt. Hier wurden zwei ehemalige Wasserkraftwerke aufgegeben, und deren Staudämme nach und nach abgebaut.

Die Dam-Removal-Bewegung in den Alpenraum zu bringen, war das Ziel der internationalen Tagung „Dam removal goes Alps 2021“, welche der WWF Deutschland zusammen mit nationalen und internationalen Partnerorganisationen von 4. bis 7. Mai 2021 als Online-Event organisiert hat:

Rückbauten aktiv voranbringen

Doch der WWF Deutschland fördert nicht nur den Erfahrungsaustausch, er wird auch selbst aktiv! In den vergangenen Jahren hat er in Kooperation mit den Bayerischen Staatsforsten und dem Freistaat Bayern (Wasserwirtschaftsamt Weilheim) die Planungsunterlagen für eine Deichrückverlegung an der Ammer im Bereich des Schnalzwehres erstellt. Zukünftig soll sich die Ammer in diesem Abschnitt, der in den 1960er Jahren nach einer Haldenrutschung begradigt wurde, auf zehn Hektar wieder in die Aue ausbreiten können. Voraussichtlich im Winterhalbjahr 2022/23 werden die Bagger rollen, um die Ammer aus ihrem Korsett zu befreien. Sobald sich der Fluss dann ausgebreitet, ein neues Bett gesucht, und das aktuell noch notwendige Stützwehr umflossen hat, kann auch der Rückbau des Schnalzwehres in Angriff genommen werden. Damit entsteht eine freie Fließstrecke von insgesamt 16 Kilometern an der Ammer.

Mit Hilfe seiner Spender ermöglichte der WWF Deutschland den Rückbau eines ehemaligen Wiesenbewässerungswehres an der Baunach, einem Zufluss zum Main. Mitte September entfernte das Wasserwirtschaftsamt Kronach das überflüssige Wehr in Kooperation mit dem WWF. Damit werden ca. 6 km frei fließende Gewässerstrecke in dem potentiellen Aalgewässer gewonnen. Es verbleibt dann nur noch ein nicht durchgängiges Wehr, das die Wanderung von Fischen von der Baunach in den Main verhindert. Der WWF bleibt dran – denn auch hier könnte sich die Möglichkeit ergeben, das Wehr mittelfristig zu entfernen

Bisherige Rückbauprojekte in Deutschland

Deutsche Postcode Lotterie
Deutsche Postcode Lotterie

Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie fordert, dass die Mitgliedsstaaten bis 2027 einen „guten ökologischen Zustand“ oder ein „gutes ökologisches Potenzial“ für ihre Gewässer erreichen. Dieses Ziel kann realistisch nur erreicht werden, wenn Fische zwischen ihren Laich- und Aufzuchtgründen wandern können. Häufig wird Geld in technische Bauwerke wie Fischtreppen investiert. Wo möglich, ist es jedoch oft billiger und wirksamer, die Barrieren im Fluss ganz zu entfernen. Mit Geldern der Postcode-Lotterie erstellte der WWF eine Karte, auf der die bisherigen Rückbauten von Querbauwerken in Deutschland (soweit Daten vorhanden) verortet sind. Mit einem Klick auf die entsprechenden Punkte erfahren Sie, welche Barriere an welchem Fluss von wem beseitigt wurde. Für die mit Sternchen markierten Barrieren liegen umfangreichere Informationen zu den Rückbauten vor.

Was macht Rückbauprojekte erfolgreich? Expert:innen im Interview

Wir haben Expert:innen gefragt: Was zeichnet einen frei fließenden Fluss aus? Warum sind diese bedroht? Und was können wir tun, um den Zustand unserer Flüsse zu verbessern? Welche Vorteile entstehen durch Dammrückbau und Renaturierung? Diese und viele weitere Fragen stellen der Journalist Matthias Schickhofer und der WWF Deutschland den vier Expert:innen Beth Lambert (USA), Prof. Klement Tockner (Österreich), Prof. Gregory Egger (Österreich) und Johannes Schnell (Deutschland). Scrollen Sie sich durch die fünf Clips, die besonders interessante Aspekte der Gespräche widergeben. Hier geht es zu den ungekürzten Interviews der befragten Expert:innen.

So können Sie helfen

  • Ammer: Altenauer Schleife © Sigrun Lange / WWF Vom Engagement für die Ammer zu Rückbauprojekten in ganz Bayern

    Flüsse sind Lebensadern in der Landschaft. Sie verbinden die Alpen mit den Tieflagen und beherbergen entsprechend viele, teils seltene Tier- und Pflanzenarten. Weiterlesen...

  • Die Ammer © Claire Tranter / WWF Erfolgreiche Rückbauprojekte – Experten im Interview

    Warum sind unsere Flüsse bedroht? Was zeichnet einen frei fließenden Fluss aus? Was sind die Vorteile von Dammrückbau und Renaturierung? Und was können wir tun, um den Zustand unserer Flüsse zu verbessern? Weiterlesen...