Enorme Erfolge im Tigerschutz, viele Jahre ohne Nashorn-Wilderei und Wälder, die wieder wild sein durften: Was eine der wertvollsten Regionen Nepals nach großen Anstrengungen auszeichnete, droht nun in kürzester Zeit zu zerbrechen. Durch die Corona-Krise haben die Menschen hier mit dem Tourismus ihr wichtigstes Einkommen verloren. 1,4 Millionen Wanderarbeiter:innen sind in ihre Dörfer zurückgekehrt. Ohne jegliche Existenzgrundlage.

Zurück in den Himalaja

Mädchen sammelt Gras im Wald, Khata-Korridor / Nepal © Emmanuel Rondeau / WWF-US
Mädchen sammelt Gras im Wald, Khata-Korridor / Nepal © Emmanuel Rondeau / WWF-US

Sie waren in die großen Städte Indiens oder in die Golfstaaten ausgewandert, um hier in Fabriken, Hotels oder auf Kreuzfahrtschiffen zu arbeiten. Nach Ausbruch von Covid-19 wurden sie nicht mehr gebraucht und nach Hause geschickt – zurück in ihre Heimat im äußersten Süden Nepals. Hier – in den dichten Wäldern der Terai Arc-Landschaft am Fuße des Himalajas – leben noch Tiger, Elefanten und Nashörner. Und nun leben hier mehr Menschen als zuvor. Dabei kämpfen auch die Familien der Rückkehrer seit Beginn der Pandemie ums Überleben. Der Druck auf die letzten Wälder und ihre Arten steigt dadurch enorm.

Der Naturschutz hatte sie ernährt

Die Menschen in Terai Arc gehören zu den Ärmsten der Welt. Wer nicht im Ausland arbeitete, war meist vor Ort im Tourismus tätig. In den letzten zehn Jahren hatten vor allem Ökotourismus-Projekte den ländlichen Gemeinden ermöglicht, ihre Lebensbedingungen zu verbessern und vom Naturschutz zu profitieren. Ob durch die Vermietung von Fremdenzimmern, sogenannter „Homestays“, durch den Verkauf von traditionellem Kunsthandwerk und biologisch angebautem Essen oder als Touristenführer:innen: Die Menschen verdienten an einer intakten Natur um sie herum und wurden auch an den Einnahmen der Nationalparks ihrer Heimat beteiligt.

Das bedeutete: Ein Nashorn war lebendig mehr wert als tot. Doch mit dem Schließen der Grenzen und der Einstellung des Flugverkehrs fand der gesamte Tourismus im März 2020 ein jähes Ende.

Vor Corona Vorreiter im Umweltschutz

Bengaltiger in der Kamerafalle in Nepal © DoFSC / WWF Nepal
Bengaltiger in der Kamerafalle in Nepal © DoFSC / WWF Nepal

Noch bis vor 20 Jahren galt Nepal als Drehscheibe von Wilderei und illegalem Wildtierhandel. Doch entschlossene Naturschutzmaßnahmen, welche die lokale Bevölkerung umfassend miteinbeziehen, zeigten Wirkung.

Nepal konnte seine Tigerzahlen fast verdoppeln und die Wilderei erfolgreich bekämpfen. Die grenzübergreifende Terai Arc-Landschaft – gleichzeitig eines der artenreichsten und am stärksten fragmentierten und bedrohten Ökosysteme in Asien – konnte sich erholen.

Nun gefährden neue Fälle von Nashornwilderei die Schutzerfolge der gesamten Region. Außerdem treibt die Suche nach Nahrung und Feuerholz die Menschen immer tiefer in die Wälder. Sechs Menschen kamen allein in den letzten Monaten durch Tigerangriffe ums Leben. Sie hatten die Tiere jeweils an ihrer Beute überrascht. Die Gefahr, dass die Tiger anschließend aus Trauer, Rache oder Wut getötet werden, ist groß.

Die Unterstützung droht zu bröckeln

Freiwillige Naturschützerinnen © Gary Van Wyk / The Ginkgo Agency / Whiskas / WWF-UK
Freiwillige Naturschützerinnen © Gary Van Wyk / The Ginkgo Agency / Whiskas / WWF-UK

Über die Jahre hinweg sind die Menschen in Terai Arc zu starken Verbündeten des Naturschutzes geworden, zeigten sich immer offener für seine Maßnahmen und unterstützen diese aktiv. Als Community-Scouts überwachen sie Wildtiere und ihre Bestände, laufen Patrouille in den Wäldern, installieren Fotofallen, klären auf und lassen sich aufklären.

Schon Kinder und Jugendliche engagieren sich gegen eine zunehmende Zerstörung der Wälder. Doch mit wachsender Not und Armut droht diese Unterstützung zu bröckeln.

Die Menschen nicht im Stich lassen

Der Einbezug der lokalen Bevölkerung in den Schutz Terai Arcs muss ausgeweitet werden, um gleichzeitig Einkommen zu generieren und die Maßnahmen in Zeiten der Krise zu verstärken. So sollen weitere Community Scouts aufgebaut werden und Gemeindemitglieder Wildtierkorridore mit planen.

Doch es sind weitere tragfähige Alternativen zum Tourismus nötig – und wirksame, innovative Maßnahmen für ein friedliches Zusammenleben von Tier und Mensch.

Mit Kamille Elefanten fern halten

Kamille-Anbau in Nepal hält Elefanten fern © Emmanuel Rondeau / WWF-US
Kamille-Anbau in Nepal hält Elefanten fern © Emmanuel Rondeau / WWF-US

Auf Betreiben des WWF hin pflanzen heute viele Bauern und Bäuerinnen in Terai Arc aromatische Pflanzen wie Kamille und Minze rund um ihre Reisfelder. Mit doppeltem Nutzen: Die Kräuter sind eine zusätzliche Einnahmequelle; und Elefanten meiden ihren Geruch.

Zu oft hatten die grauen Riesen in der Vergangenheit Ernten zertreten und waren deshalb bejagt worden. Denn sie durchqueren auf ihren Wanderrouten Gebiete, die einst Natur waren und heute besiedelt sind. Der einfache Kniff mit den Kräutern hilft nun beiden, Tieren und Menschen – und ist dabei nur eine von vielen Möglichkeiten.

Schon seit Jahren unterstützt der WWF die ländlichen Gemeinden in nachhaltigen und ertragreicheren landwirtschaftlichen Anbaumethoden, beispielsweise durch besseres Saatgut und genauere Kenntnis der Böden. Gemeinsam werden neue Strategien entwickelt und neue Absatzmärkte erschlossen. Auch dieser Ansatz muss ausgebaut werden, und es müssen weitere innovative Lösungen zum Schaffen neuer Einkommensquellen entwickelt werden.

Das Corona-Virus und die damit verbundenen Einschränkungen haben Terai Arc schwer getroffen. Die Menschen brauchen Hilfe – auch, um die einzigartige Flora und Fauna ihrer Heimat zu schützen.

Unterstützen Sie die Menschen in Nepal und schützen Sie so zahlreiche Arten: