Gemeinschaft und nachhaltige Methoden bringen Erfolg.

Therese Nassoum ist Mutter von sechs Kindern und Witwe. Ihre Heimat ist das Dorf Mambélé in der Nähe des Lobéké-Nationalparks in Kamerun. Wie viele Menschen hier, verdient Therese den Lebensunterhalt für ihre Kinder und sich mit ein wenig Landwirtschaft und dem, was die Wälder rund um den Lobéké-Nationalpark bieten. Für Therese sind dies vor allem Süßwassergarnelen. Diese sichern ihr heutzutage ein gutes Einkommen.

Gemeinsam mit einer Gruppe Baka- und Bantu-Frauen macht sich Therese auf den Weg zu einem der vielen Flüsse der Gegend, in denen die Garnelen leben. Um die Krebstiere zu fangen, waten die Fischerinnen im knietiefen Wasser und ziehen ihre Netze durch die leichte Strömung. Später räuchert Therese ihren Fang und verkauft die Garnelen schließlich über ihren Interessensverbund zu einem guten Preis an einen lokalen Händler. Das beschert ihr ein regelmäßiges Einkommen: Geld, das für sie den Unterschied ausmacht zwischen einem Leben von der Hand in den Mund und einem Leben mit mehr Sicherheit und einem positiven Blick auf die Zukunft. Denn eine gute Zukunft ist es, die sie ihren Kindern bieten will. Mit dem Schulgeld, das sie jetzt aufbringen kann, ist dafür ein wichtiger Schritt getan.

Der Lobéké-Nationalpark gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe Sangha Trinational und ist bekannt für seinen Artenreichtum, zu dem nicht nur die ‚ganz großen‘ wie der Waldelefant oder der Flachlandgorilla gehören, sondern eine schier unglaubliche Vielfalt an weniger bekannten Arten. Zum Beispiel die rund 130 verschiedenen Fischarten - oder eben auch die Süßwassergarnelen, die hier reichlich gedeihen. Im Nationalpark selbst unterliegt die Nutzung der natürlichen Ressourcen, sofern es überhaupt erlaubt ist, strengen Regeln. Außerhalb des Nationalparks hingegen können die Dorfbewohner in den Flüssen fischen und Garnelen fangen, um sie zu verkaufen.

Traditioneller Garnelenfang wird nachhaltig

Der Garnelenfang am Rande des Lobéké-Nationalparks ist die Domäne der Frauen und beruht auf einer langen Tradition. Doch wie Therese und die anderen Frauen ihre Garnelen fangen, das hat sich in den letzten Monaten gewandelt. Vor Kurzem noch arbeitete Therese für sich allein und verdiente mit ihrer Arbeit kaum genug zum Leben. Meist ging sie wie die anderen Frauen auch nachts fischen und verwendete Netze mit kleinen Maschen. In denen verfingen sich nicht nur ausgewachsenen Garnelen, sondern auch deren Nachwuchs, und das hatte Folgen: In und um Lobéké mit seinen vielen Süßwasserflüssen gingen die Bestände der Garnelen in den letzten Jahren stark zurück. Das wiederum ließ befürchten, dass damit auch die Lebensgrundlagen vieler Familien in Gefahr gerieten.

Um dieses Problem zu lösen, startete der WWF gemeinsam mit den staatlichen Mitarbeitern des Nationalparks im Jahr 2015 eine Initiative mit dem Ziel, den Garnelenfischerinnen eine nachhaltige Alternative zu den bisherigen Fangpraktiken zu bieten: Durch nachhaltige Methoden und eine bessere Wertschöpfungskette. Etwa 100 Frauen aus den Gemeinden rund um den Lobéké-Nationalpark schlossen sich in drei Initiativgruppen zusammen, die vom WWF und dem kamerunischen Ministerium für Wald und Wildtiere (MINFOF) unterstützt werden. Auch Therese gehört einer dieser Interessensgruppen an. „Wir sind ungefähr 30 Frauen“, sagt Therese und ergänzt: „Während der Garnelensaison sammeln wir bis zu 1.000 Kilogramm Garnelen!“

Wissen und gemeinsames Handeln bringen Erfolg

Frauen fischen in der Nähe des Lobéké-Nationalparks © WWF
Frauen fischen in der Nähe des Lobéké-Nationalparks © WWF

Wo zuvor jede Frau für sich handelte, steht heute das gemeinschaftliche Wirtschaften im Vordergrund, und das bringt den Erfolg. Die Frauen fangen, verarbeiten und verkaufen die Garnelen gemeinsam. Und weil sie gemeinschaftlich besser mit den Abnehmern verhandeln können, erwirtschaften sie auch mehr Gewinn. Die Situation von Therese und den anderen Frauen hat sich dadurch deutlich verbessert. Doch es galt noch weitere Schwierigkeiten zu überwinden: Keine der Frauen hatte Kenntnisse in Buchhaltung, es fehlte an Betriebskapital, an geeigneter Ausrüstung und an dem Wissen, wie die Garnelen nachhaltig gefangen werden können, so dass die Ressourcen auch in Zukunft zur Verfügung stehen.

Um den Gewinn für die Frauen zu vergrößern und zugleich für eine nachhaltige Fangpraxis zu sorgen, organisierte der WWF mit den Mitarbeitern des Lobéké-Nationalparks Ende 2019 in Zusammenarbeit mit dem lokalen Partner CEFAID (Centre pour l’Education, la Formation et l’Appui aux Initiatives de Développement au Cameroun) Schulungen in nachhaltigen Fischereimethoden, Lagerung, gemeinschaftlichem Verkauf und Finanzverwaltung. Dank finanzieller Hilfe der Sangha Trinationial Foundation (FTNS) und des WWF erhielten die Frauen zudem dringend benötigtes Material wie Macheten und Körbe für die Ernte und Aufbewahrung, Fischernetze, Register und Taschenrechner.

Für Nachhaltigkeit sorgen zum Beispiel die neuen Netze mit Maschenweiten, die nur die bereits ausgewachsenen Garnelen zurückhalten. Die kleineren Tiere schlüpfen durch, bleiben dem Bestand erhalten und sorgen später selbst wieder für Nachwuchs. „Unsere Fangmethoden haben sich wirklich verändert“, sagt Therese und erläutert, wie ihr die Ausbildung und die neue Ausrüstung helfen. Der Gedanke der Nachhaltigkeit ist ihr wichtig: „Nachts gehen wir gar nicht mehr Fischen, und wir sorgen dafür, dass die Fanggründe nicht zerstört werden.“

Doch die Hilfe geht noch über Ausbildung und Ausrüstung hinaus. Eine große Hilfe ist für Therese und ihre Familie die Möglichkeit, sich aus einem finanziellen Grundstock Geld leihen zu können, den die Parkverwaltung eigens zu diesem Zweck eingerichtet hat. „Wenn es einmal notwendig ist, bekommen wir hier Unterstützung“, erzählt sie, „zum Beispiel in Zeiten, in denen wir kein Geld erwirtschaften, weil wir unsere Garnelen noch lagern, um sie am Ende der Fangperiode zu einem höheren Preis zu verkaufen.“ Die Parkverwaltung unterstützt darüber hinaus auch den Betrieb von Maniok-Plantagen und Ananasfarmen, die den Frauen zusätzliche Einnahmen bringen.

Das sind viele Gründe, um optimistisch in die Zukunft zu blicken, und genau das tut Therese: Sie ist guten Mutes, dass sich nicht nur ihre eigenen Lebensumstände weiter verbessern, sondern auch die Bestände an Garnelen in den Flüssen wieder wachsen. Und irgendwie gehört ja auch beides untrennbar zusammen.

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