„Wenn sich früher Elefanten unserem Dorf näherten, haben wir versucht, sie mit blinkenden Taschenlampen, Feuerwerk und lautem Töpfeschlagen zu vertreiben“, erinnert sich Ma Hpoo*. „Aber das konnten nur Bauern mit großen Familien tun, denn dafür braucht man Männer.“ Mangels einer solchen familiären Unterstützung hatten die regelmäßigen Besuche der Elefanten für Ma Hpoo und andere Kleinbauer:innen zur Folge, dass sie ihre Felder nicht mehr bestellen konnten. Rund die Hälfte der Flächen lag schließlich brach.
In Myanmar verschärfen sich Mensch-Elefanten-Konflikte, weil Lebensräume Asiatischer Elefanten zu Ackerland werden. Auf Nahrungssuche zerstören die Tiere Felder und gefährden Existenzen. Für nachhaltigen Elefantenschutz setzt der WWF in der Region Ayeyarwady gemeinsam mit einer lokalen NGO und betroffenen Gemeinden auf das Konzept „Conflict to Coexistence“ (C2C) – und erzielt erste Erfolge.
Wenn Elefanten die Existenz bedrohen: Alltag im Konfliktgebiet
Heute ist Ma Hpoo Schatzmeisterin des Elektrozaun-Komitees in ihrem Dorf, das in der Region Ayeyarwady liegt. Dieser und ein weiterer solarbetriebener Elektrozaun wurden im Jahr 2023 errichtet und schützen seitdem erfolgreich etwa 1,21 Hektar Ackerland.
Die Zäune waren der Auftakt der Zusammenarbeit zwischen dem WWF Myanmar, einer lokalen NGO und mehreren Dörfern in der Region Ayeyarwady, um das Problem von Mensch-Elefanten-Konflikten zu adressieren.
Zusammenarbeit von WWF, NGOs und Dorfgemeinschaften
Im Jahr 2024 wurde die Zusammenarbeit vertieft: Mithilfe des C2C („Conflict to Coexistence) Rahmenkonzeptes werden die Konflikte zwischen Menschen und Elefanten nun langfristig, ganzheitlich und inklusiv angegangen. Als weiterer Baustein des C2C-Ansatzes wurden auch „Schnelle Eingreifftruppen“ zum Schutz der Felder aufgebaut.
Die C2C-Methodik umfasst schrittweise Instrumente für die Umsetzung, das Monitoring und die kontinuierliche Anpassung. Sie wird vom WWF bereits erfolgreich in einer Vielzahl ähnlicher Projekte angewandt, um den Asiatischen Elefanten und seine letzten Verbreitungsgebiete in China, Kambodscha, Indonesien, Malaysia, Thailand und Vietnam zu schützen.
Ganzheitlicher Ansatz mit C2C für nachhaltigen Elefantenschutz
„Unsere Arbeit im Mensch-Elefanten-Konfliktmanagement reicht schon viele Jahre zurück“ erklärt Margaret Myint, leitende Programmreferentin für Wildtierschutz des WWF Myanmar. „C2C schließt hier nahtlos an: Die Schritte sind beinahe dieselben wie bisher, die Zusammenarbeit ist jedoch langfristiger angelegt und stellt sicher, dass die Auswirkungen für die beteiligten Gemeinden und den Artenschutz nachhaltig sind.“
In der Region Ayeyarwady trägt das 2023 begonnene Engagement bereits erste Früchte. „Die lokale Naturschutzorganisation hat unser Bewusstsein dafür geschärft, wie Konflikte zwischen Menschen und Elefanten entstehen“, erklärt Ma Hpoo.
„Ich habe verstanden, dass wir in den Lebensraum der Elefanten eingedrungen sind, indem wir Bäume gefällt haben. Jetzt ist nicht mehr genügend Futter für die Elefanten da, und es fehlt auch an Trinkwasser.“
Ma Hpoo, Schatzmeisterin des Elektrozaun-Komitees
Langfristiger Artenschutz durch strukturierte Konfliktprävention
Die Installation der Elektrozäune ist ein entscheidender Schritt im C2C-Prozess, und zwar für Menschen und Elefanten gleichermaßen. Dabei sind die Zäune zwar wirksam, können den Wildtieren jedoch keinen Schaden zufügen: „Die Elefanten versuchten zunächst, sich dem Zaun zu nähern und ihn zu berühren, und bekamen daraufhin einen Stromschlag“ beschreibt Ma Hpoo den Prozess. „Deshalb wagen sie es auch jetzt nicht, sich dem Zaun zu nähern, obwohl er ihnen in Wirklichkeit nichts mehr anhaben kann.“ „Wenn wir den Gemeinden die Vorteile des Zaunes erklären, bekommen wir direkt Zuspruch“, erklärt Ko Zey, ein Mitarbeiter der lokalen NGO. Dass die Zäune funktionieren und die Felder erfolgreich schützen, hat sich schnell herumgesprochen. Unter anderem ist das den Elektrozaun-Komittees zu verdanken, welche sich jeweils aus Bewohner:innen der Projektdörfer zusammensetzt.
Inzwischen haben zahlreiche weitere Dörfer Interesse am Bau eines Elektrozauns angemeldet. Zudem unterstützen die Gemeinden die Arbeit der lokalen NGO und des WWF: „Wir helfen, indem wir beispielsweise Daten über die Elefantenpopulation und ihren Lebensraum sammeln“, sagt Ma Hpoo. Das dadurch gewonnene Wissen ist wichtig, um die richtigen Maßnahmen zum Schutz von Elefanten und Menschen zu identifizieren. „Heute wissen wir, was die Angriffe der wilden Elefanten verursacht hatte. Und obwohl wir früher Konfliktsituationen erlebt haben, wollen wir den Tieren nicht mehr schaden.“
Erfolgsbeispiel Thailand: Neue Einkommensquellen durch Elefanten
Im Nachbarland Thailand lässt sich beobachten, wie aus der friedlichen Koexistenz von Menschen und Elefanten neue Chancen für die betroffenen Gemeinden entstehen können.
Im Kui-Buri-Nationalpark leben noch etwa 240 Elefanten, die in der Vergangenheit die Lebensgrundlage der Bauern der umliegenden Dörfer bedrohten. Durch die Zusammenarbeit von WWF, der Nationalparkverwaltung und den betroffenen Bauern sind dort rund um die Elefantenpopulation neue Einkommensmöglichkeiten im Ökotourismus entstanden: Einige Dorfbewohner:innen arbeiten heute als Touristenführer:innen, andere stellen handgefertigte Souvenirs her, die eng mit Elefanten verknüpft sind.
Um die letzten Asiatischen Elefanten zu schützen und eine Zukunft zu schaffen, in der Menschen und Elefanten miteinander leben können, ist der ganzheitliche Ansatz des C2C unverzichtbar.
Der WWF passt seine Projekte dabei an die jeweiligen sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Projektlandes an. Als Elly Ally (Elefanten-Verbündete) ziehen die Elefantenschützer:innen grenzüberschreitend an einem Strang.
*Namen zum Schutz der Privatsphäre geändert!
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