Die Cerrado-Region im Herzen Brasiliens beherbergt die artenreichsten tropischen Savannen der Welt. Sie tragen zu mehr als fünf Prozent der weltweiten Artenvielfalt bei. Das Ökosystem ist auch Heimat von 25 Millionen Menschen, davon etwa 80 indigene Völker und unzählige traditionelle Gemeinschaften. Trotz seines Werts hat der Cerrado bereits die Hälfte seiner Fläche verloren. Und die Zerstörung schreitet in rasantem Tempo voran.

Abgeholzte Flächen in der Cerrado-Pantanal-Region © Jaime Rojo / WWF-US
Abgeholzte Flächen in der Cerrado-Pantanal-Region © Jaime Rojo / WWF-US

Während die Entwaldung und Umwandlung im Amazonasgebiet zuletzt leicht zurückgegangen ist, bleibt sie im Cerrado hoch. Das geht aus Daten des DETER-Systems des Nationalen Instituts für Weltraumforschung (INPE) hervor, die Anfang März 2024 veröffentlicht wurden.

Die Daten zeigen: Entwaldung im Cerrado ist außer Kontrolle! Das Biom hat zwischen August 2023 und Februar 2024 3.798 Quadratkilometer seiner Vegetation verloren. Ein Anstieg von 63 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Allein im Februar 2024 gab es eine Zunahme bei der Entwaldung um 19 Prozent im Vergleich zum Februar 2023. Ein Plan zur Rettung des Cerrado soll dem nun Einhalt gebieten.

Was ist DETER? Was ist PRODES?

DETER steht für Real Time Deforestation Detection System und überwacht die Abholzung im brasilianischen Regenwald in Echtzeit mit Hilfe von Satellitendaten.

PRODES ist ein Programm des Nationalen Instituts für Weltraumforschung (INPE), das die Abholzung im brasilianischen Regenwald mit Hilfe von Satellitendaten überwacht. 

 

Zerstörung schadet auch der Agrarindustrie

Rinder auf abgeholzter Fläche im Cerrado © Andre Dib / WWF-Brazil
Rinder auf abgeholzter Fläche im Cerrado © Andre Dib / WWF-Brazil

Haupttreiber der Zerstörung ist die Agrarindustrie. Immer mehr Flächen werden für die landwirtschaftliche Nutzung, zum Anbau von Soja oder für Viehweiden, umgewandelt. Damit schadet die Agrarindustrie am Ende auch sich selbst, denn die Ausdehnung der Zerstörung führt zu einem Anstieg der Temperaturen und mehr Trockenheit – das verringert die Erträge und beschleunigt die Klimakrise.

„Der Cerrado ist die artenreichste Savanne des Planeten und beherbergt die Quellen von acht der zwölf Wassereinzugsgebiete Brasiliens. Durch die Ausweitung der Landwirtschaft wurde mehr als die Hälfte der ursprünglichen Fläche des Cerrado zerstört und die verbleibenden Gebiete wurden stark degradiert und fragmentiert“, erklärt Roberto Maldonado, Südamerika-Referent beim WWF Deutschland. „Die Folgen sind bereits sichtbar: Der Temperaturanstieg und die Trockenheit der letzten Jahre haben die Produktivität von mehr als 20 Prozent der Soja- und Maiskulturen in der Region verringert“.

Die Zerstörung muss aufhören!

„Wir müssen die Zerstörung des Cerrado und den besorgniserregenden Trend rasant steigender Umwandlung unbedingt beenden“, fordert Roberto Maldonado.

„Der Erhalt des Bioms ist von grundlegender Bedeutung für die Aufrechterhaltung eines funktionierenden Wasserhaushalts in der Region. Wasser, das dringend für die Felder landwirtschaftlicher Familienbetriebe benötigt wird. Ebenso, um die Staudämme im ganzen Land zu füllen. Die Zerstörung des Cerrado richtet sich gegen die Agrarindustrie und gegen die Menschen – denn weniger Cerrado bedeutet teurere Lebensmittel und höhere Energiepreise.“

„Da der Cerrado immer in den Hintergrund gedrängt wurde, sind die Strategien zur Kontrolle der Entwaldung und der Umwandlung in diesem Biotop schwach, unausgereift und unvollständig. Jetzt ist es an der Zeit, gezielte Strategien zu entwickeln, um die spezifischen Probleme dieses Bioms anzugehen, das eine ganz andere Dynamik als der Amazonas aufweist“, fordert Ana Carolina Crisóstomo, Naturschutzexpertin des WWF Brasilien.

Endlich ein Entwaldungsbekämpfungsplan für den Cerrado?

Die Vegetation des Cerrado muss für Soja (im Hintergrund) weichen © Peter Caton / WWF-UK
Die Vegetation des Cerrado muss für Soja (im Hintergrund) weichen © Peter Caton / WWF-UK

Im Gegensatz zum Amazonas, wo die Ergebnisse der Maßnahmen gegen die Entwaldung bereits sichtbar sind, wartet der Cerrado bisher auf einen verlässlichen Plan, der seine Besonderheiten berücksichtigt. Dabei macht die alarmierende Situation des Cerrado einen besseren Schutz dieses Biotops umso dringlicher. Es braucht starke Initiativen, wie es sie im Amazonasgebiet gibt – zum Beispiel der Aktionsplan zur Verhinderung und Kontrolle der Entwaldung im Amazonasgebiet (PPCDAm).

Genau ein solcher Plan wurde nun Ende November 2023 vom brasilianischen Umweltministerium vorgestellt: der Aktionsplan zur Verhinderung und Kontrolle der Entwaldung im Cerrado (PPCerrado). Dieser Plan kommt genau zur richtigen Zeit und ist ein wichtiges Signal, dass auch die Savanne Schutz braucht, nicht nur der Wald. Jetzt muss er nur noch umgesetzt werden.

Für Ana Carolina Crisóstomo ist die Ankündigung des PPCerrado eine positive Nachricht, „aber die Umsetzung muss mit der gebotenen Dringlichkeit erfolgen“, sagt sie. „Die Daten zur Entwaldung im Cerrado zeigen eine sehr kritische Situation, die sich 2023 noch verschlimmert hat. Wir stehen vor einem Szenario, das die Aufmerksamkeit auf ein Biotop lenkt, das für unsere Wasser- und Energiesicherheit von strategischer Bedeutung ist. Acht der zwölf wichtigsten Flusseinzugsgebiete des Landes liegen hier und der Abfluss dieser Flüsse ist bereits jetzt um 15 Prozent zurückgegangen“, erklärt Crisostomo.

„Man muss verstehen, dass es ohne den Cerrado keinen Amazonas gibt, dass es ohne ihn kein Wasser für die brasilianische Bevölkerung gibt. Wir dürfen dieses Biotop nicht zweitrangig behandeln!“

EU-Lieferkettengesetz schützt den Cerrado nicht

Ende 2022 haben sich das Europäische Parlament, die EU-Kommission und der Europarat auf eine EU-Verordnung zu entwaldungsfreien Produkten und Lieferketten geeinigt, die die Abholzung von Wäldern verhindern soll. Doch der Cerrado bleibt durch dieses Gesetz weitgehend ungeschützt: nur 26 Prozent werden durch das Gesetz abgedeckt, denn Baumsavannen werden in der EU-Verordnung nicht mit einbezogen. In der Folge sind unbewaldete Savannengebiete einem nie dagewesenen Abholzungs- und Umwandlungsdruck ausgesetzt. Hier muss die EU dringend nachbessern.

Doch das allein wird nicht reichen, um den Cerrado zu schützen. Die Regierung in Brasilien, Unternehmen in Deutschland, Europa und Brasilien müssen effektive Maßnahmen ergreifen, um die Abholzung in dieser einzigartigen Landschaft zu stoppen. Darüber hinaus müssen – in enger Abstimmung mit der lokalen Bevölkerung – dringend Schutzgebiete und indigene Territorien ausgewiesen werden. Zum Wohl der Indigenen und anderer traditioneller Gruppen wie den Quilombolas und Extractivistas.

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