Im östlichen Himalaja entspringen einige der größten und wasserreichsten Flüsse der Welt – wie der Brahmaputra und der Ganges. Allein die Einzugsgebiete dieser beiden Flüsse gestalten ganze Landschaften und sichern die Lebensgrundlage für etwa 500 Millionen Menschen und zahlreiche Volkswirtschaften in ganz Asien.

Quelle in Kathmandu, Nepal © Global Warming Images / WWF
Quelle in Kathmandu, Nepal © Global Warming Images / WWF

70 Prozent der Bevölkerung des östlichen Himalaja hängen direkt von den Flusssystemen ab. Die Süßwasserressourcen und deren Biodiversität und Ökosystemleistungen sind jedoch zunehmend durch den Klimawandel, die Entwicklung von Infrastruktur, die Entnahme von Wasser und durch Verschmutzung bedroht.

Die Gletscher und Flüsse der Himalaja-Region werden zu Recht oft als die „Wassertürme Asiens“ bezeichnet. Hier liegen die größten Süßwasserressourcen der Welt – abgesehen von Nord- und Südpol. Die Flusssysteme sind Lebensader für hunderte Millionen von Menschen und ein zentrales Element für die wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Region.

Das Wasser wird von der Quelle bis zu den Flussdeltas für landwirtschaftliche Zwecke, aber auch für die Industrie und zur Energieerzeugung genutzt. In Bhutan etwa ist die Wasserkraft eine wesentliche Einnahmequelle, von der auch soziale Leistungen des Staates für die Bürger:innen bezahlt werden. Ein Fünftel des gesamten Bruttoinlandsprodukts in Bhutan entfällt auf die Wasserkraft.

Die natürlichen Süßwasservorkommen sind darüber hinaus unverzichtbare Trinkwasserressource für die Bevölkerung, die noch immer zu den ärmsten der Welt zählt.

Wasserreservoirs in Zeiten des Klimawandels

Gangotri-Gletscher © Prakash Rao / WWF Indien
Gangotri-Gletscher © Prakash Rao / WWF Indien

Und doch sind die gewaltigen Süßwasserreserven nicht nur Glück und Segen, sondern manchmal auch Bedrohung für die Menschen. Der Klimawandel macht die Region verletzlich gegenüber Naturkatastrophen, die oftmals im Zusammenhang mit Wasser entstehen: Überflutungen, Murenabgänge und vor allem die Ausbrüche von Gletscherseen bedrohen Dörfer, Infrastruktur und auch die Biodiversität.

Die Gletscherseen-Ausbrüche entstehen, wenn die Eismassen der Gletscherseen beginnen abzutauen. Die Eismassen dienen als natürliche Talsperren, wenn sie schmelzen können sie das Wasser nicht mehr zurückhalten. Dann rasen die Wasser-Eismassen, kombiniert mit Schlamm und Geröll, mit einer enormen Kraft in Tal – mit verheerenden und zerstörerischen Auswirkungen.

Aufgetaute Gletscher (und damit ein schrumpfender Wasserspeicher), ein Boden, der nicht mehr so viel Wasser zurückhalten kann und ein sich verändernder Grundwasserspiegel bei weggespülten Hängen und Böden – das alles sind Faktoren, die zusätzlich zu Wasserknappheit in verschiedenen Gebieten führen und damit zu gewaltigen Problemen für Mensch und Natur.

Der Zusammenhang von Wasser, Nahrung und Energie

Die drei Staaten Indien, Bhutan und Nepal im östlichen Himalaja stehen vor der Herausforderung, einer wachsenden Bevölkerung eine ausreichende Menge an Nahrung, sauberem Wasser und auch Energie zu Verfügung zu stellen. Und das alles mit begrenzten Ressourcen, einer limitierten Fläche und schlechten sozio-ökonomischen Voraussetzungen. Dabei sollen die natürlichen Ressourcen, die Biodiversität und die Ökosystemleistungen nicht zerstört werden.

Viele der Bedürfnisse stehen unmittelbar in Konkurrenz zueinander, wenn es um Landfläche oder Ressourceneinsatz geht. Wasser wird zur Nahrungserzeugung, aber auch zur Energiegewinnung und für die Trinkwasser- und Sanitärversorgung gebraucht. Gleichzeitig wird Energie benötigt, um das Wasser gerecht zu verteilen, aber auch um Nahrungsmittel zu produzieren. Der Energiepreis bestimmt letztendlich ebenso landwirtschaftliche oder andere industrielle Aktivitäten.

Bardia National Park Nepal © Emmanuel Rondeau / WWF UK
Bardia National Park Nepal © Emmanuel Rondeau / WWF UK

Deswegen müssen die Herausforderungen im Zusammenhang gedacht und auch gemeinsam gelöst werden. Dazu eigenen sich Managementpläne, die das gesamte Flusseinzugsgebiet umfassen und die angrenzenden Ökosysteme mitdenken. Beispielsweise sind viele Wälder im östlichen Himalaja degradiert. Waldökosysteme spielen aber eine zentrale Rolle für die Speicherkapazität des Grundwassers. Sie halten das Wasser auch in der Trockenzeit zurück, so kann es für die landwirtschaftlichen Aktivitäten verwendet werden.

Die steigende Nachfrage nach Bauholz, Feuerholz, aber auch schlechtes Management oder die Umwandlung in Agrarflächen hat dazu geführt, dass die Böden und Steilhänge stark erosionsgefährdet sind. Erosion führt zur Auswaschung des Bodens und der Nährstoffe: Flüsse verschlammen, Überschwemmungen werden häufiger und drastischer.

Außerdem führen die Degradationseffekte dazu, dass Grundwasserdepots verschwinden und Quellen und kleine Bäche austrocknen. Das wiederum bedeutet weniger Wasser für die Bevölkerung für die Bewässerung, für den persönlichen Bedarf wie Trinkwasser und sanitäre Einrichtungen. Auch Wasserkraftwerke ändern die Sedimentation in Flüssen sowie den Abtransport von Geröllen aus dem Hochgebirge. Sie beeinflussen auch die Restwassermenge, die darunter liegenden Gemeinden zur Verfügung steht.

Lokale Bedürfnisse und grenzüberschreitende Probleme

Tehri-Damm am Ganges © Jörg Hartmann / WWF-Germany
Tehri-Damm am Ganges © Jörg Hartmann / WWF-Germany

Wie bei vielen grenzüberschreitenden Flüssen weltweit lassen sich auch im östlichen Himalaja die Probleme nur gemeinsam lösen. Entscheidungen über Wasserentnahmen oder Verbauungsprojekte wie Wasserkraftwerke, technischer Hochwasserschutz und Straßenbau nehmen wesentlichen Einfluss auf die Wasserqualität, Wasserverfügbarkeit und die Biodiversität stromabwärts.

Wird stromaufwärts bereits der Großteil der Wassermenge für die Stromerzeugung oder die Bewässerung entnommen, hat das unweigerliche Konsequenzen für die Menschen, die in der Tiefebene ebenfalls von den Wasserressourcen abhängig sind.

Herausforderungen und Bedürfnisse können langfristig nur grenzübergreifend analysiert und gemeinsam bearbeitet werden. Die Verfügbarkeit von Wasser, die Wasserqualität, der Energiebedarf aber auch die anderen damit einhergehenden Ökosystemleistungen von Flusssystemen und Feuchtgebieten sind zentral für die Ökonomien und die lokale Bevölkerung beiderseits der Grenzen. Und auch die Biodiversität kennt keine Grenzen.

Nahrung für hunderte Millionen Menschen

Reisernte in den Sunderbans, Ganges © Global Warming Images / WWF
Reisernte in den Sunderbans, Ganges © Global Warming Images / WWF

Die Indus-Ganges-Brahmaputra-Tiefebene wird oftmals als die „Kornkammer Südasiens“ bezeichnet. Reis und Weizen sind hier die wichtigsten Grundnahrungsmittel. Beide Getreidesorten brauchen jedoch sehr viel Wasser. Um diese Landwirtschaft erfolgreich betreiben zu können, wurde in dieser Region die höchste Konzentration an Bewässerungsanlagen der Erde geschaffen.

Im Ganges-Becken liegen 60 Prozent der gesamten bewässerten Flächen Indiens mit einem Bedarf von 100 Milliarden Kubikmetern Wasser pro Jahr. Bei nicht nachhaltigem Management des Wassereinzugsgebiets stromaufwärts können sich die Grundwasserdepots nicht mehr auffüllen, und die Gesamthydrologie der Region wird weiter beeinträchtigt.

Wasserkraft versus frei-fließende Flüsse

Die wachsenden Volkswirtschaften der Himalaja-Region haben einen großen Energiebedarf, der (auch) durch Wasserkraft gedeckt werden soll. 200 neue Staudämme mit einer Energieleistung von 150 Gigawatt (GW) sind geplant. Zum Vergleich: alle Kraftwerkleistungen in Deutschland 2019 haben rund 214 GW betragen.

Nepal und Bhutan würden dabei den Strom an Indien exportieren, das die zusätzliche Energie dringend benötigt. Somit bedeutet Wasserkraft eine enorme Wirtschaftsleistung (ein beträchtlicher Anteil des Bruttoinlandsproduktes BIP) für die beiden kleinen Nachbarstaaten Indiens, die diese Einnahmequelle dringend benötigen.

Wenn allerdings Flüsse in ein Korsett gezwängt werden und Querbauwerke den regulären Durchfluss der Flüsse verhindern und den Abtransport der Sedimente, verändert sich automatisch das Fließgewässerregime und die Funktionalität des Ökosystems. Damit werden auch Prozesse in den Ökosystemen und die Wechselwirkungen zwischen Süßwasserökosystemen und ihren angrenzenden Ökosystemen nachhaltig gestört.

Ganges-Flussdelfin © François Xavier Pelletier / WWF
Ganges-Flussdelfin © François Xavier Pelletier / WWF

Diese Art von Infrastruktur gefährdet letztendlich Lebensräume und Populationen von sensiblen Arten. In Bhutan, Indien und Nepal betrifft das Arten wie den stark gefährdeten Golden Mahseer, einen der größten Vertreter der Karpfenfische, aber auch Vögel wie der vom Aussterben bedrohte Kaiserreiher oder das ebenfalls vom Aussterben bedrohte Ganges-Gavial – der letzte Vertreter der Gattung Gavialis innerhalb der Krokodile. Auch der stark gefährdete Ganges-Flussdelfin, von dem es noch etwa 1.300 Individuen in Nepal und Indien gibt, ist von Querbauwerken und Infrastrukturanlagen stark betroffen.

Gleichzeitig sind intakte Flussökosysteme auch bedeutend für den Menschen. Sie liefern wichtige Ökosystemleistungen wie natürlichen Überschwemmungsflächen, Erholung, sauberes Wasser, aber natürlich auch Nahrung für die Bevölkerung. In Indien allein leben über 2,5 Millionen Menschen vom Fischfang in den Flüssen des Himalajas.

Das bedeutet, dass bei zukünftigen Wasserkraftplanungen sensible Habitate und Populationen und auch Ökosystemleistungen berücksichtigt werden müssen, und besonders wertvolle Fließstrecken unberührt bleiben müssen.

Was macht der WWF in der Region?

Ganges © Robin Darius / Felis
Ganges © Robin Darius / Felis

Die Büros in Indien, Bhutan und Nepal haben einen grenzüberschreitenden Dialog und eine Kooperation in der Manas Conservation Area (zwischen Bhutan und Indien) und in der Terai Arc-Landschaft (zwischen Nepal und Indien) angestoßen. Es wurden Partnerschaften mit den Regierungsbehörden, Zivilgesellschaften und Unternehmen eingegangen, die noch weiter ausgebaut werden. Der WWF hat erste Studien zu den ökologischen Funktionen der Flüsse im Ganges durchgeführt, die in weiteren Bereichen und den Zuflüssen repliziert werden sollen.

Es wurden erste Monitoring und Telemetrie-Aktivitäten zu Arten wie dem Golden Mahseer durchgeführt, um die Bedeutung der Durchgängigkeit der Flüsse zu demonstrieren und die grenzübergreifende Zusammenarbeit zu forcieren.

Der WWF wird weiter an der Erhebung von Grundlagendaten arbeiten, um diese Daten in Entscheidungsprozesse einfließen zu lassen. Und es soll ein trilateraler Dialog zu den Süßwasserressourcen mit zentralen Stakeholder:innen etabliert werden, um die Biodiversitätsdaten und Ökosystemleistungen in zentrale Planungsprozesse einfließen zu lassen.

Die vielfältigsten und produktivsten Ökosysteme der Erde

Frei-fließende Flüsse sind von einzigartiger Bedeutung für die Artenvielfalt. Wenn ein Fluss unbeeinflusst ist von künstlichen Veränderungen seines Flusslaufs, bewegen sich Schlick und andere natürliche Materialien mit dem Wasser ungehindert fort. Es entstehen gesunde Überschwemmungsgebiete, die Lebensräume und Rückzuggebiete für viele Tier- und Pflanzenarten schaffen.

Sie tragen auch dazu bei, die Risiken von Fluten und Dürren zu verringern. Sedimente, die flussabwärts in die Deltas getragen werden, verhindern, dass diese weiter absinken und machen sie so widerstandsfähiger gegen den steigenden Meeresspiegel. Die „Iconic Free Flowing“-Initiative des WWF arbeitet daran, die nicht nachhaltige Verbauung der großen Flußsysteme der Welt zu stoppen und bereits regulierte Flüsse durch den Rückbau von Dämmen und anderen technischen und ökologischen Maßnahmen wieder zu renaturieren.

 

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