Wann immer Mensch und Tier sich einen Lebensraum teilen oder der Mensch unaufhaltsam immer weiter in den Lebensraum der Wildtiere vordringt, kommt es über kurz oder lang zu Spannungen. So auch in der Mara Siana, einem Gemeindeschutzgebiet im Osten Afrikas: Elefanten streifen bei ihren Wanderungen über Felder und zerstören die Ernte, Raubtiere reißen das Vieh der Menschen. Aber auch die Wildtiere haben Verluste zu beklagen. Sie verlieren ihren Lebensraum, werden im besten Fall verjagt, im schlimmsten Fall aus Rache oder Hilflosigkeit getötet. Dies ist die Geschichte von den zwei Seiten im Konflikt zwischen Mensch und Tier.

Die Elefantenkuh Nalakite ist den Ranger:innen der Elefantenschutzgruppe „Elephant Aware“ wohl bekannt, sie ist eine Anführerin und führt ihre große Elefantenherde durch die Mara. Vor wenigen Jahren beobachteten die Ranger:innen sie dabei, wie sie eine Gruppe von 30 Elefanten führte, ihren Nachwuchs – damals zwei, acht und zwölf Jahre alt – eng bei sich. Nalakite war gesund und strahlte jene erhabene Ruhe aus wie sie Elefanten, die sich sicher fühlen, zu eigen ist. 

Elefanten in der Masai Mara © Martin Harvey / WWF
Loxodonta africana, herd of African elephants grazing in the savanna of Masai Mara National Reserve, Kenya

Gut zu wissen!

„Elephant Aware“ wurde gegründet, um Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren zu mindern. Sie greifen ein, wenn ein Elefant das Gebiet einer Gemeinde betritt, bringen ihn sicher heraus und schützen das Eigentum der Menschen. Die Organisation arbeitet in der Siana Conservancy eng mit dem WWF zusammen.

Ein Leben am seidenen Faden

Der verletzte Elefant versteckt sich © Elephant Aware
Der verletzte Elefant versteckt sich © Elephant Aware

Wenige Monate später trafen Ranger:innen bei einer Patrouille wieder auf Nalakite. Doch dieses Mal machte sie einen schlechten Eindruck. Sie sah abgemagert aus, die Ohren hatten einen blassen, kränklichen Farbton angenommen, ihre Rippen waren deutlich sichtbar, die Beckenknochen traten hervor. Die Ursache war schnell gefunden: An der linken Flanke klaffte eine kreisrunde, eitrige Wunde.  

Sofort wurde der Tiermediziner Dr. Limo vom Mara Vet Team informiert und am nächsten Tag traf das Tierarzt-Team bei der Elefantenkuh ein. Sie waren sich unsicher, ob sie Nalakite narkotisieren können, sie könnte zu schwach sein, um nach der Narkose wieder aufzustehen – das wäre eine lebensgefährliche Situation für das Tier. Doch auf der anderen Seite war allen Beteiligten klar: Ohne medizinische Hilfe würde Nalakite sterben.  

Schließlich gelang es den Tiermediziner:innen, Nalakite ruhigzustellen, sie versorgten die Wunde, gaben ihr Antibiotika, Schmerzmittel und Vitamine und weckten sie schließlich wieder auf. Doch von allein schaffte sie es nicht – starke Seile und viele helfende Hände waren erforderlich, um das große Tier wieder auf die Beine zu bringen.  

Wenige Wochen nach der Behandlung fand ein Ranger Nalakite auf der Seite liegend in einem Schlammloch. Sie musste ausgerutscht sein und konnte nicht wieder aufstehen. Sie hatte alle Kraft verloren. Auch nach 12 Stunden, in denen Ranger:innen versucht hatten, ihr aufzuhelfen, wollte es nicht gelingen. Und so musste das Team von Elephant Aware schmerzlich dabei zusehen wie Nalakite, die sanfte Matriarchin im Beisein ihrer drei Jungtiere starb.

Den Elefanten geht der Platz aus

Der verletzte Elefant wird von Tierärzten versorgt © Elephant Aware
Der verletzte Elefant wird von Tierärzten versorgt © Elephant Aware

Nalakites Wunde war von einem Speer verursacht worden und hatte sich stark entzündet. Schon bevor sie sich diese Verletzung zugezogen hatte, war sie ausgezehrt, hatte kaum Fressbares gefunden. Vermutlich war sie auf der Suche nach Nahrung und Wasser irgendwann zu nah an eine menschliche Siedlung heran gekommen. Eine Gegend, die sie vielleicht noch aus jungen Jahren in Erinnerung hatte, als sie dort ungestört weiden konnte. Die Menschen fühlten sich von ihr bedroht und so führte eins zum anderen. Nalakite war Opfer eines Konflikts zwischen Mensch und Tier geworden.  

Nalakites Geschichte wirft ein Schlaglicht auf das große Problem, mit dem die Elefanten auf dem gesamten afrikanischen Kontinent zu kämpfen haben: Ihnen geht der Platz aus. Im Mara-Ökosystem zum Beispiel wurden große Landstriche, die früher in Gemeinschaftsbesitz waren und in denen es keine Zäune gab, in kleine Parzellen in Privatbesitz aufgeteilt.  

Jetzt können viele Wildtiere, auch Elefanten, dort nicht mehr auf ihren uralten Migrationsrouten wandern oder finden keinen Platz mehr in ihren ursprünglichen Lebensräumen. Die Flächen sind zerschnitten, Wege blockiert. Und wenn sie dann doch versuchen, ihnen zu folgen, gelangen Löwen, Elefanten oder auch Flusspferde in die Nähe von Menschen. Oft mit katastrophalem Ausgang für Mensch und Tier, wie die Geschichte eines acht Jahre alten Massai-Jungen und des Elefantenbullen Limo erzählt. 

Zwei Leben verloren

Ranger bauen einen neuen Ranger-Außenposten in dem wichtigen Elefanten-Lebensraum, der an das Land der Gemeinde grenzt © Elephant Aware
Ranger bauen einen neuen Ranger-Außenposten in dem wichtigen Elefanten-Lebensraum, der an das Land der Gemeinde grenzt © Elephant Aware

Der Tag war erst wenige Stunden alt – und wurde schon zur Tragödie: Am Morgen des 24. April machten sich zwei Massai-Jungen im Alter von acht und zwölf Jahren auf den Weg zum Haus des Nachbarn. Es lag auf der anderen Seite des kleinen Flusses, der zu dem Zeitpunkt ausgetrocknet war. Nur etwa 300 Meter vom Haus der Jungen entfernt. Dichter Wald und andere Vegetation versperrt den freien Blick auf den Fluss. Und so sahen die Jungen den Elefanten zu spät, der in ihre Richtung gelaufen kam.  

Sofort machten die Jungen kehrt und rannten zurück in die Sicherheit ihres Zuhauses. Doch der Elefant war schon zu nah, schwang seinen Rüssel und traf den Achtjährigen. Es muss ein heftiger Schlag gewesen sein, der Junge erlag seinen Verletzungen noch während die Mutter schreiend aus dem Haus gerannt kam, um den Elefanten zu vertreiben. 

Schnell war auch die Eingreiftruppe von „Elephant Aware“ vor Ort und versuchte, die Situation zu klären und die aufgebrachten Menschen zu beruhigen – angesichts der Umstände eine unmögliche Aufgabe. Und so kam es, dass nach dem tragischen Tod des Kindes ein weiteres Lebewesen sein Leben verlor: Der 40 Jahre alte Elefantenbulle Limo wurde für den Angriff verantwortlich gemacht und von den Behörden getötet. Tragischerweise stellte sich später heraus, dass Limo gar nicht für den Tod des Jungen verantwortlich war. 

Konflikte sind keine Seltenheit

Ranger bauen einen neuen Ranger-Außenposten in dem wichtigen Elefanten-Lebensraum, der an das Land der Gemeinde grenzt © Elephant Aware
Ranger bauen einen neuen Ranger-Außenposten in dem wichtigen Elefanten-Lebensraum, der an das Land der Gemeinde grenzt © Elephant Aware

Solche Fälle sind leider nicht keine Seltenheit, sondern ereignen sich fast täglich auf dem ganzen Kontinent. Das wachsende Problem der Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren ist nicht leicht zu lösen. Schuldzuweisungen helfen hier nicht weiter. Es braucht langfristige Lösungen, um solch schreckliche Vorfälle so gut wie möglich schon im Vorfeld zu verhindern. Und das gemeinsam mit den Menschen vor Ort. 

Genau hier setzt die Arbeit des WWF in der Unganisha-Projektregion an. Denn „unganisha“, das bedeutet „gemeinsam“. Mit der Unterstützung der Bevölkerung vor Ort und auch von lokalen Partner:innen wie dem Team von „Elephant Aware“ arbeitet der WWF daran, ein grenzüberschreitendes Netz aus Schutzgebieten aufzubauen und zugleich die Lebensgrundlagen der Menschen zu verbessern. 

Der WWF und seine Partner:innen wollen ein Gleichgewicht schaffen zwischen Mensch und Natur, zwischen Nutzung und Wildnis. Mit dem Ziel, die einzigartige Tierwelt und die natürlichen Ressourcen zu erhalten, einen nachhaltigen Lebensunterhalt für die Gemeinschaften sicherzustellen und den Fortbestand der einzigartigen Kultur der indigenen Massai zu sichern.

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