Die indigenen Murui-Muina im Süden Kolumbiens betrachten die Natur um sie herum als gleichberechtigt. Der Jaguar gilt für sie als Hüter des Regenwaldes, der die Menschen auch in ihre Schranken weisen kann. Ihr wertvolles ökologisches Wissen wollen sie weitergeben und haben deshalb ein Buch und Bildungsmaterialien herausgebracht. Der WWF arbeitet bereits viele Jahre mit den Murui-Muina zusammen, um ihre Territorien, den Regenwald und die Jaguare zu schützen.

Die indigene Gemeinde Umancia ist nicht leicht zu erreichen. Sie liegt in den Überschwemmungswäldern des Putumayo-Flusses an der Grenze Kolumbiens zu Peru. Einziger Verkehrsweg ist der Fluss, und bis zur nächstgrößeren Gemeine Leguízamo dauert es sechs Stunden mit dem Boot. Etwa 26 Familien vom Volk der Murui-Muina leben in Umancia und damit in einer der wertvollsten Naturregionen Amazoniens.

Kamerafallen in größter Abgeschiedenheit

Ein Jaguar beobachtet im Wasser seine potentielle Beute © Aline Santana da Hora / WWF Brazil
Ein Jaguar beobachtet im Wasser seine potentielle Beute © Aline Santana da Hora / WWF Brazil

Die Jaguare sind ihnen noch näher, als sie es selbst vermutet hätten. Das ist eines der Forschungsergebnisse der Murui-Muina in Umancia.

Ein Team aus Gemeindemitgliedern unterstützt den WWF seit über sieben Jahren mit Hilfe von Kamerafallen bei der Überwachung der Jaguar-Bestände und anderer Arten in ihrer Heimat. „Wir studieren den Jaguar, denn wenn er nicht mehr da ist, gibt es nichts. Kein Essen, keine Pflanzen, nichts mehr.“ Juan Fusiamena aus Umancia erzählt, dass schon die Ältesten seiner Gemeinde die Bedeutung der Jaguare für das Ökosystem hervorgehoben hätten.

Vereinbarungen mit der Natur

Mehr Rechte und Sicherheit für die Indigenen Kolumbiens © WWF Kolumbien
Mehr Rechte und Sicherheit für die Indigenen Kolumbiens © WWF Kolumbien

Das Territorium der Murui-Muina ist ein wichtiger Rückzugsort für die Jaguare der Region. Trotzdem kennen die indigenen Gemeinden kaum Konflikte mit der Raubkatze.

Die Jaguare, Tapire, Boas und weiteren Arten gelten ihnen als gleichberechtigte Lebewesen des Waldes, mit denen die Menschen sich einigen müssen, um friedlich zusammen zu leben. „Inmitten der Natur zu wohnen bedeutet, sie nicht als Sache zu begreifen, die man besitzen kann“, so Juan. „Sondern als jemanden, mit dem man Vereinbarungen treffen muss, die beiden Seiten zugutekommen.“ Der große Erfahrungsschatz der Indigenen und ihre besondere Beziehung zur Natur spiegeln sich in alten Sagen und Erzählungen.

 

„Der Schutz einer Art, die biologisch und kulturell so wichtig ist wie der Jaguar, kann nicht nur aus Sicht der westlichen Wissenschaft erfolgen.“

Jaime Cabrera, WWF Kolumbien

Indigene Forschung

Bildungsmaterial der Indigenen zum Jaguar © WWF Kolumbien
Bildungsmaterial der Indigenen zum Jaguar © WWF Kolumbien

Als die Murui-Muina in Umancia während der Corona-Pandemie von der Außenwelt abgeschnitten waren, beschlossen sie, sich auf ihre ganz eigene Jaguar-Forschung zu konzentrieren. Sie wollten das Wissen wiedergewinnen, das ihre Vorfahren über Generationen in der Natur um sie herum gesammelt hatten.

In mühsamer Arbeit trugen die Gemeindemitglieder Ahnenerzählungen zusammen und veröffentlichten schließlich mit Unterstützung des WWF ein mehr als hundertseitiges Buch in spanischer und indigener Sprache. So können sie ihr Wissen und ihren kulturellen Reichtum bewahren und mit anderen Gemeinschaften teilen.

Bildungsmaterial: Der logische nächste Schritt

Zeichnungen für das Bildungsmaterial © WWF Kolumbien
Zeichnungen für das Bildungsmaterial © WWF Kolumbien

Schon während ihrer Arbeit an dem Buch wussten die Beteiligten: Das kann nur der Anfang sein. Die zweite Veröffentlichung aus Umancia sind nun spielerische pädagogische Materialien für Kinder an Gemeinschaftsschulen in Putumayo und darüber hinaus.

Klänge, Worte und Wissen wollen die Gemeindemitglieder weitertragen. 38 Hörbeiträge, ein Buch und eine interaktive Broschüre erzählen Geschichten und Erfahrungen in ihrer eigenen Sprache Mɨnɨka und auf Spanisch.

Die Bildungsmaterialien erhalten und verbreiten traditionelles ökologisches Wissen und die Vision einer gleichberechtigten Natur. Sie helfen außerdem, die indigene Sprache der Murui-Muina zu bewahren und für die Anerkennung ihres Territoriums zu werben.

Jaguar: Wächter des Dschungels

Jaguar am Flussufer © Valeria Boron / WWF UK
Jaguar am Flussufer © Valeria Boron / WWF UK

Ursprünglich gehörte das Land den Jaguaren, erzählt ein alter Volksglaube der Murui-Muina. Als der Mensch begann, hier Tabak anzubauen, verpflichtete er sich dem Jaguar. Fortan besaß der Mensch die Felder und der Jaguar den Regenwald. Seitdem sind die Großkatzen verantwortlich, sich um Natur und Tiere des Dschungels zu kümmern.

Im Fall von Konflikten zwischen Mensch und Natur ist es Sache des Jaguars, den Menschen ihre Rolle und Verantwortung vor Augen zu führen. „Dies ist eine angestammte Vereinbarung, die wir respektieren“, erklärt Herlinto Fusiamena, einer der Ältesten und spirituelle Autorität in Umancia. Für die Murui-Muina ist die harmonische Kommunikation mit der Natur eines der wichtigsten Mittel, um den Amazonas zu erhalten.

Warum wir Menschen wie die aus Umancia brauchen

Die Artenvielfalt in den Wäldern rund um die Gemeinde Umancia ist ähnlich groß wie sonst in Schutzgebieten. Das zeigt, welch wichtige Rolle die indigenen Gemeinschaften im Naturschutz spielen.

Doch unter den Regenwäldern der Region Putumayo schlummern Ölreserven. Auch Viehzucht, industrielle Landwirtschaft, Verkehrsprojekte und illegaler Holzeinschlag bedrohen die großen Flächen bisher unberührter Natur, die für den Jaguar so wichtig sind.

Die beeindruckenden Raubkatzen finden immer weniger Raum. In Kolumbien haben sie bereits fast 40 Prozent ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes verloren, in anderen Ländern Südamerikas sind sie ausgestorben. Die Jaguare brauchen die wilden Wälder Putumayos und Menschen wie die aus Umancia, die einen angemessenen Umgang mit der Natur vorleben. Die Gemeinde ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich uraltes indigenes und westliches Wissen ergänzen kann, um die Ökosysteme Amazoniens am Leben zu halten.

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