Die Waldbrände in Sibirien halten weiter an. Die Temperaturrekorde von bis zu 37 Grad Celsius, extreme Trockenheit und Wind heizen die Brände immer mehr an. In entlegenen Regionen werden die Flammen schon gar nicht mehr bekämpft.

Durchschnittliche Temperaturen im Juni in der sibirischen Arktis © C3S/ECMWF
Durchschnittliche Temperaturen im Juni in der sibirischen Arktis © C3S/ECMWF

Neben den katastrophalen Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt kommt noch ein weiterer Effekt hinzu, der besonders Klimaforschern große Sorgen bereitet: In Sibirien und im äußersten Osten Russlands sind durch die Feuer seit dem Start der Saison Anfang Mai geschätzt 59 Megatonnen Kohlenstoffdioxid (CO2) in die Atmosphäre gelangt. Das sind sechs Megatonnen mehr als im Juni des Vorjahres, teilten Experten des europäischen Erdbeobachtungs-programms Copernicus mit. Es seien die höchsten Emissionen, die vom Copernicus-Atmosphären-überwachungsdienst im Laufe seiner 18 Jahre dauernden Tätigkeit innerhalb des nördlichen Polarkreises erfasst wurden.

Im Mittel lagen die Temperaturen bis zu fünf Grad Celsius über dem langjährigen Durchschnitt und damit mehr als ein Grad über dem bisher wärmsten Junidurchschnitten von 2018 und 2019. Die Forscher vermuten, dass starke Winde, zu wenig Feuchtigkeit in den Böden und eine zu geringe Schneedecke das Entstehen der Brände begünstigten. Insgesamt brannte von Anfang 2019 bis Ende Juni 2020 eine Waldfläche von 11 Millionen Hektar, das entspricht einer Fläche, die größer ist als Ungarn. "Was Besorgnis erregt, ist, dass die Arktis sich schneller erwärmt als der Rest der Welt", sagt C3S-Direktor Carlo Buentempo beim Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen (ECMWF).

Die Permafrostböden tauen immer schneller

So verändert sich die Eiswelt dramatisch: In den Sommermonaten könnte die Arktis schon ab 2050 eisfrei sein. Um das Weiß der Arktis bilden sich immer mehr dunkle Flächen, die die Wärme der Sonne aufnehmen und die Erwärmung beschleunigen. Denn mit großer Besorgnis blicken die Klimaforscher noch auf einen weiteren Effekt der andauernden Klimaerwärmung: Der bis in große Tiefen gefrorene Permafrostboden taut immer weiter auf.

Was passiert, wenn der Permafrostboden taut?

Trockenheit begünstigt die Ausbreitung der Feuer © Maestrovideo / iStock / Getty Images
Trockenheit begünstigt die Ausbreitung der Feuer © Maestrovideo / iStock / Getty Images

Wie in einer Tiefkühltruhe sind in der obersten Schicht des Permafrost riesige Mengen abgestorbener Pflanzenreste gespeichert. Im Gegensatz zu tropischen oder gemäßigten Klimazonen kann diese organische Materie im gefrorenen Boden nicht durch Mikroben abgebaut werden, da Bakterien erst aktiv werden, wenn der Permafrost taut. Doch wenn sich das Klima weiter erwärmt – die Tür zur Tiefkühltruhe sozusagen aufgestoßen wird – beginnt das Zersetzen des organischen Materials. Dadurch gelangt der Kohlenstoff, der in den Pflanzenresten gespeichert war, als Treibhausgas in die Atmosphäre. Die dort eingeschlossenen Mikroorganismen setzen nicht nur CO2 frei, sondern zunehmend Methan– ein Treibhausgas, das rund 30 mal schädlicher ist als CO2. Methan wird durch anaerobe Mikroorganismen freigesetzt, wenn der Permafrost auftaut und so wassergesättigt ist, dass kein Sauerstoff verfügbar ist. Das führt zur weiteren Erwärmung des Klimas. Diese Rückkopplung würde sich folglich auf das gesamte globale Klimasystem auswirken.

Darüber hinaus kann das Tauen von Bodeneis in Regionen mit eisreichem Permafrost drastische Konsequenzen für arktische Landschaften und besiedelte Gebiete haben, weil das Schmelzen des unregelmäßig verteilten Eises zu ungleichmäßigem Absinken der Landoberfläche führt. Die Folge: Straßen, Eisenbahnschienen, Landebahnen, Gebäude und Öl- und Gas-Pipelines können beschädigt werden. Die Ölkatastrophe in Norilsk, bei der 20.000 Tonnen Öl aus einem Wärmekraftwerk ausgetreten sind, werten Wissenschaftler ebenfalls als eine Folge des Abtauens der Permafrostböden. Der Boden wird weich und gibt nach.

Die Entwicklung des Permafrosts zu prognostizieren, gilt allerdings als eine äußerst komplexe Aufgabe. Viele Oberflächeneigenschaften ändern sich gleichzeitig, wie zum Beispiel die Schneedecke und die Vegetation. Außerdem greift der Mensch zunehmend in die Landschaftsentwicklung ein. Vorhersagen sind darum immer noch mit großen Unsicherheiten behaftet. Studien zu vergangenen Klimaveränderungen wie zu jener Wärmeperiode, die unmittelbar nach der letzten Eiszeit folgte und in welcher die Arktis sich sehr schnell erwärmte, haben jedoch gezeigt, dass Permafrost dramatisch von steigenden Temperaturen beeinflusst wird. 

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