Unsere Flüsse sind verbaut, aufgestaut und eingezwängt. Der Rückbau unnützer Barrieren bringt das Leben zurück. Unsere Arbeit dazu nutzt auch Arten wie dem (fast) verschwundenen Flussuferläufer.

Ein Flussuferläufer (Actitis hypoleucos) watet im Wasser des bewachsenen Ufer eines Gewässers.
Ein Flussuferläufer (Actitis hypoleucos) am bewachsenen Ufer eines Gewässers © Ola Jennersten / WWF Sweden

Es sind leise, oft übersehene Geschichten, die sich an unseren Flussufern abspielen. Geschichten von Rückkehr, von Zerbrechlichkeit – und von Hoffnung. Eine dieser Geschichten erzählt der Flussuferläufer.

Der kleine, unscheinbare Vogel mit seinen flauschigen Küken steht stellvertretend für die dramatische Lage der Gewässer in Deutschland. Der Lebensraum natürlicher Flusslandschaft ist rar geworden. Und damit der Flussuferläufer.

Der Bestand des Vogels ist in Deutschland in einem kritischen Zustand und gilt als stark gefährdet. Als Brutvogel ist er mittlerweile sehr selten geworden. Der aktuelle Brutbestand wird auf nur noch 240 bis 350 Paare geschätzt.

Wo lebt der Flussuferläufer?

In Deutschland liegt ein Schwerpunkt seines Vorkommens an den bayerischen Alpenflüssen wie Ammer, Isar, Lech und Inn. Aber auch an Oder, Mittlerer Elbe oder Neiße gibt es noch Bestände. Hier finden die Flussuferläufer und viele andere Arten die letzten naturnahen Abschnitte.

Wo der Flussuferläufer vorkommt, stimmt das Ökosystem, dort ist die die Flusslandschaft intakt. Doch viele unserer Flüsse sind heute verbaut, begradigt und durch Querbauwerke unterbrochen. Die natürliche Dynamik fehlt – und mit ihr die Kiesbänke, auf die der Vogel angewiesen ist. Doch wo Bäche und Flüsse wieder frei fließen dürfen, kehrt er zurück.

Perfekt angepasst – und verletzlich

Doch der Flussuferläufer ist nicht nur durch den Lebensraumverlust vom Aussterben bedroht. Die Vögel sind perfekt an das Leben auf Kies- und Sandbänken angepasst – und gerade deshalb so verletzlich.

Zwischen April und Juli brütet der Flussuferläufer direkt am Boden. Schutz bietet ihnen allein ihre Tarnung – und die Ruhe ihres Umfelds.

Doch genau diese Ruhe ist selten geworden. Freilaufende Hunde können Nester zerstören oder Jungvögel gefährden. Menschen lösen bereits aus 40 bis 80 Metern Entfernung Fluchtreaktionen aus. Spaziergänger:innen, Schwimmer:innen, Camper:innen und Angler:innen, die Kiesbänke als Erholungsflächen nutzen, stören die Brut.

Wassersportler:innen wie Kajakfahrer:innen oder Stand-Up-Paddler:innen verursachen durch Anlanden an Schotterbänken signifikante Störungen. Schon kleinste Irritationen können fatale Folgen haben: etwa, dass Altvögel die Nester verlassen, was zum Auskühlen der Eier oder zum Tod der Küken führen kann.

Um den Vögeln zu helfen, müssen wir ihre Lebensräume wiederherstellen – aber auch mehr Rücksicht nehmen.

Vier gesprenkelte Eier eines Flussuferläufergeleges (Actitis hypoleucos) liegen in einem Nest.
Das Gelege eines Flussuferläufers (Actitis hypoleucos) © IMAGO / blickwinkel

Steckbrief: Flussuferläufer

  • Lebensraum: Kies- und Schotterbänke naturnaher Flüsse
  • Brutzeit: April bis Juli
  • Gelege: meist 4 Eier
  • Besonderheit: Küken sind Nestflüchter
  • Nahrung: Insekten, Larven, kleine Krebstiere, Würmer
  • Zugverhalten: Langstreckenzieher, überwintert in Afrika
  • Kennzeichen: wippender Hinterkörper, schneller Flug dicht über dem Wasser
  • Eine Feldlerche (Alauda arvensis) sitzt an einem Warnschild, das im Nationalpark Wattenmeer auf die Schutzzone für Bodenbrüter hinweist, die ihr Nest am Boden versteckt im hohen Gras anlegen. Tipps für die Brutsaison

    Rücksicht auf die Vögel: der WWF-Knigge für die Brutsaison Mehr erfahren

Das tut der WWF

Doch es gibt Hoffnung für den Flussuferläufer: Unter dem Motto „Barrieren raus – Lebensraum rein“ engagiert sich der WWF mit Projekten wie „Fluss.Frei.Raum“ für die Wiederherstellung natürlicher Flusslandschaften. Barrieren wie Wehre werden zurückgebaut, Flüsse erhalten wieder mehr Raum, Auen werden reaktiviert. So entstehen unter anderem neue Kiesbänke – und damit Lebensräume für bedrohte Arten. Arten wie den Flussuferläufer.

Denn nur frei fließende Gewässer können die Strukturen schaffen, die er zum Überleben so dringend braucht.

Hände weg von der Natur!

Wer auch in Zukunft die Küken von Flussuferläufer und Flussregenpfeifer erleben möchte, kann selbst aktiv werden. Die WWF-Kampagne „Hands off Nature“ setzt sich für den Schutz sensibler Lebensräume ein und macht auf die Bedeutung ungestörter Rückzugsorte aufmerksam.

Doch es geht um mehr als individuelles Verhalten. Auch politische Rahmenbedingungen sind entscheidend. EU-Vogelschutzrichtlinie und Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie verpflichten die Mitgliedstaaten, Lebensräume zu sichern. Ihre konsequente Umsetzung ist ebenso wichtig wie ambitionierte Renaturierungsmaßnahmen.

In Brüssel stehen gerade wichtige Naturschutzstandards auf der Kippe. Gerade jetzt ist öffentlicher Druck entscheidend.
Viele der geplanten Änderungen an europäischen Naturschutzgesetzen finden in komplexen Verfahren, unter Zeitdruck und ohne Einbindung der Öffentlichkeit statt.

Der Flussuferläufer zeigt uns: Wenn wir der Natur Raum geben, kehrt sie zurück. Aber sie braucht unsere Unterstützung! Helfen sie uns, dass unsere Stimme gehört wird!

Unser Projekt

Postcode Lotterie
Postcode Lotterie

Das „Team Frei fließende Flüsse“ des WWF Deutschland kümmert sich insbesondere um die Längsdurchgängigkeit von kleineren Bächen und Flüssen durch den Rück- und Umbau von Querbauwerken wie Wehre und Abstürze. Gefördert bis Mitte 2026 durch den „Traumtaler 2021“ der Postcode Lotterie bringen wir mit unterschiedlichen Ansätzen deutschlandweit Gewässer wieder zum Fließen.

Mit der Umsetzung von möglichst einfach zu realisierenden Projekten sammeln wir Erfahrung und zeigen mit engagierten Menschen und Gruppierungen vor Ort, was möglich ist, wenn alle an einem Strang ziehen. Begonnen hat es 2021 mit einem Wehrrückbau an der Baunach. Im Jahr 2023/24 lief der WWF-Wettbewerb Werden Sie Flussbefreier, in dessen Rahmen vier weitere Rückbaumaßnahmen an der Volme, der Kleinen Paar, dem Hühnerbach und der Pegnitz durchgeführt wurden bzw. werden. Es folgten weitere Rückbauten wie etwa am Wielenbach in Oberbayern.

Hier hilft der WWF dabei, Flüsse zu befreien

  • Das Wielenbach-Wehr vor dem Rückbau © Sigrun Lange / WWF
    Wielenbach
    Mit Hilfe des WWF wird der Wielenbach bald auf ganzer Länge wieder frei fließen können.
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  • Die Volme vor dem Rückbau der Barriere © Horch Fotodesign-Hagen
    Volme
    Der WWF fördert den Rückbau einer ungenutzten Wehranlage an der Volme in NRW.
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  • Wehr an der Kleinen Paar © Gemeinde Baar
    Kleine Paar
    Der WWF unterstützt Maßnahmen, die den Zustand der Kleinen Paar wieder verbessern sollen.
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  • Wehr an der Pegnitz © Ruben van Treeck / WWF
    Pegnitz
    Bei der rückzubauenden Stauanlage handelt es sich um ein nicht durchgängiges Wehr.
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  • Wehr am Hühnerbach © WBV Bidingen
    Hühnerbach
    Mit Hilfe des WWF kann der Rückbau deines Mühlenwehrs am Mühlenbach umgesetzt werden.
    Mehr erfahren

So können Sie helfen

Weitere Informationen

  • Ammer: Altenauer Schleife © Sigrun Lange / WWF Vom Engagement für die Ammer zu Rückbauprojekten in ganz Bayern

    Flüsse sind Lebensadern in der Landschaft. Sie verbinden die Alpen mit den Tieflagen und beherbergen entsprechend viele, teils seltene Tier- und Pflanzenarten. Weiterlesen...

  • Die Ammer © Claire Tranter / WWF Erfolgreiche Rückbauprojekte – Experten im Interview

    Warum sind unsere Flüsse bedroht? Was zeichnet einen frei fließenden Fluss aus? Was sind die Vorteile von Dammrückbau und Renaturierung? Und was können wir tun, um den Zustand unserer Flüsse zu verbessern? Weiterlesen...