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Stand: 10.09.2019

Nachhaltige Fischerei in Kambodscha – hier hat die Gemeinde das Sagen

Der junge Mann nimmt das GPS-Gerät und bestimmt die Position des Patrouillenbootes. Sobald der Außenbordmotor des Bootes verstummt, ist es ruhig auf dem Mekong, hier im Norden Kambodschas. In der Ferne treiben zwei Fischerboote auf dem Wasser, ein Fischer holt gerade ein Netz ein. Der Mann auf dem Patrouillenboot quittiert das mit einem Nicken: „Die beiden sind in Ordnung. Die fischen außerhalb der Fischschutzzone und mit Netzen, die erlaubt sind“.

Fischer auf dem Mekong. © Nicolas Axelrod / Ruom / WWF
Fischer auf dem Mekong. © Nicolas Axelrod / Ruom / WWF

Mehrmals im Monat fährt er mit seinen Kollegen als Flusswächter Patrouille auf ihrem Flussabschnitt, manchmal auch gemeinsam mit den staatlichen Flusswächtern. Die Patrouillen der Gemeindefischereien und die Flusswächter spielen eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung des kambodschanischen Fischereirechts: Sie kontrollieren die Einhaltung der rechtlichen Vorschriften, klären Fischer über die Regeln auf und konfiszieren verbotene Fischereiausrüstung wie Elektrofischgeräte, Sprengstoff und verbotene Netzarten. In Nordkambodscha hat die illegale Fischerei die Bestände über die letzten Jahre merklich schrumpfen lassen, erzählen die Fischer in den Dörfern. Vor allem die großen, für den Mekong typischen Fischarten, sind auf den Exportmärkten in Thailand und Vietnam beliebte Delikatessen. Mit Elektrofischgeräten und anderem verbotenem Gerät kann ein Fischer in einer Nacht rund 3.000 Dollar erzielen, ein beträchtlicher Anreiz. 

Der junge Flusswächter wendet das Patrouillenboot, es geht zurück ins Dorf. Die Fischer dort haben eine sogenannte Gemeindefischerei gegründet, die das kambodschanische Fischereirecht als lokale Institution zum Management eines Flussabschnitts anerkennt. In einer Gemeindefischerei beschließen die Fischer gemeinsam einen Managementplan und weisen einen Teil ihres Flussabschnitts als Fischschutzzone aus. In dieser Zone, in der oft die Laichgebiete mehrerer Fischarten liegen, gilt ein Fischereiverbot. So können sich die Bestände erholen. 

Gemeindefischereien nutzen Menschen und Ökosystemen

Fisch auf einem Markt in Laos. © Nicolas Axelrod / Ruom / WWF
Fisch auf einem Markt in Laos. © Nicolas Axelrod / Ruom / WWF

Das gemeinschaftliche Management der Fischbestände im Mekong nutzt den Menschen in den Fischerdörfern gleich zweifach: Zum EinenZum einen sichert es ihren Lebensunterhalt in der Zukunft, wenn die Fischbestände stabil bleiben. Außerdem trägt es zu einer gerechteren Aufteilung der Ressourcen bei.

 

Darüber hinaus ist diese Sicherung der Fischbestände des Mekong auch für die Nahrungssicherheit des Landes bedeutsam: In Kambodscha macht Fisch rund 75 Prozent des tierischen Eiweißkonsums aus und ernährt vor allem die ärmere Landbevölkerung. Schließlich ist der Fischschutz auch ein wichtiger Schritt, um die fragilen Ökosysteme und Nahrungsketten am Mekong zu schützen. Ikonisch steht dafür der stark bedrohte Mekong-Delfin (Orcaella brevirostris) mit der charakteristischen „Melone“, dem dicken, runden Kopf und dem kurzen Schnabel: Viele Tiere verenden in Stellnetzen oder beim Elektrofischen, und da sie als Nahrung auf Fische angewiesen sind, leiden auch sie unter der Überfischung.

Nachhaltig wirtschaften – gemeinschaftlich nutzen

Gemeinschaftliche Institutionen für die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen gibt es in verschiedenen Kulturkreisen schon sehr lange. Sie zeugen davon, dass die menschliche Nutzung von Gemeingütern nicht ausbeuterisch sein muss.

 

Was ist daran so besonders? Lange ging man davon aus, dass Ressourcen im Gemeineigentum immer übernutzt werden, weil jeder versucht, selbst am meisten Nutzen davon zu haben – die sogenannte „Tragödie der Gemeingüter“. Der einzige Ausweg sei, so die Annahme, das Eigentum an der Ressource an Einzelne zu übertragen, das Gemeingut also zu privatisieren. Die Kanadierin Elinor Ostrom aber fand durch jahrelange Forschung heraus, dass Ressourcen wie Fischbestände, Wälder oder Weiden durchaus in Gemeinschaftseigentum nachhaltig bewirtschaftet werden können – solange bestimmte Regeln erfüllt sind. Besonders wichtig: Die Gemeinschaft einigt sich selbst auf die Nutzungsregeln und kann deren Einhaltung durchsetzen. Für ihre Forschung erhielt Elinor Ostrom 2009 als erste Frau den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Nachhaltige Fischerei und der Aufbau neuer Einkommensquellen

Fischer holt ein Netz ein. © Kelsey Hartman / WWF
Fischer holt ein Netz ein. © Kelsey Hartman / WWF

Kambodscha hat die rechtlichen Voraussetzungen für eine gemeinschaftliche Selbstverwaltung von Fischereibeständen und Wäldern geschaffen – auch die nachhaltige Bewirtschaftung von Gemeindewäldern unterstützt der WWF. Hier, am Mekong zwischen Kratie in Kambodscha und dem Siphandone-Gebiet in Laos, arbeitet der WWF mit den nationalen Fischereibehörden und Lokalregierungen zusammen. Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit baut der WWF Gemeindefischereien auf, bildet Flusswächter und Fischereimanagementkomitees aus und hilft ihnen, Managementpläne zu erarbeiten, damit ihnen die Verwaltung des Flussabschnitts offiziell übertragen werden kann.

 

Allerdings bedeutet eine nachhaltige Nutzung der Fischbestände für die Gemeinden auch, heute weniger zu verdienen zugunsten einer langfristigen Sicherung des Einkommens. Und die Menschen am Mekong haben nicht viel – auch geringe Einkommenseinbußen können bedeuten, dass sie etwa ihre Kinder nicht zur Schule schicken können. Daher unterstützt der WWF sie auch beim Aufbau anderer Einkommensquellen: Bei der Verbesserung des Reisanbaus, der Aufzucht von Hühnern und dem Aufbau von Aquakultur, also Fischzucht in Becken. So werden die Beschränkungen für die Fischerei auch sozial tragfähig.

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