Die meisten unserer heimischen Flussfische sind Wanderfische. So wie es auch Zugvögel tun, müssen Wanderfische im Laufe ihres Lebens ganz unterschiedliche Lebensräume erreichen. Viele Arten wandern dazu über lange Strecken. Die Begradigung und der Ausbau von Flüssen, ihre Zerschneidung durch Wehre und Wasserkraftwerke, schlechte Wasserqualität und Überfischung haben viele dieser Arten an den Rand des Aussterbens gebracht. Laut Living Planet Index sind die europäischen Wanderfischbestände seit 1970 um 93 Prozent eingebrochen. Dabei waren Arten wie Lachs, Huchen und Stör bei uns einst weit verbreitet.

Dieser Stör wurde 1932 in der Elbe gefangen - 300Kg bei 3,5 Meter Länge © Heimatmuseum Arneburg
Dieser Stör wurde 1932 in der Elbe gefangen - 300Kg bei 3,5 Meter Länge © Heimatmuseum Arneburg

Störe werden in Flüssen geboren, wandern als Jungtiere ins Meer und kehren erst nach vielen Jahren in ihre Heimatflüsse zurück, um dort zu laichen.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war der Europäische Stör in Deutschland noch weit verbreitet. Die letzten Störe wurden 1985 in der Elbe und 1992 bei Helgoland gefangen. Aus den anderen Zuflüssen waren sie da bereits verschwunden und galten seither bei uns als ausgestorben.

Die letzte wildlebende Population Europas hat in Frankreich überlebt. Doch große Anstrengungen von Wissenschaftlern und Naturschützern um die Wiederansiedlung von Stören an Elbe und Oder zeigen nun erste Erfolge. Der Europäische und der Baltische Stör kehren langsam wieder zurück. Aber diese Heimkehr ist mit vielen Herausforderungen verbunden.

Ausgesperrt und mitgefangen

Baltischer Stör (mit kleinem Sender) vor der Auswilderung in die Oder © Nils Brevé, Sportfischerverband Niederlande
Baltischer Stör (mit kleinem Sender) vor der Auswilderung in die Oder © Nils Brevé, Sportfischerverband Niederlande

Es sind in erster Linie die versperrten Wanderrouten in den Flüssen und die Zerstörung ihrer Lebensräume, die den Stören in Mitteleuropa heute zu schaffen machen. Zu den größten Gefahren gehören Querbauwerke wie Wehre und Schleusen, die von den Tieren nicht überwunden werden können.

Im Unterlauf der Elbe versperrt noch ein anderes Hindernis den Weg: das sogenannte Sauerstoffloch, das unter anderem durch die Elbvertiefung verursacht wird. Die meisten ehemaligen Laichgebiete und Lebensräume für Jungfische sind dem Ausbau der Flüsse zum Opfer gefallen. Hinzu kommt, dass Störe auch als Beifang in der Küstenfischerei enden.

Vor allem drei Dinge brauchen die Störe in Elbe und Oder, damit ihre Wiederansiedlung gelingt:

  • Wiederherstellung der Durchgängigkeit und Erhalt der Wanderrouten
  • Erhalt und Wiederherstellung naturnaher und strukturreicher Laichflüsse
  • Reduzierung des Beifangs durch nachhaltiges Fischereimanagement

Der Stör – ein lebendes Fossil

Störe existieren schon seit über 200 Millionen Jahren und haben die Dinosaurier überlebt. Doch heute stehen 23 der 27 Störarten vor dem Aussterben. Sie sind laut der Weltnaturschutzunion IUCN die meistgefährdete Artengruppe weltweit. Störe zeichnen sich durch einen spindelförmigen Körper und einen Schnabel aus. Die Haut ist nicht etwa mit Schuppen besetzt, sondern mit fünf Reihen Knochenplatten. Man nimmt an, dass Störe bis zu 150 Jahre alt werden können.

Der Europäische Stör (Acipenser sturio) ist der größte der Gattung „Echte Störe“ und war einst in allen Flüssen zuhause, die in die Nordsee fließen. Er kann eine Länge von mehr als drei Metern und ein Gewicht von über 200 Kilogramm erreichen.

Der Baltische Stör (Acipenser oxyrinchus) hingegen stammt vom Atlantischen Stör ab und war ursprünglich in allen Ostseezuflüssen zuhause. Er kommt mit kälteren Temperaturen zurecht und hat während der kleinen Eiszeit den Europäischen Stör verdrängt.

Störe sind Einzelgänger. Nur im Frühjahr, zur Fortpflanzungszeit, finden sich geschlechtsreife Tiere an Laichplätzen in Gruppen zusammen. Störe kehren immer wieder in dieselben Flüsse zurück, in denen sie aufgewachsen sind. Männchen erreichen ihre Geschlechtsreife mit zehn bis zwölf Jahren, bei Weibchen kann es durchaus bis zu 16 Jahre dauern, bis sie das erste Mal ablaichen. Daher wandern Störe auch erst spät, mit Beginn der Geschlechtsreife, zurück zu ihren heimischen Laichplätzen – und danach wieder ins Meer.

Flaggschiffe für lebendige Flüsse

Störe stehen für lebendige, dynamische und frei fließende Flüsse samt Verbindung zu Küstengewässern und Meeren. Da Störe hohe Anforderungen an ihren Lebensraum haben, bezeichnet sie der WWF als sogenannte Flaggschiffart, ebenso beispielsweise den Panda oder den Tiger. Vom Schutz dieser Tiere und ihrer Lebensräume profitieren zugleich viele andere Arten. Dort, wo künftig Störe wieder heimisch sind und sich erfolgreich fortpflanzen, sind Flüsse wieder naturnah und vielgestaltig. Kurz: lebendig.

Die Rückkehr des Europäischen Störs in die Elbe

Vor fast 30 Jahren startete ein Wiederansiedlungsprogramm des IGB (Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei) und des französischen INRAe (French National Research Institute for Agriculture, Food, and Environment). Mehrere tausend Jungtiere wurden aufgezogen und in Gironde und Elbe ausgesetzt. In den Jahren 2021 und 2022 konnten bislang sechs geschlechtsreife Tiere nachgewiesen werden, die in die Elbe zurückkehrten. Ein großer Erfolg für den Artenschutz!

Die WWF-Arbeit an der Mittleren Elbe

Wehr an der Mulde (bei Dessau) mit Aufstiegsanlage (links) © Karl Heinz Jährling
Wehr an der Mulde (bei Dessau) mit Aufstiegsanlage (links) © Karl Heinz Jährling

An der Mittleren Elbe und einem ihrer Nebenflüsse, der Mulde, arbeitet der WWF Deutschland seit vielen Jahren an der Revitalisierung von Fluss und Aue. Auch die Rückkehr des Europäischen Störs soll hierdurch unterstützt werden. So wurden an der Mulde bei Dessau Uferbefestigungen abgetragen, Naturufer sind entstanden, der Fluss kann Geschiebe umlagern und Kiesbänke schaffen. Die Mulde bietet inzwischen wieder die Voraussetzungen, ein Laichgebiet für Störe zu werden. Zudem ermöglicht eine Fischaufstiegsanlage den Tieren das Vorbeiwandern am Dessauer Muldewehr.

„Die Mulde bei Dessau ist eines der letzten noch naturnahen ehemaligen Laichgewässer des Störs in Deutschland. Die Wiederansiedlung des Störs hat der WWF hier mit Renaturierungsmaßnahmen flankiert, die dem Fluss wieder mehr Eigendynamik erlauben und Lebendigkeit zurückgeben“

Tobias Schäfer, Referent für Gewässerschutz beim WWF Deutschland

Auch an der Elbe wird die Entwicklung von naturnahen Uferstrukturen für Stör und Co. für den WWF ein wesentlicher Arbeitsschwerpunkt der nächsten Jahre sein. Denn im Zuge des Ausbaus der Elbe als Wasserstraße verschwanden die meisten Kiesbänke und andere Lebensräume im Fluss, die für den Lebenszyklus der Störe und anderer Flussfische eine essenzielle Rolle spielen. Dort, wo Uferbefestigungen entfernt wurden und im Fluss wieder mehr Strukturvielfalt entsteht, kehren viele Arten wieder zurück.

Gefahr durch Wasserstraßenausbau

Sowohl an der Elbe als auch an der Oder wird die Wiederansiedlung der Störe jedoch durch Planungen für Unterhaltung und Ausbau der Wasserstraßen gefährdet. Ein Regierungsabkommen mit Tschechien zur Schiffbarkeit der Elbe und eines mit Polen zur Stromregulierung der Oder lassen befürchten, dass gravierende Eingriffe auf die Flussökosysteme zukommen.

„Der Ausbau würde konkret bedeuten, dass der Fluss zu einem Kanal umgestaltet wird“, fasst Jörn Gessner vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin die Bedrohung für die Oder zusammen.

„Die aktuelle Vielfalt an Strukturen wie Bänken und tiefen Löchern soll verschwinden. Das ist erklärtes Ziel. Genau die benötigt der Stör aber während der Laichzeit oder als Winterlager. Und nicht nur der, sondern alle typischen Flussfischarten. Deshalb steht der Stör hier für eine Vielzahl von anderen Flussfischen, die vergleichbare Ansprüche an ihre Lebensräume haben. Daher besteht durch die Maßnahmen die Gefahr, dass sowohl Fischbestand, als auch Artenvielfalt stark beeinträchtigt werden. Für den Stör, wie auch für viele andere Wanderfischarten, ist der Ausbau der Oder schlicht eine Katastrophe. Hier wäre das genaue Gegenteil erforderlich, um die Lebensbedingungen weiter zu verbessern.“

Jörn Gessner, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin

Die Planungen hängen wie ein Damoklesschwert über den beiden Flüssen. Und über den urigen Riesen aus dem Zeitalter der Dinosaurier, deren Überleben auf dem Spiel steht.

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