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Stand: 21.09.2018

Hintergrundinformationen zum dritten Nationalpark in Bayern

Natur Natur sein lassen – warum?

Wilde Natur in der Wimbachklamm. Eine überwältigende Mehrheit der Menschen empfinden den Nationalpark Berchtesgaden als Bereicherung für ihr Leben © Sigrun Lange
Wimbachklamm © Sigrun Lange

Warum lohnt es sich, Nationalparke einzurichten? Zum Beispiel, weil sie eine einzigartige Erfolgsgeschichte für die Natur und die Menschen sind. Zumindest sagte dies Markus Söder über den Nationalpark Bayerischer Wald. Zum 40. Jubiläum des Nationalparks Berchtesgaden im August 2018 betonte der amtierende Umweltminister Marcel Huber: „Unser Nationalpark ist eines der großen Flaggschiffe für den Naturschutz und ein Besuchermagnet schlechthin. Nach 40 Jahren ist eine noch nie dagewesene Akzeptanz in der Bevölkerung erreicht: 96 Prozent der Menschen in Bayern stehen hinter dem Nationalpark, fast 90 Prozent sind in der Region der Meinung, er verbessere die Lebensqualität. Das sind nicht nur Zahlen, das ist eine Liebeserklärung.“ Vor 40 Jahren gab es in Berchtesgaden etliche Kritiker der Nationalpark-Idee. Doch offenbar waren die Ängste vor Verlusten, vor zu vielen Regelungen und Einschränkungen unbegründet.

Auch im Bayerischen Wald waren die Diskussionen anfangs sehr kontrovers. Aber: „Er hat sich hervorragend entwickelt“, bilanziert Helmut Vogl, Bürgermeister von St. Oswald-Riedlhütte. „Heute identifizieren sich 80 Prozent der Menschen vor Ort mit dem Nationalpark“, so seine Einschätzung. Alfons Schinabeck, Bürgermeister von Neuschönau, freut sich, dass aus seiner 2.300-Seelen-Gemeinde rund 30 Menschen direkt beim Nationalpark beschäftigt sind. Weitere 500 Arbeitsplätze in Hotellerie, Gastronomie, Einzelhandel und dem Dienstleistungsbereich hingen seiner Einschätzung nach indirekt vom Nationalpark ab. Bei zukünftigen Diskussionen über einen dritten Nationalpark in Bayern sollten auf alle Fälle die Menschen aus den bestehenden Nationalpark-Regionen zu Wort kommen, um von ihren Erfahrungen zu lernen. „Ich kann aus gemeindlicher Sicht gewiss nichts Negatives über den Nationalpark sagen“, so das Fazit von Karlheinz Roth, Bürgermeister von Spiegelau. „Die Kritiker mussten anerkennen, dass das, was sie heraufbeschworen haben, nicht eingetreten ist.“ Und sein Neuschönauer Amtskollege Schinabeck fügt hinzu: „Ich sehe kein Argument gegen einen Nationalpark, das bei ehrlicher Betrachtung noch stichhaltig ist.“

Der bayerische Weg: Schützen durch Nützen

Extensiv gepflegte Kulturlandschaften sind Heimat für viele seltene Tier- und Pflanzenarten. Naturwälder brauchen wir trotzdem © Sigrun Lange
Unterammergau Feuchtwiese © Sigrun Lange

Schützen durch nachhaltiges Nützen, ist das Motto in Bayern. Gemeinsam mit Landwirten, Waldbesitzern und Grundstückseigentümern will die bayerische Staatsregierung die biologische Vielfalt mit freiwilligen Maßnahmen erhalten. So sind in Bayern beispielsweise die fünf Meter breiten Uferrandstreifen zum Schutz der Gewässer nicht wie in anderen Bundesländern verpflichtend, sondern freiwillig. Trittsteinbiotope sollen auf freiwilliger Basis ein Netz aus Schutzgebieten ergänzen. Ebenso freiwillig sollen laut Biodiversitätsstrategie „möglichst viele Bestände“ der über die europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie geschützten Lebensräume und Arten erhalten werden. Immerhin sieht das „Biodiversitätsprogramm Bayern 2030“ von 2014 Artenhilfsprogramme für gefährdete Tier- und Pflanzenarten vor.

Es stimmt, Kulturlandschaften tragen entscheidend zum Erhalt der Artenvielfalt bei, insbesondere die kleinteilig und extensiv bewirtschafteten Räume. Landwirte und Förster sind natürlich wichtige Akteure, ohne deren Kooperation Naturschutz nicht funktionieren kann. Doch in der bayerischen Biodiversitätsstrategie fehlen verbindliche Vorgaben und regelmäßige Kontrollen zur Zielerfüllung. „Der bayerische Weg der Freiwilligkeit hat sich ganz klar nicht bewährt“, erklärt Richard Mergner, Vorsitzender des BUND Naturschutz Bayern. „Bayern besteht nicht nur aus modellierten Kulturlandschaften“, fügt Diana Pretzell, Leiterin Naturschutz Deutschland des WWF Deutschland, hinzu. „Nur mit einem ausreichend großen Anteil nutzungsfreier Flächen ließe sich Bayern in seiner ganzen Vielfalt erhalten – zum Nutzen von Mensch und Natur.“

Wo könnte in Bayern ein Nationalpark entstehen?

Laubwald im ältesten Naturschutzgebiet (NSG) Bayerns: das knapp zehn Hektar große NSG „Rohrberg“ im Hohen Spessart © Michael Kunkel
Rohrberg im Hohen Spessart © Michael Kunkel

Der Norden des bayerischen Spessarts zählt mit seinen über 400-jährigen Eichen und weit über 180-jährigen Buchen zu den ältesten Wäldern Mitteleuropas. In den alten Laubwäldern fühlen sich auch seltene Tier- und Pflanzenarten wohl, die in jungen Wäldern mit geringer Totholzdichte nicht überleben. Die Naturschutzverbände BUND Naturschutz, Landesbund für Vogelschutz, Greenpeace Bayern, WWF Deutschland, Zoologische Gesellschaft Frankfurt und die "Freunde des Spessarts" werben für ein Drei-Säulen-Konzept, das aus einem großen Kerngebiet, mehreren mittelgroßen Spenderflächen und etlichen kleinen Naturwaldflächen bzw. Trittsteinen besteht. Diese über den gesamten Spessart verteilten Gebiete sollen im Biotopverbund dauerhaft als Naturschutzgebiete geschützt werden, insgesamt knapp 9.000 Hektar an Staatswäldern. In diesen Wäldern soll kein Holz geschlagen werden, damit sich langfristig "Urwälder von morgen" entwickeln können.

Bürgerbewegung Freunde des Spessarts

Im knapp 50 Hektar großen Naturwaldreservat „Brunnstube“ im Steigerwald darf sich der Wald ohne Nutzungsdruck frei entfalten © Ulla Reck
Brunnstube im Steigerwald © Ulla Reck

Der nördliche Steigerwald in Franken würde sich bestens für einen Buchen-Nationalpark eignen. Auf über 11.000 Hektar erstrecken sich zwischen Ebrach, Gerolzhofen und Eltmann Laubwälder, die überwiegend in einem ökologisch hochwertigen Zustand sind. Sie gehören dem Freistaat Bayern. Nur eine kleine Fläche davon ist bisher ausreichend geschützt. BUND Naturschutz in Bayern und WWF Deutschland erfassten bei einer Kartierung im Hohen Buchener Wald bei Ebrach über 7.600 dicke Altbäume auf einer Fläche von 775 Hektar. Dies belegt, wie wertvoll das urwüchsige Waldgebiet ist, das im Jahr 2014 vom ehemaligen CSU-Landrat Günther Denzler als „Geschützter Landschaftsbestandteil“ unter Schutz gestellt wurde. Dies hätte ein ersten Schritt hin zu einem „Nationalpark Steigerwald“ mit dem Fernziel der Anerkennung als Weltnaturerbe sein können. Im September 2015 wurde das Schutzgebiet wieder aufgehoben, weil es kein Landschaftsbestandteil im Sinn des Bayerischen Naturschutzgesetzes sei. Die Organisationen BUND Naturschutz, WWF Deutschland und Landesbund für Vogelschutz sowie der Bürgerverein Nationalpark Nordsteigerwald stellten daraufhin einen Fünf-Punkte-Rettungsplan für den Steigerwald vor. Sie fordern einen Verzicht auf Holzeinschlag in den naturschutzfachlich wertvollsten Waldbereichen und die Ausweisung eines mindestens 5.000 Hektar umfassenden Schutzgebietes auf Staatswaldflächen.

Verein Nationalpark Nordsteigerwald

Im Naturschutzgebiet „Lösershag“, eine Kernzone des Biosphärenreservats Rhön, wachsen knorrig-alte Buchen zwischen Basaltblockfeldern © Sigrun Lange
Naturschutzgebiet Lösershag © Sigrun Lange

Ein Nationalpark Rhön, mit Schwerpunkt in Bayern und einer Teilfläche in Hessen, könnte das bestehende Biosphärenreservat ideal ergänzen.  Die Lage im Herzen Deutschlands macht die Rhön zu einem Treffpunkt von Tier- und Pflanzenarten, die hier gerade noch z.B. ihr östlichstes oder wie die Alpenspitzmaus ihr nördlichstes Vorkommen in Deutschland aufweisen. In der Rhön befindet sich der letzte außeralpine Bestand des Birkhuhns. Hier brüten die letzten Raubwürger Bayerns. Manche Arten, wie die Rhönquellschnecke, leben weltweit nur hier. Die sehr hohe geologische Vielfalt (vulkanischer Basalt, Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper), die Höhenstufen von warmem Weinbaulagen bis zum rauen Mittelgebirgsklima und das abwechslungsreiche Relief mit ausgeprägten Tälern und Hochflächen schaffen eine herausragende Vielfalt an Wuchsstandorten für Wälder, wie sie kaum ein zweiter deutscher Nationalpark aufweist. So verfügt die Rhön auf den Plateaus, den Bergrücken- und flanken noch über kilometerlange, zusammenhängende, naturnahe Buchen-, Eichen- und Schluchtwaldgesellschaften mit sehr alten, artenreichen Laubholzbeständen.

Bündnis Nationalpark Rhön

Mächtiger Bergahorn im Ammergebirge © Sigrun Lange
Ammergebirge Bäckeralm © Sigrun Lange

Im Ammergebirge existiert eine etwa 230 Quadratkilometer große Fläche, die kaum besiedelt oder von Straßen durchschnitten ist. Bis auf den Eibsee ist sie komplett in Staatsbesitz. Hier ist der größte zusammenhängende Karbonat-Bergmischwald in Deutschland zu finden, mit einem Anteil von 13 Teilen Bergmischwald zu einem Teil Bergfichtenwald. Das nationalparkwürdige Gebiet umfasst den kalkalpinen Teil des Ammergebirge zwischen dem Lech im Westen und der Loisach im Osten, den westlichen Abschnitt des Wettersteingebirges mit den Nordflanken der Zugspitze und der Höllentalspitzen, den Waxenstein, das Höllental und die Westflanke der Alpspitze. Mit der Zugspitze befände sich der höchste Berg Deutschlands im Nationalpark. Geprägt wird das Gebiet auch durch den malerischen Eibsee, die Loisach und nicht zuletzt durch die von König Ludwig II erbauten Schlösser Neuschwanstein und Linderhof.

Förderverein Nationalpark Ammergebirge

Auwälder bei Bruck an der Mündung des Lechs in die Donau © Wolfgang Willner
Donauauwald Lechmündung © Wolfgang Willner

Die großen zusammenhängenden Auwälder der Donau zwischen Lechmündung und Ingolstadt bzw. der Isar zwischen Freising und Bruckberg zeichnen sich durch freifließende und sehr artenreiche Flussabschnitte aus. In den Donau-Auen kommen beispielsweise 55 Prozent aller in Bayern vorkommenden Libellenarten, 60 Prozent aller in Bayern vorkommenden Wasserschnecken-Arten , die gefährdeten Amphibien Gelbbauchunke, Laubfrosch und Kammolch, sowie alle sieben Spechtarten des Flachlandes vor. In den Isar-Auen finden sich 50 Prozent der in Bayern brütenden Vogelarten, 240 Arten von Totholz-Insekten und insgesamt 231 Wildbienen- und Wespenarten. In Teilbereichen gibt es aktuell zwar noch Einschränkungen der Flussdynamik durch Staustufen an der Donau, es wären aber umfangreiche Renaturierungen möglich. Das Gebiet ist zu einem großen Anteil bereits als Natura 2000-Gebiet ausgewiesen, an der Mittleren Isar und im Bereich der Weltenburger Enge zudem bereits als Naturschutzgebiet. Auch vier besonders wertvolle Naturwaldreservate wären enthalten.

Bündnis Auen-Nationalpark

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