Im Süßwasserbereich der Tideelbe, an der Grenze zur Brack­wasserzone, liegt die Elbinsel Krautsand, die nach der Sturmflut 1976 eingedeicht wurde. Neunauge und Aal, Kiebitz, Bekassine und Uferschnepfe: An und auf Krautsand kommen 40 Arten vor, die bereits auf der deutschen und 111 Arten, die auf der Roten Liste Niedersachsens stehen. 52 von ihnen – etwa Rohrweihe und Wachtelkönig – sind europaweit geschützt. Dass sie alle hier leben können, ist Beweis für den hohen ökologischen Wert des Gebiets. Der WWF Deutschland will gemeinsam mit der NABU-Stiftung die Lebens­räume an der Tideelbe nachhaltig schützen und neue schaffen.

Die besonderen Lebens­räume und Arten haben eine nationale und gesamtstaatliche Bedeutung für den Erhalt der Artenvielfalt in Deutschland. Sie sollen im Naturschutzgroßprojekt Krautsand im Land­kreis Stade in Niedersachsen gesichert und weiterentwickelt werden. Damit wird das Naturschutzgroßprojekt zu einem „Leuchtturm-Vorhaben“ für den Schutz von tidebeeinflussten Flussmündungen.

Das Artenparadies Krautsand

Säbelschnäbler © Dr. Georg Wietschorke / pixabay
Säbelschnäbler © Dr. Georg Wietschorke / pixabay

Krautsand ist geprägt von ausgedehnten Marschengrünländereien, ein „Land-Wasser-Mosaik“ aus Weiden und Wiesen, Prielen, Gräben und Ufersäumen. Diese haben nationale und internationale Bedeutung als Brut- und Rast­gebiet für Vögel. Zehntausende Gänse, Brachvögel, Gold­regenpfeifer und andere Zugvögel rasten und überwintern hier im Herbst, Winter und Frühjahr.

Die ehemalige Insel wird durchzogen von Wasserläufen und ist eingerahmt von der Wischhafener Süderelbe und dem Ruthenstrom, zwei Nebenarmen der Tideelbe. Ihre Süßwasser-Watten mit Prielen und Flachwasserzonen, Süßwasser-Tideröhrichte und Tide-Auwälder sind heute selten geworden.

Und der Schierlings-Wasserfenchel, ein Doldenblütler, gedeiht nirgends sonst auf der Welt als im Süßwasserbereich des Elbästuars.

Die Tideelbe ist das größte Ästuar – also eine von Ebbe und Flut beeinflusste Flussmündung – in Deutschland und auch eines der größten Ästuare Europas. Sie steht weitgehend unter europäischem Naturschutz.

Artenparadies Tideelbe

Bedrohte Vielfalt

Die seltenen an die Tideelbe angepassten Arten sind keineswegs in Sicherheit. Denn die Nutzung des Ästuars durch den Men­schen hat ihren Lebensraum massiv verändert und tut es noch. Durch Eindeichungen gingen 90 Prozent der Über­flu­tungs­flächen verloren. Die Nutzung des Marschengrünlands wurde intensiviert. Elbnebenarme sowie Zuflüsse wurden abgetrennt und die Fahrrinne wird für die Schifffahrt gerade zum neunten Mal vertieft. Dies verändert die Strömungs­verhältnisse, die Wasserstände und den Wasserhaushalt. Starker Wellenschlag schädigt die Watt-, Röhricht- und Auwaldflächen am Haupt­strom. Flachwassergebiete und Nebenelben wie die Wisch­hafener Süderelbe verschlicken. Und der Süßwasserbereich versalzt immer mehr. Viele ästuartypische Tiere und Pflanzen sowie spezialisierte Brutvogelarten sind bereits stark gefährdet.

Ästuar-Renaturierung für ein Naturparadies Krautsand

Verschlicktes Gewässersystem Asselersand © Claudi Nir / WWF Deutschland
Verschlicktes Gewässersystem Asselersand © Claudi Nir / WWF Deutschland

Der WWF Deutschland will die selten gewordenen Lebens­räume an der Tideelbe nachhaltig schützen und neue schaffen. Deshalb starten wir gemeinsam mit der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe auf Krautsand ein Naturschutzgroß­projekt.

Wo immer möglich, wollen wir abgetrennte Gewäs­ser wieder an das Tidegeschehen der Elbe anschließen sowie ästuartypische Ufer und neue Gewässer anlegen. So schaf­fen wir Nahrungs-, Aufwuchs- und Laichgebiete für Fische wie Finte und Schlammpeitzger.

Auch Arten wie die Rohr­dommel und der Schierlings-Wasserfenchel sollen auf Krautsand neuen Lebensraum finden. Bestehende und neu zu schaf­fende Grünländer wollen wir als Lebensraum von Wiesen­vögeln und als Vogelrasthabitat aufwerten.

Diese Maßnahmen kommen in Frage

  • Neuanschluss ehemaliger Prielsysteme an Ebbe und Flut
  • Naturnahes Wassermanagement, u.a. zur Eindämmung der Verlandung von Gewässerstrukturen
  • Rückbau von Uferbefestigungen
  • Schaffung größerer naturnaher, tidebeeinflusster Gewässer
  • Verbesserung der Verbindung naturnaher Grünland­- flächen mit dem Gewässersystem.
  • Extensivierung der Gründlandbewirtschaftung
  • Dauerhafte Sicherung von Naturschutzflächen

Ablauf des Projekts

Planungsraum Krautsand © Esri, Digital Globe, Earthstar Geographics, CNES/Airbus DS, USDA, USGS, AeroGRID, IGN, GIS User Community
Planungsraum Krautsand © Esri, Digital Globe, Earthstar Geographics, CNES/Airbus DS, USDA, USGS, AeroGRID, IGN, GIS User Community

Projektträger ist die Umweltstiftung WWF. Das Projekt ist aufgeteilt in zwei Projektphasen.

  • In Phase I (geplant 3 Jahre) wird ein Pflege- und Entwicklungsplan erstellt. In diesem werden auf Basis naturschutz- und wasserwirtschaftlicher Erhebungen und sozioökonomischer Rahmenbedingungen Maßnahmen entwickelt und lokalisiert.
  • In Phase II (geplant 10 Jahre) werden die Maßnahmen umgesetzt und dafür Grundstücke über den Projektpartner, die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe, angekauft. In einer projektbegleiten­ den Arbeitsgruppe, zu der wichtige lokale Akteure einge­ laden sind, werden die Zwischen­ergebnisse und geplanten Maßnahmen vorgestellt und diskutiert. Sie können nur mit Zustimmung der zuständigen Behörden, Verbände und betroffenen Flächeneigentümer umgesetzt werden.

Im Naturschutzgroßprojekt Krautsand sollen ästuar­typische Lebensräume und Arten gefördert werden.

Naturschutzgroßprojekt Krautsand

Fördermittel

Fördermittelgeber Naturschutzgroßprojekt Krautsand © WWF Deutschland
Fördermittelgeber Naturschutzgroßprojekt Krautsand © WWF Deutschland

Das Naturschutzgroßprojekt wird im Rahmen des Bundes­programms „chance natur“ – Bundesförderung Natur­ schutz – gefördert. Mit diesem Programm leistet die Bundes­regierung einen wesentlichen Beitrag zum Schutz der bio­logischen Vielfalt und des nationalen Naturerbes in Deutschland. Es fördert heraus­ragende großflächige Gebiete, denen aus nationaler Sicht eine besondere Bedeutung für den Naturschutz zukommt. Die Finanzierung erfolgt durch das Bundesamt für Naturschutz (75 Prozent) mit Mitteln des Bundesumweltministeriums (BMU), durch das Nieder­sächsische Umweltministerium (12,5 Prozent) sowie durch den WWF und die NABU-Stiftung (12,5 Prozent). Die Bewilligungs­behörde ist der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasser­wirtschaft, Küsten und Naturschutz.