Die WWF-Mitarbeiter:innen trauten ihren Augen kaum, als sie im Oktober 2020 im dichten Regenwald des Dzanga-Sangha-Schutzgebiets in der Zentralafrikanischen Republik auf Gorilla-Weibchen Malui stießen. Malui war nicht allein: Sie hatte ein Junges bei sich! Noch ganz ohne Fell, nur mit ein paar Haaren auf dem Kopf, schien es gerade mal einen Tag alt zu sein. Zwar wussten sie, dass Malui trächtig war, aber dass es so schnell gehen würde, damit hatten sie nicht gerechnet. Epolo soll das Neugeborene heißen, darin waren sich die WWF-Mitarbeiter:innen sofort einig. Benannt nach der Pflanze, aus deren Blätter Malui für sich und ihren Nachwuchs ein Nest gebaut hatte.

Vier Jahre und neun Monate zuvor hatte Gorilla-Weibchen Malui schon einmal für eine kleine Sensation gesorgt. Damals tauchte sie zunächst mit einem Neugeborenen auf dem Arm auf – das dachten zumindest die WWF-Mitarbeiter:innen. Dann, wenig später, war die Überraschung perfekt: Es waren zwei winzige Gorillajunge, die Malui an ihrer Brust säugte! Sie hatte tatsächlich Zwillinge auf die Welt gebracht. Und jetzt hat die Makumba-Familie mit Epolo erneut Zuwachs bekommen.

Seit über 20 Jahren schützt der WWF in Dzanga-Sangha die Westlichen Flachlandgorillas und gewöhnt in einem Habituierungsprojekt vier Gorilla-Gruppen an die Anwesenheit von Menschen. Gorillas bilden einen Verbund, der von einem Silberrücken, dem dominanten Männchen, angeführt wird. Zu einem Verbund gehören meist mehrere Weibchen und vier bis fünf Jungtiere. Eine dieser habituierten Gruppen ist der Familienverbund um Silberrücken Makumba, Weibchen Malui, die Zwillinge Inguka und Inganda und Nesthäkchen Epolo.

Von Geburt an bedroht

Zwillinge sind bei Gorillas sehr selten – Inguka und Inganda sind die ersten, die in eine habituierte Gorillagruppe des Dzanga-Sangha-Schutzgebietes hineingeboren wurden. Ein Symbol der Hoffnung für die ganze Region! Und dass jetzt noch Epolo dazugekommen ist, ist ein weiterer Grund zur Freude. Denn die Zukunft der Westlichen Flachlandgorillas in der Zentralafrikanischen Republik ist alles andere als sicher. Plantagen, Straßen und Bergwerke zerstören ihren Lebensraum. Obwohl es gesetzlich verboten ist, Gorillas zu töten, ist Wilderei nach wie vor eine massive Bedrohung für diese so seltene Menschenaffenart. Aus der Not heraus jagen viele Menschen die Tiere, um sie selbst zu essen oder für ihren Lebensunterhalt zu verkaufen. Professionelle Wilderer:innen bringen die Gorillas als Buschfleisch auf die Märkte in den großen Städten – dort gilt Menschenaffenfleisch als Delikatesse. Nicht wenige Gorillajunge werden lebend gefangen und landen in kommerziellen Tierparks oder als Haustiere bei Privatpersonen. Krankheiten sind eine zusätzliche Gefahr für den Bestand dieser Art.

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Schutz vor Lebensraumverlust und Wilderei

Wald im Dzanga-Sangha Schutzgebiet © Andy Isaacson / WWF-US
Wald im Dzanga-Sangha Schutzgebiet © Andy Isaacson / WWF-US

Um Gorillas wie Inganda, Inguka und Epolo dieses Schicksal zu ersparen, setzt sich der WWF für den Schutz des Regenwaldes in Dzanga-Sangha ein – und für nachhaltigen Tourismus. Dabei spielt die Habituierung der Gorillas eine wichtige Rolle. Ein intakter Regenwald, in dem Tourist:innen charismatische Tiere wie die Gorillas hautnah beobachten können, sorgt für Einnahmen, die in den Schutz des Waldes zurückfließen. Nachhaltiger Tourismus wiederum schafft alternative Einkommensquellen für die lokale Bevölkerung, die nicht mehr für das eigene Überleben wildern muss. Gleichzeitig ermöglicht das Habituierungsprojekt Wissenschaftler:innen, noch mehr über Verhalten und Lebensraum der Westlichen Flachlandgorillas zu lernen, damit sie noch besser vor den zahlreichen Bedrohungen geschützt werden können. Unverzichtbar dabei: Das enorme ökologische Wissen der BaAka, einem der ältesten Völker in diesem Gebiet. Sie kennen den Regenwald wie kaum jemand sonst. Ohne ihre Hilfe wäre es nicht möglich gewesen, die erste Gorilla-Gruppe an Menschen zu gewöhnen.

Sorglose Kindheit im Schutzgebiet

Malui © naturepl.com / Anup Shah / WWF
Malui © naturepl.com / Anup Shah / WWF

Und wie ist es nun den Zwillingen Inganda und Inguka in den letzten Jahren ergangen? Sie haben das gemacht, was alle kleinen Gorillas machen: Spielen, mit den älteren Jungtieren Sopo und Tembo raufen, viel schlafen, die Großen ärgern – alles unter dem wachsamen Auge von Gorilla-Mama Malui. Auch Vater Makumba hielt sich in den ersten Lebensjahren von Inganda und Inguka immer aufmerksam, wohlwollend und beschützend in der Nähe seines Nachwuchses auf. Der Silberrücken ist über 40 Jahre alt, die beiden Zwillinge waren für ihn ein außergewöhnlich spätes Vaterglück.

Gorillajunge werden bis etwa ins fünfte Lebensjahr von ihrer Mutter gesäugt, gefüttert, umhegt und gepflegt. Streift die Mutter auf Nahrungssuche durch den Wald, sitzt ihr Junges auf ihrem Rücken oder hängt an ihrem Bauch. Erst ab einem Alter von ungefähr fünf Jahren versorgt sich ein Jungtier selbst, im Familienverbund bleibt es aber noch sehr viel länger: Männliche Gorillas gründen mit ungefähr 16 Jahren eine eigene Familie, weibliche Gorillas sind mit etwa acht Jahren voll geschlechtsreif und können sich einem Männchen anschließen.

Bis es so weit ist, müssen die kleinen Gorillas einiges lernen: Nicht nur, wie man klettert, Futter sucht und sich ein Nest zum Schlafen baut, sie müssen auch ihren Platz im Familienverbund finden und lernen, ihren sozialen Rang zu behaupten.

Zwillingsgeburtstag: Happy Birthday, Inganda und Inguka!

Inguka & Inganda © Vit Lukas
Inguka & Inganda © Vit Lukas

Im Januar 2021 sind Inganda und Inguka fünf Jahre alt geworden – zu den Jungtieren zählen sie jedoch schon ein Jahr länger: Nach wissenschaftlicher Klassifikation wechseln Gorillas mit vier Jahren vom Säuglingsalter ins Jungtieralter. Die Entwicklung der Zwillinge hätte nicht unterschiedlicher sein können. Inguka zeigte schon früh einen eigenen Kopf, nur selten sah man ihn an der Brust seiner Mutter Malui oder auf ihrem Rücken reiten. Stattdessen beobachtete man ihn gelegentlich auf dem Rücken der halbwüchsigen Sopo. Und zu Makumba, dem Silberrücken, schien er ein besonders enges Verhältnis zu haben: Der überließ dem kleinen Inguka nämlich seine Essensreste! Inganda hingegen war in den ersten Lebensjahren der Liebling von Malui: Wenn er nicht gerade von Malui gesäugt oder gefüttert wurde, verbrachte er die Zeit auf dem Rücken seiner Gorilla-Mama.

Auf Wiedersehen, Sopo!

Wird Inganda die Trennung von Sopo verschmerzen? Sopo scheint der Abschied jedenfalls nicht ganz so leichtzufallen: Im Februar 2019 verließ das Weibchen mit neun Jahren erstmals die Makumba-Familie, um sich einem alleinlebenden Männchen anzuschließen – und wenige Tage später mit einer Bisswunde zu ihrer Familie zurückzukehren.

Als Sopo im Alter von dreieinhalb Jahren von ihrer Mutter Mopambi allein in der Makumba-Familie zurückgelassen wurde, wurde sie von Malui adoptiert. Und zu Makumba hat sie eine besonders enge Bindung aufgebaut. Kein Wunder, dass es ihr schwerfällt, ihre Familie zurückzulassen. Umso emotionaler war das Wiedersehen! Tembo säuberte Sopos Wunde und Inganda nahm Sopo sogar in den Arm.

Viereinhalb Monate später verließ Sopo erneut ihren Familienverbund, um ein eigenes Leben zu beginnen, diesmal endgültig.

Familienaufstellung in der Makumba-Gruppe

Tembo © Nuria Ortega / WWF
Tembo © Nuria Ortega / WWF

Seit Sopo die Gruppe verlassen hat, hat sich das Verhalten von Inganda geändert: Er verbringt mehr Zeit an der Seite seines Zwillingsbruders Inguka und begleitet ihn bei seinen Abenteuern. Gemeinsam tollen sie durchs Unterholz, klettern auf Bäume, rennen, raufen, spielen, erforschen die Umgebung und suchen nach Futter. Immer wieder mit dabei: Tembo, der ältere Bruder der Zwillinge. Mit fünf Jahren haben Inganda und Inguka das Säuglingsalter hinter sich, langsam lösen sie sich von ihrer Mutter Malui. Ihre Überlebenschancen stehen jetzt sehr gut. Die Zwillinge sind und bleiben der Mittelpunkt der Makumba-Gruppe.

Wer ist der Boss?

Mabor und Mindjo © Nuria Ortega / WWF
Mabor und Mindjo © Nuria Ortega / WWF

Mit dem Größerwerden von Inganda und Inguka scheint sich auch die Dynamik zwischen den beiden Weibchen der Gruppe zu ändern. Bisher war klar: Malui ist neben Makumba die alleinige Nummer eins. In jeder Gorillagruppe gibt es neben dem männlichen Familienoberhaupt auch ein dominantes Weibchen, das den engsten Kontakt zum Silberrücken hat und den Zugang zu den Futterquellen kontrolliert. Seit über zehn Jahren hat Malui diese Position inne und nachdem Mopambi, Sopos Mutter, die Gruppe im Jahr 2013 verlassen hatte, war Malui sogar das einzige erwachsene Weibchen der Familie. Malui ist stark, schlau und temperamentvoll, ihre Dominanz war unangefochten – bis im Februar 2016 das Weibchen Mabor zu der Gruppe stieß.

Damals war Mabor mit ihren sieben oder acht Jahren noch viel zu jung, um für Malui eine ernsthafte Konkurrenz darzustellen. Malui tolerierte Mabor, ließ sie sogar ab und zu mit Inganda und Inguka spielen. Während Malui hingebungsvoll damit beschäftigt war, ihre Zwillinge aufzuziehen, verbrachte Silberrücken Makumba immer mehr Zeit mit Mabor. Als Mabor 2019 schließlich ihr erstes eigenes Junges bekam, verschlechterte sich die Beziehung zwischen den beiden Weibchen deutlich: Immer wieder geraten sie aneinander, Malui verweigert Mabor den Zugang zu Futter. Die Situationen, in denen Makumba durchgreifen muss, damit Mabor fressen kann, häufen sich.

Noch ist Maluis dominante Stellung sicher, denn sie hat mit Tembo, Inganda, Inguka und jetzt mit Epolo vier Nachkommen – Mabor mit Mbindjio jedoch nur einen.

Social Distancing im Regenwald

Ob Malui mit der Geburt von Epolo ihren sozialen Status in der Gruppe festigen kann? Und wie wird es Epolo ergehen? Noch wissen wir wenig über den Gorilla-Winzling – wegen der Covid-19-Pandemie wurden die Kontakte zwischen Menschen und Gorillas auf ein Minimum reduziert. In kleineren Gruppen folgen BaAka, die als sogenannte Tracker:innen arbeiten, mit erhöhtem Sicherheitsabstand den Spuren der Gorillas, die Anti-Wilderei-Teams sorgen weiterhin für den Schutz der Tiere.

Weil Gorillas den Menschen genetisch sehr ähnlich sind, können sie sich bei ihnen mit Krankheitserregern infizieren. Mit dramatischen Folgen für die ganze Art – das galt bereits vor der Pandemie und gilt für Covid-19 ganz besonders. Denn nur wenn es den Gorillas gut geht, bringen Tourist:innen Geld in die Region, das den Naturschutz finanziert und zur Existenzsicherung der lokalen und indigenen Bevölkerung beiträgt. Zwar gibt es noch keinen Beleg dafür, dass Covid-19 auch auf freilebende Menschenaffen übertragen werden kann. Dass sich Menschenaffen jedoch mit Covid-19 infizieren und daran erkranken können, wurde Anfang 2021 in einem US-amerikanischen Zoo nachgewiesen. Ein Risiko möchte deshalb hier niemand eingehen.

Die gute Nachricht: Bislang gab es in Dzanga-Sangha noch keinen bestätigten Covid-19-Fall. Ein Glück für die Menschen vor Ort und auch für die Gorilla-Familie um Makumba und Malui. Hoffen wir, dass das so bleibt. Damit Inganda und Inguka weiterhin durch den Dschungel in Dzanga-Sangha streifen können. Und bald auch Epolo seinen Geschwistern nacheifert.

So helfen Sie den Gorillas

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