Über viele Jahrzehnte hinweg war es im Sioma-Ngwezi-Nationalpark im Westen Sambias auffällig ruhig und leer – und das, obwohl es sich um einen der größten Parks des Landes handelt. Der langjährige Bürgerkrieg und die weit verbreitete Wilderei führten dazu, dass die großen Pflanzenfresser aus der Landschaft verschwanden. Doch anscheinend wendet sich nun das Blatt: Mit Gnus und Elefantenherden kehrt das Leben in den Sioma-Ngwezi-Nationalpark zurück.

Eine junge Löwin 2020 im Sioma-Ngwezi-Nationalpark © Shadrach Mwaba
Eine junge Löwin 2020 im Sioma-Ngwezi-Nationalpark © Shadrach Mwaba

Wenn von Naturschutz in Afrika die Rede ist, denken viele Menschen zunächst an große, charismatische Tiere wie Elefanten, Nashörner und Löwen. Doch jenseits dieser symbolträchtigen Tierarten wird der Naturschutz vor allem durch die Interaktion vieler Arten angetrieben.

Pflanzenfresser wie Zebras, Gnus oder Gazellen prägen Landschaften, beeinflussen die Vegetation und schaffen die Grundlage für stabile Ökosysteme – oft leise, aber mit zentraler Bedeutung.

Die Gnus kehren zurück

Was diese Rolle in der Praxis bedeutet, wird durch einen Moment im August 2025 im Sioma-Ngwezi-Nationalpark verdeutlicht. Früh am Morgen wird das Tor eines provisorischen Geheges geöffnet. Staub wirbelt auf, als die ersten Gnus vorsichtig hinausschlüpfen. Sie halten kurz inne, prüfen den Wind und lauschen nach Geräuschen, dann treten sie hinaus in die offene Landschaft. Allmählich folgt der Rest der Herde. Was hier zu beobachten ist, ist die Ankunft einer Herde, die diese Landschaft erneut mitgestalten wird.

Zwei der Weibchen tragen unauffällige GPS-Halsbänder, die ihre Bewegungen in den kommenden Monaten dokumentieren werden. Wo werden sie ihre Zeit verbringen? Folgen sie alten Migrationsrouten oder erkunden sie neue Gebiete? Kamerafallen im Park und in den umliegenden Gebieten ergänzen diese Beobachtungen.

Bereits innerhalb der ersten Wochen wird klar, dass die Gnus nicht an einem Ort bleiben, sondern sich durch das Zentrum des Nationalparks bewegen und auch in benachbarten Managementzonen auftauchen – ein Hinweis darauf, wie schnell sie die Landschaft aktiv nutzen.

Die dramatische Historie des Parks

Impalas wurden im Sioma-Ngwezi-Nationalpark wieder angesiedelt
Impalas wurden im Sioma-Ngwezi-Nationalpark wieder angesiedelt © Swenny Mwanjala / WWF Sambia

Doch warum war es überhaupt notwendig, Gnus in den Sioma-Ngwezi-Nationalpark zurückzubringen? Um diese Frage zu beantworten, lohnt es sich, die Geschichte des Parks zu betrachten. Viele Jahre lang wirkte der Sioma-Ngwezi-Nationalpark ruhiger und leerer als andere Schutzgebiete in Sambia. Dies ist umso bemerkenswerter, da der Park mit einer Fläche von mehr als 5.000 Quadratkilometern zu den größten des Landes zählt.

Seine Lage im Dreiländereck zu Angola und Namibia brachte jedoch besondere Herausforderungen mit sich. Während der Unabhängigkeitskriege und der anschließenden politischen Instabilität in der Region war ein wirksamer Schutz der Tierwelt kaum möglich. Die Wilderei nahm stark zu – zunächst zum Zweck der Nahrungsbeschaffung, später auch in kommerziellem Ausmaß. Besonders betroffen waren Pflanzenfresser: Gnus, Zebras, Antilopen und Büffel waren vergleichsweise leicht zu jagen und lieferten Fleisch und Felle.

Große Herden gestalten Landschaften

Mit ihrem Verschwinden veränderte sich der Park allmählich. Wo früher Herden über das Land zogen, blieben nun große Flächen ungenutzt. Wasserstellen wurden seltener besucht und alte Migrationswege brachen zusammen. Auch große Beutegreifer fanden immer weniger Nahrung und zogen sich zurück. Sioma Ngwezi war zwar nicht zerstört, aber in vielerlei Hinsicht aus dem Gleichgewicht geraten – ein Park ohne Schlüsselfiguren.

Denn Pflanzenfresser halten Graslandschaften offen, verteilen Nährstoffe über ihren Dung und schaffen so Lebensräume für viele andere Arten – von Insekten und Vögeln bis hin zu kleinen Säugetieren und Reptilien.

Auch Pflanzen profitieren davon. Ein anschauliches Beispiel sind Akazien: Ihre Früchte werden von Antilopen, Giraffen oder Vögeln gefressen. Die Samen überleben den Verdauungsprozess und werden später oft weit entfernt vom ursprünglichen Ort ausgeschieden, wo Licht, Boden und Feuchtigkeit bessere Bedingungen bieten. Ohne wandernde Pflanzenfresser würden solche natürlichen Ausbreitungswege verschwinden.

Wiederansiedlung für gesunde Ökosysteme

Vor diesem Hintergrund begann der WWF gemeinsam mit vielen anderen Naturschutzorganisationen und dem sambischen Amt für Nationalparks und Wildtiere damit, Sioma Ngwezi systematisch wiederzubeleben. Von Anfang an lag der Fokus dabei nicht auf einer einzelnen Art, sondern auf der Wiederherstellung ganzer ökologischer Prozesse.

Zebra-Herde im Sioma-Ngwezi-Nationalpark
Zebra-Herde im Sioma-Ngwezi-Nationalpark © Swenny Mwanjala / WWF Sambia

Diese Arbeit ist Teil der „Climate Adaptation and Protected Areas Initiative“ (CAPA), die naturbasierte Lösungen nutzt, um Ökosysteme wieder funktionsfähiger und widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels zu machen. Insgesamt wurden bislang 185 Wildtiere in den Nationalpark gebracht – ein wichtiger Meilenstein auf dem langen Weg der ökologischen Wiederherstellung.

Neben Gnus wurden auch Zebras, Impalas und weitere für das ökologische Gleichgewicht des Parks wichtige Schlüsselarten angesiedelt. In einer jüngeren Phase wurden 27 Chapman-Zebras nach Sioma Ngwezi gebraucht – also jene Unterart des Steppenzebras, die historisch in diesem Gebiet vorkam. Vor der Umsiedlung wurden wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt, darunter genetische Analysen, um sicherzustellen, dass die Tiere ökologisch in die Landschaft passen und sich langfristig gut anpassen können. Auch frühere Umsiedlungen, etwa von 40 Impalas, verliefen erfolgreich: Die Überlebensrate lag hier bei rund 95 Prozent und damit im Bereich internationaler Best-Practice-Standards.

Eine Umsiedlung braucht gute Vorbereitung

Solche Wiedereinführungen folgen in der Regel einem klaren Prozess. Bevor die Tiere wieder in ein geschütztes Gebiet gebracht werden, prüfen Experten sorgfältig, ob die Bedingungen geeignet sind. Sie untersuchen den Zustand der Lebensräume: Gibt es genügend offene Grasländer? Ist auch in der Trockenzeit genug Wasser verfügbar? Und wie viele Tiere kann die Landschaft langfristig tragen, ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten?

Gnu-Herde im Gewöhnungsgehege im Sioma-Ngwezi-Nationalpark
Gnu-Herde im Gewöhnungsgehege im Sioma-Ngwezi-Nationalpark © Swenny Mwanjala / WWF Sambia

Erst wenn diese Fragen geklärt sind, beginnt die eigentliche Umsiedlung. Die Tiere werden tierärztlich untersucht, vorübergehend in Quarantäne gehalten und sanft in ihre neue Umgebung eingeführt. Dies geschieht oft allmählich, sodass sie sich orientieren können und der Stress für sie so gering wie möglich gehalten wird. In der Anfangsphase nach der Freilassung werden ihre Bewegungen durch Feldbeobachtungen, Kamerafallen oder über GPS-Halsbänder an einzelnen Tieren genau überwacht.

Ein besonderer Meilenstein war das erste Satellitenhalsband, das jemals in Sioma Ngwezi eingesetzt wurde – und zwar bei einer weiblichen Impala. Es ermöglicht, Bewegungen und Anpassungsmuster nahezu in Echtzeit zu verfolgen. Die bisherigen Beobachtungen sind ermutigend: Anfang 2026 wurden gesunde Zebras, Gnus, Impalas und Büffel dokumentiert, viele davon bereits mit Kälbern oder Jungtieren. Das zeigt, dass die Tiere nicht nur überleben, sondern beginnen, sich wieder als Teil des Ökosystems zu etablieren. Zudem ist die Überlebensrate der wieder in Sioma Ngwezi angesiedelten Tiere mit über 90 Prozent bemerkenswert hoch.

Ranger:innen schützen die Wildtiere

Gemeindewildhüter:innen in KAZA, Afrika © IRDNC Namibia
Gemeindewildhüter:innen in KAZA, Afrika © IRDNC Namibia

Gleichzeitig werden Wasserstellen gesichert, Schutzpatrouillen verstärkt und Ranger:innen ausgebildet. Ebenso wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Menschen, die rund um den Park leben.

Lokale Gemeinschaften und traditionelle Führungspersonen spielen eine zentrale Rolle dabei, die Rückkehr der Tiere langfristig abzusichern, Konflikte zu vermeiden und Schutzmaßnahmen mit den Interessen der Menschen vor Ort in Einklang zu bringen.

Wiederansiedlung stärkt Ökosysteme weit über den Park hinaus

Die Bedeutung der Umsiedlungen reicht jedoch über die Grenzen des Sioma-Ngwezi-Nationalparks hinaus. Der Park liegt in der Kavango-Zambezi-Region, dem größten grenzüberschreitenden terrestrischen Schutzgebietsnetzwerk der Welt. Wenn sich die Wildtierbestände erholen und die Lebensräume wieder miteinander verbunden werden, stärkt das auch die größeren ökologischen Korridore und trägt dazu bei, klimaresiliente Landschaften aufzubauen.

Langfristig können auch die Menschen, die in der Nähe der Schutzgebiete leben, davon profitieren – etwa durch neue Möglichkeiten für naturbasierten Tourismus. Die Rückkehr der Tiere nach Sioma Ngwezi ist deshalb nicht nur eine Geschichte über einzelne Gnus, Zebras oder Impalas. Sie ist ein Beispiel dafür, wie Landschaften wieder lebendig werden können, wenn Schutzmaßnahmen, wissenschaftliche Erkenntnisse und lokale Zusammenarbeit Hand in Hand gehen.

Das zeigten auch Beobachtungen aus dem Jahr 2020: Damals wurde erstmals seit Langem eine riesige Elefantenherde mit mehr als 200 Tieren in Sioma Ngwezi beobachtet – schon damals ein Zeichen dafür, dass der Park sich dank der kontinuierlichen Bemühungen des WWF und seiner Partner langsam begonnen hatte zu regenerieren.

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