Zum Weltnaturerbe Wattenmeer an der Nordseeküste gehört neben dem trockenfallenden Watt, den Salzwiesen und den Dünen auch ein weniger bekannter Lebensraum: die Unterwasserwelt der Priele, Wattströme und flachen Meeresgebiete.

Die Unterwasserwelt im Wattenmeer – ein besonderer Lebensraum

Seezunge © Appaloosa / CC 3.0
Seezunge © Appaloosa / CC 3.0

Oft von großen und bei Ebbe trockenfallenden Wattflächen umgeben, stellt dieser Lebensraum die dortigen Meeresbewohner vor besondere Herausforderungen: sie müssen mit Ebbe und Flut, mit wenig Licht und vielen Trübstoffen, mit wechselnden Temperaturen, schwankendem Salzgehalt und starken Strömungsunterschieden zurechtkommen. Gleichzeitig bietet das Wattenmeer durch seine hohe biologische Produktion ein außergewöhnlich großes Nahrungsangebot an Kleinstlebewesen. Vor allem Fischlarven und Jungfische profitieren davon. Für eine Reihe von Fischarten gehört das Wattenmeer daher zu den bedeutendsten Aufwuchsgebieten im Nordostatlantik. Fachleute schätzen, dass etwa 2/3 der Schollen  und Seezungen ihre „Kindheit“ im Wattenmeer verbracht haben. Insgesamt leben rund 140 Fischarten im Wattenmeer, die meisten sind „Saisongäste“, etwa 20 leben das ganze Jahr über im Wattenmeer.

Von Prielen, Tiefs und Seegats

Luftbild von Norderoog © Martin Stock
Luftbild von Norderoog © Martin Stock

Die Wattflächen werden von einem System kleinerer und größerer „Wasserläufe“ durchzogen, den Prielen. Sie winden sich bis in die Salzwiesen im Übergang zum Land hinein. Die größeren Priele führen auch bei Niedrigwasser noch Wasser und bieten Rückzugsraum für die Arten, die nicht trockenfallen können. Sie sind überlebenswichtig für viele Tiere des Wattenmeeres, z.B. die Fische.

Sehr große Priele nennt man Tiefs, Rinnen, Wattströme oder auch Seegats. Hier fließt der Gezeitenstrom besonders schnell, oft zwischen Inseln oder Sandbänken.

Das gesamte Wattenmeer lässt sich in verschiedene Tidebecken unterteilen. Ein Tidebecken ist das Einzugsgebiet eines Wattstroms. Tidebecken werden durch Inseln, besonders hohe Wattflächen, Sandbänke oder, wo der Mensch stark in die Naturdynamik eingegriffen hat wie etwa bei Sylt, auch durch Dämme voneinander getrennt.  

Beispielsweise im nordfriesischen Wattenmeer werden etwa 1/4 der Wattenmeer-Fläche von Prielen, Tiefs und Wattströmen gebildet. Je nach Entfernung zur Küste, Strömungsgeschwindigkeit des Gezeitenstroms, nach Tiefe und Struktur dieser Wasserläufe bieten sie Lebensraum für unterschiedliche Lebensgemeinschaften. Die Bodenlebewesen müssen an die Lebensbedingungen, z.B. die starke Strömung angepasst sein. Miesmuscheln gehören dazu. Diese Überlebenskünstler sind sowohl in den Prielen als auch auf den Wattflächen zu finden. Arten wie die Europäische Auster oder „Sandkorallen“ (Sabellaria), die an den Prielhängen einst siedelten, sind hier längst verschwunden. Viele Arten reagieren sehr empfindlich auf Veränderungen ihres Lebensraumes. Vor allem die grundberührende Fischerei kann mit den Schleppgeräten schwere Schäden verursachen und auch die Neuansiedlung von riffbildenden Lebewesen verhindern.

Was schwimmt denn da?

Wissenschaftler:innen erforschen bereits seit vielen Jahrzehnten die Fischfauna im Wattenmeer. Ihre Ergebnisse zeigen: insgesamt konnten mehr als 140 Fischarten im gesamten Wattenmeer nachgewiesen werden. 60-70 Arten verbringen hier wichtige Lebensphasen und sind auf die gute Nahrungsverfügbarkeit in diesem Lebensraum angewiesen.

Gut zu wissen

Rund 20 Arten leben ganzjährig oder fast ganzjährig (außer in extremen Wintern) im Wattenmeer, die sogenannten „Standfische“ des Wattenmeeres. Hierzu gehören Arten wie die Aalmutter oder der Butterfisch, Seeskorpion, Sandgrundel oder der Seestichling. Viele Plattfischarten, allen voran Scholle und Flunder, aber auch Seezunge, haben hier ihre Kinderstube. Auch junge Heringe und Sprotten wachsen im Wattenmeer auf.

Nagelrochen © jakedavies / iStock / GettyImages
Nagelrochen © jakedavies / iStock / GettyImages

Zu den „Saisongästen“ bzw. den Wanderfischen zählen beispielsweise Aale. Im Verlauf ihrer Wanderungen kam diese Art früher in großen Mengen im Wattenmeer vor. Vor allem junge Aale halten sich auch längere Zeit hier auf, unter anderem an Miesmuschelbänken.

Viele Fische verlassen das Wattenmeer im Winter, um dann den niedrigen Wassertemperaturen in den vergleichsweise flachen Wattgewässern auszuweichen.

Forscher:innen finden auch immer wieder Veränderungen in der Artenzusammensetzung, teils bedingt durch den Klimawandel: so wandern wärmeliebende Arten aus dem südlichen Atlantik weiter nach Norden. Hierzu gehören zum Beispiel die Sardine und die Sardelle sowie die Dorade (Goldbrasse).

Einst waren auch charismatische Arten wie der Nagelrochen oder der Europäische Stör im Wattenmeer zu finden, doch diese sind längst verschwunden. Hemmungslose Überfischung war der Hauptgrund für den Bestandszusammenbruch dieser Fischarten, beim Stör kam noch der Verbau der Flüsse und der damit verbundene Verlust der Laichgebiete hinzu.  

Doch noch ist die reichhaltige Fischfauna mit den unzählbaren Jungfischen ein Magnet, der viele andere Lebewesen anzieht und ernährt. Fischfressende Seevögel, unter anderem die verschiedenen Seeschwalben-Arten, aber auch Seehunde, Kegelrobben und Schweinswale profitieren von dem reich gedeckten Tisch. Das Nahrungsnetz Wattenmeer ist faszinierend vielfältig, und jede noch so kleine Art unter all den zahlreichen Tieren und Pflanzen hat ihre besondere Bedeutung für andere Arten.

Seegras: Lebensraum unter Wasser im Wattenmeer?

Seegras © Hans-Ulrich Rösner / WWF
Seegras © Hans-Ulrich Rösner / WWF

Von den Seegräsern kommen zwei Arten im Wattenmeer vor – das Große Seegras (Zostera marina) und das Zwerg-Seegras (Zostera noltii). Seegräser bilden Wurzeln im Wattboden. Sie festigen damit die Sedimente (also den Untergrund) und können dadurch auch eine Küstenschutzfunktion haben. In Seegraswiesen finden viele Arten Laichmöglichkeit und Versteck. Zudem wirken Seegraswiesen als CO2-Speicher und mildern die Auswirkungen des Klimawandels. Im Wattenmeer waren Seegraswiesen bis in die 1970er und 1980er Jahre hinein sehr stark zurückgegangen. Forschungen zeigten, dass dies vermutlich aufgrund hoher Nährstoffeinträge, insbesondere durch Phosphat und Stickstoff, geschah. Zugleich breiteten sich Grünalgen aus, die durch Nährstoffeinträge begünstigt wurden und dann die Seegräser überdeckten. In den ständig wasserbedeckten Bereichen führte ein eingeschleppter Pilz schon Jahrzehnte davor zum nahezu vollständigen Zusammenbruch des Bestands an Großem Seegras.

Seit den 1990er Jahren nehmen die Seegraswiesen im Wattenmeer zwar wieder zu – doch genaues Hinschauen im Rahmen der Monitoringprogramme hat gezeigt, dass dies nicht überall der Fall ist:

So sind die Seegrasbestände im Sublitoral, also dem ständig wasserbedeckten Bereich nicht wieder zurückgekehrt. Warum das so ist, kann derzeit nur gemutmaßt werden. Es könnte auch mit der grundberührenden Fischerei zusammenhängen, die vor allem in den Prielen stattfindet.

Die Seegrasbestände im nordfriesischen Wattenmeer haben sich auf den trockenfallenden Wattflächen (Eulitoral) sehr gut erholt und umfassen mehr als 100 km². Sie bestehen zum großen Teil aus dem Zwerg-Seegras. Als Hauptgrund für diese Entwicklung führen Forschende vor allem die verbesserte Wasserqualität an. Leider haben sich die Bestände im Dithmarscher Watt kaum ausgedehnt, und im niedersächsischen Wattenmeer sind die Seegraswiesen in den letzten Jahren sogar zurückgegangen. Diese Flächen liegen näher an der Mündung der großen Flüsse Elbe, Weser und Ems, die das Seegras möglicherweise durch Nähr- und Schadstoffeinträge beeinträchtigen.

Wie geht es der Unterwasserwelt im Nationalpark Wattenmeer?

Durch den Schutz des Wattenmeeres als Nationalpark konnte bereits viel erreicht werden. Auch aus diesem Grunde wurde das Wattenmeer 2009 von der UNESCO als Weltnaturerbe anerkannt. So geht es beispielsweise den Seehunden wieder gut und ihr Bestand ist stabil. Doch viele große und kleine Arten, besonders in der Unterwasserwelt, sind inzwischen verschwunden oder im Rückgang begriffen:

Krabbenkutter © Hans-Ulrich Rösner / WWF
Krabbenkutter © Hans-Ulrich Rösner / WWF

Zu den stärksten Bedrohungen für die Unterwasserwelt des Wattenmeeres gehört aber die grundberührende Fischerei nach Krabben (Nordseegarnelen) und nach Miesmuscheln. Sie schädigt den Meeresboden, behindert riffbildende Arten und verändert auch durch den Beifang die Artengemeinschaft in der Unterwasserwelt.

Auch die vielen Ausbaggerungen und Ablagerungen von Sand oder Schlick für Fahrwasservertiefungen belasten die Unterwasserwelt. Barrieren wie Siele, Schöpfwerke und Sperrwerke in den Mündungen vieler der kleineren und größeren Zuflüsse ins Wattenmeer sind ein großes Hindernis für wandernde Fischarten. Es gibt viel zu tun, um das Wattenmeer in all seinen Facetten zu schützen. Der WWF engagiert sich auch für den Schutz der Unterwasserwelt im Nationalpark und Weltnaturerbe Wattenmeer!

So können Sie unsere Arbeit im Wattenmeer unterstützen

Deutsche Postcode Lotterie

 

Für die Unterstützung unserer Arbeit zur Unterwasserwelt des Wattenmeeres danken wir den Teilnehmenden der Deutschen Postcode Lotterie.

  • Krabbenkutter © Hans-Ulrich Rösner / WWF Fischerei im Wattenmeer: Unter Wasser fehlt der Schutz

    Im Nationalpark Wattenmeer soll sich Natur ungestört entwickeln. Dennoch wird hier fast überall gefischt. Sind Lösungen in Sicht? Weiterlesen...

  • Junge Salzwiese © Hans-Ulrich Rösner / WWF Wattenmeer: Gefahr durch Klimawandel

    Das Wattenmeer ist durch den Meeresspiegelanstieg massiv bedroht: Wattflächen, Salzwiesen, Strände und Dünen, gar ganze Inseln könnten verloren gehen. Weiterlesen...

  • Sanderling-Rastplatz im Wattenmeer © Hans-Ulrich Rösner / WWF Wattenmeer

    An der Nordseeküste der Niederlande, Deutschlands und Dänemarks liegt das größte Wattenmeer der Welt. Seit 1977 setzt sich der WWF intensiv für diese einmalige Natur ein. Weiterlesen...