Für die Habituierung von Bonobos braucht es viel Geduld.

Von Misstrauen zu Neugier: Bonobo-Habituierung in Salonga

Schützen Sie die Bonobos in Salonga
Stand: 14.07.2026

Im Salonga-Nationalpark gewöhnen Forscher:innen Bonobos an die Anwesenheit von Menschen – ein entscheidender Schritt für den Schutz der Primaten. Nun gibt es erste Erfolge.

Kurz vor Sonnenaufgang, wenn der dichte Regenwald des Salonga-Nationalparks noch in Dunkelheit gehüllt ist, beginnt für die Forschungsteams und Fährtensucher:innen im Camp Inkomu der Tag. Bereits in den frühen Morgenstunden machen sie sich auf den Weg, um die Schlafnester einer Bonobo-Gruppe zu finden, die sie seit Monaten begleiten. Ihr Ziel ist es, das Vertrauen einer der am stärksten gefährdeten Menschenaffenarten Afrikas zu gewinnen.

Seit Ende 2023 läuft in Inkomu im Salonga-Nationalpark ein aufwendiges Habituierungsprogramm. Schritt für Schritt gewöhnen die Forscher:innen eine ausgewählte Bonobo-Gruppe über einen langen Zeitraum hinweg an die Anwesenheit von Menschen – ähnlich wie bei den Flachlandgorillas in Dzanga-Sangha, wo diese Methode seit vielen Jahren erfolgreich praktiziert wird.

Jeden Tag bei den Bonobos

Bonobos in Luikotale © Thomas Nicolon / WWF
Bonobos in Luikotale © Thomas Nicolon / WWF

Die Teams folgen den Tieren täglich durch den dichten Regenwald, stets mit gebührendem Abstand und ohne direkten Kontakt. So lernen die Bonobos, Menschen als neutralen Teil ihrer Umwelt zu akzeptieren. Für die Forscher:innen bedeutet das: Jeder Fortschritt eröffnet neue Möglichkeiten, die Tiere und ihr komplexes Sozialverhalten besser zu erforschen.

Es ist ein langwieriges und anspruchsvolles Unterfangen, das Jahre dauern kann und Geduld, Beständigkeit sowie unzählige Stunden im Wald erfordert. Lange vor Tagesanbruch, oft schon gegen drei Uhr morgens, machen sich die Fährtenleser:innen – darunter auch einige ehemalige Wilderer, deren Waldkenntnisse heute ein Gewinn für den Artenschutz sind – auf den Weg zum Nistplatz der vergangenen Nacht.

Sie müssen ankommen, bevor die Bonobos aufwachen. Dann folgen sie ihnen den ganzen Tag in respektvollem Abstand durch einen der abgelegensten Regenwälder der Erde, bis die Tiere neue Nester für die Nacht bauen.

Erste Erfolge bei den Bonobos

Zu Beginn des Projekts Ende 2023 flohen die Bonobos noch beim ersten Anzeichen von Menschen. Heute bleiben sie bereits mehrere Stunden in der Nähe der Beobachter:innen. Nach Monaten intensiver Arbeit gelang im November 2025 ein Meilenstein: Erstmals konnten die Forscher:innen die Tiere aus nächster Nähe studieren ihr Sozialverhalten dokumentieren und wertvolle Daten sammeln.

Im ersten Quartal 2026 folgte ein weiterer Durchbruch: Mehr als 20 Bonobos näherten sich dem Forschungslager und hielten sich fast eine Stunde lang in unmittelbarer Nähe auf. Die Tiere bewegten sich ruhig in der Umgebung, spielten und kletterten in den Bäumen. Ein derart ruhiges und vertrauensvolles Aufeinandertreffen ist seit Beginn des Programms in diesem Gebiet beispiellos!

Der Besuch der Bonobos war weit mehr als ein besonderer Moment: Er ist ein starkes Signal für den Erfolg der bisherigen Arbeit – und ein Ansporn, diesen Weg konsequent weiterzugehen.

Habituierung als Chance für den Artenschutz

Ein Bonobo frisst.
Die Forscher:innen beobachten auch die Ernährung der Bonobos © Thomas Nicolon / WWF

Die Entwicklung zeigt, dass die behutsame Annäherung wirkt – und dass Vertrauen die Grundlage für wirksamen Artenschutz ist. Habituierte Tiere ermöglichen es Wissenschaftler:innen, ihr Verhalten zu studieren, ihre Gesundheit zu überwachen, soziale Dynamiken zu untersuchen und besser zu verstehen, wie sie mit ihrer Umwelt interagieren – Wissen, das unmittelbar in ihren Schutz einfließt.

Die Forscher:innen sammeln dafür Kot- und Urinproben, die auf genetische Merkmale, Krankheitserreger und Ernährung untersucht werden. Außerdem kommen Kamerafallen, akustische Überwachungssysteme und weitere Technologien zum Einsatz, um die Tierwelt im Regenwald besser zu erfassen.

All das dient auch dazu, den Schutz der Tiere zu verbessern. Für viele Naturschützer:innen ist die Habituierung eines der wichtigsten Instrumente zum Schutz von Menschenaffen. Denn Tiere, die man kennt, werden eher geschützt als solche, die unsichtbar bleiben.

Eine Arbeit mit Verantwortung

Gleichzeitig ist diese Arbeit mit großer Verantwortung verbunden. Krankheiten, die zwischen Mensch und Tier übertragen werden können, stellen eine ernsthafte Gefahr für die Bonobos dar. Deshalb gelten seit Beginn des Habituierungsprogramms strenge Schutzmaßnahmen: Die Fährtensucher:innen tragen Masken, halten Abstand zu den Tieren und gehen nicht in den Wald, wenn sie krank sind. Was für uns ein harmloser Schnupfen ist, kann für die empfindlichen Menschenaffen tödlich enden.

Mit dem jüngsten Ebola-Ausbruch wurden die Schutzmaßnahmen im gesamten Park weiter verschärft: Reisen in den Osten des Landes werden vermieden oder mit anschließender Quarantäne verbunden, Händeschütteln und Körperkontakt werden konsequent eingeschränkt.

Diese umfassenden Hygienemaßnahmen, zu denen auch regelmäßige Gesundheitschecks gehören, sind seit Beginn des Habituierungsprogramms fester Bestandteil der Arbeit der Forscher:innen. Nur so lässt sich das Risiko für die empfindlichen Bonobo-Populationen minimieren.

Neue Perspektiven für die Menschen

Bonobos fressen.
Wissenschaftler:innen beobachten das Verhalten der Bonobos aus sicherer Entfernung © Thomas Nicolon / WWF

Das Vertrauen der Bonobos zu erlangen ist auch die Voraussetzung für einen weiteren wichtigen Aspekt: den verantwortungsvollen Ökotourismus. Indem das Programm eine respektvolle Beobachtung der Primaten in ihrem natürlichen Lebensraum ermöglicht, schafft es Perspektiven für nachhaltigen Naturschutz – und neue Einkommensmöglichkeiten für die Menschen vor Ort.

Auch über den Tourismus hinaus eröffnet das Projekt den Menschen Chancen: So arbeiten ehemalige Jäger:innen heute beispielsweise als Fährtensucher:innen und bringen ihr Wissen in den Schutz der Tiere ein.

Noch liegt ein weiter Weg vor den Teams in Salonga. Doch die jüngsten Begegnungen zeigen: Das Vertrauen wächst – langsam, aber stetig. Und genau darin liegt die Hoffnung für die Zukunft dieser einzigartigen Menschenaffen und ihres Lebensraums.

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