In China hält eine Herde Elefanten das Land in Atem. Viele dürften bei den Dickhäutern eher an Afrika, Indien oder Thailand denken, doch das Reich der Mitte gehört zum ursprünglichen Verbreitungsgebiet von Elephas maximus, dem Asiatischen Elefant.

Bis zum Anfang der 1920er Jahre waren Elefanten bis in den Osten Chinas verbreitet. Das ist lange her. Inzwischen hat sich ihr Verbreitungsgebiet deutlich verkleinert.

Zwar kommen die Dickhäuter noch in dreizehn Ländern Asiens vor, aber viele Populationen sind isoliert, weil ihr angestammter Lebensraum in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt wurde, Straßen, Schienen und andere Infrastrukturprojekte ihre Heimat zerschneiden und einen Austausch zwischen den verschiedenen Gruppen häufig unmöglich machen.

China, wandernde Elefanten-Herde auf über 500 Kilometer langem Marsch (210607) -- KUNMING, June 7, 2021 -- Aerial photo
Beeindruckend: Wandernde Elefanten in China © imago images Xinhua

Ein Problem, das sich ganz besonders in China zeigt. Den offiziellen Zahlen zufolge hat sich die Population der wildlebenden Elefanten in den vergangenen Jahren zwar von 170 Exemplaren auf 300 Tiere erholt, doch der Lebensraum ist begrenzt und unter Druck.

90 Prozent von ihnen sind im Biosphärenreservat Xishuangbanna in der Provinz Yunnan im Grenzgebiet zu Myanmar und Laos zuhause. Von hier im südlichsten Zipfel Chinas stammt auch die Elefantengruppe, die jetzt 500 Kilometer weiter nördlich für Schlagzeilen sorgt. 

Mensch-Wildtier-Konflikte

In der Region Xishuangbanna mit ihren Naturreservaten leben aber nicht nur Elefanten, im gesamten Biosphärenreservat sind auch fast 900.000 Menschen zuhause, die teilweise von Landwirtschaft leben. Wie in vielen Teilen der Welt sind Mensch-Elefanten-Konflikte vorprogrammiert und nicht selten.

In der Region ist der Bevölkerungszuwachs höher als im nationalen Durchschnitt und die Landwirtschaft und vor allem der Anbau von Kautschuk- und Tee in Plantagen nimmt in dem Biosphärenreservat immer größere Flächen in Anspruch.

Offenbar wurde es den Dickhäutern in der Gegend zu eng, und sie machten sich auf den Weg in Richtung Norden. Bereits seit Mitte der 1990er Jahre sind solche Abwanderungen von vereinzelten Tieren oder Gruppen bekannt. Doch diesmal scheinen die Elefanten (noch) keinen geeigneten Lebensraum gefunden zu haben und setzen ihren Marsch fort. Auf ihrer Wanderschaft verwüsteten sie Zuckerrohr- und Maisfelder und versetzten Dörfer in Aufruhr.

Wandernde Elefanten richten Schaden an

China, wandernde Elefanten-Herde auf über 500 Kilometer langem Marsch (210607) -- KUNMING, June 7, 2021 -- Aerial photo
Wandernde Elefanten in China aus der Ferne betrachtet © imago images Xinhua

Vorläufige Schadensbilanz nach offiziellen Schätzungen: rund eine Million Dollar. Damit sind die Chines:innen noch relativ glimpflich davongekommen, denn die Begegnungen mit den bis zu fünf Tonnen schweren Kolossen können tödlich enden. In Indien werden jedes Jahr mehrere 100 Menschen von Elefanten zu Tode getrampelt. Der „Ausflug“ der Tiere aus Xishuangbanna verlief vergleichsweise harmlos. 

Fünf Monate hat die Wanderung außerhalb Chinas kaum jemanden interessiert, doch als die Tiere in den Außenbezirken der Provinzhauptstadt Kunming auftauchten und immer mehr Fotos und Videos von der „Elefantengang“ im chinesischen Staatsfernsehen und im Netz kursierten, war die Odyssee der Jumbos weltweit ein Thema, zumal kurioserweise die Millionenstadt Kunming Gastgeber des UN Biodiversitätsgipfel (CBD) sein wird, der für Oktober 2021 geplant ist.

Eine Familiengruppe mit drei Jungtieren

Ob die Tiere bis dahin ein passendes Habitat gefunden haben, bleibt abzuwarten. Es handelt sich um eine Familiengruppe von Elefantenkühen mit drei Jungtieren.

Ein einzelner Bulle hat sich abgesondert und ist wohl einige Kilometer vom Rest der Gruppe entfernt unterwegs. Nichts Ungewöhnliches für Elefanten. Erwachsene Bullen sind Einzelgänger und stoßen nur zur Herde, wenn eines der Weibchen paarungsbereit ist.

„Der Artenschutz, den die chinesische Regierung seit Mitte der 1990er Jahre praktiziert, funktioniert.“

Stefan Ziegler, Asien-Referent beim WWF Deutschland

Ihr aktueller Standort ist für die Gruppe nicht wirklich geeignet.  Zunächst wurde deshalb diskutiert, die Tiere zu betäuben und in ihre ursprüngliche Heimat zurückzuverfrachten.

„Keine unbedingt gute Idee“, meint Stefan Ziegler. „Der Elefantenlebensraum in den fünf streng geschützten Gebieten des Biosphärenreservats wird womöglich eng. Das ist im Prinzip eine gute Nachricht, weil es zeigt, dass der Artenschutz, den die chinesische Regierung seit Mitte der 1990er Jahre praktiziert, in Xishuangbanna funktioniert. Der Elefantenbestand hat über die Jahre stetig zugenommen und einige Elefantengruppen haben durch natürliche Abwanderung auch andere Gebiete außerhalb des Biosphärenreservats besiedelt. Doch nun sehen wir die Kehrseite: Wegen der vergleichsweise hohen Elefantendichte kommt es seit einigen Jahren immer wieder zu Konflikten, teilweise mit tödlichem Ausgang für Mensch und Elefant.“

Inzwischen wurde bekannt, dass eine zweite Gruppe das Biosphärenreservat verlassen hat. Ein weiteres Indiz, dass die Gegend an ihre Grenze stößt.

Rückkehr ausgeschlossen?

China, wandernde Elefanten-Herde auf über 500 Kilometer langem Marsch (210607) -- KUNMING, June 7, 2021 -- Aerial photo
Das Bild ging um die Welt: schlafende Elefanten in China © imago images Xinhua

Es wird also wohl nichts mit einer Rückkehr der Dickhäuter. Stattdessen werden die Tiere einstweilen durch eine Heerschar von Polizei, Behörden und Wissenschaftler:innen beobachtet.

Kameradrohnen sind ihnen auf den Fersen; und man bemüht sich, die Tiere von bewohnten Gebieten fernzuhalten. Helfer schaffen tonnenweise Leckereien – Zuckerrohr und Mais – herbei, von denen ein einzelnes Tier 150 Kilo am Tag verputzen kann. Damit will man sie zur Richtungsänderung bewegen. Zumindest von der Millionenstadt Kunming konnte man sie auf diese Weise weglocken. Wo ihre Reise letztendlich endet, steht in den Sternen.

Auf der Suche nach neuem Lebensraum

„Es wird darauf ankommen, ein Gebiet zu identifizieren, das sich als langfristiger Lebensraum für die Tiere eignet. In Frage kommen etwa bestehende Schutzgebiete, in denen bislang keine Elefanten leben“, so Stefan Ziegler.

Die Suche wird allerdings keine leichte Aufgabe, denn das Streifgebiet einer Elefantenherde umfasst, je nach Wasser- und Nahrungsangebot, durchschnittlich 600 Quadratkilometer.