Von September 2019 bis März 2020 wurde Australien von den verheerendsten Buschfeuern heimgesucht, die das Land je gesehen hat. Bis zu 19 Millionen Hektar Land sind verbrannt, davon mehr als zwölf Millionen Hektar Wald und Buschland. Fast drei Milliarden Wirbeltiere starben, wurden verletzt oder aus ihren Lebensräumen vertrieben. Die Brandkatastrophe hat dramatische Folgen für die Tiere: die Populationen wurden drastisch reduziert, die Nahrungsquellen verbrannten und der Lebensraum der Tiere wurde für viele Jahre unbewohnbar.

Ging man Anfang des Jahres noch von 1,2 Milliarden toten Tieren aus, zeigt ein neuer WWF-Report, der wohl weltweit erstmals eine so umfangreiche Bestandsaufnahme der Brandschäden für die Artenvielfalt enthält, jetzt: Die Zahl ist fast drei Mal so hoch wie die Schätzungen, die im Januar veröffentlicht wurden.

143 Millionen Säugetiere, 2,46 Milliarden Reptilien, 180 Millionen Vögel und 51 Millionen Frösche – insgesamt fast drei Milliarden Tiere starben bei den verheerenden Buschbränden in Australien oder wurden aus ihrem Lebensraum vertrieben.

Der Bericht „Australia‘s 2019-2020 Bushfires: The Wildlife Toll“ ist noch vorläufig, doch an den Zahlen dürfte sich auch nach der finalen Veröffentlichung nicht mehr viel ändern. „Diese Zwischenergebnisse sind schockierend. Die Brände waren eine der schlimmsten Katastrophen für die Tier-und Pflanzenwelt in der Geschichte der Neuzeit“, äußert sich Dermot O'Gorman, CEO des WWF Australien.

Auch Arnulf Köhnke, Artenschutzexperte beim WWF Deutschland ist bestürzt: „Schon im Januar war die Zahl von 1,2 Milliarden toten und vertriebenen Tieren kaum vorstellbar. Dieses neue Ergebnis übertrifft die schlimmsten Erwartungen.“

Es sind schreckliche Zahlen, die auch „andere Länder einen Blick in die Zukunft der Megabrände und ihre verheerenden Auswirkungen auf die Tierwelt geben“, so Dermot O'Gorman. Denn extreme Brände werden wegen des Klimawandels auch an anderen Orten der Welt immer häufiger. 

Ungewöhnlich intensive Brände

Es waren Brände von sehr hoher Intensität, bei denen die Feuer Temperaturen von mehr als 1.000 Grad Celsius erreichten; normalerweise überschreiten sie nicht die 500-Grad-Marke. Von so hohen Temperaturen können sich die Wälder nur schwer wieder erholen. Eine Studie der Universität von Queensland, die am Montag in der Fachzeitschrift „Nature Ecology and Evolution“ veröffentlicht wurde, ergab, dass der Lebensraum von 70 einheimischen Wirbeltierarten in erheblichem Maße von den Bränden verwüstet wurde, 21 Arten davon waren bereits vor den Bränden als bedroht eingestuft.

„Leider bestätigen die Ergebnisse der Studie unsere Sorge, dass bisher schon bedrohte Arten durch die verheerenden Buschbrände noch weiter an den Rand des Aussterbens gedrängt worden sein könnten“, so Anne Hanschke, Artenschutz-Expertin beim WWF Deutschland.

Denn die Tiere sterben nicht nur an den direkten Folgen des Feuers, also an Rauchvergiftung, Hitzestress oder Brandverletzungen, auch andere Faktoren spielen eine Rolle: ständig wechselndes Feuer macht eine Flucht unmöglich, die Tiere dehydrieren, da auf die immense Hitze Dürre folgt und die Luft sehr trocken ist. 

Das Sterben geht weiter

In der Regel kommen Brände in Australien in Grasland und Savanne vor. Außergewöhnlich an den jüngsten Feuern: es brannten Wälder in den normalerweise feuchteren gemäßigten und subtropischen Zonen, die nicht an Feuer gewöhnt sind. Es traf Wälder und Buschland in dicht besiedelten Küstenregionen – die ökologischen und sozialen Auswirkungen waren dadurch weitaus größer als in den Jahren zuvor. Der Lebensraum und die Nahrungsquelle vieler Tiere wurde zerstört. Zufluchtsorte und Nistplätze fehlen.

“Dadurch geht das Sterben weiter“, erklärt Anne Hanschke. „Den Arten könnten hier im schlimmsten Fall grundlegende Voraussetzungen zur Erholung der Bestände fehlen. Für manche Arten wie die Känguru-Insel-Schmalfußbeutelmaus, von der es auch vor den Bränden nur noch weniger als 500 Individuen gab, könnten auch die geringen Bestandszahlen zum Todesurteil werden.” Ihr Lebensraum war zu 98 Prozent von den Bränden betroffen.

Verheerende Brände werden Normalität

Die Studie der Universität von Queensland kommt außerdem zu dem Ergebnis, das solch zerstörerische Brände nicht die Ausnahme bleiben werden. „Wir müssen aus diesen Ereignissen lernen, da sie wahrscheinlich wieder vorkommen werden“, so James Watson, Co-Autor der Studie gegenüber der dpa. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine aktuelle Studie des WWF, in der die Waldbrände des vergangenen Jahres analysiert wurden: Mega-Waldbrände werden in Zukunft nicht mehr seltene Extremereignisse sein, sondern Normalität.

In vielen Regionen sind Brände ein natürliches, zum Teil regelmäßiges und sogar positives Phänomen. Doch die Feuer brennen immer häufiger und stärker. „Waldbrände und Klimakrise schaukeln sich gegenseitig hoch. Die Erderhitzung führt zu heftigeren Waldbränden und die Waldbrände heizen ihrerseits die Erderhitzung an“, so Dr. Susanne Winter, Programmleiterin Wald beim WWF Deutschland.

Das fordert der WWF

Um der Entwicklung etwas entgegenzusetzen, muss der Fokus weg von der Brandlöschung hin zur Brandvermeidung, fordert Susanne Winter. „Wir können nicht länger auf Löschmaßnahmen vertrauen. Die neuen Brände sind dafür zu extrem. Stattdessen müssen wir uns mit vollem Einsatz in den Kampf gegen die Klimakrise begeben und gleichzeitig die nicht-feuerbedingte Entwaldung stoppen. Nur so können wir den Teufelskreis aus Erderhitzung und Waldzerstörung stoppen“.

Die Katastrophe in Australien zeigt deutlich, dass Klimakrise und Artensterben direkt zusammenhängen. „Wenn die Erderhitzung nicht begrenzt wird, werden wir mehr und mehr Arten verlieren“, so WWF-Artenschutzexpertin Anne Hanschke. Der WWF fordert deshalb von allen Staaten vollen Einsatz im Kampf gegen die Klimakrise, um das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens zu erreichen. 

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