Der Schutz von Weidetieren und der Schutz des Wolfs müssen kein Widerspruch sein. Eine allgemeine Bejagung gefährdet jedoch die Fortschritte, die beim Artenschutz in den vergangenen Jahrzehnten erreicht wurden – und schützt Nutztiere eben nicht, schreibt Wolfsexpertin Dr. Sybille Klenzendorf.
Am 1. Juli 2026 beginnt in Deutschland erstmals eine reguläre Jagdsaison auf Wölfe. Möglich wird dies durch die Aufnahme des Wolfs in das Bundesjagdgesetz, dessen gesetzliche Regelungen Anfang April 2026 in Kraft getreten sind. Die festgelegte Jagdzeit reicht vom 1. Juli bis zum 31. Oktober – die Zeitspanne kann aber in den Bundesländern noch verändert werden.
Für viele erscheint dieser Schritt als pragmatische Antwort auf Konflikte zwischen Wolfsschutz und Weidetierhaltung. Aus Sicht des WWF ist er jedoch mit erheblichen Risiken verbunden – für den Artenschutz, den Erhalt der Wölfe und letztlich auch für die Weidetiere selbst.
Künftig können auch Tiere in bestimmten ausgewiesenen Weidegebieten wie Almen oder Deichen ins Visier geraten, auch ohne dass zuvor ein auffälliges Verhalten wie etwa ein Nutztierriss stattgefunden hat. Dort soll eine Bestandsregulierung durch Jagd möglich sein. Faktisch bedeutet das die Schaffung von wolfsfreien Zonen, was gegen EU-Recht verstößt.
Eine reguläre Bejagung kann auch völlig unauffällige Tiere treffen. Damit steigt das Risiko regionaler Bestandsrückgänge und einer Destabilisierung von Wolfsvorkommen. Die Datengrundlage für solche weitreichenden Eingriffe ist aus Sicht des WWF nicht ausreichend belastbar. Notwendig wäre ein engmaschiges, bundesweit einheitliches und rechtssicheres Monitoring, das den tatsächlichen Erhaltungszustand kontinuierlich bewertet.
Aus naturschutzfachlicher Sicht hat der WWF erhebliche Zweifel daran, dass der Wolf in Deutschland bereits einen dauerhaft günstigen Erhaltungszustand erreicht hat. Zwar hat sich die Art seit ihrer Rückkehr vor rund 25 Jahren erfreulich entwickelt, doch die Bestände sind regional sehr unterschiedlich. Durch das Fehlen einer nationalen Koordination drohen viel zu viele Wölfe in der ersten Jagdsaison geschossen zu werden.
Die wissenschaftliche Analyse des Bundesamt für Naturschutz aus dem Jahr 2024 hat gezeigt: Wenn 20 Prozent der erwachsenen Wölfe pro Jahr sterben, bedeutet das schon ein hohes Risiko für die Population. Bei Verlusten darüber ist es fast sicher, dass die Population rapide abnimmt und damit ein regionales Aussterben ausgelöst wird. Die Naturschutzerfolge der letzten 20 Jahre werden damit zunichte gemacht.
Gleichzeitig sprechen wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen gegen die naive Annahme, dass verstärkte Abschüsse Konflikte mit der Weidetierhaltung automatisch lösen.
Wölfe leben in stabilen Familienverbänden mit klaren sozialen Strukturen. Werden Elterntiere oder andere wichtige Rudelmitglieder getötet, können Rudel zerfallen. Junge und unerfahrene Tiere haben häufig größere Schwierigkeiten bei der Jagd auf Wildtiere und weichen eher auf leicht zugängliche Nutztiere aus. Das Ergebnis könnte paradoxerweise eine Zunahme von Nutztierrissen sein, wie eine ganze Reihe von Studien gezeigt hat.
Der wirksamste Schutz für Schafe, Ziegen und andere Weidetiere bleibt deshalb der Herdenschutz. Elektrozäune, Herdenschutzhunde und eine professionelle Betreuung der Herden haben sich vielerorts bewährt. Der WWF befürchtet jedoch, dass die öffentliche Debatte durch die neue Jagdregelung von diesen wirksamen Maßnahmen ablenkt. Wenn die Jagd als einfache Lösung dargestellt wird, droht der dringend notwendige Ausbau des Herdenschutzes an Priorität zu verlieren.
Auch rechtlich wirft die Neuregelung Fragen auf. Der Wolf bleibt durch europäische Vorgaben, insbesondere durch die FFH-Richtlinie und die Berner Konvention, geschützt. Die Aufnahme ins Jagdrecht erweckt jedoch den Eindruck, der Wolf sei eine regulär jagdbare Wildart. Dadurch entstehen Missverständnisse über die tatsächlichen rechtlichen Grenzen von Abschüssen.
Zudem drohen neue Zuständigkeitskonflikte zwischen Jagd- und Naturschutzbehörden sowie eine Zunahme gerichtlicher Auseinandersetzungen.
Politisch besteht die Gefahr, dass sich das Wolfsmanagement zunehmend an öffentlichem Druck und regionalen Konflikten orientiert, statt an wissenschaftlichen Erkenntnissen. Gleichzeitig werden Erwartungen geweckt, die möglicherweise nicht erfüllt werden können. Sollten die erhofften Rückgänge bei Nutztierrissen ausbleiben, könnte die gesellschaftliche Akzeptanz für den Wolf ebenso wie für das Wolfsmanagement weiter sinken.
Der WWF fordert einen anderen Weg
Der WWF fordert deshalb einen anderen Weg: konsequenten Herdenschutz, eine nationale koordinierte, wissenschaftliche Bestandsbeoabachtung und die gezielte Entnahme einzelner, nachweislich problematischer Tiere. Die Wolfsjagd, die am 1. Juli 2026 beginnt, darf nicht zum Symbol für einen Rückzug aus einem modernen und wissenschaftsbasierten Naturschutz werden.
Was der WWF will:
Keine anlasslose Jagd
Der WWF lehnt das unbegrenzte Schießen von Wölfen ab. Unspezifische Bejagung schützt nicht vor Nutztierrissen, sondern kann Rudelstrukturen zerstören und die Rissgefahr durch unerfahrene Jungwölfe sogar erhöhen.
Priorität für nachhaltigen Herdenschutz
Die effektivste Methode zur Schadensminimierung bleibt die Prävention. Der WWF fordert flächendeckend geförderten, hochwertigen Herdenschutz (z.B. Elektrozäune und Herdenschutzhunde).
Strikte Ablehnung wolfsfreier Zonen
Gebiete, in denen Wölfe gänzlich fehlen sollen oder in denen keine Herdenschutzpflicht gilt, sind aus fachlicher und rechtlicher Sicht (EU-Artenschutz) nicht haltbar.
Rechtssichere Entnahme von Einzeltieren
Der WWF befürwortet gezielte Ausnahmen, allerdings nur als letzte Konsequenz. Erlaubt sein sollte der streng begrenzte Abschuss von Einzeltieren, die nachweislich Schutzmaßnahmen überwunden und schwere Schäden verursacht haben.
Bundesweites Monitoring
Das Monitoring muss einheitlichen Standards folgen und engmaschig ausgewertet werden, um Entnahme-Entscheidungen in Echtzeit rechtssicher an den aktuellen Bestand zu binden.
Autorin
Dr. Sybille Klenzendorf
Programmleitung Wildtiere Deutschland und Europa
Ich bin Artenschutz-Expertin und seit 2002 beim WWF. Bevor ich zum WWF kam studierte ich Schwarzbär-Ökologie an der Virginia Tech University.
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