Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Tiger noch vom Kaspischen Meer im Westen bis zur russischen Pazifikküste im Osten und nach Süden bis auf die indonesische Insel Bali verbreitet. Sie besiedelten die tropischen, immergrünen Monsunwälder Südostasiens und die Laubwälder Südasiens genauso wie dichtes und hohes Gras am Fuße des Himalajas oder die temperierten Mischwälder des Russischen Fernen Ostens. Selbst in Sumpf- und Mangrovenwäldern waren sie heimisch und wurden sogar in Bergregionen Bhutans von fast 4.000 Meter Höhe nachgewiesen.

Doch heute sind rund 93 Prozent ihres ursprünglichen Lebensraumes zerstört. 40 Prozent ihres Territoriums verschwanden allein zwischen den Jahren 2000 und 2010. Für Straßen und Pipelines werden die Wanderkorridore der Tiger zerschnitten, für den Bau von Siedlungen oder landwirtschaftliche Flächen werden ihre Rückzugsgebiete mitsamt Beutetieren massiv reduziert oder teilweise sogar restlos vernichtet.

Durch Straßen und Pipelines wird Tigerlebensraum zerschnitten

Gleise im Tiger-Territorium © Tim Cronin / WWF Australien
Gleise im Tiger-Territorium © Tim Cronin / WWF Australien

Straßen und Eisenbahnlinien, aber auch Pipelines, Leitungen, Zäune und Kanäle – so genannte lineare Infrastrukturen – zerschneiden zusammenhängende Waldgebiete und lassen am Ende nur noch kleine, voneinander getrennte Wald-Inseln zurück. Der Tiger und andere Arten, die großflächige Territorien für die Jagd auf Beutetiere und die Fortpflanzung benötigen, werden massiv zurückgedrängt. Am Ende müssen sie in kleinen, voneinander isolierten Populationen leben. In einem Lebensraum, der weniger Beute bereithält, in dem Krankheiten und heftige Revierkämpfe unter den Artgenossen zunehmen und in dem ein gesunder, genetischer Austausch immer mehr eingeschränkt wird. Das traurige Resultat: Die Tiger nehmen ab.

Mehr Straßen führen zudem auch immer mehr Menschen in zuvor unberührte Gebiete. Die Folgen: Es kommt zu Mensch-Tier-Konflikten in den Siedlungen, auf Feldern und Plantagen und auch Wildtier-Unfälle auf Straßen und Schienen nehmen zu. Außerdem bringt die Erschließung entlegener Gebiete nicht nur Siedler, Bauern, Händler und Holzfäller in Tigergebiete, sondern auch Wilderer.  

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Asien boomt – acht Billionen Dollar für Straßen

Abgeholzter Wald bei Rimbang Indonesien © Ola Jennersten / WWF-Schweden
Abgeholzter Wald bei Rimbang Indonesien © Ola Jennersten / WWF-Schweden

Im Jahr 2050 werden mehr als drei Milliarden Menschen Asiens Großstädte bewohnen. Dieses Bevölkerungswachstum wird Konsequenzen für den gesamten Kontinent nach sich ziehen. Um den Bedürfnissen der wachsenden Bevölkerung gerecht zu werden, errechnet die Asiatische Entwicklungsbank einen Investitionsbedarf in Höhe von acht Billionen US-Dollar in Infrastrukturprojekte.

Allein zwischen 2012 und 2022 sind in Asien zusätzliche 11.000 Kilometer Straßen und Schienen geplant, die direkt durch Tiger-Regionen führen. Die weiteren Investitionen sind noch gar nicht abzusehen, aber es ist wohl mit weiteren Beeinträchtigungen und Fragmentierungen der Tiger-Lebensräume zu rechnen.

Tiger in der Dawna-Tenasserim-Landschaft

In der Dawna-Tenasserim-Landschaft entlang der Grenze zwischen Thailand und Myanmar sind schätzungsweise noch maximal 200 Tiger beheimatet. Das 30.000 Quadratkilometer große Gebiet soll durch mehrere Infrastruktur-Projekte zerstückelt werden. Derzeit sind zwei vierspurige Autobahnen geplant, Eisenbahntrassen sowie Öl- und Gaspipelines. Diese Straßen würden die WWF-Tigerprojekte zerschneiden und wichtige Wanderkorridore der Großkatzen und anderer bedrohter Arten zerstören. Hinzu kommt, dass in Myanmar, entlang einzelner neuer Straßen, die Wälder abgeholzt werden. Schätzungen gehen davon aus, dass Myanmar bis 2035 etwa 13 Prozent seiner Waldflächen an Infrastrukturprojekte verlieren wird.

Tiger in der Terai-Arc-Landschaft

Die Terai-Arc-Landschaft zwischen Nepal und Indien gilt als eine der artenreichsten Regionen der Erde. Auf einer Fläche von fast 50.000 Quadratkilometern erstrecken sich insgesamt 15 geschützte Ökosysteme, die über die höchste Tiger-Dichte der Welt verfügen. Knapp 700 Tiger sind hier beheimatet. Dabei sind Nepal mit 235 Tigern und Indien mit 2.967 Tieren führende Staaten im Tigerschutz. Jedoch wird aktuell (Stand: 2019) entlang der indisch-nepalesischen Grenze ein 650 Kilometer langer Highway gebaut. Weitere Straßen und Schienen mit einer Länge von 5.000 Kilometern sind bereits in Planung, die bei unzureichender Berücksichtigung der Tiger-Lebensräume die bisherigen Naturschutzerfolge zerstören könnten.

Tiger auf Sumatra - Indonesien

Sumatra Tiger © Saipul Siagian / WWF-Indonesia
Sumatra Tiger © Saipul Siagian / WWF-Indonesia

Sumatra ist einer der wichtigsten Biodiversitäts-Hotspots. In sechs Tigergebieten leben auf einer Fläche von etwa 75.000 Quadratkilometern weniger als 400 der letzten Sumatra-Tiger, aber auch etwa 100 Nashörner, 1.700 Elefanten und 15.000 Orang-Utans.

Seit 1990 wurden hier etwa auf 50.000 Kilometern Straßen gebaut. Im gleichen Zeitraum verlor Sumatra mindestens 15 Prozent seiner Waldflächen für Palmöl-Plantagen. Die indonesische Insel gilt als Blaupause dafür, wie Infrastruktur- und Landnutzungsplanungen auf gar keinen Fall passieren sollten. Derzeit wird ein 2.800 Kilometer langes Straßenprojekt realisiert. Eine weitere 40 Meter breite Straße soll mitten durch den Harapan-Regenwald führen und das tausend Quadratkilometer große Gebiet zerschneiden. Entwicklungen, die dramatisch für den Sumatra-Tiger sind.

Der WWF fordert deshalb, dass Tigerlandschaften in die Infrastrukturplanungen integriert werden, damit die Tiger langfristig eine stabile Population erreichen und auch wieder zwischen den Schutzgebieten wandern können und gleichzeitig die asiatischen Staaten von den Infrastrukturprojekten profitieren können.

Abholzung der Tigerwälder

Durch Abholzung und Brandrodung in den letzten Jahrzehnten wurde der Tiger-Lebensraum ohnehin schon stark eingeschränkt:

  • Sumatra: Innerhalb von nur 20 Jahren sind zwei Drittel des Regenwaldes für Ölpalmen, Kautschukplantagen oder Zellstoff vernichtet worden. Für die letzten etwa 370 Sumatra-Tiger, die zur Zeit noch auf der Insel nach Hirschen, Wildschweinen und Tapiren jagen, wird der Kampf um ein Territorium zum Kampf ums Überleben.
  • Nepal, Indien, Thailand oder Myanmar: Auch hier wächst der Hunger nach Fläche dramatisch, ob für den Anbau wichtiger landwirtschaftlicher Produkte, aber auch als Existenzgrundlage für die zum Teil sehr armen Menschen vor Ort. Mit wachsender Bevölkerung wächst auch der Druck auf die Wälder. Sie dienen als Siedlungsfläche, als Quelle für Feuerholz, als oft einzige Energiequelle zum Kochen und Heizen oder als Ort, um Nahrung zu finden.
  • Amur-Heilong: Die riesige Amur-Region ist mit rund zwei Millionen Quadratkilometern Fläche vier Mal so groß wie Spanien und ist Heimat der letzten Amur-Tiger und Amur-Leoparden. Vier Länder teilen sich diese artenreiche Ökoregion: Russland, China, die Mongolei und Nordkorea. Der Amur-Fluss mit 4.440 Kilometern Länge bildet das prägende Element. Im Tigerlebensraum führen illegale und nicht nachhaltige Abholzung zu einer massiven Zerstückelung großer, intakter Waldflächen und der Ausbreitung von Waldbränden. Eine Untersuchung der russischen Holz-Exporte 2004 bis 2011 zeigt, dass ein Drittel aller nach China exportierten, mongolischen Eichen aus illegalem Einschlag kommen. 

Was tut der WWF

Ein Netz aus Schutzgebieten – über die Grenzen hinweg

Gemeinsam mit den jeweiligen Regierungen, anderen NGOs und vor allem der lokalen Bevölkerung arbeitet der WWF daran, Schutzgebiete und ihre Verbindungsachsen mit anderen bestehenden Schutzgebieten in großräumigen Landschaften als zentrale Wanderkorridore für Tiger und andere Arten zu bewahren oder wiederherzustellen. Solche Maßnahmen sind oft grenzübergreifend, was die Komplexität der Arbeit erhöht. Besonders wichtig ist, dass die betroffene lokale Bevölkerung dahintersteht, eingebunden ist und dass der WWF dabei hilft, gleichzeitig die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort zu verbessern.

Manchmal muss die Verbindung zwischen Schutzgebieten aber auch erst wieder geschaffen werden: wie zum Beispiel der Korridor zwischen dem nepalesischen Parsa Nationalpark und dem indischen Valmiki Tigerreservat. Hier wurde – in Absprache mit der Bevölkerung – ein Gebiet abgezäunt und mit Setzlingen bepflanzt. Auch Grasflächen wurden angelegt und Wasserlöcher, um die Wanderroute mittelfristig attraktiver zu machen. Denn Gras und Wasser locken Huftiere an. Und Tiger folgen ihrer Beute. Kamerfallenbilder dokumentieren bereits, wie Tiger (und auch Elefanten) diese Wanderroute nutzen, um von dem Schutzgebiet in Nepal über in das Tigerreservat auf indischer Seite zu gelangen.

Verbesserung des Schutzgebietsmanagement

Aber auch die Schutzgebiete selbst – als letzte, intakte „Inseln“ – müssen in ihrer Funktion gestärkt werden. Viele Schutzgebiete – vor allem in Thailand, Myanmar, aber auch auf Sumatra sind zwar als solche ausgewiesen, aber die Regierung stellt nicht die notwendige, finanzielle Unterstützung für ein effizientes Management bereit. Es mangelt an ausreichend Personalressourcen, einer entsprechenden Ausstattung der Nationalparkangestellten, um die zum Teil riesigen Gebiete überhaupt adäquat überwachen, schützen und effizient verwalten zu können.

In Thailand oder Indonesien unterstützt der WWF die Regierungen bei der Verbesserung ihres Schutzgebietsmanagements. Wir helfen dabei, notwendige Kapazitäten aufzubauen, auszustatten und zu schulen, sowie wirkungsvolle Strukturen zu schaffen, die einen effektiven Schutz dieser Gebiete fördern. Oft bedeutet das, Fahrzeuge bereitzustellen, Gebäude zu finanzieren, oder die Angestellten der Regierung mit der notwendigen Technik auszustatten, um eine effiziente Präsenz auf den Flächen zu schaffen und so diese Wälder gegen Wilderei oder illegale Abholzung, aber auch gegen eine systematische Ausbeutung zu schützen.

Neue Schutzgebiete schaffen

Sibirischer Tiger © Vladimir Filonov / WWF
Sibirischer Tiger © Vladimir Filonov / WWF

Auch in der Amur Region gilt es, die noch intakten « Tigerwälder » zu retten. An der Planung und der Ausweisung vieler Schutzgebiete ist der WWF durch Umweltgutachten, wissenschaftliche Begleitung und Öffentlichkeitsarbeit beteiligt. In der Amur Region stehen mittlerweile vier Millionen Hektar temperierter Mischwald im Tiger-Verbreitungsgebiet unter Schutz, eine Fläche so groß wie die Niederlande. Nicht nur für den Amur-Tiger, sondern für viele weitere seltene Tier- und Pflanzenarten werden damit wichtige Refugien gesichert. Ein herausragendes Beispiel sind die Urwälder am mittleren Bikin Fluss. Diese temperierten Nadel-Laubholz-Mischwälder sind von enormer Bedeutung für den Lebensunterhalt und die Kultur der lokalen indigenen Udege-Bevölkerung und beherbergen 10% der Amur-Tigerpopulation.

Erst im Jahr 2018 wurde der Bikin-Nationalpark von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt. Über eine Million Hektar Wald- und Flusslandschaften werden damit Teil des bereits seit 2001 existierenden Welterbe-Gebietes „Zentral Sichote-Alin“, einem Gebirgszug, der sich östlich an das Bikin Gebiet anschließt und bis zur russischen Pazifikküste reicht.

Naturschonende Forstwirtschaft fördern

Anfang 2019 sind rund drei Millionen Hektar Wald im russischen Teil der Amur-Region FSC-zertifiziert. Im Rahmen dieser Zertifizierung erstellt der WWF technische Gutachten und verhandelt mit den Betrieben über Waldflächen, auf denen der Holzeinschlag nur mit Auflagen oder gar nicht mehr erlaubt sein soll. Diese werden im Rahmen der FSC-Zertifizierung als « Wälder mit hohem Schutzwert » bezeichnet. Dazu gehören zum Beispiel wertvolle Biotope oder besonders alte Baumbestände mit einem hohen Anteil von Altbäumen der Korea Kiefer. So konnte der WWF mit der Firma Terneyles im August 2013 einen zusätzlichen Totalschutz für eine Waldfläche von 443.000 Hektar aushandeln.

Alternative Energiequellen

In der Terai Arc Landschaft, der Grenzregion Nepal/Indien, entwickelt der WWF mit der lokalen Bevölkerung alternative Energiequellen. Die lokale, zum Teil sehr arme Bevölkerung ist vielerorts vollständig auf Brennholz angewiesen, um kochen zu können. Dieses Feuerholz wird vor allem in den Pufferzonen, den Flächen um die Nationalparks, gesammelt, was zu einer schrittweisen, signifikanten Degradierung der Wälder führt. Gleichzeitig erhöht sich die Gefahr von Mensch-Tiger-Begegnungen, was enormes Konfliktpotential birgt. Die Installation von mit Rinderdung betriebenen Biogasanlagen unterstützt nicht nur die Gewinnung einer nachhaltigen, sauberen Energie. Es nimmt eben auch den Druck von den grünen Verbindungsachsen zwischen den Schutzgebieten und reduziert Mensch-Tiger-Konflikte.

Kontrollierte Beweidung

Aber auch eine kontrollierte Beweidung von Nutztieren, Stallfütterung und eine nachhaltige Nutzung von Agrarland sind wichtige Maßnahmen, die der WWF gemeinsam mit seinen Partnern vor Ort und der lokalen Bevölkerung umsetzt, um die Korridore und auch die angrenzenden Schutzgebiete in ihrer Funktion zu erhalten.

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