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Stand: 30.09.2019

Mensch-Tiger-Konflikte im Fokus

Seit einiger Zeit steigt die Zahl der Tiger in der Amur-Region in Russland wieder an. Ein schöner Erfolg, der steigt damit auch das Risiko, dass Mensch und Tier aufeinander treffen. Denn wird der Lebensraum der Tiger zerstört, nähert er sich auf der Suche nach Futter immer mehr dem Menschen an. Ein gefährlicher Konflikt.

Wird der Lebensraum des Tiger zerstört, hat das auch Konsequenzen für die Bewohner © Suyash Keshari / WWF
Wird der Lebensraum des Tiger zerstört, hat das auch Konsequenzen für die Bewohner © Suyash Keshari / WWF

Solche Begegnungen sind zwar immer noch ungewöhnlich, werden tief im Osten Russlands an der Grenze zu China aber immer häufiger.

 

Die Anzahl von Konflikten pro Jahr mit Amur Tigern und Amur Leoparden, hat sich seit  2010  verdoppelt. Etwa 60 solcher Vorfälle werden mittlerweile jährlich gemeldet. Davon betreffen die Hälfte gerissene  Haus- und Nutztiere. Amur Tiger und Amur Leoparden gelten allgemein als konfliktscheu und weniger aggressiv als ihre Artgenossen in anderen Teilen Asiens.

 

Auch hier hat sich der Mensch-Wildtier-Konflikt massiv verschärft, leider mit tödlichen Konsequenzen: So gab es in Nepal zwischen 2013 und 2017 191 Fälle von Mensch-Tier Konflikten mit Leoparden oder Tigern. 166 Mal wurden Nutztiere angegriffen, 25 Mal kamen bei Angriffen Menschen zu Tode.  In mehr als der Hälfte aller Fälle, waren die Tiger allerdings zuvor von Menschen verletzt worden, viele waren krank oder abgemagert.

 

Die gestiegene Zahl der Konflikte ist die Kehrseite einer erfolgreichen Naturschutzarbeit. Mehr Tiger bedeuten zugleich mehr Kontakte mit Menschen. Denn auch die Bevölkerung wächst weiterhin und damit ihr Bedürfnis nach Siedlungs- und Landwirtschaftsfläche, nach Nahrung, die vielerorts zum Großteil aus dem Wald gedeckt wird und nach Weideland für die Nutztiere. Der Mensch dringt immer weiter in den Lebensraum der Tiger vor oder die Großkatzen müssen Siedlungs- oder Landwirtschaftsflächen passieren, um von einem Gebiet in das nächste zu streifen. Doch jeder Mensch-Tiger-Konflikt erzählt seine ganz eigene Geschichte. 

Mensch-Tiger Konflikte in der Amurregion

So gibt es in der Amurregion andere Gründe, die einen Tiger zu einem so genannten „Konflikt-Tiger“ werden lassen:

 

Zum Beispiel erwachsene Tiere, die verletzt wurden (etwa von Wilderern) oder krank sind: Sie sind oftmals geschwächt; manche weisen auch alte Schussverletzungen auf, die dem Tier dann erst im Alter Probleme bereiten. Wenn sie nicht mehr genügend Beute in freier Wildbahn erjagen können, dann dringen sie in Siedlungen ein und greifen Nutztiere oder Haustiere an, weil diese leichter zu greifen sind. Oder es sind Jungtiere unter einem Jahr, die von ihrer Mutter getrennt werden. Oft sind es dann gleich zwei; sie können nicht ohne ihre Mutter überleben und werden häufig  in der Nähe von Siedlungen gefunden.

 

Die zunehmenden Tiger-Begegnungen lösen Unsicherheit und Angst bei den Menschen aus. Denn auch auf Menschen wurden 26 Angriffe in den Jahren 2000 und 2016 verzeichnet. Vier Menschen starben, 14 weitere wurden verletzt. Auf der anderen Seite wurden im selben Zeitraum 33 tote Tiger gezählt – sie sind Opfer von Angst, Trauer oder Wut. Tiger-Mensch Konflikte zu entschärfen ist daher nicht nur wichtig, um Schaden von beiden Seiten abzuwenden sondern auch, damit die immer noch positive Haltung der Menschen im russischen Fernen Osten zum Tiger erhalten bleibt.

Mensch-Tiger Konflikte in Nepal/Indien

In den nepalesischen oder indischen Dörfern, die sich um zentrale Tigerschutzgebiete (stets Waldgebiete) angesiedelt haben sind neben dem Ackerbau auch die Haltung von Nutztieren eine wichtige Lebensgrundlage. Gekocht wird fast ausschließlich auf Feuer und die Frauen verbringen täglich viel Zeit damit, das nötige Holz im Wald zu sammeln während sie die Rinder zum Grasen mitnehmen. Doch im Wald sind auch die Tiger und Leoparden.

Reißt ein Tiger ein Rind, oder kommt sogar ein Mensch zu Schaden, bedeutet das für die dort lebenden Menschen einen massiven Verlust. Bei den oft bitterarmen Menschen sorgt dies für Wut und Verzweiflung. Tiger wurden deswegen schon öfter vergiftet, erschossen oder mit Fallen gefangen. Auch wenn die generelle Toleranz der Menschen vor Ort gegenüber den Wildtieren recht hoch ist. Auch hier gilt es, mit innovativen, individuell entwickelten Lösungen, dem zunehmenden Mensch-Wildtier-Konflikten zu begegnen, um eine friedliche Ko-existenz von Mensch und Tier zu ermöglichen.

Was tut der WWF

So individuell die Konfliktthemen in den unterschiedlichen Regionen, so vielseitig müssen auch die Maßnahmen sein, um Mensch-Wildtier-Konflikte zu reduzieren und nachhaltige Antworten auf die existenziellen Bedürfnisse von Mensch und Tier bereit zu stellen. In enger Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort und gemeinsam mit lokalen Partnern arbeitet der WWF an der Umsetzung innovativer Lösungen:

Amur -Region 

RRTs - Schnelle Eingreiftruppen schützen Mensch und Tiger

Durch die Initiative desrussischen Tigerexperten Pavel Fomenko wurden ab 2013 zwei „Anti-Konflikt Einheiten“ (Rapid Response Teams) aufgebaut, die im Umgang mit Problemtigern geschult sind. Jedes Team besteht aus drei staatlichen Rangern und einem Veterinär. Ihre Aufgabe: Die Tiger aufspüren, vertreiben oder einfangen. Solch ein eingefangener Tiger wird in eine der beiden Rehabilitierungszentren gebracht. Ziel ist es, die geretteten Tiger später wieder auszuwildern, wenn ihr Gesundheitszustand und ihr Verhalten dies zulassen. Auch dies ist eine Aufgabe der Teams. Ein Tiger, der sich wiederholt in der Nähe des Menschen herumtreibt, kann auch durch einen behördlich angeordneten Abschuss „entschärft“ werden. Ziel ist immer, die Menschen zu schützen und zugleich die Tötung eines Tigers zu verhindern. Denn jeder Tiger, der nicht in der Wildnis verbleibt, ist ein ernster Verlust für die kleine Population.

Frühwarnsysteme, GPS-Tracking und Aufklärung

Auch Nepal und Indien setzen solche „Frühwarnsysteme“ wie die Rapid Response Teams ein, mittlerweile sogar auch grenzübergreifend. Dennoch müssen diese effektiven Einsatztruppen vor Ort unbedingt ausgebaut werden, je mehr die Anzahl der Tiger zunimmt. Aufklärung der Bevölkerung und GPS Tracking von ausgewilderten Tigern sind weitere effektive Maßnahmen, um mit Mensch-Tiger-Konflikten umzugehen und Gefahren vorzubeugen. Die Geschichte des russischen Konflikt-Tigers „Vladik“ zeigt, dass sich der Einsatz lohnt. Nachdem der Tiger wieder in die freie Wildbahn entlassen worden war, konnten Wissenschaftler mit Hilfe eines GPS Senders noch lange Vladiks Suche nach einem Revier nachvollziehen. Tatsächlich legte er noch hunderte von Kilometern zurück, um schließlich in ein Gebiet im Südwesten der Primorsky Provinz zu gelangen, in der Experten sogar sein Heimatrevier vermuten. Auf seinem Weg machte er einen großen Bogen um menschliche Siedlungen und griff weder Haus- noch Nutztiere an

Nepal/Indien 

Entschädigungszahlungen 

Reißt ein Tiger ein Rind, oder kommt sogar ein Mensch zu Schaden, ist es für die Menschen dort ein großer, existentieller Verlust. Dieser Verlust wird in der Regel von der Regierung monetär entschädigt. Doch das dauert meist viele Monate.  

Der WWF setzt daher auf rasches Handeln, bei Entschädigungszahlungen. Betroffene können das Rapid Response Team vor Ort informieren. Der Schaden wird unmittelbar geprüft. Ist der Fall wirklich einem Tiger oder Leoparden zuzuordnen, dann wird die betroffene Familie dafür entschädigt. Natürlich löst diese Entschädigungszahlung noch lange nicht den grundsätzlichen Konflikt, aber durch die schnelle, persönliche Betreuung fühlen sich die Menschen ernst genommen, verstanden und vor allem wird ihnen in einer Notsituation geholfen.

Installation von Biogasanlagen

Durch die Biogas Anlagen ergeben sich Win-Win-Win Effekte für alle. Sie werden mit Rinderdung und menschlichen Fäkalien betrieben, die von den ebenfalls installierten Toiletten abgeleitet werden. Die Frauen müssen weniger in den Wald gehen, um Feuerholz zu sammeln. Die Rinder werden zusammengehalten, um den Dung für die Anlage leichter sammeln zu können. In den letzten Jahren konnten damit in den WWF Projektgebieten die Mensch-Tiger Begegnungen und Unfälle im Wald erheblich reduziert werden. Durch die Toiletten ist der Hygienestandart in den Dörfern  extrem gestiegen. Krankheiten wie Malaria und Japanische Encephalitis sind dadurch nachweislich weniger geworden - und auch die Lungenerkrankungen der Frauen, bedingt durch das stundenlange Kochen vor den Holzöfen wurden durch die Biogas-Kochstellen drastisch gemindert. 

Stallhaltung und Einzäunung von Rindern, Ziegen und anderen Haustieren

Dazu kommt die Stallhaltung – wir trainieren und unterstützen die Dorfbewohner bei dem Bau von stabilen Stallungen aus Draht und Bambus, um die Nutztiere wie Rinder und Ziegen vor allem nachts besser zu schützen. Vor allem Leoparden zeigen sich relativ mutig, wenn es darum geht, in Dörfer zu schleichen, um sich Nahrung zu ergattern. 

Smartphones zur Erntezeit

Um das indische Valmiki Tigerreservat wird auf großen Flächen Zuckerrohr angebaut. Und Wildschweine halten sich gerne in diesen Zuckerrohrplantagen auf. Es gibt kaum Grasland und damit auch nur vergleichsweise wenig große Beutetiere wie Sambar- oder Axishirsche. Aber eben Wildschweine. Über die Jahre haben sich die Tiger an das Leben in den Zuckerrohrplantagen angepasst, wo sie Wildschweine jagen und mit ihrer Fellzeichnung gut getarnt und geschützt sind. Alles ist gut und niemand stört sich daran – bis eben zur Erntezeit, wenn sich die Menschen auf die Felder begeben und damit plötzlich das „Revier“ des Tigers betreten. 

Hier hilft vor allem viel Aufklärung und Bewusstseinsbildung bei den Dorfbewohnern. Der WWF bringt gemeinsam mit den Rangern den Menschen vor Ort bei, wie man sich verhält, um Begegnungen mit Tiger zu vermeiden. Zum Beispiel niemals alleine ins Feld zu gehen, sondern immer in Gruppen, möglichst lärmend. In der „akuten“ Zeit werden die Bauern von Rangern begleitet. Um sich verständigen zu können, wird versucht, zumindest die Leiter der „Erntegruppen“ mit Funkgeräten oder Smartphones auszustatten, damit auch im Falle von Verletzungen schnell Hilfe gerufen werden kann.

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