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Stand: 24.05.2018

Zuwachs für Draculas wilde Rinderherden

Seit Göttervater Zeus die schöne Königstochter Europa vom Strand des Mittelmeeres raubte, ist der Stier das Wappentier des Kontinents. So gesehen, ist der Umzug von insgesamt 23 Wisenten ins rumänische Transsilvanien ein Projekt von wahrhaft europäischem Charakter. Immerhin kamen die Zotteltiere aus neun verschiedenen Gehegen in Deutschland und Italien.

Freigelassenes Wisent mit Kälbern © Sergio Pitamitz
Freigelassenes Wisent mit Kälbern © Sergio Pitamitz

Ihre Reise war der größte Umzug dieser Art. Neun der europäischen Bisons sollen für eine „Blutauffrischung“ einer bereits vor einigen Jahren in den Tarcu-Bergen ausgewilderten Herde sorgen. Die anderen 14 Hornträger legen den Grundstock für eine zweite Wisent-Gruppe im Poiana-Rusca-Gebiet. 

 

Der Rinder-Treck durch halb Europa ist der aktuelle Höhepunkt eines Projektes, das schon 2013 startete. Der WWF war von Beginn an beteiligt und verfolgt seither das Ziel, den einst nahezu ausgerotteten Wildrindern auch in den südlichen Karpaten wieder eine Heimat zu bieten.

 

Wisente sind die größten Landsäugetiere Europas. Große Bullen wiegen bis zu 1000 Kilogramm. Die Kühe sind kleiner und leichter, geben aber in den 10- bis 12-köpfigen Herden den Ton an. Die männlichen Tiere sondern sich mit etwa drei Jahren von der Gruppe ab und gehen eigene Wege. Lediglich zur Paarungszeit im Spätsommer lassen sie sich wieder blicken und die Stärksten versammeln dann einen Harem von bis zu acht Kühen um sich. 

Container mit Wisent © Bogdan Comanescu
Container mit Wisent © Bogdan Comanescu

Früher eine beliebte Jagdbeute

Die wilden Rinder sehen nicht nur aus wie die amerikanischen Bisons, sie sind auch eng mit ihnen verwandt. Im Unterschied zu ihren Vettern aus dem „wilden Westen“ leben sie aber nicht in der Prärie sondern bevorzugen feuchte Laubmischwälder, wo sie sich von Knospen, Laub, Rinde und Gras ernähren.

 

Früher waren die Wisente über ganz Europa verbreitet. Ihre Hörner schmückten schon die Helme der Germanen. Auch in den darauf folgenden Jahrhunderten waren die Tiere eine beliebte Jagdbeute. Mit der Abholzung der europäischen Wälder begann ihr Niedergang. Im 11. Jahrhundert sah man ein letztes Exemplar in England. Zwei Hundert Jahre später kam in Frankreich das Aus für die Paarhufer. Weiter östlich konnten sie sich länger halten: 1755 erlegte ein Wilderer den letzten frei lebenden Bison in Ostpreußen. Die übrig gebliebenen Wiederkäuer im polnischen Bialowieza-Urwald und im Kaukasus fielen nach dem ersten Weltkrieg der hungrigen Bevölkerung zum Opfer.

Die Rettung für die quasi schon ausgestorbene Art kam einige Jahre später aus Frankfurt. Dort gründete der damalige Zoodirektor Primel, die Internationale Gesellschaft zum Schutz des europäischen Wisents. Zwar gab es keine wild lebenden Tiere mehr, aber einige Exemplare hatten in Zoos und Wildgehegen überlebt. Eine erste Bestandsaufnahme der Naturschützer fiel ernüchternd aus. In ganz Europa gab es nur noch 56 Exemplare. Da ein Teil aus Krankheits- oder Altergründen nicht mehr für die Zucht in Frage kamen, blieb nur ein Dutzend fortpflanzungsfähiger Tiere übrig.

Stammbäume und Familienplanung

Freilassung des Wisents © Bogdan Comanescu
Freilassung des Wisents © Bogdan Comanescu

Sie waren die Urahnen der inzwischen wieder auf mehrere Tausend Mitglieder angewachsenen europäischen Wisent-Familie. Frei lebende Herden gibt es außer in Rumänien in Polen, auch in Litauen, Weißrussland, Russland, Ukraine, Kirgisien und selbst im Rothaargebirge in Nordrhein-Westfalen. Damit ist der europäische Bison zwar nicht mehr akut vom Aussterben bedroht, trotzdem kann der Erhalt der Art nicht als gesichert gelten. Aufgrund unzureichenden Gen-Austausches zeigen sich zunehmend Inzuchterscheinungen. Die Folge ist z.B. die mangelnde Immunität gegenüber Krankheiten. Die Herden sind anfällig für Maul- und Klauenseuche und der Herpes verurteilt viele Bullen zur Zeugungsunfähigkeit.

 

Multi-Kulti ist angesagt. Der WWF konzentriert sich bei seinem Wisent-Erhaltungsprogramm darauf, möglichst gemischte Herden auszuwildern. Das gilt auch für die in der Heimat Draculas freigelassenen Tiere. Bei der Zusammenstellung der Herden stützt man sich auf zentral geführte Zuchtbücher. Dadurch lässt sich der Stammbaum der einzelnen Tiere nachverfolgen und man kann so gezielt „Familienplanung“ betreiben, um die zukünftigen Wisentherden mit einem möglichst breiten Genpool auszustatten. 

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