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Stand: 31.08.2018

"Europas Natur ist viel zu leer."

Wisent © Darren Jew / WWF
Wisent © Darren Jew / WWF

Interview mit dem Wisent-Experten Joep van de Vlasakker

Der gebürtige Holländer Joep van de Vlasakker hat in den letzten 15 Jahren mehr als 200 Wisente transportiert und in verschiedenen Ländern wieder angesiedelt. Er ist einer der Experten, die für den WWF die anstehende Wiederauswilderung von bis zu zehn Wisenten in Aserbaidschan organisieren.

WWF: Sie haben eine außergewöhnliche Aufgabe, was reizt Sie daran am meisten?

Joep van de Vlasakker © Maarten van der Voorde
Joep van de Vlasakker © Maarten van der Voorde

Joep van de Vlasakker: Ich liebe die Arbeit im Feld und den Moment, in dem wir die Tiere freilassen. Manchmal muss man ganz schön ziehen und schieben, bis ein Wisent seine Transportbox verlässt. Dieses Zupacken, sich dreckig machen, das mag ich wirklich sehr. Aber ich mag auch den Part am Computer: In einem internationalen Experten-Team bereiten wir die Auswilderung sorgfältig vor und kümmern uns um die ganze Logistik.

 

Welche Vorbereitungen muss man denn treffen, um eine Gruppe Wisente aus verschiedenen europäischen Zoos und Wildgehegen nach Aserbaidschan zu bringen?

Nach der schwierigen Auswahl der richtigen Tiere organisieren wir ihren Flug und müssen mit jedem Zoo viele Details klären, zum Beispiel, wie die Wisente zum Flughafen kommen. Wir stellen sicher, dass die Transportboxen den internationalen Standards entsprechend gebaut und die vorgeschriebenen Untersuchungen gemacht werden.  Mit den aserbaidschanischen Kollegen verabreden wir, unter welchen Bedingungen wir die Tiere ins Land bringen können. Es gibt eine Liste mit Krankheiten, auf die wir die Wisente vorher untersuchen müssen. Und diese Liste ist lang.

Was sind die größten Risiken beim Transport der Wisente?

Wisent-Transport © Vladimir Filonow
Wisent-Transport © Vladimir Filonow

Ein großes Risiko ist immer die Narkose. Während des Fluges betäuben wir die Rinder deshalb nach Möglichkeit nicht. Aber je nach Ausstattung der Zoos müssen die Wisente zum Blutabnehmen und beim Verladen narkotisiert werden. Das habe ich schon bei der Auswahl der Tiere im Kopf: Es ist extrem riskant, ausgewachsene Wisentbullen zu narkotisieren. Sie sind eine knappe Tonne schwer. Fallen sie auf die Seite, drückt das ganze Gewicht auf ihre Organe. Deshalb wähle ich junge, leichtere Bullen. Sie tolerieren sich gegenseitig auch eher.

Die Tiere werden schon vor dem Flug besendert...

Ja, am Tag des Transportes bekommen die Wisente ein GPS-Halsband angelegt. So können wir die Sender schon im Auswilderungsgehege testen und notfalls Änderungen vornehmen.. Wir treffen uns vorher noch mit dem Hersteller der Halsbänder und bitten um eine Sonderanfertigung: Normalerweise hat man einen Spielraum von sieben Zentimetern, um das Halsband dem Nacken anzupassen. Das ist nicht viel bei so einem großen Tier!

Wisente sind die größten Landsäugetiere, die wir in Europa haben. Wie ticken diese Tiere, was haben sie für Eigenschaften?

Verglichen mit Kühen sind Wisente sehr sensible und empfindliche Tiere. Sie sind weniger widerstandsfähig und anfälliger für Krankheiten. Deshalb gibt es auch so strenge Einfuhrbestimmungen. Bei Begegnungen mit Menschen würden sie gemeinhin davonlaufen, das ist ihr instinktives Verhalten.

Warum setzen Sie sich für die Rettung der Wisente ein, was fasziniert Sie an den Tieren?

Es ist eine wundervolle und beeindruckende Art! Europas Natur ist viel zu leer, wir haben nicht mehr genug Wildtiere. Wenn wir die Wisente zurück bringen, profitieren davon viele andere Arten. Schützen wir Gebiete für Wisente, werden wie unter einem Regenschirm weitere Arten mitgeschützt, die vielleicht nicht so "sexy" sind.

Viele Arten profitieren aber auch direkt von den Wisenten.

Wisente im Schnee © Vladimir Filonov
Wisente im Schnee © Vladimir Filonov

Ja, in mehrfacher Hinsicht. Als sehr große Pflanzenfresser bringen Wisente viel Dynamik in das Waldökosystem. Außerdem verwenden Vögel beispielsweise Wisent-Haare für den Nestbau, Insekten nutzen den Dung. Diese Insekten werden von kleinen Vögeln gefressen, die wiederum von größeren Vögeln gefressen werden und so weiter. Die Rückkehr der Wisente ist von großem Vorteil für das Ökosystem!

 

Wie stehen die Menschen vor Ort der Auswilderung der Wisente gegenüber?

Diese Frage habe ich allen Einheimischen gestellt, denen ich begegnet bin, als ich in Aserbaidschan das Auswilderungsgelände geprüft habe. Die meisten wussten gleich, was Wisente sind. Das hat mich überrascht, denn fragt man Holländer, Franzosen oder Deutsche, kennen die wenigsten noch Wisente. Und alle haben positiv reagiert! Niemand hat gesagt, ich habe Angst vor dem Tier oder vor Schäden, die es verursachen könnte. Dagegen habe ich ganz oft gehört: „Ja, wir sind dafür, weil wir finden, dass es nicht ausreichend Wildtiere in unseren Wäldern gibt.“

Was wünschen Sie sich für die Wisente in Zukunft, was ist Ihre Vision?

Ich wünsche mir eine große Zahl freilebender Wisente, verteilt auf verschiedene Populationen. Zehn Populationen von je 500 Rindern, also mindestens 5.000 wilde Wisente in Europa, das wäre was! Und ich wünsche mir, dass die Europäer die Wisente wieder als Teil ihres Naturerbes akzeptieren - dass sie keine Angst vor ihnen haben, sondern ihre Anwesenheit genießen.

Unterstützen Sie die große Auswilderungsaktion:

Wisente © Hartmut Jungius / WWF

80 € helfen uns dabei, Kamerafallen in Aserbaidschan zu installieren, damit wir die Wisente und ihren Gesundheitszustand überwachen können.

GPS-Halsband © Julia Thiemann / WWF

Mit 170 € tragen Sie zur Ausstattung der Wisente mit GPS-Halsbändern bei. Nur so können wir ihr Verhalten erforschen und ihr Überleben sichern.

Wisent-Transport © WWF Russland

Mit einer großzügigen Spende von 350 € unterstützen Sie weitere Auswilderungen von Wisenten im Kaukasus. Die Tiere reisen per Flugzeug und LKW.

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Wisente für den Kaukasus

   
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