Waldbrände, Abholzung, Hochwasser, Dürre – der Druck auf den Amazonas wächst Jahr für Jahr. Die größte Bedrohung ist die rücksichtslose und meist illegale Zerstörung der Wälder für Viehweiden, Bergbau oder zur Holzgewinnung. Hinzu kommen die Klimakrise, dramatische Wetterphänomene und die Folgen jahrelang verfehlter Politik, die den Amazonas immer näher an den Kollaps bringen.

Der Amazonas-Regenwald ist einzigartig und reich an Superlativen: es ist der größte Regenwald der Erde, mehr als 40.000 Pflanzenarten gibt es hier, über 400 Säugetierarten, unzählige Vögel, Reptilien und Insekten – noch immer werden regelmäßig neue Arten entdeckt. Doch sie alle – und die Menschen, die hier leben – sind bedroht.

Der aktuelle Stand im Amazonas:

Februar/März 2024

Das Jahr 2024 droht für den Amazonas erneut ein schreckliches Jahr zu werden: Allein im Februar hat es nach Angaben des brasilianischen Instituts für Weltraumforschung (INPE) mehr als 3.200 Mal gebrannt. Noch nie wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten so viel CO2 einem Monat ausgestoßen. Es sind die höchsten gemessenen Emissionswerte seit Beginn der Datenaufzeichnung durch den Copernicus Atmospheric Monitoring Service (CAMS) im Jahr 2003.

Grund dafür sind Brandrodungen und die seit Mitte 2023 anhaltende ungewöhnliche Trockenheit, die durch die globale Klimakrise angeheizt und durch das Wetterphänomen El Niño verstärkt wird.

Bei der Entwaldung sieht es etwas besser aus: Für den Februar vermeldete das brasilianische Weltrauminstitut einen Rückgang um 30 Prozent der Entwaldungswarnungen. Für den Zeitraum seit August 2023 wird ein Waldverlust von 2.350 Quadratkilometern verzeichnet – minus 56 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. 

An dieser Stelle versuchen wir einen möglichst aktuellen Überblick zu geben. Bitte beachten Sie auch die aktuelle Tagespresse und abonnieren Sie den Newsletter des WWF Deutschland.

Waldbrände vernichten den Amazonas

Brandrodung für Sojaanbau im Cerrado © Andre Dib / WWF Brazil
Brandrodung für Sojaanbau im Cerrado © Andre Dib / WWF Brazil

Jahr für Jahr brennt es im Amazonas, doch mit dem Amtsantritt von Präsident Lula im Januar 2023 ging die Abholzung im brasilianischen Teil des Amazonas zurück: 2023 wurde deutlich weniger Wald zerstört als in den Jahren zuvor.

2022 sah das noch ganz anders aus – ein trauriger Rekord jagte den nächsten: So wie im Mai 2022 als im brasilianischen Amazonasbecken in nur einem Monat 2.287 Brände wüteten; die zweithöchste bis dato gemessene Zahl für diesen Monat. Anfang September 2022 erreichten die Zahlen neue Rekordwerte: Innerhalb von nur fünf Tagen wurden 15.000 Waldbrände gezählt. Das waren die schlimmsten Ausbrüche seit 15 Jahren.

Die Brände im brasilianischen Regenwald sind seit vielen Jahren allgegenwärtig. Eindrucksvoll belegt das eine beispiellose Analyse der Initiative MapBiomas, die Mitte August 2021 veröffentlicht wurde. Den Daten zufolge stand in den vergangenen 36 Jahren etwa ein Fünftel der Landfläche Brasiliens mindestens einmal in Flammen. In jedem dieser 36 Jahre brannte im Durchschnitt eine Fläche größer als England: 150.957 Quadratkilometer.

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    So wie das Amazonas-gebiet ist auch der Cerrado ein Hotspot der Lebensraumvernichtung. Brände und Entwaldung sorgen für bedrohliche Zustände. Weiterlesen...

Politik befeuerte die Waldbrände

Präsident Bolsonaro auf einer Agrar-Parade am 07.09.2022 © Imago / Fotoarena / Ton Molino
Präsident Bolsonaro auf einer Agrar-Parade am 07.09.2022 © Imago / Fotoarena / Ton Molino

Ein Grund, warum es gerade im Jahr 2022 eine so extrem hohe Anzahl an Bränden gab, könnten die Wahlen im Oktober gewesen sein. Unterstützer:innen des damals amtierenden Präsidenten Jair Bolsonaro befürchteten seine Abwahl – und damit „eine Verschärfung der Umweltpolitik mit verstärkten Kontrollen und strengeren Gesetzen“, so Professorin Aiala Colares von der UEPA (Universität des Bundesstaates Pará).

In den Gebieten, in denen diese Brandstiftungen stattgefunden hatten, war der Einfluss der Bolsonaro-Anhänger besonders stark. „Es besteht ein Zusammenhang zwischen den Wahlen und den Gebieten, die einige Kriminelle nutzen, um ihr Weideland zu vergrößern“, sagte Aiala Colares damals.

Jair Bolsonaro hinterließ ein Trümmerfeld mit Abholzungen auf Rekordniveau, ebenso wie sein Vorgänger, Michel Temer, der riesige Flächen aus Indigenen Schutzgebieten herauslösen wollte, um hier dem Raubbau an den Wäldern Tür und Tor zu öffnen und Bergbaukonzessionen zu vergeben. Nach immensem nationalem und internationalem Druck musste Temer sein Vorhaben zurückziehen.

Die Hoffnung, dass sich der Trend unter Brasiliens aktuellem Präsidenten, Luiz Inácio da Silva, umkehrt ist groß. Schon einmal hat er das Land regiert (2003 bis 2010) und während seiner Amtszeit einen Rückgang der Entwaldung erreicht. Und tatsächlich: Lula stellt sich auch in der aktuellen Amtszeit an die Seite der Indigenen und will laut eigenen Aussagen „Null-Abholzung“ anstreben.

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Warum brennt der Amazonas?

Jedes Jahr aufs Neue werden die meisten Brände absichtlich gelegt, um Land für Aktivitäten wie Landwirtschaft und Viehzucht zu roden, aber auch um Holz zu gewinnen. „Im Amazonasgebiet sind Brände das letzte Stadium der Entwaldung. Sie stehen in engem Zusammenhang mit Landraub, Invasion und illegaler Besetzung von öffentlichem Land“, so Mariana Napolitano, wissenschaftliche Leiterin des WWF-Brasilien.

„Die Verantwortung für den Landraub liegt aber nicht nur in Brasilien, denn das auf den gerodeten Flächen produzierte Soja geht in den Export. Auch für unsere maßlose Fleischproduktion in Deutschland und Europa werden lebenswichtige Ökosysteme nach und nach vernichtet.“

Roberto Maldonado, Bereichsleitung Lateinamerika beim WWF Deutschland

Der Verlust des Amazonas bedroht Menschen weltweit

Weideflächengewinnung in Kolumbien © Luis Barreto WWF-UK
Weideflächengewinnung in Kolumbien © Luis Barreto WWF-UK

Die Umwandlung von Wald in Weideflächen ist eine ökologische Katastrophe, denn der Regenwald ist dann für immer zerstört. Selbst, wenn der Wald nicht ganz gerodet und abgebrannt wird, bleibt ein degradierter Wald zurück. Die abgebrannten Gebiete haben weniger große Bäume, eine leicht entflammbare, trockene Biomasse und sind sehr anfällig für Brände.

Die Brände im Amazonas haben unmittelbare Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt und sie wirken sich auch auf die Gesundheit der Bevölkerung in der Region aus. Doch nicht nur für die Region, sondern auch für die ganze Welt ist die Entwicklung gefährlich. „Der Amazonas kann eine solche Zerstörung nicht mehr verkraften“, warnt Edegar de Oliveira, Direktor für Naturschutz und Wiederherstellung beim WWF Brasilien. Der baldige Kipppunkt für das Weltklima droht.

  • Brände in Amazonien © Araquem Alcantara / WWF Brasilien Der Amazonas vor dem Kollaps: Höchste Zeit zu handeln

    Die Regenwälder des Amazonas brennen wie lange nicht mehr. Dahinter stecken Kalkül und das ganz große Geld. Mensch und Tier bleiben auf der Strecke – und das nicht nur in Südamerika. Weiterlesen...

Die Klimakrise bringt Extremwetter-Ereignisse

Rio Negro im Oktober 2023 © Jacqueline Lisboa / WWF Brazil
Rio Negro im Oktober 2023 © Jacqueline Lisboa / WWF Brazil

Schon jetzt zeigt sich, dass sich das Klima in der Amazonas-Region verändert. Angeheizt durch die weltweite Klimakrise, befeuert durch verheerende Brände und verstärkt durch das Wetterphänomen El Niño, das im Sommer 2023 begann und das Wetter am Amazonas verrückt spielen lässt.

Städte leiden unter extremen Wetterereignissen wie Dürren und Überschwemmungen, die auf Veränderungen des Klimas in der Region zurückzuführen sind. Beispielsweise ist es in den letzten Jahren und Jahrzehnten etwa durch die stärkere Erwärmung des atlantischen Ozeans zu immer häufigerem und intensiverem Hochwasser am Amazonas gekommen.

So wie im Juli 2023 als der Fluss Rio Negro im Bundestaat Amazonas mit 30 Metern den höchsten Wasserstand seit 1902 führte und über die Ufer trat. Auch die Amazonas-Metropole Manaus wurde von den Wassermassen überflutet. Überdurchschnittliche Regenfälle hatten in dieser Saison dem Fluss den höchsten Pegelstand seit 120 Jahren eingebracht. Die Zahlen zeigen, dass extreme Überschwemmungen immer häufiger auftreten und der Raubbau an der Natur die Situation noch verschlimmern wird.

„Seit 2009 häufen sich die extremen Wetterphänomene in Amazonas, Brasilien – die Abstände zwischen den Überflutungen des Rio Negro werden immer geringer. Das liegt an den Folgen des Klimawandels wie zum Beispiel der Erwärmung des Atlantik und der damit einhergehenden stärkeren Verdunstung sowie der Entwaldung des Amazonas.“

Roberto Maldonado, Bereichsleitung Lateinamerika beim WWF Deutschland

Das andere Extrem sind Dürren. Ende 2023 traf eine Jahrhundertdürre die Amazonas-Region. Sie schuf nicht nur dramatisch günstige Bedingungen für Waldbrände, die extreme Trockenheit gefährdete Menschen und Tiere ganz direkt. Die Wassertemperaturen überschritten im November 2023 stellenweise die 40-Grad-Marke, zahllose Fische und Flussdelfine verendeten, Flüsse trockneten so stark aus, dass sie unpassierbar waren, Trinkwasser und Lebensmittel wurden knappeine akute Bedrohung für die Menschen vor Ort.

  • Ein verendeter Flussdelfin im Tefé-See © Adriano Gambarini WWF startet Rettungsaktion für bedrohte Flussdelfine

    Im Lago de Tefé, einem See an einem der Amazonaszuflüsse, sind innerhalb kurzer Zeit mehr als 228 Tiere der bedrohten rosa Flussdelfine verendet. Helfen Sie uns die Flussdelfine zu retten! Weiterlesen...

Wir müssen den Raubbau am Amazonas stoppen!

Indigene aus ganz Brasilien kamen zur Indigenen Woche zusammen © WWF Brasilien
Indigene aus ganz Brasilien kamen zur Indigenen Woche zusammen © WWF Brasilien

Seit 2007 unterstützt der WWF die lokale Bevölkerung im Amazonas-Gebiet und konnte seither 40 Schutzgebiete mit insgesamt etwa sieben Millionen Hektar Fläche schützen. Dieser Schutzgebietsgürtel steht der größten Entwaldungsfront der Welt gegenüber und schützt auch diejenigen, die vom und mit dem Wald leben.

Die Zusammenarbeit mit den Indigenen ist für den WWF von immenser Bedeutung, denn indigene Territorien sind bisher eine der wichtigsten Barrieren gegen die Abholzung. Nur 1,6 Prozent der Entwaldung zwischen 1985 und 2020 entfielen auf indigenes Land. 98 Prozent der natürlichen Vegetation in den indigenen Gebieten der Amazonas-Region sind noch erhalten. Deshalb stellt sich der WWF auch weiterhin an die Seite der Indigenen in Brasilien und betreibt weiter kontinuierlich politische Lobbyarbeit, um ausbeuterische Gesetze zu blockieren.

Die Errichtung von Schutzgebieten und die Unterstützung für die lokale Bevölkerung zählen ebenso zu möglichen Lösungen, um den Amazonas zu retten, wie den Druck auf deutsche Unternehmen bei ihren Lieferketten zu erhöhen. Fleisch, Kakao, Soja und andere Agrarrohstoffe, die in Deutschland produziert und gehandelt werden, verursachen Entwaldung weltweit – auch im Amazonas.

  • Erkundungsteam der Uru Eu Wau Wau auf dem Jamari Fluss © Marizilda Cruppe / WWF-UK Gemeinsam für den Wald: Indigene Territorien schützen

    Der WWF Deutschland stellt sich mit seinem größten Projekt in Südamerika an die Seite der indigenen und traditionellen Völker in Brasilien: Ein Bündnis für den Wald! Weiterlesen...

  • Brennender Wald im Amazonas (Porto Velho) © Andre Dib/WWF-Brazil Der Amazonas brennt

    Jedes Jahr brennt der Regenwald im Amazonas-Gebiet. Jedes Jahr wird die Zerstörung für Holz und Viehhaltung größer. Und jedes Jahr erhöht der WWF seine Kräfte, den Wald und seine Bewohner zu schützen. Weiterlesen...

  • Regenwald am Amazonas © Luis Barreto / WWF-UK Amazonien

    Das Amazonas-Becken bedeckt mit seinem Regenwald eine Fläche mit einer Ausdehnung, die der Entfernung von Berlin nach Bagdad entspricht. Weiterlesen ...