Wenn der Kakao den Wald küsst

Biodiversität im Kakaoanbau
Stand: 30.09.2026

In Kolumbiens Amazonasregion pflanzen immer mehr Landwirt:innen ihren Kakao im Agroforst. Damit sichern sie ihre Lebensgrundlage und schaffen neue Lebensräume für Tiere.

Es raschelt, Äste schwingen, Blätter zittern. Jhan Serenato schaut nach oben. Ein Affe klettert zwischen den Ästen. Dann ein dumpfer Schlag: Eine Kakaofrucht fällt zu Boden. Nur wenig später kommt der Affe herunter, greift nach einem Teil der Frucht und verschwindet zwischen den Ästen.

„Siehst du, genau das meine ich. Die sind frech. Wenn schon, dann sollen sie wenigstens die ganze Frucht mitnehmen!“ Der Kakaobauer neben ihm hat Jhan Serenato gerade erzählt, dass die Affen immer wieder seinen Kakao fressen.

Jhan Serenato kennt das Problem. Seine Familie baut ebenfalls Kakao an. Solche Begegnungen sind in Caquetá keine Seltenheit. Tiere verlieren zunehmend ihre Nahrung und ihren Lebensraum. „Auf den Kakaoplantagen finden sie Früchte – und das ist für sie, als würde man auf einem Spaziergang plötzlich einen Topf voller Essen finden, der sagt: ‚Iss mich!‘“, sagt Jhan Serenato.

Wo der Wald fehlt, fehlt die Biodiversität

In der Region Caquetá in Kolumbien treffen die Anden auf den Amazonas-Regenwald
In der Region Caquetá in Kolumbien treffen die Anden auf den Amazonas-Regenwald © Endémica Studios – Camilo Castaño/WWF

Caquetá liegt in der Übergangszone zwischen den Anden und dem Amazonas in Kolumbien. Zusammen mit den benachbarten Regionen Guaviare und Putumayo bildet die Landschaft einen außergewöhnlich artenreichen Lebensraum. Unzählige Vogel-, Fisch-, Amphibien- und Säugtierarten leben im Regenwald und an den Flussläufen der Region.

Doch wer heute durch die Region fährt, sieht immer wieder dasselbe Bild: ein Stück Wald, dann Weiden, Straßen, Plantagen. Dahinter wieder Bäume. Der Wald erstreckt sich nicht mehr über weite Strecken am Stück, er liegt wie Inseln in der Landschaft. Über Jahrzehnte wurden Flächen gerodet – für illegalen Kokaanbau, für Rinderweiden und für Monokulturen. Mit den Bäumen verschwanden auch die Tiere.

Verlust der Artenvielfalt

José Andrés Morales, technischer Koordinator der Kakaokooperative COMICACAO in Kolumbien © Endémica Studios – Camilo Castaño/WWF

José Andrés Morales kennt diese Veränderung genau. Er ist technischer Koordinator der Kakaokooperative COMICACAO in Caquetá. Als er jünger war, hat er erlebt, wie bis zu 40 Hektar auf einmal gerodet wurden. Für die Familien vor Ort sei das eine Möglichkeit gewesen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und ihren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen.

Was in dieser Zeit verloren ging, ist für die jüngere Generation kaum fassbar. Daniel Pineda von der Kakaokooperative Asprobabelen kennt die Wälder und ihre Artenvielfalt vor allem aus Erzählungen. „Viele von uns, die 30 oder 40 Jahre alt sind, haben diese Wälder, wie sie früher hier waren, gar nicht mehr kennengelernt“, sagt er. Besonders eindrücklich findet Pineda die Geschichten der älteren Menschen aus den Gebirgsregionen. Sie erzählen von einer Fülle an Tieren, die es früher gab. Heute sehen sie davon kaum noch etwas.

Stille in der Monokultur

Weltweit ist der Kakaoanbau für die Rodung des Regenwaldes verantwortlich. Besonders in den Hauptanbauländern in Westafrika in Côte d’Ivoire und Ghana, aber auch in Lateinamerika haben Menschen bereits große Waldflächen für den Anbau zerstört.

Auf vielen der gerodeten Flächen befinden sich heute Plantagen. Meist stehen die Pflanzen perfekt angeordnet, zwischen ihnen wächst kaum etwas anderes. Die Sonne knallt auf den Boden, Schatten gibt es nur wenig.

Während natürlicher Wald vor Leben strotzt, bleibt es auf den Monokulturplantagen auffallend still. Kein Zirpen, kein Summen, kein Zwitschern. Vögel, Fledermäuse und Insekten finden kaum Nahrung und Verstecke. Auch Aufsitzerpflanzen, die im Wald auf Ästen und Stämmen wachsen, verschwinden.

Für die Landwirtschaft ist diese Ordnung praktisch: Eine einzige Kultur lässt sich effizient anbauen und in großen Mengen ernten. Doch fehlt die Vielfalt, wird das gesamte System verwundbar.

Ein abgestimmtes System

Insekten. Bartmücke ( Ceratopogonidae ). 20200702MIC0029 *** Insects Bearded midge Ceratopogonidae 20200702MIC0029
Für die Bestäubung der Kakaobäume unerlässlich: die Bartmücke © Imago/Star Media/Michael Schöne

Das zeigt sich im Boden. Jede Pflanzenart entzieht der Erde andere Nährstoffe. Wird Jahr für Jahr die gleiche Kultur angebaut, wird der Boden einseitig beansprucht. Das Bodenleben verarmt, die Erde verliert ihre Fähigkeit, Wasser zu speichern.

Auch dort, wo sonst ein aufeinander abgestimmtes System aus Pflanzen und Tieren Schädlinge in Schach hält, fehlen plötzlich die Gegenspieler. Um die Ernte zu sichern, greifen Landwirt:innen deshalb häufig auf Pestizide zurück. Diese treffen jedoch nicht nur die Schädlinge, sondern auch andere Insekten.

Für den Kakao ist das folgenreich. Denn seine winzigen Blüten sind auf Bestäuber angewiesen. Eine davon ist die Bartmücke – kaum größer als ein Stecknadelkopf und leicht zu übersehen. Wo sie fehlt, kann aus einer Blüte keine Frucht werden. In manchen Anbaugebieten müssen die Kakaoblüten deshalb bereits von Hand bestäubt werden.

In Kolumbien im Amazonasgebiet ist die Situation anders: Kakao treibt die Entwaldung nicht voran, sondern kann im Gegenteil zur Wiederaufforstung beitragen. Der vielfältige Anbau ersetzt Flächen, die vorher für intensive Rinderhaltung und illegale Kokaplantagen gerodet wurden.

Zusammenspiel von Landwirtschaft und Wald

Ein Kakao-Agroforstystem in Kolumbien
Ein Kakao-Agroforstystem in Kolumbien © Endémica Studios – Camilo Castaño/WWF

Der WWF setzt sich im Rahmen des Projekts „Cocoa for conservation: Strengthening deforestation-free and nature positive supply chains“ dafür ein, entwaldungsfreien und biodiversitätsfreundlichen Kakaoanbau in Kolumbien zu stärken. Wir fördern den Austausch zwischen Erzeuger:innen-Gemeinschaften und europäischen Unternehmen und zeigen europäischen Unternehmen Perspektiven für ein nachhaltige Kakao-Lieferkette auf.

Zwischen den Kakaobäumen wachsen Bananen, Papayas, Palmen und Edelhölzer. Auf dem Boden sprießen medizinische Kräuter, Gemüse und Obst. Überall liegt Laub, feucht und dunkel. Zwischen den Pflanzen ist kaum ein Stück nackte Erde zu sehen.

Das Licht dringt nur stellenweise durch die Baumkronen. Es riecht nach Regen und feuchter Erde. Der Duft von reifem Obst hängt in der Luft. Zwischen den Kakaoblüten surren winzige Bartmücken. Mochileros fliegen durch die Gegend. Ihre Nester hängen wie Rucksäcke in den Bäumen. Im Wald schreien Brüllaffen.

Grüne Korridore

Was hier wie Wald wirkt, ist zugleich Landwirtschaft. Und je mehr unterschiedliche Pflanzen auf einer Fläche wachsen, desto mehr finden Tiere dort Nahrung, Schutz und Wege durch die Landschaft.

Denn Tiere können offene Flächen oft nur schwer überwinden und nehmen Umwege zum nächsten Wald in Kauf. Ein Agroforst kann die Lücken zwischen Wäldern, Straßen, Weiden und Feldern schließen.

José Andrés Morales zeigt auf die Bäume auf einer Kakaoplantage. „Wenn wir jedoch Korridore aus Bäumen, Aufforstungsflächen und Kakaoanbau schaffen, fühlen sich die Tiere sicher und können diese Wege nutzen“, sagt er.

Tiere kommen zurück

Aras im Amazonas-Regenwald in Kolumbien © Endémica Studios - Julián López / WWF
Aras im Amazonas-Regenwald in Kolumbien © Endémica Studios – Julián López/WWF

José Andrés Morales muss nicht lange überlegen, welche Tiere inzwischen wieder auftauchen. Brüllaffen ziehen in Familien durch das Waldstück rund um die Wasserquelle. Manchmal kommen sie herunter und fressen Samen oder Kakaobohnen. Ein Ozelot hat er ebenfalls schon mehrmals gesehen. Drei oder vier Hühner hat das Raubtier bereits geholt. Und dann ist da noch der Zorro Perro, eine lokale Wildhundart. Er hat es auf die Bananen abgesehen und frisst ganze Büschel.

Zahlreiche Bäuer:innen fürchten deshalb wirtschaftliche Verluste. Einige gehen gegen die Tiere vor.

Jhan Serenato, José Andrés Morales und Daniel Pineda wollen deshalb genauer herausfinden, was auf den Plantagen passiert: Welche Tiere kommen auf die Anbauflächen? Wann tauchen sie auf? Was fressen sie? Und wie können sie verhindern, dass aus der Begegnung zwischen Menschen und Tier ein Problem wird?

„Wir wollen nicht mit den Tieren in Konflikt geraten, denn sie gehören ebenfalls hierher“, sagt José Andrés Morales. „Man muss auch für sie pflanzen und ihnen Nahrung bieten. Schließlich müssen wir für alle Lebewesen Platz schaffen.“

Biodiversität durch das Fernglas

Biodiversitätsmonitoring in Kolumbien
Biodiversitätsmonitoring in Kolumbien © Endémica Studios – Camilo Castaño/WWF

Früh am Morgen stehen Menschen aus den Gemeinschaften rund um die Kakaoanbauflächen. Sie haben Ferngläser dabei und verteilen sich auf festgelegte Beobachtungspunkte. Dann warten sie.

Zwischen den Bäumen bewegt sich etwas. Ein Vogel taucht auf, bleibt für einen Moment sitzen und fliegt weiter. Jemand schlägt ein Notizheft auf. Art, Ort und Zeitpunkt werden eingetragen.

Die indigenen Kooperativen, die am Projekt beteiligt sind, beobachten regelmäßig, welche Vögel auf den Kakaoflächen leben. Zwischen März und Juni haben sie 16 Touren in San José del Fragua durchgeführt, 615 Vogelarten konnten sie nachweisen – darunter Gelbbrustara, Hornwehrvogel, Bischofstangare, Schwarzkehlspecht, Schwarzohrpapagei, Schwarzstirntrappist und Eichhornkuckuck. In Asomuseyik in Putomayo konnten die indigenen Murui Muina 122 Arten nachweisen.

Der Klatsch des Waldes

Ein neugieriges Warzenschwein untersucht eine Kamerafalle des WWF Kolumbien © WWF

Wo die Augen nichts sehen, helfen Kamerafallen. Zwischen Mai und Juli 2026 haben die Kooperativen neun dieser Kameras installiert. Sie lösen aus, wenn sich ein Tier durch das Bild bewegt.

Insgesamt 461 Aufnahmen gibt es bereits. Zu sehen sind Warzenschweine, Aras, Panguanas und Honigbären. Daniel Pineda und seine Kolleg:innen haben sie einzeln geprüft und in Datenbanken aufgenommen. Aus einem kurzen Moment vor der Kamera wird so ein nutzbarer Datensatz: Welche Art ist zu sehen? Wo wurde sie beobachtet? Wann war sie unterwegs? Was hat sie gefressen?

Für Pineda geht es beim Monitoring nicht nur darum, Arten zu identifizieren. Es bedeutet auch, den Wald lesen zu lernen. Pineda vergleicht das mit einem Blick hinter die Kulissen des Waldes: „Es ist, als würde man den Klatsch des Waldes verfolgen – also sehen, was dort passiert.“

Mit jeder Beobachtung wächst das Wissen darüber, welche Arten auf den Kakaoanbauflächen vorkommen und wie sie sich zwischen den verschiedenen Lebensräumen bewegen. Die Kakaobäuer:innen lernen dabei nicht nur etwas über die Tiere. Sie lernen ihre eigene Landschaft neu kennen und können langfristig selbst verfolgen, ob die Biodiversität auf ihren Flächen zu oder abnimmt.

Was dem Kakao Leben gibt

Jhan Serenato (links im Bild), Kakaoproduzent aus Kolumbien © Endémica Studios – Camilo Castaño / WWF

Dass die Menschen so genau hinschauen, hat auch mit einem veränderten Verständnis des Anbaus zu tun. Auf dem Boden liegt das Laub der Bäume. Die Kakaobäuer:innen lassen es dort liegen, um den Boden mit Nährstoffen zu versorgen. Und er trocknet nicht so schnell aus.

„Die Wälder und das Ökosystem sind das, was dem Kakao Leben gibt“, sagt Daniel Pineda. „Wenn diese Wälder nicht da wären, gäbe es nicht die Niederschlagszyklen, die uns helfen, Trockenzeiten zu regulieren, aber auch Zeiten mit sehr starkem Regen auszugleichen.“ Gleichzeitig schaffen sie gute Lebensbedingungen für Bestäuber.

Für die Bäuer:innen bedeutet die Vielfalt zugleich mehr Sicherheit. Durch den Anbau verschiedener Produkte sind sie nicht nur von Kakao als einzige Ernte abhängig, sondern können auch viele weitere Produkte für den eigenen Bedarf oder für lokale und internationale Märkte produzieren.

Der Agroforst schützt damit nicht nur die Artenvielfalt. Er hilft auch den Menschen, ihr Einkommen auf mehrere Standbeine zu verteilen.

Eine Zukunft für alle

José Andrés Morales denkt dabei weiter als bis zur nächsten Ernte. Wenn er über die Kakaoflächen im Agroforst spricht, geht es auch um die Zukunft. „Dadurch schaffen wir die Möglichkeit, unseren Kindern in Zukunft ein würdigeres und besseres Leben zu ermöglichen.“

Wenn in Zukunft Affen kommen und Kakaofrüchte klauen, wissen die Kakaobäuer:innen, dass der Wald wieder lebt.

 

Das Projekt wird gefördert durch finanzielle Mittel des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und unterstützt durch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

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