Amazonas-Regenwald in Französisch-Guayana © Roger Leguen / WWF

Der Amazonas am Wendepunkt

Die Zukunft des Amazonas ist noch nicht entschieden
Stand: 31.08.2026

Seit Jahren ist vom Kipppunkt des Amazonas die Rede: Jenem Moment, in dem Abholzung, Degradierung, Waldbrände und die Klimakrise den Wald über seine Regenerationsfähigkeit hinaus belasten.

Wissenschaftler:innen warnen, dass wir diesem Punkt gefährlich nahe kommen. Jüngste Dürreperioden, verschärft durch den Klimawandel und El Niño, haben gezeigt, wie verwundbar Teile des Amazonas geworden sind. Die Wasserstände der Flüsse sinken auf historische Tiefststände, Waldbrände breiten sich in der gesamten Region aus und sowohl die lokale Bevölkerung als auch die Tierwelt sehen sich beispiellosen Herausforderungen gegenüber.

Wir können das Ende der Geschichte ändern

Jaguar ruht auf einem Ast © Michel Gunther / WWF
Jaguar ruht auf einem Ast © Michel Gunther / WWF

Der Amazonas steht nicht nur vor einem Kipppunkt, sondern auch vor einem Wendepunkt. Wir befinden uns heute in einem Wettlauf zwischen zwei möglichen Zukünften. Die eine führt zu weiterem Waldverlust, mehr Waldbränden, schwindender Artenvielfalt, zunehmender Klimainstabilität und wachsenden Kosten für die Gesellschaft. Die andere führt zu einem Wald, der weiterhin Wasser, Nahrung, Lebensgrundlagen, kulturelle Identität und Klimastabilität für Millionen von Menschen bietet. Der Unterschied zwischen diesen Zukunftsszenarien liegt nicht in einem Mangel an Lösungen, sondern in der Geschwindigkeit unseres Handelns und in den Entscheidungen, die wir treffen.

Es ist möglich, die Entwaldung zu stoppen

Illegale Entwaldung im Gebiet der Uru-Eu-Wau-Wau in Brasilien © Marizilda Cruppe / WWF-UK
Illegale Entwaldung im Gebiet der Uru-Eu-Wau-Wau in Brasilien © Marizilda Cruppe / WWF-UK

Im gesamten Amazonasgebiet zeigen indigene Völker und lokale Gemeinschaften, Forscher:innen, Unternehmen und Regierungen bereits, dass ein anderer Weg möglich ist. Wir wissen, dass die Entwaldung im Amazonasgebiet verringert werden kann. In Brasilien beispielsweise sind die Entwaldungsraten – nach Jahren zunehmenden Waldverlusts – kontinuierlich gesunken und erreichten 2025 den niedrigsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt. Dies zeigt eindrücklich: Wenn politischer Wille, indigene Führung, die Durchsetzung von Gesetzen und nachhaltige Lösungen zusammenkommen, kann ein Wandel im großen Maßstab gelingen.

Die größte Stärke des Amazonasgebiets sind seine Menschen

Indigene Gebiete zählen nach wie vor zu den wirksamsten Barrieren gegen Entwaldung und den Verlust biologischer Vielfalt. Doch allzu oft wird der Amazonas entweder als unberührte Wildnis oder als bedrohter Ort dargestellt.

In Wirklichkeit ist er zugleich ein Ort des Wissens, der Innovation und der Chancen für eine naturpositive Entwicklung. In der gesamten Region vernetzen indigene Völker und lokale Gemeinschaften Gebiete, Kulturen und Lösungsansätze, die die Artenvielfalt, die Gesundheit der Flüsse, die Ernährungssicherheit und die Klimaresilienz stärken. So forsten sie beispielsweise Wälder auf und überwachen mithilfe von Technologien wie Drohnen und Kamerafallen die Entwaldung sowie die Artenvielfalt in ihren Gebieten. Gleichzeitig gestalten sie die Zukunft des Amazonas aktiv mit, indem sie – auf der Basis ihres traditionellen Wissens – eine Sozio-Bioökonomie entwickeln.

„Dies macht den Amazonas zu einem lebendigen Innovationslabor, in dem Technologie, traditionelles Wissen und naturbasierte Lösungen Hand in Hand arbeiten.“

Daniel E. Silva, Referent Lateinamerika beim WWF Deutschland

Innovation im Amazonasgebiet ist auch sozialer und politischer Natur. Durch Initiativen wie das „Acampamento Terra Livre“ (ATL) kommen indigene Völker aus ganz Brasilien zusammen, um ihre Rechte zu verteidigen, die territoriale Selbstverwaltung zu stärken und sich für den Schutz von Wäldern und Flüssen einzusetzen. Ihre Fähigkeit zur Mobilisierung, zur Vernetzung von Gebieten und zur Einflussnahme auf Entscheidungsprozesse ist eine starke Kraft für den Aufbau eines widerstandsfähigen Amazonasgebiets.

Markierungen an einem Amazonas-Regenwaldbaum weisen auf Untersuchungen zum Einfluss der Dürre und des Amazonas Tipping Points hin.
Spezifische Dürre-Untersuchungen der Regenwaldbäume tragen dazu bei, mehr über den Tipping Point des Amazonas-Regenwalds zu erfahren. © Suzie Hubbard / WWF-UK

Was ist der Kipppunkt?

Der Amazonas-Regenwald nähert sich einem gefährlichen Kipppunkt. Ab diesem Punkt würden sich die Schäden selbst verstärken und nur noch sehr schwer rückgängig machen lassen. Wissenschaftler:innen schätzen, dass die Fähigkeit des Waldes, sich selbst zu erhalten, bereits stark beeinträchtigt wird, wenn etwa 20 bis 25 Prozent des ursprünglichen Bestands verloren gegangen sind. Gleichzeitig verstärkt eine globale Erwärmung von rund 1,5 Grad Celsius oder mehr Dürreperioden, Hitze und Waldbrände, wodurch die Widerstandsfähigkeit des Waldes weiter abnimmt.

Zusammengenommen könnten diese Belastungsfaktoren ein großflächiges Waldsterben auslösen: Die verbleibenden Wälder würden zunehmend ihre Regenerationsfähigkeit verlieren und Teile des Amazonasgebiets würden sich in degradierte, offenere Ökosysteme verwandeln. Bereits 17 Prozent des Amazonas-Regenwaldes sind verloren gegangen. Deshalb ist der Schutz des Waldes dringend erforderlich.

Nachhaltige Produktion ist Teil der Lösung

Besonders nachhaltig sind Kakaofrüchte aus sogenannten Chakras © Gabriel Vanerio / WWF Ecuador
Besonders nachhaltig sind Kakaofrüchte aus sogenannten Chakras © Gabriel Vanerio / WWF Ecuador

Auch bei der nachhaltigen Produktion spielen Innovationen eine Rolle, die Einkommen schaffen, ohne dass Bäume gefällt werden müssen. In von indigenen Gemeinschaften geführten Agroforstsystemen werden auf innovative und nachhaltige Weise hochwertige Produkte wie Kaffee, Kakao, Paranüsse und Bananen erzeugt. Gleichzeitig verbessern sich die Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerung.

Der Dokumentarfilm „Ponto de Virada da Amazônia“ des WWF Brasilien zeigt einen Weg auf, wie der Wald geschützt und zugleich eine nachhaltige Existenzgrundlage geschaffen werden kann. Er schildert die Erfahrungen des Volkes der Paiter Suruí im indigenen Territorium Sete de Setembro und verdeutlicht, wie Waldschutz, Wiederaufforstung und nachhaltige Produktion Hand in Hand gehen können.

Ein lebender Wald ist mehr wert

Am Amazonas wurden riesige Waldgebiete unter Schutz gestellt © Ricardo Lisboa /WWF-US
Der Amazonas-Regenwald ist einzigartig und reich an Superlativen. © Ricardo Lisboa /WWF-US

Den Amazonas-Regenwald zu erhalten, ist nicht nur aus ökologischer Sicht geboten, sondern bietet auch wirtschaftliche Chancen. Eine aktuelle Studie belegt, dass Investitionen in die Sozio-Bioökonomie, nachhaltige Produktion und den Waldschutz im gesamten Amazonasgebiet Hunderttausende von Arbeitsplätzen und jährliche wirtschaftliche Vorteile in Milliardenhöhe schaffen könnten – und das bei gleichzeitiger Senkung der Emissionen und Stärkung der lokalen Lebensgrundlagen.

Ein intakter Wald schafft Jahr für Jahr Werte: durch Nahrungsmittel, Wasser, Artenvielfalt, kulturelles Erbe, Klimaregulierung und nachhaltiges Wirtschaften. Sein Wert übersteigt bei Weitem den Nutzen, der sich aus seiner Zerstörung ziehen ließe. Es geht also nicht um die Wahl zwischen Wald und Entwicklung. Der Amazonas hat bereits gezeigt, dass sich Produktion und Naturschutz miteinander vereinbaren lassen. Von nachhaltigen Agroforstsystemen und der Sozio-Bioökonomie bis hin zu entwaldungs- und umwandlungsfreien (DCF) Lieferketten gibt es Lösungen, um auf bereits gerodeten Flächen zu produzieren, degradierte Gebiete wiederherzustellen und den Druck auf die Wälder zu verringern.

Angesichts des wachsenden Engagements von Regierungen, Unternehmen und Verbraucher:innen, Entwaldung aus Lieferketten zu verbannen – einschließlich neuer Anforderungen an entwaldungsfreie Produkte auf wichtigen Märkten –, rückt eine „waldpositive“ Wirtschaft zunehmend in greifbare Nähe.

Vom Kipppunkt zum Wendepunkt

Die Warnsignale sind eindeutig. Die Lösungen sind bereits vorhanden. Doch das Zeitfenster, um die Weichen für die richtige Zukunft zu stellen, schließt sich. Wenn wir jetzt handeln, kann der Kipppunkt des Amazonas zu einem Wendepunkt für die Menschen, die Natur und künftige Generationen werden.

Daniel E. Silva
Daniel E. Silva © Privat

Autor

Daniel E. Silva

Referent Lateinamerika

Michelle Neuhaus © Kathrin Tschirner / WWF
Michelle Neuhaus © Kathrin Tschirner / WWF

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Michelle Neuhaus

Referentin Lateinamerika

  • Regenwald am Amazonas © Luis Barreto / WWF-UK Amazonien

    Eine Region der Superlative: Der größte Regenwald, der wasserreichste Fluss, die artenreichste Savanne. Riesig ist auch die Zerstörung der Natur. Zur Übersicht