Nirgendwo auf der Welt leben mehr Tiger als hier: Zwischen Indien und Nepal erstreckt sich am Fuße des Himalajas eines der bedeutendsten grenzüberschreitenden Schutzgebietsnetzwerke der Welt. Doch Tiger kennen keine Schutzgebietsgrenzen und ihre wachsende Zahl stellt die Menschen vor Ort vor große Herausforderungen. Ein erfolgreich abgeschlossenes WWF-Projekt legt den Grundstein für langfristig wirksamen Tigerschutz.
Der größte Erfolg des Projekts ist ein deutlicher Anstieg der Tigerpopulation: Innerhalb von zehn Jahren wuchs sie im Projektgebiet des Chitwan-Parsa-Valmiki Schutzgebietskomplex von 127 auf 217 Tiere – bei gleichzeitig deutlich weniger Zwischenfällen mit Menschen. Möglich wurde das durch wirksame Schutzmaßnahmen, die Wiederherstellung wilder Landschaften, den Schutz vonWanderkorridoren und vor allem durch die enge Zusammenarbeit mit der Bevölkerung. Denn der Schutz der Tiger und vieler weiterer Wildtiere in der ökologisch wertvollen Region entscheidet sich nicht allein im Wald, sondern vielmehr dort, wo die Menschen lernen, mit ihnen zu leben.
Aufnahmen aus Kamerafallen belegen, dass die Tiger sich ausbreiten, auch über die Wälder der Schutzgebiete hinaus. Was aber ein Fortschritt für den Artenschutz ist, bedeutet zusätzliche Gefahr für die Menschen vor Ort.
Dass es trotz steigender Tigerzahlen zu deutlich weniger gefährlichen Begegnungen und weniger Nutztierrissen in den betroffenen Gemeinden kam, ist ein weiterer bedeutender Erfolg des Projektes. Während des gesamten Projektzeitraums wurden zudem keine Vergeltungstötungen von Tigern mehr verzeichnet.
„Das Leben am Rande der Schutzgebiete ist oft geprägt von Furcht um das eigene Leben und die Existenzgrundlagen der ganzen Familie. Eskalieren diese Konflikte, wächst auch die Bedrohung für die Tiger.“
Katjuscha Dörfel, Asien-Referentin beim WWF Deutschland
Bedeutende Projektregion
Langfristiger Schutz, nachhaltige Wirkung
Der WWF Deutschland unterstützt die Region Chitwan-Parsa-Valmiki im Rahmen eines Drittmittelprojekts bereits seit 2015. Ende September 2025 endete nach 10 Jahren die zweite und letzte Phase des Projektes, das noch weit über sich hinauswirken und Natur und Tiger auch in Zukunft schützen soll. Im Fokus stand deshalb der Aufbau belastbarer, sich selbst tragender Strukturen.
Tausende Menschen wurden erreicht und die grenzübergreifende Zusammenarbeit der Behörden gestärkt, damit der Naturschutz lokal getragen werden kann und Gemeinden besser informiert und eingebunden sind. Lebensräume und Wanderkorridore von Tigern und anderen Wildtieren wurden gesichert und Maßnahmen gegen Wilderei und zur Vermeidung von Konflikten in den Gemeinden verankert.
Unsere Erfolge
Wilde Natur für wilde Tiere
Von dichten Wäldern über weites Grasland bis hin zu 22 Feuchtgebieten haben wir gemeinsam mit den Gemeinden die Natur der Tiger-Lebensräume und Wanderwege wiederhergestellt. Kamerafallen belegen, wie gut die Korridore genutzt werden und Tigern und anderen Arten den grenzübergreifenden genetischen Austausch ermöglichen. Im Someshwar Korridor, der Nepals Chitwan Nationalpark mit Valmiki in Indien verbindet, stieg die Tigerzahl von drei auf 17, darunter drei Jungtiere.
Schnelle Eingreiftruppen vor Ort
Taucht ein Tiger im Dorf auf, ist schnelles Handeln gefragt. Zur Deeskalation und Frühwarnung hat der WWF ein Netz lokaler, freiwilliger Einsatzteams aufgebaut, geschult und ausgerüstet. Sie warnen die Bevölkerung bei Sichtungen und treiben Tiger sowie andere Wildtiere wie Elefanten mit Licht und Lärm zurück in die Wälder. Nach Vorfällen unterstützen sie Betroffene zudem dabei, Entschädigungen zu beantragen.
Bessere Lebensgrundlagen für rund 4800 Haushalte
Die Gemeinden im Grenzgebiet von Indien und Nepal leben traditionell von den Ressourcen der Wälder. Alternative, nachhaltige Einkommen wie zum Beispiel eine umweltfreundliche und effizientere Landwirtschaft entlasten die Ökosysteme und verringern das Risiko von Begegnungen mit Tigern im Wald. Ein Fokus des Projektes lag auf der Qualifizierung von Frauen und Jugendlichen, um ihre Lebensgrundlagen langfristig zu stärken.
Über 20.000 Menschen erreicht
Verschiedene Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagnen erreichten auf indischer und nepalesischer Seite insgesamt fast 22.000 Menschen. In Treffen mit Gemeinden, Schulen und Lehrkräften ging es um den Umgang mit Wildtieren und die Vermeidung von Konflikten. Quizformate, Straßentheater und 252 Radiosendungen informierten außerdem zum Beispiel über illegalen Wildtierhandel, Ersthilfe in Notfällen und Entschädigungen.
Stärkung von Institutionen und Zusammenarbeit
Forstbehörden, Schutzgebietsverwaltungen und lokale Gremien wurden gezielt gestärkt und geschult, um Schutzmaßnahmen wirksamer umzusetzen. Trainings und Ausrüstung verbesserten das Monitoring, Lebensraummanagement und die Konfliktbewältigung. Darüber hinaus wurde die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Indien und Nepal ausgebaut und dauerhaft verankert. So kann bewährtes Wissen ausgetauscht, können Maßnahmen besser abgestimmt und die Wilderei wirksamer bekämpft werden.
Stärkung der Wildtierüberwachung
Im Rahmen des Projekts wurde das Monitoring in der Region deutlich ausgebaut und intensiviert. Kamerafallen, Feldbeobachtungen und Datenauswertungen liefern ein gutes Bild davon, wie sich Tiger und ihre Beutetiere bewegen, neue Lebensräume nutzen und grenzüberschreitend wandern. Die wichtige Forschung schafft die Grundlage, Schutzmaßnahmen gezielt weiterzuentwickeln.
Zukunft für Tiger und Menschen
Das WWF Projekt im Chitwan-Parsa-Valmiki Komplex wurde durch das „Integrated Tiger Habitat Conservation Programme“ (ITHCP) unterstützt und wurde gemeinsam mit Partnern umgesetzt. ITHCP ist eine Initiative der International Union for Conservation of Nature (IUCN), die von der deutschen Entwicklungszusammenarbeit über die KfW Entwicklungsbank finanziert wird. Das Programm trägt zum Global Tiger Recovery Programme (GTRP) bei, indem es Naturschutzmaßnahmen auf Landschaftsebene unterstützt, die sowohl Arten und Lebensräume als auch den Menschen zugutekommen.
Koordinierte Maßnahmen zur Stärkung von Naturschutzkompetenzen, zur Entwicklung neuer Einkommensmöglichkeiten sowie zur Verbesserung von Governance undr Infrastruktur zeigen Wirkung: In diesen Landschaften – so wie dem Chitwan-Parsa-Valmiki Komplex – werden Tiger heute langfristig besser geschützt.
Der Inhalt dieses Artikels liegt in der alleinigen Verantwortung des WWF und spiegelt nicht notwendigerweise die Ansichten der IUCN, der deutschen Entwicklungszusammenarbeit oder der KfW wider.
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