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Stand: 20.03.2019

Retter im Regenwald: Das schwimmende Krankenhaus

Lebenswichtige Medikamente, Geburtshilfe, Operationen und Gesundheits-Sensibilisierung: Im Ngiri-Schutzgebiet, tief im grünen Herzen des Kongobeckens, rettet ein Mediziner-Team mit einem einfachen Boot Menschenleben. Was 2011 als kleines Pilotprojekt begann, hat sich in kürzester Zeit zur wichtigsten Anlaufstation für medizinische Versorgung entwickelt. Und die Erfolgsgeschichte geht weiter: Mit einem besseren Boot und neuen, ehrgeizigen medizinischen Zielen.

Das Medizinboot in Mbandaka © WWF
Das Medizinboot in Mbandaka

Helfen, wo sonst niemand hilft

Malaria, Bronchitis, Durchfälle, Blinddarmentzündungen, Leistenbrüche, komplizierte Geburten – all das mussten die rund 100.000 Menschen, die vor allem in der Randzone des Ngiri-Schutzgebietes leben, früher ohne ärztliche Hilfe erleiden. Die meisten Menschen dort haben noch nie einen Arzt gesehen. Es gibt keine feste Gesundheitsstation. Viele sind extrem arm. Sie leben als Jäger oder Fischer. „Regelmäßige Gesundheitsbetreuung hatten diese Menschen vorher nicht”, sagt Thomas Breuer vom WWF. „Ihre Dörfer sind einfach zu schwer zu erreichen.” Ihre einzige Chance auf Hilfe im Notfall: Ein Ambulanzboot. Denn nur auf dem Wasserweg kann ein Arzt in diesem schwer zugänglichen Gebiet im Kongobecken auch völlig abgelegene Dörfer erreichen.

Eine einzigartige Erfolgsgeschichte

Der kongolesische Arzt Yoursen Bosolo hatte die Idee dazu. Seit 2011 bietet er den Menschen am Rande des Ngiri-Schutzgebietes durch seine regelmäßigen Medizinboot-Touren eine gesundheitliche Basisversorgung. Mit überwältigendem Erfolg! Mit seinem kleinen, einheimischen Team hat er bisher mehr als 48.000 Menschen behandelt. Und es gab über 2.500 erfolgreiche Operationen. Unterstützt wird das schwimmende Krankenhaus vom WWF, dem Ev. Kirchenkreis Dortmund und dessen Partnergemeinde Bolenge im Kongo sowie der Vereinten Ev. Mission. „Manchmal bringen sie aus den Dörfern Menschen mit schweren Verbrennungen oder Unfallwunden und Frauen nach schweren Geburten mit großen Verletzungen“, sagt Dr. Bosolo. „Ich weiß, dass sie ohne Behandlung sterben würden.“ 

Die Dankbarkeit ist unbeschreiblich

Dr. Bosolo und Thomas Breuer © WWF
Dr. Bosolo und Thomas Breuer

Wie gut die Arbeit des schwimmenden Krankenhauses inzwischen angenommen wird, zeigen auch die bewegenden Geschichten vieler Patienten. Eine junge Frau zum Beispiel, die jahrelang an einer großen, schmerzhaften Unterleibs-Geschwulst gelitten hatte, war unter größten Strapazen 1600 Kilometer weit durch den Regenwald gereist, um auf dem Ambulanzboot behandelt und geheilt zu werden. Das Ambulanzboot mit seinem Team, bestehend aus zwei Ärzten, einer Hebamme, zwei Krankenpflegern und wechselnden Experten für Familienplanung und Infektionskrankheiten, geht sechsmal im Jahr auf mehrwöchige Tour durch das weitverzweigte Flussnetz. Einige schwerkranke Patienten harren tagelang am Ufer aus und warten auf die lebensrettende Hilfe.

Außen Holz, innen Hightech

Die große Akzeptanz der Bevölkerung und die enorme Not, die es zu lindern gilt, zeigen: Die Arbeit des Ärzteteams muss unbedingt fortgesetzt werden. Im Oktober 2018 konnte dafür endlich ein neues, einfaches aber robustes Hausboot mit Außenbordmotoren angeschafft werden. Mit einem erhöhten Aufbau mit Fenster lässt es sich jetzt von oben steuern. So kann der Bootsführer Hindernisse wie Baumstämme oder Sandbänke rechtzeitig erkennen. Das ist wichtig, denn das Boot fährt auf Sicht und es hat wertvolle Fracht: Neben einer Apotheke mit kühl gelagerten, lebenswichtigen Medikamenten gibt es auch Feldbetten, Monitore, modernste EKG- und Ultraschallgeräte. Dazu kommen zwei aufblasbare Operations-Zelte, in denen weitgehend steril gearbeitet werden kann. Sie werden in jedem Dorf aufgebaut, in dem das Boot anlegt. 

Andrang vor dem Behandlungszelt © WWF
Andrang vor dem Behandlungszelt

Gesundheit zu den Menschen bringen 

In Zukunft soll das Ambulanzboot bei seinen regelmäßigen Touren aber nicht nur Kranke und Verletzte heilen. Dr. Bosolo und sein Team wollen die Menschen im Ngiri-Schutzgebiet vermehrt aufklären. Und sie so vor schweren, ansteckenden Krankheiten wie Ebola bewahren, die auch durch Wildfleisch übertragen werden. Erst im Frühjahr 2018 war erneut Ebola im Kongo ausgebrochen. Das Ambulanzboot konnte nicht helfen, weil das Team keine ausreichende Schutzkleidung und Behandlungs-Materialien hatte. Das soll sich jetzt ändern. Wichtig sind auch Informationen über Verhütung, Familienplanung und Sexualaufklärung – HIV und Aids sind im Kongo weit verbreitet. Außerdem wissen die Menschen bisher kaum etwas über Hygiene, Bakterien und Viren. Wie entscheidend sauberes Wasser für die Gesundheit ist, gehört genauso zur notwendigen Aufklärung wie der Umgang mit Müll. Finanziell unterstützt wird diese Arbeit durch die Else Kröner-Fresenius Stiftung.

Smart in die Zukunft

Um die medizinische Arbeit zu verbessern, will Dr. Bosolo mit seinem Team die Patientendaten jetzt systematisch erfassen: Wie viele Menschen werden auf den Touren behandelt? Woran sind sie erkrankt? Wie ist die Sterblichkeitsrate bei Müttern und Kindern? Statt alle Daten wie bisher mühsam auf Papier festzuhalten wird das Team in einer Pilotstudie computerbasierte Apps zur Erfassung der Patientendaten testen. Auch das Medikamentensortiment auf dem Boot kann dann elektronisch verwaltet werden. Übrigens: Wie gut das Boot ausgestattet ist, hat sich herumgesprochen. Mittlerweile lassen sich auch junge kongolesische Ärzte auf dem Medizinboot in Diagnostik und Behandlung fortbilden, weil sie dort mit medizinischen Geräten arbeiten können, die es sonst in der Region nicht gibt. Das Ambulanzboot hat Modellcharakter – es kann Vorbild sein für andere entlegene Regionen der Erde.

Die vielen Facetten des Umweltschutzes

Das Ngiri-Gebiet im Herzen des Kongos @ WWF
Das Ngiri-Gebiet im Herzen des Kongos @ WWF

Doch warum fördert der WWF eine schwimmende Krankenstation? Was hat das mit Naturschutz zu tun? Das Ambulanzboot versorgt die Menschen am Rande des vom WWF initiierten Ngiri-Schutzgebietes, einem der größten Sumpfwälder Zentralafrikas. Diese Einbindung der lokalen Bevölkerung ist sehr wichtig. Denn: „Nur gemeinsam können wir diesen weltweit größten Torfmoor-Regenwald schützen”, sagt Thomas Breuer vom WWF. Doch die Menschen sind bitterarm und medizinisch kaum versorgt. Sie haben ganz andere Sorgen als den Erhalt der Wälder und deren großen Artenreichtum. Sie kämpfen um ihr Überleben. Und krank zu sein bedeutet, womöglich nicht mehr für die eigene Familie sorgen zu können. „Mit dem Ambulanzboot  unterstützt der WWF die grundlegende Gesundheitsversorgung der Einwohner”, so Breuer. „Wir hoffen dadurch, auf lange Sicht ihr Vertrauen zu gewinnen und das kommt auch dem Naturschutz zugute.” Denn es geht darum, die Natur gemeinsam mit der Bevölkerung vor Ort zu schützen, so dass Menschen, aber auch Schimpansen, Flusspferde und Waldelefanten davon profitieren: „Zum Beispiel verbinden wir wichtige Aufgaben mit dem Ambulanzboot ”, sagt Breuer. So kommen jetzt auch Fischerei-Experten in die 70 Dörfer in der Peripherie des Schutzgebietes. Sie entwickeln mit den Dorfbewohnern verbindliche Regeln zum nachhaltigen Fischfang. So wird auch mit Hilfe des Ambulanzbootes die lokale Bevölkerung zur Selbstverwaltung des Ngiri-Schutzgebietes motiviert.

Wertvolle Sumpfwälder

Das ca. 5.500 Quadratkilometer große Ngiri-Schutzgebiet liegt im Westen der Demokratischen Republik Kongo. Es besteht aus Wasser, Torfmooren, Wäldern, Seen und Flüssen und ist Teil des größten Torfmoor-Waldes der Erde. Eingebettet zwischen den Flüssen Kongo, Ubangi und Ngiri ist die Landschaft durchzogen von unzähligen Wasseradern und während der Regenzeit zu zwei Dritteln überflutet. Die weit verzweigten Sumpfwälder sind ökologisch sehr bedeutsam: Wie ein riesiger Schwamm nehmen sie Wasser zur Regenzeit auf und geben es nur langsam wieder ab. Gleichzeitig gibt es riesige, moorähnliche Flächen, die gigantische Mengen Kohlenstoff speichern - gerade in Zeiten des Klimawandels besonders wichtig.
 

Seltene Tierarten

Das Ngiri-Schutzgebiet, ein RAMSAR-Feuchtgebiet, beherbergt eine enorme Artenvielfalt. Wasservögel finden ideale Brutbedingungen: Kormorane, Reiher, Schlangenhalsvögel, Bienenfresser und der seltene Kongo-Nektarvogel nisten hier. Auch eine kleine Population von Waldelefanten durchstreift den tropischen Dschungel auf der Suche nach Pflanzen, Wurzeln und Früchten. Schimpansen turnen durch die Baumwipfel. Flusspferde, deren Populationen andernorts stark rückläufig sind, finden im dicht verzweigten Flusssystem genügend Nahrung. 

Das Schutzgebiet wurde auf Initiative des WWF anfangs finanziert als ein Projekt der Internationalen Klimainitiative IKI vom deutschen Umweltministerium (BMU). Nun wird es vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) finanziert. Gemeinsam mit dem Kirchenkreis Dortmund und deren Bolenge-Partnergemeinde sowie der staatlichen kongolesischen Schutzgebietsverwaltung ICCN führt der WWF eine Vielzahl von Maßnahmen für Mensch und Natur in der gesamten Region durch. Unser Ambulanzboot wird zudem von der Else-Kröner Fresenius Stiftung mitfinanziert.

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